Bosnische Kirche

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Als Bosnische Kirche (bosnisch Crkva Bosanska; lateinisch Ecclesia Bosniensis) wird eine selbständige, von Katholizismus und Orthodoxie unabhängige christliche Gemeinschaft und Kirchenorganisation in Bosnien im 13. bis 15. Jahrhundert bezeichnet. Irrtümlicherweise wird sie manchmal mit den Bogomilen identifiziert.[1]

Das Phänomen der Bosnischen Kirche ist historisch umstritten. Der serbisch-orthodoxe Historiker Božidar Petranović stellte 1867 die These auf, dass die Bosnische Kirche eine von der serbischen Orthodoxie abgefallene Kirche war. Diese Interpretation ist in Serbien beliebt und wird als Beleg für die mittelalterliche serbische Präsenz in Bosnien instrumentalisiert. Der kroatische Historiker Franjo Rački trat Petranovićs Thesen 1869/70 mit Studien entgegen, in denen er zu beweisen versuchte, dass die Bosnische Kirche aus der dualistischen Sekte der bulgarischen Bogomilen entstanden war. Diese Interpretation fand starken Nachhall besonders unter bosniakischen Gelehrten, da die Bogumilentheorie „eine authentische … bosnische Kirche“ implizierte und sich als Erklärung für die spätere Konversion eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung zum Islam anbot.

In Kroatien entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine Theorie (Leon Petrović, Jaroslav Šidak), die in der Bosnischen Kirche „grundsätzlich einen Zweig der römisch-katholischen Kirche“ sah, der in der Isolierung schismatisch wurde und häretische Tendenzen aufnahm.

Die Angehörigen der Bosnischen Kirche bezeichneten sich selbst als Krstjani. Ihre Organisation wies Parallelen zur mönchischen Ordensorganisation auf. In der Liturgie wurde die slawische Sprache benutzt, als Schrift die Glagoliza, später die Bosančica. Bezeichnungen für hierarchische Rangstufen waren Djed für das Oberhaupt der Kirche oder Gost. Die gesamte Hierarchie war einheimischer Herkunft. Ob die Kirche als klösterliche Organisation viele einfache Laienmitglieder hatte, ist offen. Über die Organisation, die Zeremonien und die Theologie der Bosnischen Kirche gibt es außer dem Testament des Gost Radin keine bosnischen Quellen.

Nach der franziskanischen Missionsoffensive in Bosnien im 14. und 15. Jahrhundert schrumpfte die Bosnische Kirche. Vor dem Frühling 1453 verließ der Djed das Gebiet des eigentlichen Bosnien und flüchtete sich zu Herzog Stefan Vukčić. Im selben Jahr trat er zur orthodoxen Kirche über. Als die Osmanen die Macht übernahmen, war die Bosnische Kirche wahrscheinlich schon zerschlagen. In den osmanischen Landregistern aus dem 15. und 16. Jahrhundert werden nur wenige Einwohner als „Kr(i)stjani“ aufgeführt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Elvira Bijedić: Der Bogomilenmythos. Eine umstrittene „historische Unbekannte“ als Identitätsquelle in der Nationsbildung der Bosniaken. Neuausgabe als Druckwerk on demand, Südwestdeutscher Verlag für Hochschulschriften, Saarbrücken 2011, ISBN 978-3-8381-1711-9 (Zugleich Dissertation an der Philosophische Fakultät der Universität Heidelberg, Institut für Religionswissenschaft, 2010).
  • Srećko Matko Džaja: Die „bosnische Kirche“ und das Islamisierungsproblem Bosniens und der Herzegowina nach dem Zweiten Weltkrieg. Trofenik, München 1978, ISBN 3-87828-115-3 (= Beiträge zur Kenntnis Südosteuropas und des Nahen Orients. Band 28).
  • John V. A. Fine: The Bosnian Church: A New Interpretation. Boulder, Colorado 1975.
  • Mustafa Imamović: Bosnien-Herzegowina bis 1918. In: Dunja Melčić: Der Jugoslawien-Krieg: Handbuch zu Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen. 2. Auflage, VS, Wiesbaden 2007, ISBN 3-531-33219-8 (Auszüge auf books.google).
  • Noel Malcolm: Die bosnische Kirche. In: Noel Malcolm: Geschichte Bosniens. Fischer, Frankfurt am Main 1996, S. 45–62, ISBN 3-10-029202-2.
  • Božidar Petranović: Bogomili, crkva bosanska i krstjani. Zadar 1867.
  • Franjo Rački: Bogomili i patareni. Srpska kraljeva akademija, posebna izdanja. Bd. 87. Belgrad 1931.
  • Zrinka Štimac: Die bosnische Kirche. Versuch eines religionswissenschaftlichen Zugangs. Lang, Frankfurt am Main u. a. 2004, ISBN 978-3-631-52022-2 (= Würzburger Studien zur Fundamentaltheologie, Band 29, zugleich Magisterarbeit an der Universität Hannover 2001).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Elvira Bijedić: Der Bogomilenmythos. Eine umstrittene ‘historische Unbekannte’ als Identitätsquelle in der Nationsbildung der Bosniaken. Phil. Diss. Heidelberg 2009 (Online-Version; PDF; 2,9 MB).