Bosnische Pyramiden

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Der Blick auf den Hügel Visočica und die Stadt Visoko im Jahr 2007.

Die Hypothese der sogenannten Bosnischen Pyramiden geht auf den amerikanisch-bosnischen Bauunternehmer, Amateurforscher und Esoteriker Semir Osmanagić zurück, der behauptet, dass sich unweit der Stadt Visoko in Bosnien und Herzegowina mehrere Pyramiden befänden, die von Menschenhand vor sehr langer Zeit erbaut worden seien. Demnach sei der Berg Visočica in Wahrheit die „Pyramide der Sonne“ und als solche die erste ihrer Art in Europa. Zudem sei der Berg Plješevica die „Pyramide des Mondes“. Außerdem befinde sich eine dritte Pyramide, die „Pyramide des Bosnischen Drachen“, unweit davon. Osmanagićs Position wird von Geologen, Geschichtswissenschaftlern und Archäologen einhellig abgelehnt.

Die sogenannten Bosnischen Pyramiden[Bearbeiten]

Die Idee, unter dem Berg Visočica könne sich ein uraltes Bauwerk verbergen, wurde erstmals durch den Autor und Geschäftsmann Semir Osmanagić veröffentlicht, der in der Gegend Steinblöcke und Mörtel fand, die seiner Meinung nach früher das Bauwerk abdeckten. Osmanagić, der als Bauunternehmer in Texas zu Vermögen gelangt war, gab Anfang 2006 bekannt, dass Grabungen mit einem internationalen Team aus Australien, Österreich, Bosnien, Schottland und Slowenien durchgeführt würden,[1] wobei viele der angeblich beteiligten Archäologen später angaben, die Teilnahme abgelehnt zu haben und niemals vor Ort gewesen zu sein.[2] Die Ausgrabungen begannen im April 2006.

Osmanagićs Interpretation[Bearbeiten]

Osmanagić taufte den Visočica „Pyramide der Sonne“, während zwei nahe gelegene, durch Satelliten identifizierte Hügel von ihm „Pyramide des Mondes“ und „Pyramide des (bosnischen) Drachens“ genannt wurden. In einigen Artikeln ist von zwei weiteren Pyramiden die Rede, eine davon die „Pyramide der Erde“. Zeitungsberichten zufolge glaubt Osmanagić, dass sie vom Volk der Illyrer erbaut wurden, das erst seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. auf dem Balkan belegt ist, seiner Meinung nach aber bereits seit 12.000 v. Chr., also vor dem Ende der letzten Eiszeit, hier lebte.

In einem Interview mit Philip Coppens für das NEXUS Magazin gab er zwar an, man habe ihn missverstanden: Er habe nicht behauptet, dass die Pyramiden um 12.000 v. Chr. erbaut worden seien, sondern nur, dass die Illyrer zwischen 12.000 und 300 v. Chr. lebten und die Pyramiden demnach in diesem Zeitraum erbaut worden sein müssten. Auf der Website der bosnischen Pyramiden wird er indessen wie folgt zitiert:[3]

„Das nächste Jahr, 2007, wird durch das Erstaunen der Menschheit gekennzeichnet sein, die sich fragt, wie ein so kolossales Bauwerk vor dem Ende der letzten Eiszeit erbaut werden konnte.“

sowie

„In Sachen Altersbestimmung gibt es immer mehr und mehr Hinweise darauf, dass der Hauptkomplex der Pyramide vor dem Ende der letzten Eiszeit fertiggestellt wurde - ein Hinweis darauf, dass es einen weltweiten Plan gab, diese Gebäude zu errichten.“

Ein Report seines Teams vom November 2006, nach Abschluss der "Ausgrabungen" und sechs Monate, bevor das Statement gemacht wurde, dass keine Knochen gefunden worden seien, besagte, dass zwischen zwei Platten ein menschliches Skelett gefunden worden sei. Von diesem wurde ein Foto gemacht, daraufhin wurde es angeblich in ein Labor in Großbritannien zur Altersbestimmung geschickt. Weiteres ist nicht bekannt.

Laut Osmanagić haben seine Untersuchungen bewiesen, dass sich behauene Steine und Tunnel unter dem Berg befinden.[4] Osmanagić behauptete wiederholt, dass seine Entdeckungen bei Visoko weitreichende Auswirkungen auf das Verständnis der Menschheitsgeschichte haben würden. Er vergleicht die Höhen der größten Pyramiden der Erde in Mexiko und Ägypten mit der des Visočica-Berges und schlussfolgert, dass all diese Pyramiden von denselben Menschen erbaut sein könnten, wobei die bosnische Pyramide der Sonne als letzte und größte erbaut worden sei.[5] Wenig später zog er diese Aussage zurück und sagte, dass der Visočica-Berg vielmehr die „Mutter aller Pyramiden“ sei, mit versteckten Nachrichten für spätere Generationen.[6]

Osmanagić nimmt eine Höhe von 220 m an, andere Berichte sprechen von 70 oder 100 Metern. Sind es tatsächlich 220 Meter, so wäre die Sonnenpyramide ein Drittel höher als die Große Pyramide von Gizeh und demnach die größte der Welt.

Verbindungen zu Atlantis[Bearbeiten]

Osmanagić, der auch unter seinem amerikanischen Namen "Sam Osmanagich" veröffentlicht hat, ist Autor des pseudowissenschaftlichen Buches "The World of the Maya",[7] das Beziehungen der Maya zu Atlantis und Lemuria behauptet. In diesem Werk findet sich folgende Schlussfolgerungen:

„Die Maya erlangten Wissen von ihren Vorfahren in Atlantis und Lemuria. Städte wurden um einen zentralen Platz herum geplant und errichtet, dem die Tempel und Pyramiden zugewandt waren. Sie korrespondierten mit dem Lauf der Sonne und anderer Himmelskörper … Viele Kulturen in der ganzen Welt, aus Indien, Sumer, Ägypten, Peru, die Indianer Nord- und Zentral-Amerikas, die Inka und Maya, nennen sich selbst die „Kinder der Sonne“ oder „Kinder des Lichts“. Ihre Vorfahren, die Zivilisationen von Atlantis und Lemuria, errichteten die ersten Tempel auf energiereichen Plätzen des Planeten. Ihre wichtigste Funktion war die als Portale zu anderen Welten und Dimensionen.“

Osmanagićs Konzept ähnelt dem von William James Perry und Grafton Elliot Smith in ihrem Buch Kinder der Sonne (1923). Die Autoren behaupteten, dass alle antiken Zivilisationen ihre Wurzeln im antiken Ägypten hätten. Ihre Arbeit repräsentierte eine von der heutigen Forschung längst widerlegte Lehre, die auch als Diffusionismus bezeichnet wird. Osmanagić fügte diesem Konzept die „untergegangenen Zivilisationen“ von Atlantis und Lemuria hinzu. Die von Smith und Perry aufgestellten Thesen wurden aufgrund methodischer Fehler allerdings früh von der Fachwelt verworfen. Geschichtsmodelle, die Atlantis behandeln, werden von der Mehrzahl der professionellen Historiker und Archäologen vielmehr als Pseudowissenschaft betrachtet.

Aktivitäten vor Ort[Bearbeiten]

Die Stiftung The Archaeological Park: Bosnian Pyramid of the Sun hat 2005 einen Plan ihrer Aktivitäten für 2006 bis 2010 herausgegeben. Für 2006 war geplant, die Spitze der Pyramide der Sonne zu restaurieren. Außerdem war vorgesehen, Verkehrsverbindungen in der Region auszubauen und ein Marketingprogramm zu starten. Für 2007 war geplant, die Grabungen weiterzuführen und für den Plješevica-Berg international als „Pyramide des Mondes“ zu werben. Je weiter die Grabungen vorangeschritten seien, desto mehr Gebiete sollen für Besucher geöffnet werden. Bis 2010 solle das Gebiet als UNESCO Weltkulturerbe anerkannt werden.[8] Außerdem ließ sich die Vereinigung die Namen Bosnische Pyramide der Sonne, Bosnische Pyramide des Mondes, Pyramide des bosnischen Drachens sowie Bosnisches Tal der Pyramiden registrieren.[9] All diese ehrgeizigen Pläne verliefen jedoch im Sand, ungeachtet der Unterstützung durch bosnische Behörden.

Ablehnung und Kritik[Bearbeiten]

Kein einziger Wissenschaftler von Rang hat Osmanagićs Behauptungen bestätigt. Aus geologischer Sicht ist die rechteckige Form der Hügel vielmehr auf die Eigenschaften der Brekzie, eines Sedimentgesteins, das die Berge aufbaut, zurückzuführen. Dieses Gestein ist aus plattenförmigen eckigen Brocken aufgebaut, die bei flüchtiger Betrachtung künstlich behauenen Steinen ähneln, und bildet dadurch auch auffällig eckige Geländeformen. Im Berg entdeckte Tunnel wurden von John Bohannon 2006 in einem Aufsatz in der renommierten Zeitschrift Science als Überreste alter Minen und kleinere Mauern als Ruinen mittelalterlicher Wasserbecken interpretiert.[10]

Im Juni 2006 haben zahlreiche namhafte Wissenschaftler einen Protestbrief unter dem Titel "Bosnian Pyramids: A pseudoarchaeological myth and a threat to the existing cultural and historical heritage of Bosnia-Herzegovina" an den Generalsekretär der UNESCO verfasst, in dem sie eindringlich vor Semir Osmanagić und seinem Vorhaben warnen.[11] Im Dezember 2006 wurde zudem eine Protestnote gegen die Unterstützung der Pyramidenhypothese und der diesbezüglichen Forschungen durch die bosnischen Behörden verfasst.[12] Die Forscher beklagen mangelnde Unterstützung der seriösen Archäologie in Bosnien zugunsten der pseudowissenschaftlichen Pyramidentheorie. Des Weiteren wurde die Zerstörung realer Artefakte etwa der neolithischen Butmir-Kultur durch die unsachgemäßen Grabungen von Osmanagić und seinem Team befürchtet.[10]

Kontroverse[Bearbeiten]

Die „Affäre Izmo Guglić“ ist ein Hoax eines als Izmo Guglić bekannten Bloggers.[13] Im Februar 2008 sandte Guglic zwei inhaltlich sinnlose, jedoch mit pseudowissenschaftlicher Sprache durchsetzte Arbeiten - unterzeichnet als Dr. phil. Amer Kovačević - zur Veröffentlichung an die Website von Semir Osmanagić.[14] Nach der persönlichen Empfehlung von Semir Osmanagić wurden beide Arbeiten sofort veröffentlicht.[15] Eine der beiden Arbeiten wurde von einem Mitglied seines Teams ins Englische übersetzt.[16] Kurz darauf folgte die Veröffentlichung eines ähnlichen Artikels von Osmanagićs Mitarbeiter Davorin Vrbančić. Dieser war sichtlich inspiriert von den Veröffentlichungen des „Dr. phil. Amer Kovacevic“.[17]

Auch nachdem Izmo Guglić in seinem Blog bekanntgegeben hatte, dass beide Artikel ein Hoax seien und dass „Dr. phil. Amer Kovacevic“ eine erfundene Person ist, wurde der Artikel von der Website des Projekts von Semir Osmanagić nicht entfernt.

Das Projekt „Die bosnische Pyramide: die Affäre Izmo Guglić“ ist ähnlich zu bewerten wie die „Sokal-Affäre“ oder das „James Randi-Projekt Alpha“, die erfunden wurden, um pseudowissenschaftliches Vorgehen zu enttarnen.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Australian in Bosnia pyramid riddle, Sydney Morning Herald, 20. Januar, 2006
  2. Mark Rose, Bosnian "Pyramids" Update, Archaeology Magazine Online, 14. Juni, 2006
  3. Interview with Semir Osmanagic, Archaelogical Park: Bosnian Pyramid of the Sun Foundation, Dezember 2005 (questions 3 and 14)
  4. First Building Blocks of the Pyramid See the Light of Day, BosnianPyramids.org, 18. April 2006
  5. Visocica pyramid in central Bosnia is larger that the Great Pyramid in Egypt, BosnianPyramid.com, 2. Dezember 2005
  6. Osmanagic: Bosnian Pyramid of the Sun Candidate for “Mother” of all Pyramids, FENA News, 20. April 2005
  7. Semir Osmanagić, The World of the Maya
  8. 5-year Plan of Research on Visoko’s Visočica, Archaeological Park: Bosnian Pyramid of the Sun Foundation, 2006
  9. Copyright, Archaeological Park: Bosnian Pyramid of the Sun Foundation, 2006
  10. a b  John Bohannon: Mad about Pyramids. In: American Association for the Advancement of Science (Hrsg.): Science. 313, Nr. 5794, 22. September 2006, ISSN 313.5794.1718, S. 1718-1720 (http://www.johnbohannon.org/NewFiles/bosnia.pdf, abgerufen am 25. November 2011).
  11. 'Bosnian Pyramids': A pseudoarchaeological myth and a threath to the existing cultural and historical heritage of Bosnia-Herzegovina (PDF-Datei; 209 kB)
  12. Protestnote (PDF-Datei; 10 kB) vom 11. Dezember 2006, abgerufen am 21. November 2011
  13. http://izmo-ekspert.blogspot.com
  14. http://www.piramidasunca.ba/de
  15. Bosnian Lilly: One Opinion in Support to Semir Osmanagic's Theses (translation of the Bosnian title), http://www.piramidasunca.ba/ba/index.php?option=com_content&task=view&id=1621&Itemid=113 and Bosnian Medieval Tombstones: Guide to the Reading of Bosnian Pyramids (translation of the Bosnian title), http://www.piramidasunca.ba/ba/index.php?option=com_content&task=view&id=1634&Itemid=113
  16. http://www.piramidasunca.ba/en/index.php?option=com_content&task=view&id=1044&Itemid=26
  17. http://www.piramidasunca.ba/ba/index.php?option=com_content&task=view&id=1640&Itemid=26

43.98861111111118.171666666667Koordinaten: 43° 59′ 19″ N, 18° 10′ 18″ O