Botschaft von Kanada (Bonn)

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Ehemaliges Kanzleigebäude der kanadischen Botschaft (2013)

Die Botschaft von Kanada in der Bundesrepublik Deutschland hatte von 1949/50 bis 1999 ihren Sitz im Bonner Parlaments- und Regierungsviertel. Das ehemalige Kanzleigebäude der Botschaft, errichtet von 1967 bis 1969, liegt im Ortsteil Gronau am Rande des Johanniterviertels an der Friedrich-Wilhelm-Straße (Hausnummer 18) Ecke Johanniterstraße.

Geschichte[Bearbeiten]

Villa Lindenallee 70 in Köln-Marienburg, bis Mitte der 1960er-Jahre Residenz der Botschaft

Kanada gehörte zu den elf Staaten, die bereits seit dem 15. Dezember 1949 mit einer diplomatischen Mission für die Bundesrepublik Deutschland bei der Alliierten Hohen Kommission am Regierungssitz Bonn akkreditiert waren.[1] Die Funktion des Leiters der kanadischen Mission nahm zunächst ein Generalleutnant wahr. Beheimatet war sie spätestens ab 1950 in der Zitelmannstraße 14[2] am Südrand des neu entstandenen Parlaments- und Regierungsviertel, bereits 1952 war sie unter der Zitelmannstraße 22 verzeichnet und verfügte dort auch über eine Konsularabteilung.[3][4] Die Residenz der Botschaft, Amts- und Wohnsitz des kanadischen Botschafters, befand sich in Köln-Marienburg in der Villa Lindenallee 70.

Nachdem die kanadische Regierung sich auf eine längere Präsenz am Regierungssitz Bonn einzustellen begann, plante sie Mitte der 1960er-Jahre einen Neubau der Botschaftskanzlei unweit des alten Standorts. Als Bauherr trat das Department of Public Works (Ministerium für öffentliche Arbeiten) auf, mit Planung und Entwurf wurde das kanadische Architekturbüro Bolton, Ellwood & Aimers aus Montreal beauftragt. 1967 fand die Grundsteinlegung für das neue Botschaftsgebäude statt, 1969 war es fertiggestellt. Die Residenz der Botschaft wurde im zeitlichen Umfeld des Neubaus der Kanzlei von Köln in den Bad Godesberger Ortsteil Rüngsdorf (Fasanenstraße 25) verlegt. Im Mai 1985 gab der Botschafter die Residenz anlässlich des G7-Gipfels in Bonn vorübergehend auf, um sie dem kanadischen Ministerpräsidenten Brian Mulroney während seines fünftägigen Aufenthalts zur Verfügung zu stellen.[5] Die Konsular- und Einwanderungsabteilung der Botschaft war zuletzt außerhalb des Kanzleigebäudes an der Bundesstraße 9 im Ortsteil Friesdorf (Godesberger Allee 119) untergebracht.[6][7][8]

Im Zuge der Verlegung des Regierungssitzes zog die kanadische Botschaft 1999 nach Berlin um (→ Kanadische Botschaft in Berlin). Der Staat konnte das vormalige Kanzleigebäude zügig an eine Immobiliengesellschaft verkaufen, die es von Herbst 2001 bis Sommer 2002 mit dem Ziel einer Weitervermietung als Bürogebäude bei Kosten von etwa 30 Millionen D-Mark umbauen, aufstocken sowie um einen gläsernen, ellipsenförmigen Anbau erweitern ließ. Die Immobilie erhielt den Namen „Kanadahaus“ und ist heute Sitz der Action Press Holding AG sowie ihres Tochterunternehmens Infas, eines Markt- und Sozialforschungsinstituts.[9][10] Seit 2010/11 beherbergt sie auch Abteilungen der Deutschen Post AG.[11]

Architektur[Bearbeiten]

Ursprünglicher Zustand[Bearbeiten]

Das kanadische Botschaftsgebäude war ursprünglich ein dreigeschossiger, langgestreckter und blockartiger Stahlbetonskelettbau. Das Sockelgeschoss, umrandet von einer freistehenden Stützenkonstruktion aus Stahlbeton und als Parkfläche dienend, befand sich unterhalb des Straßenniveaus, sodass der Bau von der Straße aus als zweigeschossig erschien. Auch im Erdgeschoss war das außen liegende Stützensystem, als vorstehendes Raster, sichtbar. Das Obergeschoss kragte vor, die Fassade wurde hier durch hochrechteckige Betonfertigteile mit schießschartenartigen Lichtschlitzen zwischen eloxierten Metallrahmen gegliedert. Der zentrale Eingang war über eine Freitreppe zugänglich, die sich an der straßenseitigen Längsseite des Gebäudes befand. Insgesamt ergab sich, insbesondere durch das schwergewichtig wirkende und dominierende Obergeschoss, ein „wehrhaft geschlossener Eindruck“ des Baukörpers.[12]

Im Innern umfasste das horizontal zweibündig erschlossene Gebäude insgesamt 50 außen liegende Büros, im Gebäudekern befanden sich (ohne Belichtung) Konferenzräume, Archive und Bibliothek. Die repräsentativen Botschaftsräume waren von der Eingangshalle aus zugänglich. Die Innenausstattung war großzügig und reichte von mit Marmor vertäfelten Böden und Wänden bis zu Naturhölzern.

„Das hermetische Gebäude mit seinen schmalen, hohen Fenstern macht einen zwar eleganten, doch abweisenden Eindruck, der nicht zuletzt einer ‚transantlantischen‘ Modernität geschuldet ist, die in ihrer Umgebung einen Fremdkörper darstellt.“

Michael Gassmann (2001)[13]

Nach dem Umbau von 2001/02[Bearbeiten]

Kanadahaus (2013)

Im Zuge der nach dem Auszug der Botschaft durchgeführten Um- und Erweiterungsbauten erhielt das Gebäude ein grundlegend neues Erscheinungsbild. Der Sockel fiel bei einer Aufschüttung des Geländes weg, das Gebäude wurde um ein zurückgesetztes Staffel- bzw. Dachgeschoss aufgestockt und der Eingang verlegt. Eine wesentliche Veränderung im Erdgeschoss sind neue, große Fensterflächen. Überragt wird das Gebäude nunmehr an seiner Ostseite von einem fünf- bis sechsgeschossigen, ellipsenförmigen und gläsernen Anbau. Der auf diese Weise neu entstandene Gebäudekomplex umfasst eine Bürofläche von 4 700 m².

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Angelika Schyma: In Diplomatischer Zurückhaltung. Botschaftsarchitektur der Bundesrepublik Deutschland in Bonn von der Staatsgründung bis zum Fall der Mauer. In: Botschaften in Berlin, Gebr. Mann Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-7861-2472-8, S. 29–41 (hier: S. 35/36).
  •  Ursel und Jürgen Zänker: Bauen im Bonner Raum 49–69. Versuch einer Bestandsaufnahme. In: Landschaftsverband Rheinland (Hrsg.): Kunst und Altertum am Rhein. Führer des Rheinischen Landesmuseums Bonn. Nr. 21, Rheinland-Verlag, Düsseldorf 1969, S. 126/127.
  • Hilda Ortiz Lunscken (Hrsg.); Hilda Ortiz Lunscken, Ingeborg Fischer-Dieskau (Fotos: Martin Krockauer): Pour Memoire. To Remind. Zur Erinnerung – Botschafterresidenzen am Rhein. Ortiz-Lunscken Publishers, Bonn 1999, ISBN 3-9806801-0-X, S. 30–31.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Helmut Vogt: Ausländische Missionen in Bonn. In: Wächter der Bonner Republik. Die Alliierten Hohen Kommissare 1949–1955, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2004, ISBN 3-506-70139-8, S. 156–160.
  2. Adreßbuch der Bundeshauptstadt Bonn 1949/50. In: Stadt Bonn, Stadtarchiv (Hrsg.); Helmut Vogt: „Der Herr Minister wohnt in einem Dienstwagen auf Gleis 4“. Die Anfänge des Bundes in Bonn 1949/50, Bonn 1999, ISBN 3-922832-21-0, S. 222.
  3. Amtsblatt für Schleswig Holstein, Landesverwaltung Schleswig-Holstein, Amt für Inneres, 1952, S. 449.
  4. Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, Presse- und Informationsamt, Deutscher Bundes-Verlag, 1954, S. 1554.
  5. Envoy had to move out to make room for PM during Bonn summitt, The Citizen, Ottawa, 11. Mai 1985
  6. Auswärtiges Amt (Hrsg.): Liste der diplomatischen Missionen in der Bundesrepublik Deutschland, Stand: März 1992
  7. Auswärtiges Amt (Hrsg.): Liste der diplomatischen Missionen und anderen Vertretungen in der Bundesrepublik Deutschland, Stand: April 1995
  8. Bonner Rats- Informationssystem – Stellungnahme der Verwaltung (PDF), September 2006
  9. Rundum verglaste Ellipse als "Hingucker", General-Anzeiger, 17. Mai 2001
  10. Zwei ehemalige Botschaften werden Bürohäuser, General-Anzeiger, 4. Oktober 2001
  11. Post mietet Kanada- und Hollandhaus in Bonn, Immobilien Zeitung, 24. November 2010
  12. Angelika Schyma: In Diplomatischer Zurückhaltung. Botschaftsarchitektur der Bundesrepublik Deutschland in Bonn von der Staatsgründung bis zum Fall der Mauer. In: Botschaften in Berlin.
  13. Michael Gassmann: Gebaute Botschaften. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. September 2001, Nr. 224, S. 52.

50.7133637.130227Koordinaten: 50° 42′ 48″ N, 7° 7′ 49″ O