Boyd-Massaker

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Enlevement du Boyd par les Nouveaux Zealandais, Louis Auguste Sainson, 1839
The Burning of the Boyd, Walter Wright, 1908
The Blowing Up of the Boyd,, Louis John Steele, 1889.

Das Boyd-Massaker (englisch Boyd Massacre) war ein Massaker in Neuseeland im Dezember 1809. Māori vom Whangaroa Harbour auf der Nordinsel Neuseelands töteten und aßen zwischen 66 und 70 Europäer.[1] Dies war die höchste Zahl von Europäern, die bei einem einzelnen Ereignis von Māori getötet wurden und auch einer der opferreichsten aufgezeichneten Fälle von Kannibalismus überhaupt. Es war eine Racheaktion für die Auspeitschung eines Māori-Häuptlingssohnes[2] durch die Mannschaft des Segelschiffes Boyd.

Hintergrund[Bearbeiten]

Die Boyd war eine 395-Tonnen-Brigantine von 106 Fuß Länge und 30 Fuß Breite. Das Sträflingsschiff segelte im Oktober 1809 von Australiens Sydney Cove nach Whangaroa an der Ostküste der Region Northland in Neuseeland, um Spieren aus Kauriholz zu laden. Sie stand unter dem Kommando von Kapitän John Thompson und hatte etwa 70 Menschen an Bord.

Das Schiff hatte mehrere Passagiere an Bord, darunter Sträflinge, die ihre Deportationsstrafe absolviert hatten und vier oder fünf Neuseeländer, die in ihr Heimatland zurückkehrten. Unter letzteren war Te Ara, oder Tarrah, der Mannschaft bekannt als „George“, der Sohn eines Häuptlings von Whangaroa. Te Ara hatte mehrere Jahre auf verschiedenen Schiffen zugebracht, darunter auf einer Robbenjagd-Expedition auf Inseln im Südlichen Ozean.

An Bord der Boyd wurde von ihm erwartet, dass er für die Passage mitarbeitet. Te Ara soll sich nach einigen Berichten geweigert haben, weil er krank war oder wegen seines Status als Häuptlingssohn.[3][4][5] Eine andere Darstellung schreibt, der Schiffskoch habe zufällig einige Zinnlöffel über Bord geworfen und habe Te Ara beschuldigt, sie gestohlen zu haben, um nicht selbst ausgepeitscht zu werden.[6] Alexander Berry schreibt in einem Brief über das Ereignis: „Der Kapitän war zu eilig, einen geringfügigen Diebstahl zu verübeln.“[7]

In jeden Fall verweigerte der Kapitän ihm die Nahrung und ließ ihn auf eine Ankerwinde binden und auspeitschen.[8]

Diese Behandlung führte dazu, dass Te Ara Rache suchte. Ta Ara gewann das Vertrauen des Kapitäns zurück und überzeugte ihn, in den Whangaroa Harbour zu fahren, da dies der beste Platz sei, um das gewünschte Holz zu erhalten.[9]

In Whangaroa berichtete Te Ara seinem Stamm von der Misshandlung und zeigte die Spuren der Peitsche auf seinem Rücken. Nach den Bräuchen der Māori machte man einen Plan, um Rache zu nehmen. Unter britischem Recht war Auspeitschen eine übliche Bestrafung für kleinere Verbrechen. Ein Brite konnte für den Diebstahl von Waren im Wert von nur 5 Shilling gehängt werden. In der Kultur der Māori war ein Häuptling privilegiert und beugte sich nicht der Autorität eines Außenstehenden. Die körperliche Bestrafung eines Häuptlingssohnes war daher – auch wenn nach britischem Recht legal – ein Verlust von Ansehen oder „Mana“, und bei den Māori musste dies zu einer gewaltsamen Vergeltung führen.

Die Morde[Bearbeiten]

Drei Tage nach Ankunft der Boyd luden die Māori Kapitän Thompson ein, ihren Kanus zu folgen, um geeignete Kauribäume zu finden. Thompson, sein Erster Offizier und drei andere folgten den Kanus zur Mündung des Kaeo River. Die restliche Mannschaft blieb mit den Passagieren an Bord und bereitete die Rückkehr nach England vor.

Als die Boote außer Sichtweite der Boyd waren, griffen die Māori an und töteten alle Insassen mit Keulen und Äxten. Die Māori zogen den Toten die Kleider aus und eine Gruppe von ihnen verkleidete sich als Europäer. Eine andere Gruppe schaffte die Leichen in ihren , da sie aufgegessen werden sollten.[10]

In der Abenddämmerung begaben sich die verkleideten Māori mit dem Langboot des Schiffes Richtung Boyd. Zu Beginn der Nacht legte man am Schiff an und wurde von der Mannschaft begrüßt. Andere Māori-Kanus warteten auf das Signal zum Angriff. Als erstes wurde ein Schiffsoffizier getötet, danach krochen die Māori an Deck herum und töteten die Mannschaft. Die Passagiere wurden an Deck gerufen und ebenfalls getötet. Fünf Mannschaften überlebten das Massaker oben am Mast in der Takelage, wo sie beobachten mussten, wie die Körper ihrer Freunde und Kollegen zerstückelt wurden.

Am nächsten Morgen sahen die Überlebenden ein großes Kanu mit Häuptling Te Pahi von der Bay of Islands in den Hafen einfahren. Dieser war gekommen, um mit den Māori vom Whangaroa Handel zu treiben. Te Pahi nahm die Überlebenden auf und fuhr Richtung Küste. Sie wurden aber von zwei Kanus aus Whangaroa verfolgt. Als die Überlebenden entlang der Küste flohen, beobachtete Te Pahi, wie alle außer einem von den Verfolgern getötet wurden.

In dem Massaker wurden nur fünf Europäer verschont: Ann Morley und ihr Baby in einer Kabine, Lehrling Thomas Davis (oder Davison), der sich im Laderaum versteckte, der zweite Maat und die zwei Jahre alte Betsy Broughton. Letztere wurde von einem ortsansässigen Häuptling aufgenommen, der ihr eine Feder ins Haar steckte und sie für drei Wochen behielt, bis sie gerettet wurde. Der zweite Maat wurde später getötet und gegessen, nachdem seine Nützlichkeit in der Herstellung von Angelhaken nicht mehr gegeben war.[10]

Zerstörung der Boyd[Bearbeiten]

Die Whangaroa-Māori schleppten die Boyd in Richtung ihres Dorfes, bis sie auf einer Schlammbank nahe Motu Wai (Red Island) auflief. Die Eingeborenen plünderten das Schiff mehrere Tage. Mehl, Salzfleisch und Weinflaschen wurden über Bord geworfen. Man war eher an einer großen Ladung Pulver und Musketen interessiert.

Etwa 20 Māori zerschlugen Fässer mit Schießpulver und versuchten die Musketen funktionsfähig zu machen. Häuptling Piopio erzeugte mit einem Feuerstein Funken. Diese entzündeten das Pulver. Eine massive Explosion tötete ihn und neun andere Māori auf der Stelle. Ein Feuer wütete durch das Schiff mit seiner entzündlichen Ladung von Walöl. Nach kurzer Zeit war die Boyd ein ausgebranntes Wrack. Die Māori erklärten es wegen der Todesopfer für tabu.

Rettungsmission[Bearbeiten]

Als Nachrichten vom Massaker die europäischen Siedlungen erreichten, unternahm Kapitän Alexander Berry auf der The City of Edinburgh eine Rettungsmission. Berry rettete vier Überlebende: Ann Morley und ihr Baby, Thomas Davis und Betsy Broughton.

Die Mannschaft der City of Edinburgh fand Haufen menschlicher Knochen am Ufer mit vielen Anzeichen von Kannibalismus.[11]

Kapitän Berry nahm zwei der für das Massaker verantwortliche Māori-Häuptlinge gefangen. Zuerst nahm er sie als Geisel für den Austausch gegen Überlebende. Nachdem die Überlebenden zurückgekehrt waren, drohte Berry ihnen, sie nach Europa mitzunehmen, wo sie sich für ihre Verbrechen verantworten sollten, wenn sie nicht die Schiffspapiere der Boyd herausgäben.[12] Nachdem er die Papiere erhalten hatte, entließ er sie: Er machte zur Bedingung, dass sie von ihrem Rang degradiert und den Rang von Sklaven erhielten, er hatte aber wohl nie wirklich geglaubt, dass diese Bedingung erfüllt würde.[13] Sie drückten ihre Dankbarkeit für seine Gnade aus. Berry's Geste vermied weiteres Blutvergießen, das unvermeidlich gewesen wäre, wenn die Häuptlinge exekutiert worden wären.

Die vier Überlebtenden fuhren mit Berrys Schiff Richtung Kap der Guten Hoffnung. Das Schiff wurde in einem Sturm beschädigt, so dass man zur Reparatur Lima in Peru anlaufen musste. Mrs. Morley starb in Lima.[14]

Davis oder Davidson fuhr von Lima auf der Archduke Charles nach England und arbeitete später in New South Wales für Berry. Er ertrank bei der Erkundung der Zufahrt zum Shoalhaven River mit Berry im Jahre 1822.[15] Das Kind von Mrs. Morley und Betsy Broughton wurden von Berry nach Rio de Janeiro gebracht, von wo sie im Mai 1812 an Bord der Atalanta nach Sydney zurückkehrten.[16] Betsy Broughton heiratete später Charles Throsby, einen Neffen des Entdeckers Charles Throsby und starb 1891.[17]

Nachwirkungen[Bearbeiten]

Im März 1810 unternahmen Seeleute von fünf Walfangschiffen eine Racheaktion. Ihr Ziel war der auf einer Insel gelegene von Te Pahi, dem Häuptling, der offensichtlich versucht hatte, die Überlebenden von Bord der Boyd zu retten. Te Pahi hatte später eines der kleinen Boote der Boyd und einige andere Beute angenommen. Sein Name wurde mit Te Puhi verwechselt, der einer der Rädelsführer des Massakers war. Das war die Ansicht von Samuel Marsden, eines prominenten frühen Missionars in Neuseeland. Er sagte, es seien Te Ara (George) und sein Bruder Te Puhi gewesen, die die Boyd aus Rache angegriffen hätten.[18][19] In dem Angriff starben 16 bis 60 Māori und ein Seemann.[20] Te Pahi, der am Hals und an der Brust verletzt wurde, erkannte, dass die Seeleute ihn wegen der Aktivitäten der Whangaroa-Maori angegriffen hatten. Er sammelte seine verbliebenen Krieger und griff Whangaroa an. Dabei wurde er einige Zeit vor dem 28. April durch einen Speerstoß getötet.[12]

Nachrichten von dem Massaker erreichten Australien und Europa. Dies verzögerte einen geplanten Besuch von Missionaren bis 1814.[21] Ein Flugblatt zirkulierte in Europa, das davon abriet, „diese verfluchte Küste Neuseelands“ zu besuchen, da man sonst riskiere, von Kannibalen gefressen zu werden.[22]

Der Schiffsverkehr nach Neuseeland ging in den nächsten drei Jahren auf nahezu Null zurück.[12]

Kulturelle Bezüge[Bearbeiten]

Details des Massakers wurden in mehreren Sachbüchern dargestellt, darunter in Wade Doak: The Burning of the 'Boyd' - A Saga of Culture Clash. von 1984.

Das Massaker ist Thema des neuseeländischen Kinderbuches von 2010 The Shadow of the Boyd von Diana Menefy und eines Historienromans von 2005 The Boyd Massacre von Ian Macdonald. Letzterer, ein Australier, behauptet, ein Abkömmling von Betsey Broughton zu sein.

Die Explosion der Boyd wurde in Gemälden von Louis Auguste Sainson („Enlevement du Boyd par les Nouveaux Zealandais“, 1839), Louis John Steele („The Blowing Up of the Boyd“, 1889) und Walter Wright („The Burning of the Boyd “, 1908) dargestellt.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. , The Sydney Gazette and New South Wales Advertiser, 8. Mai 1832, abgerufen 4. Juli 2011
  2. New Zealand History Online, The Boyd incident - a frontier of chaos? abgerufen 3. Mai 2011
  3. http://homepages.ihug.co.nz/~tonyf/loot/boyd.html
  4. Shipwrecks and Disasters at Sea W.H.G. Kingston. George Routledge and Sons, London. 1873
  5. http://homepages.ihug.co.nz/~tonyf/loot/boyd.html
  6. The Sydney Gazette and New South Wales Advertiser, Mai 1832, S. 4
  7. A NARRATIVE OF A NINE MONTHS' RESIDENCE IN NEW ZEALAND CHAPTER XI
  8. http://homepages.ihug.co.nz/~tonyf/loot/boyd.html
  9. Shipwrecks and Disasters at Sea W.H.G. Kingston. George Routledge and Sons, London. 1873
  10. a b The Boyd incident - a frontier of chaos?, New Zealand History Online, Ministry for Culture and Heritage. Stand 24. 01. 2008. Abgerufen 5. Mai 2008.
  11. McNab quotes Captain Berry saying, "We had seen the mangled fragments and fresh bones of our countrymen, with the marks even of the teeth remaining on them". Chapter 10: The Massacre of the Boyd, 1809 and 1810, in From Tasman To Marsden: A History of Northern New Zealand from 1642 to 1818, by Robert McNab. Published by J. Wilkie & Company, Dunedin, 1914.
  12. a b c New Zealand Electronic Text Centre - From Tasman to Marsden: Chapter XI - After the Massacre 1810 to 1814
  13. Alexander Berry: Particulars of a late visit to New Zealand, and of the measures taken for rescuing some of English captives there. In: The Edinburgh Magazine. April 1819, S. 304.
  14. The Boyd. In: The Sydney Gazette and New South Wales Advertiser, 8. Mai 1832, S. 4. 
  15. Meg Swords: Alexander Berry and Elizabeth Wollstonecraft, ISBN 0-85587-128-8.
  16. Ship News.. In: The Sydney Gazette and New South Wales Advertiser (NSW : 1803 - 1842), National Library of Australia, 23. Mai 1812, S. 2. Abgerufen am 8. Januar 2015. 
  17. Betsy Broughton (A Brief Biography). National Library of Australia. Abgerufen am 29. Oktober 2009.
  18. Angela Ballara: Te Pahi. Abgerufen am 26. Januar 2015.
  19. Hugh Carleton Vol. I. In: The Life of Henry Williams. Early New Zealand Books (ENZB), University of Auckland Library, 1874, S. 25–26.
  20. http://trove.nla.gov.au/ndp/del/page/6631?zoomLevel=2
  21. www.waitangi.com - Christianity among the New Zealanders: Chapter 1 - 1808 to 1814
  22. New Zealand History Online: The Boyd incident - a frontier of chaos?

Weblinks[Bearbeiten]