Bozzetto

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Für den italienischen Zeichentrick-Animator und Filmregisseur, siehe Bruno Bozzetto; für den französischen Snowboardfahrer Mathieu Bozzetto.
Bozzetto für ein Deckenfresko, 45x47 cm; um 1770

Der Bozzetto (it. bozzetto, Verkleinerungsform von bozza = Entwurf, Probe Skizze; Quaderstein) ist ein Modell, das als Entwurf für eine Figur, eine Plastik oder ein Gemälde hergestellt wird. Bozzetti bestehen aus leicht zu bearbeitendem Material, gewöhnlich aus Ton, Gips oder Wachs, seltener aus Holz. Oft lassen sie – aufgrund von Änderungswünschen der Auftraggeber oder Einschränkungen des endgültigen Materials – mehr von der Intention eines Künstlers erkennen als das danach gefertigte Kunstobjekt.

Neben dem selten gebrauchten Begriff Abbozzo werden auch Ölskizzen als Entwürfe beispielsweise für barocke Deckenfresken als Bozzetto bezeichnet.

Der Begriff Bozzetto leitet sich vom selben Stamm wie abbozzare oder sbozzare (= einen ersten Entwurf machen, skizzieren) ab, der im Italienischen auch ganz allgemein verwendet wird, etwa für den Entwurf von Briefen. Die erste verbürgte Nennung findet sich 1482 für die kleine Tonskizze Verrocchios zu seiner Christus-Thomas-Gruppe in San Michele („la boza et principio di si bella cosa“). Im 16. Jahrhundert nimmt die Verwendung des Begriffs zu, wobei auch modello bzw. modellumexemplum und seltener forma benutzt wird.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Bozzetto als eigens angefertigte Werkskizze aus leicht formbaren Stoff für ein bestimmtes Kunstwerk ist eine Neuschöpfung der italienischen, besonders der florentinischen Frührenaissance. Der erste Künstler, in dessen Lebenswerk von Auftrag zu Auftrag der Bozzetto als wichtigste Vorstufe sich belegen lässt, ist Verrocchio.

Zu unterscheiden sind Bozzetti, welche als Arbeitsmodell für die Künstlerwerkstatt bestimmt sind, von Vertrags-Bozzetti, welche den Vertragszeichnungen entsprechen und dem Auftraggeber bei Vertragsabschluß vorgesetzt wurden. Die beiden ältesten erhaltenen Vertrags-Bozzetti sind Donatellos Forzori-Altar und Pollajuolos Konkurrenzentwurf für das Forteguerri-Grab in Pistoja von 1477 (beide heute im Londoner Victoria and Albert Museum zu sehen), beide aus Terrakotta. Zur Ausführung dieser Bozzetti hatten die Künstler häufig nur wenig Zeit. Zum Beispiel standen 1432 bei der Auftragsvergabe für den Zenobius-Schrein des Florentiner Doms zwischen Ausschreibung der Arbeit und Termin für die Einreichung eines Bozzetto lediglich fünf Tage zur Verfügung.

Ein Bozzetto war aufgrund der schwierig zu bearbeitenden Materialien des endgültigen Werks eine wichtige Vorstufe, um Änderungen und Arbeitsschritte zu erproben, diente aber auch dazu, dem Auftraggeber Gelegenheit zu geben, Änderungswünsche geltend zu machen. Seit dem 15. Jahrhundert haben auch Maler Bozzetti ("Tonskizzen") verwendet, z. B. Tintoretto für seine Kastenkompositionen, wo sie als Bewegungsstudien dienten, und um Lichteinfall und daraus resultierenden Schattenwurf zu erproben. Auch von Michelangelo, Perugino und A. del Sarto ist bekannt, dass sie sich vollplastischer Modelle bedienten. Von den zahlreichen Michelangelo zugeschriebenen Bozzetti halten einer genaueren Provenienzkritik jedoch lediglich die Herkules- und Kakus-Gruppe der Casa Buonarroti stand. 

Eine Blütezeit erleben die Bozzetti im Barock. Aus der Menge erhaltener Bozzetti der einzelnen Meister lässt sich die bedeutende Rolle der Entwürfe im Werkstattbetrieb ableiten. Dazu kommt eine Bedeutungsverschiebung des Begriffes: Das mittelalterliche „Muster“ oder „exemplum“ war ein getreues Modell des später auszuführenden Werkes. Der in der Renaissance geprägte Begriff des Bozzetto als Studie geht von einem dynamisierten Verständnis aus. Nicht mehr nur das endgültige Werk, sondern zunehmend auch der künstlerische Prozess geraten in den Fokus. Der neue Wert des Barock-Bozzetto liegt dementsprechend genau im Skizzenhaften, im schnellen plastischen Entwerfen: Er enthüllt die künstlerische Konzeption des Werkes, gerade daher rührt die Wertschätzung des Bozzetto im Barock.

Bozzetto und Ausführung einer Büste

Bozzetto in der Malerei[Bearbeiten]

Seit dem 15. Jahrhundert bedienen sich auch Maler für ihre Zwecke kleiner Modelle. Vor allem für Studien zum Lichteinfall, Gewandstudien und der Anordnung von Figurengruppen nutzen italienische Maler zunehmend kleine Bozzetti-Figuren aus Ton oder Wachs. Dies ist etwa für Correggio, Tizian, El Greco sowie Barocci bezeugt. Das bekannteste Beispiel ist Tintoretto, von dem Dutzende von Zeichnungen nach Modellen erhalten sind, besonders nach den Liegefiguren Michelangelos aus der Medici-Kapelle. In Italien hält sich die Tradition bis ins 18. Jahrhundert, für Deutschland ist die Verwendung von Bozzetti dagegen nicht nachgewiesen.

Ausgehend vom bildhauerischen Entwurf und der Verwendung als Modell in der Malerei übertrug sich der Begriff 'Bozzetto' zunehmend auch auf Entwürfe von Gemälden und insbesondere von Fresken. Hier zeigt sich – analog zur Rolle der Studien in der Plastik -, dass ein aufgrund der verwendeten Materialien schwer veränderliches Werk vorab in verschiedenen Schritten nicht nur grob skizziert, sondern vollends entworfen wird. Hierbei wird so lange mit dem Entwurf gearbeitet, bis dieser soweit gediehen ist, dass eine Übertragung in den Stein oder auf das Gemäuer beinahe nurmehr als Kopie erscheint. Insofern findet die eigentliche künstlerische Arbeit am Bozzetto statt, das fertige Werk ist eine daraus sich ergebende Umsetzung.

In der Malerei werden Bozzetti auch als 'macchia' (it. für Fleck) oder 'schizzo' (it. etwa: Das Hingespritzte) bezeichnet. Der italienische Kunstphilosoph Benedetto Croce schreibt in seiner „Theorie der Macchia“ über die Bedeutung des Entwurfes in der Kunst, dass sie der springende Punkt sei, an dem das Charakteristische des Kunstwerks sich hervorbringe. Für Croce läuft der eigentliche künstlerische Prozess in der schrittweisen Annäherung vom ersten Eindruck zum fertigen Werk ab.

„Ein Bild ausführen, vollenden, bedeutet nichts als ein stärkeres inneres Annähern an den Gegenstand, ein Deutlichmachen und Festigen desselben, was uns als blendender Strahl ins Auge gedrungen ist. Fehlt jedoch jener erste harmonische Accord, - die 'macchia' – so werden Ausführung und Vollendung niemals dazu gelangen uns innerlich zu bewegen, während vielmehr die bloße nackte 'macchia', ohne irgendeine nähere gegenständliche Bestimmung durchaus imstande ist, diese Empfindung zu erwecken.“[1]

Bozzetto in der Literatur[Bearbeiten]

Michelangelo: Das Jüngste Gericht, 1536–41, nach der Restaurierung 1980-95

Der Roman Bozzetto von Hermann Alexander Beyeler und Gerd J. Schneeweis (erschienen Anfang Oktober 2014 im Frankfurter Verlag weissbooks.w) handelt von Michelangelos Bozzetto für sein Fresko des Jüngsten Gerichts in der Sixtinischen Kapelle.[2]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Benedetto Croce, Zur Theorie der Macchia, in ders., Kleine Schriften zur Ästhetik, Band 1, Tübingen 1929.
  2. offizielle Website des Romans. Abgerufen am 29. Oktober 2014.