Brasilianische Streitkräfte

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Kadetten der Academia Militar das Agulhas Negras.

Die Brasilianischen Streitkräfte (Portug. Forças Armadas do Brasil) bestehen aus dem Heer, der Marine einschließlich der Marineinfanterie (Corpo de Fuzileiros Navais) und den Marinefliegern, der Luftwaffe und der paramilitärischen Militärpolizei.

In der brasilianischen Politik und Bevölkerung herrscht nach den Jahrzehnten der Militärdiktatur eine gewisse Vorsicht gegenüber den Streitkräften. Daher ist die Truppenstärke - in Anbetracht der Größe und Bevölkerungszahl Brasiliens - eher gering. Da die lateinamerikanischen Staaten untereinander verbündet sind, sieht sich Brasilien keiner wirklichen äußeren Bedrohung gegenüber, was eine große Truppenstärke unnötig erscheinen lässt.

Die Streitkräfte bestehen aus 287.500 aktiven Soldaten. Es besteht Wehrpflicht für Männer ab dem 18. Lebensjahr. Der Grundwehrdienst dauert neun bis zwölf Monate. Die Staatsausgaben für das brasilianische Militär betrugen im Jahr 2006 13,45 Milliarden US-Dollar. In Friedenszeiten wird das Militär auch zum Katastrophenschutz und zum Rettungsdienst, sowie für wissenschaftliche Dienste (auf der Antarktisforschungsstation Estação Antártica Comandante Ferraz) eingesetzt. Oberbefehlshaber der brasilianischen Streitkräfte ist der Staatspräsident (derzeit Dilma Rousseff), das Oberkommando befindet sich in der Hauptstadt Brasília.

Neben den aktiven Soldaten existieren in Brasilien zwei Einstufungen der Reserve, durch die im Falle einer Mobilisierung zunächst rund 1,12 Millionen und - falls nötig - in einer weiteren nochmals 225.000 weitere Reservisten einberufen werden. Von den 1,12 Millionen Angehörigen der ersten Reservestufe können 400.000 innerhalb sehr kurzer Zeit aktiviert werden.

Teilstreitkräfte[Bearbeiten]

Heer[Bearbeiten]

Der deutsche Leopard 1 in der Version A1 aus den 1960er Jahren ist der wichtigste Kampfpanzer des brasilianischen Heeres

Das brasilianische Heer (Exército Brasileiro) ist mit 190.000 Soldaten die größte Teilstreitkraft des Landes. Das Heer verfügt insgesamt über 25 Brigaden, davon sind 19 Infanterie- und die übrigen 6 Panzer- bzw. mechanisierte Brigaden. Die Geografie des Landes macht die Überwachung riesiger Grenzräume und großer unbesiedelter Gebiete notwendig, was die Schwerpunktsetzung auf die Infanterie erklärt. Die Unzugänglichkeit eines Großteils der Grenzgebiete (Regenwald, Gebirge) ermöglicht gleichzeitig den Verzicht auf eine - der Fläche und Bevölkerung des Landes eigentlich angemessene - starke Panzerwaffe. Allerdings sind die rund 350 vorhandenen Kampfpanzer (wie auch ein Großteil der rund 550 Artilleriegeschütze und die 1.100 gepanzerten Fahrzeuge) mittlerweile veraltet. So bilden der Leopard 1 und der M60 noch immer das Rückgrat der Panzertruppe. Abhilfe soll die Beschaffung von 240 kampfwertgesteigerten Leopard 1A5 aus Beständen der Bundeswehr schaffen. Der in den 1980er Jahren von Engesa entwickelte, ausgezeichnete Kampfpanzer EE-T1 Osório kam aus finanziellen Gründen nie über den Prototypenstatus hinaus.

Die riesigen Regenwaldgebiete des Landes haben zu einer Spezialisierung der brasilianischen Infanterie auf den Dschungelkampf geführt. Fünf Brigaden des Heeres sind besonders dafür ausgebildet und ausgerüstet, zudem existiert eine eigene Dschungelkampfschule. Seit 1957 verfügt Brasilien auch über von den USA ausgebildete Spezialkräfte in Brigadestärke. Das Heer verfügt über rund 80 Hubschrauber, vorwiegend von der Firma Eurocopter.

Helikopter Stand Ende 2010

Luftstreitkräfte[Bearbeiten]

Hauptartikel: Força Aérea Brasileira

Die brasilianischen Luftstreitkräfte Força Aéra Brasileira sind mit 50.000 Soldaten die zweitgrößte Teilstreitkraft und gleichzeitig die größten Luftstreitkräfte Lateinamerikas. Der Luftwaffe kommt eine besondere Rolle zu, da sie mit ihrer hohen Reichweite das brasilianische Hinterland und weite Seegebiete abdecken kann. Aufgrund dieser besonderen Rolle ist sie sehr modern ausgestattet. Die Flugzeuge und Hubschrauber kommen meist aus den USA oder Europa. Vermehrt werden in letzter Zeit Produkte vom brasilianischen Hersteller Embraer beschafft, um unabhängiger von Importen zu werden. Das Rückgrat der brasilianischen Luftwaffe bilden 12 Dassault Mirage 2000- und 50 F-5 Tiger II-Jagdflugzeuge.

Nachdem Venezuela in Russland Mi-35-Kampfhubschrauber, den Transporthubschrauber Mi-26T und Mehrzweckjäger vom Typ Su-30 MK2 gekauft hatte, begann Brasilien Ende 2006 mit einer neuen Ausschreibung, die Ende 2013 durch die Saab 39 Gripen gewonnen wurde. Die 36 bestellten Gripen sollen ab 2018 die alternden Mirage 2000 ablösen.[1]. Ebenfalls angekündigt wurde der Kauf von zwei Hubschrauberstaffeln mit den Modellen Mi-35 und Mi-17, die gegen den Drogenhandel eingesetzt werden sollen.

Marine[Bearbeiten]

Flugzeugträger NAe São Paulo
Korvette Barroso (V-34)

In der brasilianischen Marine (Marinha do Brasil) dienen 48.600 Soldaten, einschließlich der brasilianischen Marineinfanterie und den Marinefliegern. Bei ihr handelt es sich um die größten und auch am besten ausgerüsteten Seestreitkräfte Lateinamerikas. Der ganze Stolz der Marine ist der Flugzeugträger São Paulo, die ehemals französische Foch und der insgesamt zweite Flugzeugträger in der Geschichte der brasilianischen Marine. Bedingt durch das große Flusssystem, das sich weit in das Festland erstreckt, verfügt die Marine über eine große Anzahl an Patrouillenbooten und leichten Kampfschiffen, die die Binnengewässer sichern sollen. Im Bereich der Binnengewässer unterstützt die Marine das Heer und verfügt deshalb über Amphibienfahrzeuge und sogar Kampfpanzer.

Für den Einsatz auf hoher See verfügt die Marine über mehrere größere Kampfschiffe verschiedener Klassen, u. a. drei Lenkwaffenfregatten der Greenhalgh-Klasse (ex-Broadsword-Klasse/Type 22 der Royal Navy), sieben Fregatten der Niteroi-Klasse, vier Korvetten der Inhauma-Klasse sowie fünf U-Boote der Klasse 209 aus deutscher Produktion. Derzeit im Zulauf befindet sich die erste von fünf geplanten Korvetten der Barroso-Klasse, im Bau befindet sich ferner das erste von vier geplanten U-Booten der französischen Scorpène-Klasse.

Luftfahrzeuge Stand Ende 2010

  • Kampfflugzeuge
  • Kampf- und Transport-Hubschrauber
  • Trainingsflugzeuge
    • 13 TA-4 Kampftrainer
    • Bell 206 Hubschrauber

Bundespolizei[Bearbeiten]

Die paramilitärische Bundespolizei (Departamento de Polícia Federal) ist mit 25.700 Mann zwar ein Teil der Streitkräfte, untersteht jedoch dem brasilianischen Innenministerium. Die Bundespolizei hat ähnliche Aufgaben wie die deutsche Bundespolizei, wie zum Beispiel die Grenzsicherung.

Die Teilstreitkräfte verfügen jeweils über eine eigene Militärpolizei; die Marine über die Companhias de Polícia do Batalhão Naval, das Heer über die Polícia do Exército und die Luftwaffe über die Polícia da Aeronáutica. Die brasilianischen Militärpolizeien wie z.B. die Polícia Militar do Estado de São Paulo sind aus den Milizen der Bundesstaaten entstandene staatliche Polizeien analog z.B. zu den deutschen Landespolizeien.

Atomwaffenprogramm[Bearbeiten]

Während der Militärdiktatur bestand von 1964 bis 1985 ein langjähriges, geheimes Kernwaffenprojekt. Deutschland unterstützte das Land auf dem Gebiet der friedlich genutzten Kernenergie u.a. für das Kernkraftwerk Angra 3 und lieferte dem Land Kernreaktoren. Es war auch vorgesehen in Resend eine Anlage zur Uran-Anreicherung nach dem Trenndüsenverfahren durch die deutsche Industrie zu errichten. Mit dieser Anlage wäre eine Anreicherung zu Bombenmaterial praktisch kaum möglich gewesen. Diese Anreicherungsanlage wurde jedoch nie gebaut. Wie viel deutsches Know-How in das Kernwaffenprojekt flossen und wie viel die deutsche Regierung über das brasilianische Kernwaffenprojekt wusste, lässt sich allerdings nur schwer sagen. Es wird vermutet dass es eine Kooperation mit Argentinien gab, das ebenfalls versuchte Atomwaffen zu bauen. In den 1980er Jahren war das Projekt bereits sehr weit fortgeschritten, es ist anzunehmen, dass Brasilien kurz vor der Atombombe stand.

Die Generäle ließen unter anderem einen Geheimplan für die unterirdische Testzündung eines Atomsprengsatzes im Regenwald des Amazonas entwickeln. Mit dem Übergang zur Demokratie hat Brasilien das Kernwaffenprojekt schließlich aufgegeben, und im Jahre 1998 den Atomwaffensperrvertrag unterschrieben. Im Mai 2006 wurde erneut mit der Urananreicherung begonnen und Brasilien betreibt derzeit zwei Kernkraftwerke, ein Drittes soll bis 2013 fertiggestellt sein. Am 10. Juli 2007 gab Präsident Luiz Inacio Lula da Silva den Ausbau des Atomprogramms bekannt und plant auch den Bau eines Atom-U-Boots bis 2015.

Bilder[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Calcagnotto, Gilberto: Das Militär auf der Suche nach neuen Betätigungsfeldern: Brasilien, in: Kurtenbach, Sabine/Bodemer, Klaus/Nolte, Detlef (Hg.): Sicherheitspolitik in Lateinamerika. Vom Konklikt zur Kooperation?, Opladen 2000. ISBN 3-8100-2509-7
  • Flemes, Daniel: Südamerikas sicherheitspolitische Transparenz auf dem Prüfstand (II). Brasiliens Verteidigungsdoktrin- Regionalmacht ohne Militärweißbuch. Institut für Iberoamerikakunde, Arbeitspapier 15, Hamburg, 2004.
  • Flemes, Daniel: Brazil´s cooperative leadership in Southern Latin America´s security policies. Berlin 2006. ISBN 3-86624-089-9
  • Francis Daniel McCann: Soldiers of the Pátria. A history of the Brazilian army, 1889 - 1937, Stanford, CAL (Stanford University Press) 2003. ISBN 0-8047-3222-1
  • Nelson Werneck Sodré: História militar do Brasil, Rio de Janeiro (Ed. Civilização Brasileira) 1965.
  • Adrian J. English: Armed forces of Latin America. Their histories, development, present strength and military potential, London (Jane's) 1984. ISBN 0-7106-0321-5
  • Nicolas Forster: Brasilien am Vorabend des Zweiten Weltkrieges : eine Situationsanalyse unter besonderer Berücksichtigung der "Força Expedicionária Brasileira". Wien, Univ., Diss., 2010 pdf

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Brasilianische Streitkräfte – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Brasilien kauft Saab-Kampfjets. In: Tageblatt Online. www.tageblatt.lu, 18. Dezember 2013, abgerufen am 19. Dezember 2013.