Brazil

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Brazil (Begriffsklärung) aufgeführt.
Filmdaten
Deutscher Titel Brazil
Originaltitel Brazil
Produktionsland Großbritannien
Originalsprache Englisch
Erscheinungsjahr 1985
Länge 142 Minuten
Altersfreigabe FSK 12 (früher 18)
Stab
Regie Terry Gilliam
Drehbuch Terry Gilliam,
Tom Stoppard und
Charles McKeown
Produktion Arnon Milchan und Patrick Cassavetti
Musik Michael Kamen
Kamera Roger Pratt
Schnitt Julián Doyle
Besetzung

Brazil ist ein dystopischer Spielfilm aus dem Jahr 1985 von Terry Gilliam, der Regie führte und gemeinsam mit Tom Stoppard und Charles McKeown das Drehbuch schrieb.

Handlung[Bearbeiten]

Sam Lowry ist ein kleiner Angestellter im Archiv der Abteilung für Informationswiederbeschaffung des allmächtigen „Informationsministeriums“ (Ministry of Information - M.O.I.) in einer düsteren, bürokratisierten und technisierten Welt. In seinen Träumen trifft er als geflügelter Held in schimmernder Rüstung eine blonde Schönheit in wallendem Weiß. Im wirklichen Leben möchte er gerne unauffällig leben. Seine einflussreiche Mutter, die mit ihrer Freundin um den besseren Schönheitschirurgen konkurriert, arrangiert eine Beförderung, die Sam aber ablehnt.

Durch einen Druckfehler kommt es zu einer folgenschweren Verwechslung, indem anstatt eines als „Terrorist“ gesuchten freischaffenden Heizungsinstallateurs namens Tuttle, der sich dem alles beherrschenden Bürokratieapparat dieser Gesellschaft entzieht, ein unbescholtener Familienvater namens Buttle verhaftet und zu Tode gefoltert wird. Sam wird die bürokratische Nachbearbeitung dieses Irrtums aufgetragen. Den Rückvergütungsscheck für die vorgesehene „Informationswiedergutmachungszahlung“ überbringt er persönlich der Witwe. Dabei begegnet er der Frau aus seinen Träumen, der Lastwagenfahrerin Jill Layton, einer Nachbarin Buttles.

Um sie wiederzufinden, akzeptiert er die Beförderung und nutzt zugleich den Kontakt zu seinem ehrgeizigen Freund Jack, der in hoher Stellung einer geheimen Tätigkeit nachgeht. Dieser berichtet Sam von der geplanten Verhaftung Jills. Während Sams Wohnung aufgrund eines Heizungsschadens trotz der Hilfe von Tuttle unbewohnbar wird, entwickeln sich Sams Träume zu Albträumen, in denen er gegen übermächtige Gegner ankämpfen muss, während Jill ihm zu entgleiten droht. Er versucht Jill vor einer Verfolgung zu retten, indem er in die Datenbank des Ministeriums ihren Tod einträgt. Jedoch werden beide in der Wohnung von Sams Mutter überrumpelt, wobei Sam verhaftet und Jill offenbar getötet wird.

Sam wird an einen Stuhl gefesselt und Jack kommt, um ihn zu verhören; Sam erkennt ihn trotz einer Maske. Bevor Jack anfangen kann, wird er erschossen und Sam wird durch Tuttle und eine Gruppe von „Terroristen“ gerettet und findet nach einer wilden, absurden Flucht mit Jill schließlich in einer idyllischen Landschaft Zuflucht. Diese Flucht stellt sich am Ende jedoch als ein Traum von Sam heraus, der bei dem Verhör den Verstand verloren hat und auf diese Weise seinen Folterern entkommt.

Anmerkungen[Bearbeiten]

„Brazil war ein Film, der schon seit Jahren in meinem Kopf saß; ich meine, seit ungefähr zehn Jahren dachte ich über Dinge wie diese nach. Auf einer einfachen Ebene war dieser Film reinigend für mich. Er handelt wohl vor allen Dingen von meinen eigenen Frustrationen und meiner anscheinenden Unfähigkeit zu erreichen, was ich erreichen möchte, und meiner Unfähigkeit, ein System wirkungsvoll zu treffen, welches gänzlich falsch ist. Die Ängste von Brazil betreffen eigentlich nicht die Gefahr, die Welt könnte uns wegen des Systems aus den Fingern gleiten, denn wir sind ja das System. Worum es in Brazil wirklich geht, ist, dass das System nicht aus großartigen Führern besteht, oder aus großartigen Maschinisten, die es kontrollieren. Es besteht aus einzelnen Menschen, die einfach ihren Job tun, als kleines Zahnrad, und Sam beschließt ein kleines Zahnrad zu bleiben und letztendlich zahlt er den Preis dafür. […] Auf der anderen Seite merkte ich, dass es ein Wunschbild gibt, das sagt, wenn wir alle unseren kleinen Beitrag leisten, würde die Welt eines Tages besser werden. Dann gibt es auch die Pessimisten, die meinen: ‚Genug von diesem Geschwätz, es macht sowieso keinen Unterschied, am Ende stürzen wir wie die Lemminge die Klippe runter‘. Daraus ergab sich die Frage: ‚Wie entkommst du denn dieser Welt?‘ und Sam entkommt ihr, indem er wahnsinnig wird. Ich begann diesen Film mit der Frage im Hinterkopf, ob man einen Film machen könne, bei welchem das Happy End ist, dass jemand verrückt wird? …“

Terry Gilliam: Ausschnitte aus einem Interview während der South Bank Show am 29. Juni 1991.

Hintergründe[Bearbeiten]

Sitz des realen Ministry of Information während des Zweiten Weltkrieges in London

Brazil ist eine düstere, kafkaeske Dystopie, die sich der Stilmittel der grotesken Komödie bedient. Dem damaligen Chef von Universal Studios, Sid Sheinberg, war das hoffnungslose Ende des Films zu düster und er wollte eine Version mit einem Happy End herausbringen. Der Streit zwischen Gilliam und Sheinberg eskalierte und gipfelte in einer ganzseitigen Anzeige im Branchenblatt Variety, in der Gilliam Sheinberg mit den folgenden Worten zur Freigabe des Films aufforderte:

„Sehr geehrter Sid Sheinberg,

Wann wollen Sie denn eigentlich meinen Film BRAZIL veröffentlichen?

Terry Gilliam.“

Als Resultat der Streitigkeiten kam Brazil in zwei unterschiedlichen Schnittfassungen ins Kino: in Europa in einer 142 Minuten langen Fassung (PAL-Laufzeit: 136 Minuten) und in den USA in einer gekürzten 132-Minuten-Fassung. Für die amerikanische Laserdisc-Veröffentlichung in der Criterion Collection erstellte Gilliam 1993 auf Basis der europäischen Schnittfassung einen 143 Minuten langen Director’s Cut. Zudem gibt es eine nur im amerikanischen Fernsehen gezeigte Fassung (die sogenannte „Love Conquers All“-Version, auch Sheinberg Edit genannt), die nach der „Bearbeitung“ nur noch 94 Minuten zählt. Herausgeschnitten wurden zahlreiche Szenen, die dem Verleih zu negativ erschienen, sowie der Schluss, der das „Happy End“ als Traum-Flucht des gefolterten Sam Lowry enthüllt.

Ursprünglich war als Titel „1984 and ½“ vorgesehen − eine Anspielung sowohl auf George Orwells berühmten Roman als auch auf Federico Fellinis Film − ein Einspruch der Erben Orwells verhinderte dies jedoch.

Der endgültige Titel ist eine Anspielung auf den Samba „Brazil“ (original Aquarela do Brasil) von Ary Barroso (1939), der in einer Version von Geoff Muldaur die Titelmelodie des Films bildet und in verschiedensten Abwandlungen im Film wiederkehrt. Dabei kontrastiert die Filmmusik häufig mit den gezeigten Bildern bzw. der Handlung.

In der Featurette What is Brazil? kommentiert Gilliam den Filmtitel:

„Ursprünglich begann der Film in Port Talbot, Wales. In Port Talbot wird Stahl erzeugt. Der Strand ist vom Kohlenstaub total schwarz. Schiffe laufen auf den Inseln ein und riesige Förderbänder transportieren die Kohle, alles ist voll Staub, der Strand ist rabenschwarz. Da saß ich bei Sonnenuntergang. Ich sah nur das Bild eines Typen vor mir, der dort den Sonnenuntergang ansah, während sein Radio seltsame Musik empfing, wie Brazil, lateinamerikanische, romantische Musik. So fing alles an. Und darum geht es in dem Film nach wie vor. Es geht um jemanden, der all dem entfliehen will, der glaubt, es gebe eine Fluchtmöglichkeit.“

Drehorte[Bearbeiten]

Der Film wurde u. a. im Gebäudekomplex Les Espaces d’Abraxas von 1982 des spanischen Architekten Ricardo Bofill in Marne-la-Vallée, Frankreich gedreht. In einer Szene erfolgt eine Verfolgungsjagd mit Fahrzeugen im Erschließungsbereich des 19-geschossigen monumental gestalteten sozialen Wohnungsbau. Dieser Bereich ist frei zugänglich (in der Nähe von RER-Station Noisy Le Grand). Die Hochhaus-Wohnung in der Sam Lowry im Film wohnt wird über einen offenen Laubengang erschlossen und ist ebenfalls in Bofills bombastischen Wohungskomplex anzusiedeln. Die exakte Lage kann jedoch nicht zweifelsfrei ausgemacht werden.

Kritiken[Bearbeiten]

„Die Geschichte wird in einer Mischung aus surrealistischen Traumvisionen, rasanten Action-Turbulenzen und bitterböser Satire erzählt: Kino als Geisterbahnfahrt. Perfekt inszeniert, aber allzu sehr auf Überwältigung der Sinne setzend.“

Lexikon des Internationalen Films

„Kaum zu glauben, dass die brillant-bizarre Groteske seit über elf Jahren zu keiner vernünftigen Sendezeit mehr ausgestrahlt wurde. Dabei zählt der bildgewaltige Geniestreich von Terry Gilliam (‚Time Bandits‘) zu den großen Kultwerken der Filmgeschichte – angesiedelt zwischen Franz Kafka, George Orwell und durchgeknallter Monty-Python-Anarchie. Fazit: Worte reichen nicht – man muss es sehen!“

Cinema

„Ein hochgradig einflussreicher, nicht zuletzt visuell herausragender Beitrag zum Science-Fiction-Genre, der sich dank seiner Überfülle an Ideen und seinem durchwegs großartigen Ensemble längst zum Klassiker gemausert hat.“

Filmzentrale

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Der Film war bei der Oscarverleihung 1986 in den Kategorien Bestes Originaldrehbuch und Bestes Szenenbild nominiert.

Bei den Los Angeles Film Critics Association Awards gewann der Film 1985 in den Kategorien Bester Film, Bestes Drehbuch und Beste Regie.

Trivia[Bearbeiten]

Als Sam Lowry nach seiner Beförderung ins Nachbarbüro tritt und seinen Kollegen nach dessen Namen fragt, antwortet dieser mit „Harvey Lime.“ Dies erinnert stark an Harry Lime, den Namen des von Orson Welles dargestellten Protagonisten in Der dritte Mann, dessen berühmte Titelmusik auf der Zither Harry Lime Theme heißt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Jack Mathews: The Battle of Brazil. Terry Gilliam v Universal Pictures in the Fight to the Final Cut. Applause Books, New York 1987, 1998, ISBN 1-55783-347-8

Weblinks[Bearbeiten]