Brechung der Zinsknechtschaft
Die Forderung nach „Brechung der Zinsknechtschaft“ geht maßgeblich auf Gottfried Feder zurück, der 1919 den Deutschen Kampfbund zur Brechung der Zinsknechtschaft gründete und im selben Jahr sein Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft veröffentlichte. Inhalt seiner Forderungen war jedoch nicht, wie oft vermutet wird, ein Verbot, Zinsen zu erheben, sondern zahlreiche geforderte Veränderungen in der staatlichen Wirtschaftspolitik. Eine Hauptkritik Feders war die Zahlung von Zinsen durch den Staat an Inhaber von staatlichen Wertpapieren/Schatzbriefen.
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Begriff [Bearbeiten]
Erstmals verwendet wurde der Begriff der Zinsknechtschaft von der Deutschen Arbeiterpartei in Böhmen, die unter dem Einfluss Walter Riehls 1913 auf einem Parteitag in Iglau ein neues Programm erstellte, in welchem die Forderung nach Bekämpfung der Zinsknechtschaft erhoben wurde.[1] Die DAP ging 1919 in der Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei auf, die als Splitterpartei bis 1926 existierte.
Laut Feder ermöglicht die Brechung der Zinsknechtschaft die Aufhebung aller direkten und indirekten Steuern.
„Unsere ganze Steuergesetzgebung ist und bleibt, solange wir die Befreiung von der Zinsknechtschaft nicht haben, nur Tributpflicht gegenüber dem Großkapital, nicht aber, was wir uns manchmal einbilden, freiwilliges Opfer zur Verwirklichung von Gemeinschaftsarbeit. Deshalb ist die Befreiung von der Zinsknechtschaft des Geldes die klare Losung für die Weltrevolution, für die Befreiung der schaffenden Arbeit von den Fesseln der überstaatlichen Geldmächte.“
– Gottfried Feder: Das Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes S. 9[2]
Das Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft besteht neben grundsätzlichen Überlegungen zum Thema Zins aus folgendem 9-Punkte-Programm und den daraus abgeleiteten Gesetzesforderungen.
- Konvertierung aller Schuldtitel des deutschen Reiches und der deutschen Bundesstaaten unter Aufhebung der Zinspflicht zu gesetzlichen Zahlungsmitteln zum Nominalbetrag.
- Bei festverzinslichen Papieren wird Zinspflicht in eine Rückzahlungspflicht umgewandelt.
- Ratenweise Zurückzahlung von Immobiliarschulden und Hypotheken.
- Das gesamte Geldwesen wird der Zentralstaatskasse unterstellt. Alle Privatbanken werden als Filialbetriebe angegliedert.
- Realkredit wird nur durch die Staatsbank vergeben. Personal- und Warenkredit wird den Privatbankiers gegen staatliche Konzession überlassen.
- Tilgung von Dividendenwerten auf gleiche Weise wie festverzinsliche Papiere.
- Für alle Personen, die nicht in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, erhalten anstelle der bisherigen Zinserträgnisse gegen Einlieferung der Wertpapiere eine Leibrente.
- Nach Vermögen gestaffelte Einziehung von Kriegsanleihestücken und anderen Schuldtiteln des Reiches oder der Staaten.
- Volksaufklärung, daß das Geld nichts anderes ist und sein darf, als eine Anweisung auf geleistete Arbeit.
Geschichte [Bearbeiten]
Feder galt bis zur Machtergreifung Hitlers als wichtiger Wirtschaftstheoretiker der NSDAP, seine Veröffentlichungen werden in Adolf Hitlers Mein Kampf lobend erwähnt.[3] Feders wirtschaftspolitische Vorstellungen fanden 1920 Eingang in das 25-Punkte-Programm der NSDAP. Unter Punkt 11 wurden hier die „Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens, Brechung der Zinsknechtschaft“ gefordert. Im „Kleinen ABC des Nationalsozialisten“, das 1925 von Joseph Goebbels verfasst wurde, wurde neben der Zinsknechtschaft auch dem „schaffenden Staatskapital“ als „unmittelbar schaffendes, produktives Kapital“, gemeint ist offensichtlich auch das private Kapital, das „Börsenkapital“ als „kein schaffendes, sondern ein schmarotzerisch-raffendes Kapital“ gegenübergestellt.[4] In Mein Kampf unterscheidet Hitler unter Berufung auf Feder „die beiden Kapitals-Arten“, des „reinen Kapitals als letztes Ergebnis der schaffenden Arbeit“ und einem „Kapital, dessen Existenz ausschließlich auf Spekulation“ beruht.[5]
Von Historikern wird jedoch konstatiert, dass Parolen wie diese keine Rolle für die tatsächliche Politik der Nationalsozialisten spielten; sie gehörten
„…ins manipulationsfähige Vorfeld, das der Tarnung, der Verwirrung diente und nach Opportunitätsmotiven mit wechselnden Schlagwörtern bestückt war. Wie zynisch zumindest an der Spitze die Programmgrundsätze missachtet wurden, erfuhr einer der jungen enthusiastischen Überläufer zur Partei im Gespräch mit Goebbels; auf die Bemerkung, dass Feders Brechung der Zinsknechtschaft doch ein Element des Sozialismus enthalte, bekam er zur Antwort, brechen müsse höchstens der, der diesen Unsinn anhöre.“
– Joachim Fest: Hitler. Eine Biographie. S. 393[6]
Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurde die Forderung nach Brechung der Zinsknechtschaft nicht umgesetzt. Anstatt Gottfried Feder wurde der damalige Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht zum Reichswirtschaftsminister ernannt, der sich vollständig von Brechung der Zinsknechtschaft abwandte:
„Die Bankenaufsichtsbehörde verdankt ihre Entstehung einem Gesetz, das ich als Wirtschaftsminister im Jahre 1934 veranlaßte. Die nationalsozialistische Agitation hatte unter Führung von Gottfried Feder in schärfster Weise gegen das private Bankwesen und gegen unser ganzes Währungssystem Stellung genommen. Bankenverstaatlichung, Brechung der Zinsknechtschaft und Einführung des staatlichen »Feder«-Girogeldes waren die Schlagworte, die unserer Geld- und Bankwirtschaft den Garaus machen sollten. Um diesem Unsinn zu steuern, berief der Reichsbankpräsident eine Bankenquete ein, die Vorschläge zur strafferen Aufsicht und Kontrolle der Banken entwarf. [...] In mehreren Unterhaltungen war es mir gelungen, Hitler von den törichten und gefährlichen Bank- und Währungsideen seines Parteigefolges abzubringen.“
– Hjalmar Schacht: Magie des Geldes S. 66[7]
Gegenwärtige Begriffsverwendung [Bearbeiten]
Der Begriff „Brechung der Zinsknechtschaft“ ist heute in keinem Parteiprogramm mehr zu finden. Die zugrundeliegende Diskussion wird heute unter dem Begriff „Zinskritik“ geführt.
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Francis L. Carsten: Faschismus in Österreich. Von Schönerer zu Hitler. Wilhelm Fink Verlag, München, 1977, ISBN 3-7705-1480-7 S. 33.
- ↑ Gottfried Feder: Das Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes. Verlag Jos. C. Huber, Diessen vor München, 1919, Seite 9
- ↑ Im 8. Kapitel „Beginn meiner politischen Tätigkeit“ und 9. Kapitel „Die ‚Deutsche Arbeiterpartei‘“
- ↑ Joseph Goebbels, Das kleine ABC des Nationalsozialisten. Elberfeld 1925
- ↑ 8. Kapitel
- ↑ zitiert auf Holocaust-Referenz: Waren die Nazis Sozialisten?
- ↑ Hjalmar Schacht: Magie des Geldes. Econ-Verlag GmbH, Düsseldorf und Wien, 1966, Seite 66