Breitenborn (Gründau)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

50.2644444444449.1847222222222Koordinaten: 50° 15′ 52″ N, 9° 11′ 5″ O

Breitenborn
Gemeinde Gründau
Höhe: 157–415 m ü. NN
Fläche: 18,72 km²
Einwohner: 1085 (31. Dez. 2010)
Eingemeindung: 31. Dezember 1971
Postleitzahl: 63584
Vorwahl: 06058
Kirche in Breitenborn

Breitenborn ist ein Ortsteil der Gemeinde Gründau im Main-Kinzig-Kreis in Hessen.

Lage, Grenzen, Größe[Bearbeiten]

Der Ort liegt am Vogelsberg im Büdinger Wald (Haupteinheit 143 nach der Liste der naturräumlichen Einheiten in Hessen). Die Gemarkung des Gründauer Ortsteils liegt wie die des Ortsteils Gettenbach vollständig im Büdinger Wald. Der Anteil des Waldes an der Gemarkung beträgt über 80 %. Am südlichen Ortsrand führt als Ortsumgehung die Landesstraße 3271 vorbei. Breitenborn grenzt im Norden an die Gemarkung der Büdinger Kernstadt, im Osten an die Stadtteile Waldensberg, Wittgenborn und der Kernstadt Wächtersbach, im Süden und Westen an die des Gründauer Ortsteils Gettenbach. Die Gemarkung des Ortsteils umfasst 1881 ha (davon 1390 ha Wald).

Geschichte[Bearbeiten]

Historische Schreibweisen des Ortsnamens[Bearbeiten]

Breitenborn wird schon in den Jahren seiner Gründung auch als Brydenborn, Brytenborn, Bryttenborn, Auf dem Breittenborn, Auf dem breyden Born bezeichnet.

Glasmacherdorf[Bearbeiten]

Erstmals urkundlich erwähnt wird der Ort im Jahre 1605, als Wolfgang Ernst I. Graf von Isenburg-Büdingen in Birstein, Burggraf von Gelnhausen, hier einen Forsthof errichten ließ. Vorher soll der breyden Born - so ist den Gerichtsakten etlicher Hexenprozesse in Büdingen zu entnehmen! - ein Hexentanzplatz gewesen sein. Ab 1639 errichtete und betrieb der Glasmacher Michael Wentzel eine Glashütte. Nach dem Dreißigjährigen Krieg entwickelte sich die Glashütte gut, 1695 entstand eine Filiale im Nachbarort Gettenbach.[1] Bald kam der erste Stübing aus Nordhessen und heiratete die Tochter des Glashüttenmeisters Beyer. Von da ab waren die "Stübing" etwa 170 Jahre Unternehmer in der Glasbereitung.[2] Die Glasproduktion erreichte zwischen 1680–1720 ihren Höhepunkt (bis zu einer Million Trinkgläser jährlich[3]).

Nach dem Siebenjährigen Krieg kam es zu einem Anstieg der Holzpreise (Holz z.T. zum Schiffsbau in den Niederlanden). Die Preise der Glaswaren verteuerten sich demgemäß. Erste Glasfabriken entstanden in Deutschland, u. a. im Saarland die Vorläufer der später in St. Ingbert angesiedelten "Vereinigten Von-Vopelius-Wentzel'schen Glashütten" (Wentzel war ein wegen des wirtschaftlichen Niedergangs aus Breitenborn ausgewanderter Glashüttenmeister[4]). In der Folgezeit wanderten eine große Zahl der Einwohner, z.B. "80 Seelen" nach (preußisch-)Pommern, danach bis 1767 eine weitere Anzahl (über Büdingen, dem regionalen Zentrum der Russland-Auswanderung) in den Süden Russlands.[5][6]

1771 ging die Glashütte ein[7] 1774 verzeichnete Breitenborn 64 Familien, darunter 13 Witwen, 1855: 143 Familien mit 618 Einwohner, davon 584 evangelisch, 4 katholisch, 30 Juden (Synagoge und Friedhof in Gettenbach).[8]

Erst zu Anfang des 19. Jahrhunderts kam es zu einer Wiederbelebung des Glasgeschäfts. Ein neuer Name taucht mit dem neuen Pächter Beck auf. Die Rentkammer in Büdingen schloss mit ihm einen Vertrag auf drei Jahre (1802–1804), er wurde später bis 1826 verlängert. Die alteingesessenen Glasmeister Stübing und Trebing gingen daraufhin nach Gettenbach (Grafschaft Ysenburg-Meerholz) und betrieben auf dem Gelände des heutigen Jagdschlosses eine Glashütte. Erst 1829 schlossen die Gebrüder Stübing (Heinrich Ernst Stübing, Hoheitsschultheiß und Philipp Ernst Stübing) einen neuen Pachtvertrag für das Gelände in Breitenborn A. W. für vier Jahre, er wurde später um weitere zwölf Jahre und 1842 erneut um zwölf Jahre verlängert. In einer statistischen Erhebung des damaligen Bürgermeisters von 1858 wird eine Glasfabrik mit 30 Arbeitern genannt[9].

Kirchengeschichte[Bearbeiten]

Breitenborn war nach seiner Gründung durch den reformierten Landesherrn Wolfgang Ernst ein reformiertes Dorf und gehörte bis 1734 zur Kirchengemeinde in Büdingen. Von 1734 bis 1830 war es kirchlich Spielberg zugeordnet. Danach gehörte es zu Waldensberg, einer Gründung der Waldenser (Glaubensflüchtlinge aus dem -damals- südfranzösischen Piemont -heute Italien-, dem Chisone Tal, den Ortschaften Mentoulles, Fenestrelle und Usseaux sowie dem Tal Pragelas[10], die der vorreformatorisch-evangelischen Lehre des Petrus Waldus aus Lyon anhingen). 1856/57 wurde die evangelische Kirche aus Ziegelsteinen erbaut. Das Dorf gehört nunmehr zum Kirchspiel des evangelischen Gesamtverbandes Waldensberg–Breitenborn.[11]

Holzrechte im Büdinger Wald[Bearbeiten]

Ende der 1870er und Anfang der 1880er Jahre kam es in den "eingeforsteten" Dörfern im Büdinger Wald (zu denen Breitenborn nicht gehörte, das Dorf bekam diese Rechtsstellung erst 1605 oder später durch Graf Wolfgang Ernst, *1560-†1633) zu Auseinandersetzungen wegen der Ablösung der seit dem Mittelalter bestehenden Berechtigungen (meist Hute- und Holzrechte, z. B. zur Schweine- und Rindermast durch Viehtrieb auf Triften oder das Recht auf das sog. Urholz (nicht-geforstetes Holz im Gegensatz zu dem "geforsteten" Holz, der eigens angebauten und/oder gepflegten Bäume), auch auf Bau- und Dienstholz zur Heizung von Kirchen und Schulen o. ä.). Diese wurden damals und werden auch heute noch als im Grundbuch (Abt. II) eintragungsfähige Reallasten aufgefasst.[12] In Preußen (Preußen hatte Kurhessen, zu dem Breitenborn A.W. ab 1816 gehörte, 1866 besetzt und annektiert) gab es hierfür eigens Ablösungskommissionen, die versuchten die Lasten durch Land- oder Geldentschädigung abzulösen.[13] Die Entschädigung ist ein gemeindliches Sondervermögen, das nur den Nutzungsberechtigten zusteht (Gemeindegliedervermögen, § 119 Hessische Gemeindeordnung). Statt einer Geldentschädigung bekam die Gemeinde Breitenborn A.W. als Landentschädigung fast das gesamte herrschaftliche Hofgut, während die 900 Morgen (Büdinger Maß) Buchen-Hochwald danach lastenfreies Eigentum der Fürsten von Ysenburg und Büdingen in Wächtersbach wurden[14]. Noch 1950 lobte der Chronist der Dorfchronik den Erfolg der Breitenborner Deputierten wegen dieser für die Gemeinde vorteilhaften Regelung nach den langen Verhandlungen ("Wo wäre das Geld heute...nach 2 verlorenen Kriegen?").[15][16]

Der größte Basaltbruch in den alten Bundesländern[Bearbeiten]

Ab 1844 wird mit dem Abbau von Basalt auf handwerkliche Weise begonnen, ab 1897 durch einen Unternehmer mit mehreren Steinbrüchen, später wird dies durch die Mitteldeutsche Hartstein-Industrie AG industriell betrieben. Der Basaltsteinbruch Breitenborn A. W. (im Dorf nur als der Bruch bezeichnet) war mit 143 Hektar einer der größten in Deutschland. In der Folgezeit beschäftigte das Unternehmen zeitweise bis zu 400 Mitarbeiter, 1949 waren es ca. 180. "Um den schnellen und möglichst billigen Abtransport der anfallenden großen Produktion herbeizuführen, wurde eine Drahtseilbahn von 6,5 km Länge Luftlinie von Breitenborn A.W. über die Waldberge durch eine gehauene Schneise nach Bahnstation Wächtersbach gebaut."[17] Inzwischen werden weite Teile nicht mehr oder in anderer Weise genutzt und vor der Renaturierung z. T. verfüllt.

Ein Ortsgrundriss des Königlichen Kartographischen Instituts in Berlin von 1858 weist die Glashütte im Westen und die Bebauung eines typischen Straßendorfes nach Osten aus.[18]

Wettbewerb Unser Dorf soll schöner werden[Bearbeiten]

In den 1960er Jahren konnte Breitenborn drei Mal Preise im landesweiten Wettbewerb Unser Dorf soll schöner werden erringen.

Gebietsreform und Ende der Selbständigkeit[Bearbeiten]

Im Rahmen der Gebietsreform in Hessen kam der bis dahin selbstständige Ort am 31. Dezember 1971 zur Gemeinde Gründau.[19] Er führte er den offiziellen Gemeindenamen "Breitenborn, Amt Wächtersbach", der auch als "Breitenborn A.W." bezeichnet wurde. Das A.W. bedeutet "Amt Wächtersbach", die Nachbarstadt im Osten des Ortes, zu der er nach der Ämterverfassung des Kurfürstentums Hessen im 19. Jahrhundert gehörte. Der Zusatz wurde damals für nötig gehalten, weil es in dem früheren Kreis Gelnhausen einen weiteren Ort namens Breitenborn gab, der ebenfalls einen Zusatz bekam, "A.B." für Amt Bieber (heute Ortsteil der Gemeinde Biebergemünd).

Einwohnerentwicklung 1840 bis 2010[Bearbeiten]

Einwohner 1840 1855 1914 1919 1925 1933 1939 1948 1949 1961 1970 1972 1993 2010
Breitenborn A.W.[20] 704 618 562 514 577 637 650 754 765 755[19] 877[19] 816 1115[21] 1085

Breitenborn hatte (1949) 136 heimatvertriebene Volksdeutsche aus Ungarn, der Tschechoslowakei, Jugoslawien und aus Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie sowie 37 Evakuierte aufgenommen.

Öffentliche Einrichtungen der Gemeinde[Bearbeiten]

Im Ort gibt es:

Bekannte Personen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Breitenborn (Gründau) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Heinrich P. Göbel: Von der Glashütte zum Dorf Breitenborn, Eine sozialwissenschaftliche Studie über die Entwicklungsgeschichte eines Dorfes, Erster Teil 1600-1700, Nachdruck in: Grindaha, Jahreshefte des Geschichtsvereins Gründau, Heft 1, 1987, S. 59-78
  2. Wilhelm Bührmann: Chronik der Gemeinde Breitenborn A. W., Eine Wirtschafts-, Sozial-, Zeit- und Kultur-Geschichte, Breitenborn A. W. 1949, S. 11
  3. Heinrich P. Göbel: Die Breitenborner Glashütten. In: Zwischen Vogelsberg und Spessart, Gelnhäuser Heimat-Jahrbuch – 1998 –, Gelnhausen 1997, S. 36–38
  4. Herbert Kühnert, Helga Mann, Ruth Wentzel: Chronik der Glasmeisterfamilie Wentzel, Selbstverlag, Saarbrücken 1987
  5. Walther (ehem. preußischer Konsul in Odessa) Die deutschen Colonien in Südrußland in: Wilhelm Stricker (Hrsg.), Germania — Archiv zur Kenntnis des deutschen Elements in allen Ländern der Erde, Dritter Band, Frankfurt am Main (Verlag von Heinrich Ludwig Brönner) 1850, S. 408 [417–420]
    Karte über die Auswanderungsströme: http://www.arwela.info/8auswanderung.pdf und http://home.arcor.de/horst.breitbart/Hagelgans/Geschichte%20der%20Russlanddeutschen.htm
  6. Jürgen Ackermann Verschuldung, Reichsdebitverwaltung, Mediatisierung – Eine Studie zu den Finanzproblemen der mindermächtigen Stände im Alten Reich, Das Beispiel der Grafschaft Ysenburg-Büdingen 1687–1806 Schriften des Hessischen Landesamtes für geschichtliche Landeskunde 40, Selbstverlag, Marburg: 2002, S. 151 ISBN 3-921254-93-0
  7. Wilhelm Bührmann: Chronik der Gemeinde Breitenborn A. W., Eine Wirtschafts-, Sozial-, Zeit- und Kultur-Geschichte, Breitenborn A. W. 1949, S. 14 f.
  8. Bürgermeister Ewig Statistische Erhebung von Breitenborn Amts Wächtersbach vom 4. Februar 1858 ..., in: Grindaha Heft 21, Jahreshefte des Geschichtsvereins Gründau e.V., Gründau 2011, S. 5 ff.
  9. Bürgermeister Ewig Statistische Erhebung von Breitenborn Amts Wächtersbach vom 4. Februar 1858 (Transkription von Wilfried Günther auf Grund der Akten des Hessischen Staatsarchivs Marburg, H3 82 Wächtersbach), in: Grindaha Heft 21, Jahreshefte des Geschichtsvereins Gründau e.V., Gründau 2011, S. 18
  10. Wilhelm Bührmann: Chronik der Gemeinde Breitenborn A. W. ..., S. 20
  11. http://www.kirchenkreis-gelnhausen.de/index.php/gelnhausen-kirchengemeinden/waldensberg-breitenborn.html
  12. Zur Vorgeschichte der Ablösung dieser Reallasten durch Rezesse mit den "25 im Büdinger Walde einberechtigten Gemeinden" des Meerholzer Anteils im 19. Jh.: Eduard Ellenberger (MdL): Denkschrift über die Ablösung der Berechtigungen im Büdinger Walde, Büdingen 1876, 176 Seiten
  13. Robert Blum (MdN), Hrsg., Volksthümliches Handbuch der Staatswissenschaften und Politik, Ein Staatslexicon für das ganze Volk, Leipzig 1848, Stichwort "Ablösung"
  14. Bürgermeister Ewig Statistische Erhebung von Breitenborn Amts Wächtersbach vom 4. Februar 1858 ..., in: Grindaha Heft 21, Jahreshefte des Geschichtsvereins Gründau e.V., Gründau 2011, S. 14 ff.
  15. Karl Groß in Wilhelm Bührmann: Chronik der Gemeinde Breitenborn A. W. ..., S. 53
  16. Zu den Einzelheiten in den Rezessen und der Ablösung: Karl Bode: Berechtigungen der Breitenborner Bürger an und in den fürstlichen Wäldern und deren Ablösung, in: Grindaha, Jahreshefte des Geschichtsvereins Gründau, Heft 13, 2003, S. 71 ff.
  17. Wilhelm Bührmann: Chronik der Gemeinde Breitenborn A. W. ..., S. 28 f.
  18. Klaus von Berg: Ortsgrundriss von Breitenborn in Karte Raum Gründau und Ortsgrundrisse (1858), in: Grindaha 1 (veränderte Ausgabe), Jahreshefte des Geschichtsvereins Gründau e.V., Gründau 1993, S. 52
  19. a b c  Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- und Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen und Regierungsbezirken vom 27. 5. 1970 bis 31. 12. 1982. W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart und Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 362.
  20. R. Heuchert und Martin Schäfer Zahlentafel über die Bevölkerung und die wirtschaftlichen Verhältnisse unseres Heimatkreises in: Heimatbuch des Kreises Gelnhausen, 3. Aufl., Gelnhausen 1950, S. 253; Georg Rösch Übersicht über die Gemeinde-Verwaltung des Kreises Gelnhausen in: Zwischen Vogelsberg und Spessart - 1950 - Heimat-Jahrbuch des Kreises Gelnhausen - Gelnhausen 1949, S. 98; Bürgermeister Ewig Statistische Erhebung von Breitenborn Amts Wächtersbach vom 4. Februar 1858 ..., S. 5 ff.
  21. Erwin Rückriegel Einwohner der Orte des Kirchspiels Auf dem Berg in 1219-1994, 775 Jahre Mittel-Gründau - Festtage 4. und 5. Juni, Mittel-Gründau 1994, S. 40