Broch (Turm)

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Ein Broch ist ein runder, eisenzeitlicher Turm, der in Schottland, dort insbesondere in Caithness, aber auch auf den vorgelagerten Inseln (Orkney, Shetland und Hebriden) zu finden ist. Im südlichen Teil des Landes sind Brochs selten. Allerdings gibt es die sogenannten Lowland Brochs (Broch von Castle Craig, Doon Castle, Edin’s Hall, Broch von Tappoch). Insgesamt wurden bisher die Überreste von etwa 500 Brochs gefunden. Sie werden fälschlich auch als Pict’s houses oder Pictish castles bezeichnet. Anna Ritchie hält sie[1] für die finale Ausprägung der Entwicklung der Rundhäuser Schottlands.

Broch Dun Carloway (Isle of Lewis)
Grundplan eines Brochs wie er so oder in ähnlicher Aufteilung vorkommt. Der Broch Dun Alascaig ist einer der wenigen absolut achsenysmmetrischen Brochs

Herkunft, Verbreitung, Entstehung[Bearbeiten]

Verbreitungskarte
Broch of Burrian

Auf den Britischen Inseln sind runde Gebäude vom Neolithikum bis ins Mittelalter belegt. Die meisten wurden aus Holz gebaut und verfielen. In Nordschottland und den schottischen Inseln ist und war Bauholz selten, während Stein, oft schon in gebrauchsfähiger Form, in Mengen zur Verfügung stand.

Bevor die Brochentwicklung ihren Höhepunkt erreichte, gab es in Schottland roundhouses. Die ältesten sind nach derzeitigem Stand die Rundhäuser von Quanterness und Calf of Eday auf Orkney (nach Calder The Potter’s Workshop genannt). Ihre Anfänge reichen bis 700 v. Chr. Für den Broch in der „klassischen Bauweise“ mit doppelwandigem Mauerwerk werden Orkney (über 50 Exemplare), Skye und die kleine Insel Tiree als Entwicklungszentren diskutiert. Der früheste, durch C14-Datierung gesicherte Baubeginn ist nach derzeitigem Kenntnisstand um 400 v. Chr. (Scatnes Broch, Shetland). Die längste, gleichfalls durch C14-Datierung gesicherte wohl ununterbrochene Nutzungsdauer, reicht bis ins späte 8., möglicherweise sogar 9. Jahrhundert n. Chr. (Howe, Stromness, Orkney). Der Großteil der Bauwerke entstand jedoch zwischen 200 v. Chr. und 200 n. Chr.

Bei dem als „älteren“ Broch diskutierten Broch von Bu (auch Bu oder Bu Broch), der auf 600 v. Chr. datiert ist, handelt es sich möglicherweise um einen Vertreter der „unklassischen“ Bauweise, also einen ohne Doppelwände in den aufgehenden Geschossen, der typologisch in die Gruppe der einfachen roundhouses, vergleichbar Quanterness und Calf of Eday, fällt. Es gibt jedoch keinerlei Erkenntnisse über aufgehende Strukturen; Einsturzspuren wie etwa bei Howe wurden bei der Notgrabung nicht gefunden.

Verteilung

In Schottland verbinden sich die Eigennamen der Brochs oft mit der Bezeichnung „Dun“, während auf Orkney der Begriff „Knowe“ relativ häufig verwendet wird. Die meisten der mehr als 50 Brochs auf den Orkney-Inseln liegen direkt am Meer. Grund dafür dürfte sein, das die Aufschlüsse der Steilküste das Baumaterial lieferten.

Orkney[Bearbeiten]

John W. Hedges hat 52 Brochs auf Orkney bestimmt und 80 analysiert. Nur wenige haben doppelwandige Mauern. Die Zugänge haben Türsicherungen und Wächterzellen. Mindestens 10 Orkneybrochs haben eine eigene Wasserversorgung (Brunnen im Broch von Breckness). Eine Besonderheit auf Orkney ist das Auftreten von zahllosen Nebengebäuden auf einer Reihe von Standorten. Der Lingro Broch am Stadtrand von Kirkwall, wurde von George Petrie in den 1870er Jahren ausgegraben. Das zugehörige "Brochdorf", das größte auf Orkney, wurde völlig abgetragen.

Bauweise[Bearbeiten]

Die Architektur der Brochs ist komplex. Typisch sind fensterlose Türme aus Trockenmauerwerk, mit 10 bis 15 m Durchmesser und bis zu 15 m Höhe. Es gibt vereinzelt auch Brochs mit anderen Proportionen, wie den Broch von Gurness mit 20 m und, als größten bekannten, Edin’s Hall mit etwa 30 m äußeren Durchmesser. Bei ihnen schließt man aus der Stärke der noch erhaltenen Mauern, dass sie 10 bis 15 m hoch gewesen sind. Die Besonderheit vieler Brochs (abgesehen von denen der Orkney) ist die doppelwandige Mauer, die in ihrem Zwischenraum Galerien, Nischen und Treppen enthält. Ebenerdig befindet sich der schmale, tunnelartige Zugang. Oft findet man in diesem Gang eine Wächterzelle. Das Erdgeschoss enthält oft mehrere radial angeordnete, T-förmige intramurale Galerien. Zwar sind keine Zischendecken oder Plattformen erhalten, aber aus den vorhandenen Balkenauflagen, Mauerabsätzen und den Treppenansätzen wird geschlossen (Broch von Tirefour, Dun Bharabhat auf Bernera), dass manche Brochs über einen mehrstöckigen Innenausbau verfügten. In Rekonstruktionszeichnungen werden Brochs mit konischen Holzdächern dargestellt; wie auch immer geartete Dachkonstruktionen sind aber nicht belegt.

Einige Brochs wurden auf den Ruinen älterer Gebäude (Broch of Borwick) errichtet. Bei der Auswahl des Bauplatzes wurden häufig strategisch anscheinend günstige Orte, wie Hügel oder Halbinseln bevorzugt. Zusätzlich wurden sie vielfach mit Wällen und Gräben umgeben. Man findet Brochs aber auch in Lagen, bei denen militärische Gesichtspunkte eine eher kleine Bedeutung hatten. Aktuelle Ausgrabungen zeigten, dass zumindest einige dieser Anlagen über eine eigene Frischwasserversorgung und über Abwasserleitungen verfügten. Brochs wurden auch auf Inseln in Binnenseen (Dun Bragar) errichtet, die mit einem Damm mit dem Land verbunden sind.

Bildergalerie[Bearbeiten]

Wächterzelle[Bearbeiten]

Dun Carloway mit Zugang zur Wächterzelle

Die Wächterzelle ist eine intramurale, in den in Schottland verbreiteten Brochs gelegene Zelle. Sie ist in ganz ähnlicher Form auch in sardischen Nuraghen eingebaut. Die Zelle ist in aller Regel vom Durchgang aus zugänglich. Die Durchgänge der Brochs haben Längen zwischen 3,5 und 5,5 m und sind eng und niedrig. Der tunnelartige Durchgang führt von außen in den Innenraum.

Wächterzellen (engl. guard-cell) erhielten ihren Namen, weil frühe Archäologen die Zellen im Gang für den Raum eines Türstehers ansahen. Wächterzellen haben verschiedene Größen, Formen und Lagen. Die meisten liegen rechts im Gang (Dun Telwe), es gibt aber auch linksseitige (Dun Troddan). Gelegentlich fehlen sie völlig (z. B. Broch von Bu oder bei vielen der 110 Brochs der Shetlandinseln wie dem Mousa Broch). Viele der Gänge sind außen schmal und erweitern sich in der Mitte der Mauer symmetrisch und stufenförmig um einige Dezimeter. Diese Stufe wird als der Anschlag für eine Verschlussvorrichtung (Tür) angesehen. Der oftmals schmale Zugang zur Wächterzelle liegt stets auf der Innenseite, also hinter der (geschlossenen) Tür. Obwohl Brochs eisenzeitlich sind, konnten keine eisernen Beschläge, die ansonsten für Türen typisch sind, gefunden werden. Dùn Mòr (Tiree) hat eine runde Wächterzelle und ein, auch bei Borroughston auf Shapinsay gefundenes, langes Balken- oder Riegelloch für die nicht mehr vorhandene Verschlussvorrichtung. Im Broch von Mousa befindet sich im Gang eine schmale Schlitzzelle, gerade so breit und tief, dass eine Verschlussvorrichtung eingeschoben werden konnte.

Die kleine Wächterzelle im Broch von Crosskirk, dem bisher ältesten untersuchten Broch, war sowohl vom Gang, als auch von einer größeren Zelle in der Mauer aus zugänglich. Sie hat auch eine Reihe von Stufen, die zu einer Treppe gehören. Diese multifunktionale Zelle vereint alle drei der klassischen Brochelemente, die ansonsten getrennt auftreten.

Funktion und Nutzung[Bearbeiten]

Aufgrund der wehrhaften Erscheinung der Brochs wurden sie früher als Fluchtburgen oder Sitz eines keltischen Anführers gedeutet. Inzwischen geht die Forschung davon aus, dass es sich um Wohnsitze der landbesitzenden Bevölkerung handelt. Indes stellt sich die Situation auf den Inseln South Juist und Lewis etwas anders dar. Hier gibt es wenige, aber größere Brochs, die sicher nicht der gesamten Bevölkerung als Wohnstätte gedient haben können. Es wird angenommen, dass Brochs als Monumentalbauten auch aus Prestigegründen von wohlhabenden oder sozial höhergestellten Familien errichtet wurden. Während manche Brochs bereits im zweiten Jahrhundert wieder aufgegeben wurden, kann eine Nachfolgenutzung durch Pikten nicht ausgeschlossen werden. Eine zumindest kurzfristige Nutzung durch die nachfolgenden Wikinger ist für einen Broch mit Sicherheit belegt: Mousayjar Borg, Mousa Broch, Shetland.

Einige Brochs (Broch von Midhowe, Gurness, Jarlshof, Clickhimin u. a.) waren umgeben von weiteren Siedlungsbauten, die teils recht schnell nachfolgend, wenn nicht gar zeitgleich entstanden, teils deutlich jüngeren Datums sind. In "The Brochs of Shetland: recent controversies and new ideas" stellt Brian Smith neue Erkenntnisse über die Brochs vor.

Beispiele[Bearbeiten]

Broch of Gurness – Blick nach Westen über den Eyhallow Sound. Im Vordergrund (heute grasbedeckt) Reste der doppelten Umwallung; rechts vom eigentlichen Broch und teilweise davor: Reste der umgebenden Nachfolgebebauung. Zustand 1988.

Der Broch von Gurness bei Evie entstand zwischen 200 und 100 v. Chr., wahrscheinlich auf den Resten einer älteren Siedlung. 1930 entdeckte man hier eine in den anstehenden Fels gehauene, dann ausgekleidete Kammer, zu der eine steinerne Treppe hinabführte, und in der sich Quellwasser sammelte. Inzwischen kennt man schottlandweit mehr als 30 vergleichbare Anlagen, die offensichtlich die Wasserversorgung sicherten.

Auch in Jarlshof befindet sich ein Broch inmitten einer teilweise wesentlich älteren Siedlung. Um den Broch herum finden sich hier bronzezeitliche Häuser, darunter eines, das offensichtlich von einem irischen Bronzeschmied genutzt worden war, ferner Wheelhouses, normannische Langhäuser und eine mittelalterliche Farm, bestehend aus zwei parallelen Langbauten. Die gesamte Anlage wurde letztmals 1605 wesentlich verändert, als Patrick Stewart, Earl of Orkney, den von seinem Vater Robert angelegten Herrensitz erweiterte, wobei der Broch teilweise überbaut wurde. Dies Herrenhaus, der eigentliche, so von Sir Walter Scott benannte Jarlshof war ab etwa 1675 wieder eine Ruine.

Am besten erhalten ist der Broch of Mousa auf der kleinen Insel Mousa, östlich von Mainland (Shetlandinsel). Ursprünglich war er etwa 15 m hoch bei einem Durchmesser von 15,2 m. Mit den in zwei Niveaus vorkragenden Steinringen auf der Innenseite des Bauwerks[2] (rote Linien) gilt Mousa zudem als Beispiel für sehr wahrscheinliche hölzerne Innenausbauten („Galerien“), deren Tragbalken für Fußboden-/Dachelemente auf diesen Kragsteinen auflagen. Gleichzeitig lässt sich die spiralförmig in die Höhe führende Treppe (gelbe Linien) zwischen den beiden im Trockensteinbau ausgeführten Schalen der Brochwände in der tragenden Innenwand, nicht aber in der im Schnitt stärker ausgeführten Außenwand verfolgen (siehe Foto der Außenansicht).

Andere relativ gut erhaltene Exemplare sind Dun Telve und Dun Troddan in Inverness-shire sowie der Broch Dun Carloway auf der Isle of Lewis.

Moderne Brochs[Bearbeiten]

Der auf der Hebrideninsel Lewis arbeitende Architekt Stuart Bagshaw entwarf in den letzten Jahren Häuser, die ihr Vorbild in den eisenzeitlichen Rundbauten suchen. Die Brochs of Coigach ahmen verfallene, von Gras überwachsene Brochs nach. Auf der Hebrideninsel Harris baut er einen 14 Meter hohen Broch.

Literatur[Bearbeiten]

  • G. Ritchie: Brochs of Scotland. Princes Risborough, Shire Archaeology 1988, ISBN 0747803897.
  • John W. Hedges: Bu, Gurness and the Brochs of Orkney. (3 Bände) B.A.R., Oxford 1987, BAR British series 165.
  • Ian Armit: Broch Building in Northern Scotland: The Context of Innovation. World Archaeology 21/3 (Architectural Innovation) 1990, S. 435–445.
  • L. & J. Lang: The Picts and the Scots. Sutton Publishing Ltd., 1994.
  • Euan W. Mackie: The roundhouses, brochs and wheelhouses of Atlantic Scotland c. 700 BC – AD 500: architecture and material culture. Part 1: the Orkney and Shetland Isles. BAR, Oxford: 2002, (Brit Ser 342).
  • Ian Armit: Towers in the North: The Brochs of Scotland. Tempus, Stroud 2003, ISBN 9780752419329.

Quellen[Bearbeiten]

  1. in Prehistoric Orkney 1995 S. 99
  2. Innenansicht eines Brochs mit Markierungen (zuletzt abgerufen am 15. November 2012)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Brochs – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien