Bronisław Malinowski

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Eine Beschreibung des polnischen Hindernisläufers und Olympiasiegers findet sich unter Bronisław Malinowski (Leichtathlet).
Bronisław Malinowski, um 1930
Gedenktafel am Haus, Waldweg 3, in Oberbozen

Bronisław Kasper Malinowski (* 7. April 1884 in Krakau; † 16. Mai 1942 in New Haven, USA) war ein polnischer Sozialanthropologe. Aus einer polnischen Adelsfamilie stammend, später in England lebend, gilt er heute als einer der Begründer des britischen Funktionalismus. Zeit seines Lebens befand er sich in einem wissenschaftlichen Wettstreit mit seinem „Rivalen“ Alfred Radcliffe-Brown. Sein Einfluss auf die nordamerikanische Kulturanthropologie und auf die soziologische Theorie der Institution (Helmut Schelsky) in Deutschland war bedeutend.

Leben[Bearbeiten]

Malinowski war Sohn des Krakauer Linguisten Lucjan Malinowski. Als er dreizehn Jahre alt war, starb sein Vater. Er empfing in seiner Jugend starke Einflüsse von Ernst Mach, einem naturwissenschaftlich orientierten Philosophen, und von der Linguistik.

1908 machte er seinen Abschluss in Mathematik, Physik und Philosophie an der Jagiellonen-Universität mit dem Prädikat Sub auspiciis Imperatoris[1] und studierte dann Anthropologie an der London School of Economics (LSE). Er war ein Schüler von C. G. Seligman. Von 1922 bis 1938 lehrte er selbst an der LSE. Seine wichtigsten Schüler waren Audrey Richards, Edward E. Evans-Pritchard, Talcott Parsons, Sir Raymond Firth, Phyllis Kaberry, Isaac Schapera, Hilda Kuper und Monica Wilson. Jomo Kenyatta schrieb bei ihm seine Magisterarbeit, die 1938 unter dem Titel Facing Mount Kenya mit einem Vorwort von Malinowski veröffentlicht wurde.

Malinowski trennte klar zwischen Social Anthropology und History. Seiner Ansicht nach dürfe ein kulturelles Phänomen in der Gegenwart nicht aus der Geschichte heraus erklärt werden, sondern müsse anhand seiner heutigen Funktion für die betreffende Kultur erklärbar sein. Er setzte sich auch mit der damals sehr populären Psychoanalyse um Sigmund Freud auseinander. Wie Margaret Mead nach ihm, verwies er auf die interkulturellen Unterschiede von sexuellen und anderen wichtigen sozialen Beziehungen (Eltern-Kind-Beziehungen etc.) und warnte davor, Freuds Erkenntnisse auf außereuropäische Kulturen zu projizieren.

Malinowski war ein sehr extrovertierter Mensch und liebte den Rummel, der um seine Person gemacht wurde. Sein Werk Argonauten des westlichen Pazifik wurde weit außerhalb der Grenzen der Fachkreise der Ethnologie zum Bestseller.

Werk[Bearbeiten]

Malinowski gilt als „Vater der Feldforschung“, wie sie heute zum Kernstück der empirischen Arbeit der Anthropologie geworden ist. Er propagierte lange Feldforschungsaufenthalte mit engem Kontakt zu den Informanten über einen langen Zeitraum hinweg. Feldforschung hieß für ihn teilnehmende Beobachtung: Der Forscher teilt über einen längeren Zeitraum das Alltagsleben der von ihm erforschten Menschen und beobachtet sie dabei.

Malinowskis bekannteste lange teilnehmende Beobachtung wurde noch durch einen Zufall gefördert, er hatte sich 1914 zu den Trobriand-Inseln in der Südsee aufgemacht, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Malinowski hatte einen Pass der kaiserlich-königlichen Doppelmonarchie Österreich-Ungarn und wurde von der britischen Kolonialmacht als Kriegsgegner interniert – doch genau dort, wo er ohnehin seine Feldforschung betreiben wollte. Er musste sich nur von Zeit zu Zeit bei einem britischen Kolonialbeamten melden und konnte sonst unbehelligt seinen Forschungen nachgehen, die insgesamt dreieinhalb Jahre dauerten.

Argonauten des westlichen Pazifik[Bearbeiten]

Das 1922 erschienene Buch „Argonauten des westlichen Pazifik“ gilt als Hauptwerk Malinowskis. Es beginnt mit einer Einleitung über die Methode der Feldforschung, dann folgen eine geographische Beschreibung der Trobriand-Inseln und eine Erzählung über seine Ankunft auf der Insel.

In weiteren Kapiteln beschreibt er detailliert das Phänomen des Kula-Tausches, welches er bei den gartenbauenden Trobriandern entdeckt hatte. Im Schlussteil des Buches versucht er, Sinn und Funktion von Kula für die Trobriander zu erklären. Besonderen Wert legt er darauf, das Phänomen aus sich selbst und aus Sicht der Trobriander heraus zu erklären und nicht dem Eurozentrismus „gewisser anderer Forscher“ (er bezieht sich dabei auf Alfred Radcliffe-Brown) zu verfallen.

Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien[Bearbeiten]

In seinem zweiten wichtigen Werk über die Trobriander, dem 1929 erschienenen Buch über „Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien“, beschreibt Malinowski detailliert die soziale Organisation der Sexualität, das heißt unter anderem soziale Riten, Partnerwahl und Sexualverhalten der Trobriander.

Er zeigt sich beeindruckt davon, dass die Sexualität nicht – wie in Mitteleuropa – verdrängt wurde, sondern zum Alltag der Menschen gehörte. So standen beispielsweise den Jugendlichen so genannte Jugendhäuser zur Verfügung, wo sie ihre Sexualität spielend ausprobieren konnten. Dies wurde von der gesamten Gemeinschaft gefördert und als wichtiger Schritt zum Erwachsenwerden betrachtet. Er vergleicht seine Beobachtungen mit Sigmund Freuds Vorstellungen zur Entwicklung der Sexualität.

In weiteren Kapiteln geht er auf die Eltern-Kind-Beziehungen bei den Trobriandern ein und beschreibt detailliert deren komplexe matrilineare Verwandtschaftsstruktur, in der die biologische Vaterschaft ignoriert wurde und dafür der Mutterbruder (Onkel mütterlicherseits) eine „väterliche“ Beziehung (einhergehend mit einer ganzen Reihe von Verpflichtungen) zu den Kindern seiner Schwester einging.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • 1913: The Family Among the Australian Aborigines
  • 1915: Wierzenia pierwotne i formy ustroju społecznego. Pogląd na genezę religii ze szczególnym uwzględnieniem totemizmu. (Primitive Glaubensweisen und Formen des Gesellschaftssystems. Ausblick auf die Entstehung der Religion mit besonderer Berücksichtigung des Totemismus)
  • 1922: Argonauts of the Western Pacific. An Account of Native Enterprise and Adventure in the Archipelagoes of Melanesian New Guinea. Dutton, New York 1922. (Internet Archive).
    • Deutsche Ausgabe: Argonauten des westlichen Pazifik. Ein Bericht über Unternehmungen und Abenteuer der Eingeborenen in den Inselwelten von Melanesisch-Neuguinea. Syndikat, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-8108-0087-2. (Übersetzer: Heinrich Ludwig Herdt. Herausgeber: Fritz Kramer).
  • 1924: Mutterrechtliche Familie und Ödipus-Komplex. Eine psychoanalytische Studie. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Leipzig 1924. (Internet Archive).
  • 1926: Crime and Custom in Savage Society.
  • 1927: The Father in Primitive Psychology.
  • 1927: Sex and Repression in Savage Society. (Geschlecht und Verdrängung in primitiven Gesellschaften. 1962)
  • 1929: The Sexual Life of Savages in North-Western Melanesia. (Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien).
  • 1935: Coral Gardens and Their Magic. A Study of the Methods of Tilling the Soil and of Agricultural Rites in the Trobriand Islands (Korallengärten und ihre Magie. Bodenbestellung u. bäuerl. Riten auf d. Trobriand-Inseln) ISBN 3-8108-0172-0
  • 1944: A Scientific Theory of Culture. (Eine wissenschaftliche Theorie der Kultur).
  • 1967: A Diary in the Strict Sense of the Term. dt.: Ein Tagebuch im strikten Sinne des Wortes: Neuguinea 1914 - 1918, Frankfurt am Main : Syndikat, 1986
  • Magie, Wissenschaft und Religion und andere Schriften dt. 1973, 1983.

Siehe auch: Feldforschung, Ethnologie, Kulturanthropologie und Sozialanthropologie

Literatur[Bearbeiten]

  • Timothy Raison (Hrsg.): The Founding Fathers of Social Science. London: Scolar Press 1979.
  • Giulio Angioni: Tre saggi sull'antropologia dell'età coloniale. Palermo: Flaccovio 1972.
  • Wolfgang Marschall (Hg.): Klassiker der Kulturanthropologie: von Montaigne bis Margaret Mead. München: C.H. Beck 1996.
  • Peter Marwedel: Funktionalismus und Herrschaft: die Entwicklung eines Theorie-Konzepts von Malinowski zu Luhmann. Köln: Pahl Rugenstein 1976.
  • Axel Michaels (Hg.): Klassiker der Religionswissenschaft: von Friedrich Schleiermacher bis Mircea Eliade. München: C.H.Beck 1997.
  • Guido Sprenger: Erotik und Kultur in Melanesien - Eine kritische Analyse von Malinowskis 'The Sexual Life of Savages' . Hamburg: LIT 1997
  • Michael Young: Malinowski: Odyssey of an Anthropologist, 1884-1920, Yale University Press, 2004. ISBN 0-300-10294-1

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bronisław Kasper Malinowski – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. der Text des Antrags in englischer Übersetzung: Roy F. Ellen, Malinowski between two worlds: the Polish roots of an anthropological tradition, Cambridge University Press 1989 ISBN 0-521-34566-9 [1]