Brundibár

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Brundibár ist eine Kinderoper in zwei Akten von Hans Krása (Komponist) und Adolf Hoffmeister (Librettist).

Brundibár im Opera Theater of Pittsburgh (2010)

Entstehung[Bearbeiten]

Brundibár wurde 1938 komponiert und 1941 im jüdischen Kinderheim in Prag aufgeführt.

Nach seiner Deportation 1942 in das KZ Theresienstadt schrieb Hans Krása die Partitur nach dem Klavierauszug, der ins Ghetto gelangte, erneut nieder, da er die Partitur nicht hatte mitnehmen können. Dort wurde die Oper 55-mal gespielt und gab den teilnehmenden Kindern ein Stück Normalität und Freude zurück. Die Rollen mussten immer wieder neu besetzt werden, da viele der Darsteller in Vernichtungslager deportiert wurden. Der Propagandafilm Theresienstadt verwendete einen Ausschnitt aus der Oper, um zweifelnden Leuten vorzutäuschen, wie normal und glücklich die Deportierten lebten. Hans Krása und fast alle Ausführenden wurden kurz darauf in Auschwitz ermordet.

Handlung[Bearbeiten]

Pepíček und Aninka, zwei arme Geschwister, wollen ihrer kranken Mutter die vom Arzt verschriebene Milch besorgen, doch ohne Geld bekommen sie keine vom Milchmann. Sie beobachten den Leierkastenmann Brundibár, der für seine Musik Münzen erhält, und beschließen, ebenso mit Gesang etwas Geld zu verdienen. Doch niemand hört ihnen zu, und der über die Konkurrenz erzürnte Brundibár vertreibt sie sogar vom Marktplatz. Als die beiden Geschwister sich ratlos schlafen legen, erscheinen ein Spatz, eine Katze und ein Hund und bieten den Kindern, die allein gegen Brundibár zu schwach sind, ihre Hilfe an. Am nächsten Morgen trommeln die drei Tiere alle Kinder aus der Nachbarschaft zusammen. Gemeinsam wird Brundibár vom Marktplatz vertrieben. Als die Kinder nun erneut das Lieblingslied von Pepíček und Aninka singen, kommt genügend Geld für die Milch zusammen. Brundibár unternimmt einen Versuch, das Geld zu stehlen, hat jedoch gegen die Überzahl von Kindern und Tieren keine Chance. Das Finale der Oper besteht in einem triumphalen Marsch, der an das bedingungslose Zusammenhalten von Freunden appelliert.

Wenngleich der Inhalt der Oper auf den ersten Blick frei von Politik ist, betonen überlebende Mitwirkende aus Theresienstadt immer wieder, dass Brundibár, der fortgejagt wird, für sie Hitler darstellte, den sie so in der Oper durch ihr Zusammenhalten verjagen konnten. Insofern bekommt die Oper bei genauerer Betrachtung eine zweite, tiefere Ebene als die schlichte Geschichte der Kinder, die Milch für ihre Mutter brauchen.

Die Lösung des Konflikts der Kinder mit dem Drehorgelmann allein mit Mitteln der Gewalt erscheint in einer demokratischen Gesellschaft als pädagogisch zweifelhaft. Vor dem geschichtlichen Hintergrund von Krieg und Völkermord wird sie allerdings verständlich.

Wiederentdeckung[Bearbeiten]

Die Aufarbeitung der vergessenen Kinderoper begann Ende der 1970er Jahre, als die Benediktinerschwester Veronika Grüters auf der Suche nach der Geschichte ihrer Familie zufällig auf den Stoff der Oper stieß. Sie rekonstruierte eine Fassung des Brundibár anhand eines Klavierauszugs in tschechischer und hebräischer Sprache und konnte so 1985 am St.-Ursula-Gymnasium in Freiburg die erste Brundibár-Aufführung in Deutschland verwirklichen.[1]

1992 wurde die Oper erstmals auf professioneller Ebene an der Bielefelder Oper inszeniert, eine Entdeckung des damaligen Dramaturgen Frank Harders-Wuthenow, der zusammen mit Matthias Harre die Oper ins Deutsche übersetzte. Diese Übersetzung wurde die vom Musikverlag Boosey & Hawkes, Bote & Bock, Berlin autorisierte Fassung.

1994 wurde die Oper im Görlitzer Musiktheater aufgeführt. Das Landesjugendorchester Sachsen (D), der Kinderchor Severáček Liberec (CZ), der Knabenchor Jelenia Góra (PL) und Schüler des Augustum-Annen-Gymnasiums Görlitz erarbeiteten das Werk unter der musikalischen Leitung von Reinhard Seehafer. Im Anschluss an diese Aufführungen fand die französische Erstaufführung der Kinderoper im Amphitheater „Jean Cocteau“ statt. Der Regisseur war Klaus Arauner, heute Generalintendant im Theater Görlitz.

Mitte der 1990er Jahre nahm sich die Organisation „Jeunesses Musicales“ unter der Leitung des damaligen Generalsekretärs Thomas Rietschel, Initiator des Projektes, der Oper an und initiierte in Kooperation mit anderen Institutionen Pilotprojekte, in denen Arbeitshilfen für die Aufführung der Oper erstellt wurden. Höhepunkt dieses Projektes waren gemeinsame Aufführungen durch den Tölzer Knabenchor, die Polnischen Nachtigallen und den Prager Kinderchor, die hintereinander in Berlin, Warschau und Prag die Oper in der jeweiligen Landessprache aufführten.

1995 wurde die Kinderoper als Teil eines Schul- und Erinnerungsprojektes mit den überlebenden Zeitzeugen Eva Herrmanova[2] und Herbert Thomas Mandl am Gymnasium Tanzenberg von ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater zum ersten Mal in Österreich gezeigt. In Israel wurde die Oper 1996 durch eine Produktion des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin gegeben.

1996 entstand das Hörfunkfeature Brundibár und die Kinder von Theresienstadt von Hannelore Brenner-Wonschick mit Aussagen der Zeitzeugen, das zusammen mit der Brundibár-Produktion des collegium iuvenum auf CD veröffentlicht wurde.[3]

Am 26. Januar 1998 wurde Brundibár vom „Brundibár Orchester“ und dem Kinderchor der Städtischen Musikschule Hamm unter der Leitung von Werner Granz im Haus der Geschichte in Bonn aufgeführt. Orchester und Kinderchor wurden eigens für dieses Projekt ins Leben gerufen. Anlass war das sechzigjährige Gedenken der Novemberpogrome im Jahre 1938; in diesem Jahr wurde Brundibár komponiert. Die Einstudierung erfolgte unter Beteiligung von Paul Aron Sandfort. Sandfort gehörte in jungen Jahren zu den jüdischen Insassen und Überlebenden des Konzentrationslagers Theresienstadt. Der Trompeter aus Dänemark war bereits dort an der Aufführung der Kinderoper beteiligt gewesen. Irgendwann einmal hat er aus der Komposition Krásas eine Ouvertüre gemacht, die am Anfang der Kinderoper steht. Die Aufführung erregte bundesweite Aufmerksamkeit.

Im Jahre 2005 wurde Brundibár vom Leipziger Gewandhauskinderchor aufgeführt. 2010 brachte dieser das Werk auch in Israel zu Gehör.[4] Bei den Aufführungen von 2009 im Gewandhaus Leipzig und im Jüdischen Museum Berlin waren sowohl deutsche als auch israelische Kinder beteiligt..[5] Kooperationspartner war der 2007 in Berlin gegründete Verein Room 28 e.V.[6] Die Überlebenden von Zimmer 28 wirkten als Zeitzeuginnen mit und die Ausstellung The Girls of Room 28 wurde erstmals auf Englisch in Israel gezeigt.

Der Autor Ernst Heimes schrieb für das Koblenzer Jugendtheater das Schauspiel Mirjam Ghettokind, das am 19. August 2011 auf dem Fort Konstantin in Koblenz uraufgeführt wurde. Das Stück greift Leben und Schicksal der an den Brundibár-Aufführungen in Theresienstadt beteiligten Kinder und Jugendlichen auf und schließt neben Proben zu der Oper auch eine komplette Aufführung derselben mit ein.[7]

Die Kinderoper wird auch an Schulen und Theatern – teils als Klavierfassung, seltener in der vollständigen Theresienstädter Orchesterfassung – aufgeführt. Dabei wird die Oper, die eine Spieldauer von ca. 35 min hat, mit Vorträgen von Zeitzeugen und Ausstellungen verbunden. Häufig wird die Ausstellung Die Mädchen von Zimmer 28 ins Rahmenprogramm genommen und Zeitzeuginnen aus diesem Kreis eingeladen.[8] Wiederholt wurde aus der Geschichte der „Mädchen von Zimmer 28“ eine Rahmenhandlung gestaltet oder das Theaterstück über Die Mädchen von Zimmer 28 aufgeführt.

2014 wurde eine Inszenierung von der Jugendtheatergruppe Die Zwiefachen der Berliner Schaubühne aufgeführt, bei der die Protagonisten zwischen den Szenen die Lebenssituation der damaligen Kinder-Darsteller reflektieren. Die Vorbereitung und ein Besuch in Theresienstadt wurde im Dokumentarfilm Wiedersehen mit Brundibar von Douglas Wolfsperger dokumentiert.[9][10]

Bilderbuch[Bearbeiten]

2002 wurde Brundibár von Maurice Sendak (Bilder) und Tony Kushner (Text) als Kinderbuch adaptiert. Die Bezüge zum historischen Kontext der Aufführungsgeschichte der Kinderoper wurden erhalten. Handlungsort ist eine polnische Kleinstadt, die Erwachsenen tragen Judensterne und Brundibar eine Uniform. Allerdings: Hans Krása und Adolf Hoffmeister haben diese Oper 1938 in Prag komponiert und dabei nicht an ein KZ gedacht, auch nicht an eine polnische Kleinstadt bzw. an ein Schtetl, wie das Kinderbuch suggeriert, sondern an ganz einfache Kinder irgendwo in einer Stadt auf dem Marktplatz, wo die Handlung der Oper angesiedelt ist. Ihnen Judensterne anzuhängen und Brundibár in eine Uniform zu stecken heisst, das Werk weder aus dem Geiste ihrer Schöpfer, noch die Aufführungsgeschichte zu verstehen. Die Kinder, die im Ghetto Theresienstadt Brundibár aufführten, mussten keine Judensterne tragen, und es war dies für sie ein ganz spezieller Moment der Freiheit.

Aufnahmen[Bearbeiten]

  • ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater, Chor des Gymnasiums Tanzenberg Brundibár Aufnahme der Österreichischen Erstauffürung durcn den Österreichischen Rundfunk ORF für das Radioprogramm Österreich 1(Ö1) 1995
  • Collegium Iuvenum Stuttgart, Mädchenkantorei St. Eberhard.[11]
  • Chor und Orchester des Gymnasiums Christianeum in Hamburg: Brundibár: Oper für Kinder. ISBN 3-939375-34-9.
  • Brundibár. Wiederveröffentlichung der deutschen Ersteinspielung. Chor und Instrumentalisten des St. Ursula-Gymnasium Freiburg; Ltg: Sr Maria Veronika Grüters; Christophorus CHR 77318.

Siehe auch[Bearbeiten]

Der vorletzte Akt, ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 1965 von Walter Krüttner, in dessen Mittelpunkt eine Aufführung der Oper Brundibár durch den Prager Kinderchor „Troja“ steht.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Und vor dem Tod ein Lied (Memento vom 26. Juni 2013 im Webarchiv Archive.today)
  2. „Brundibár“ – Austrian Premiere – Feature auf Youtube, abgerufen am 11. Dezember 2014.
  3. Brundibár – Eine Oper für Kinder beim Label EDA, abgerufen am 11. Dezember 2014.
  4. Kinderoper Brundibár in Israel auf dw-world.de (Memento vom 2. August 2012 im Webarchiv Archive.today).
  5. KZ-Oper Brundibár: Geschichte der Hoffnung. auf dw-world.de, abgerufen am 11. Dezember 2014.
  6. Website von Room 28 e.V., abgerufen am 11. Dezember 2014.
  7. Koblenzer Jugendtheater, Link zur Produktion, abgerufen am 11. Dezember 2014.
  8. Room 28 Projects. In: www.room28projects.de. Abgerufen am 26. November 2014.
  9. Wiedersehen mit Brundibar. In: www.lernen-aus-der-geschichte.de. 8. September 2014, abgerufen am 26. November 2014.
  10. Wiedersehen mit Brundibar. In: www.schaubuehne.de. Abgerufen am 26. November 2014.
  11. Brundibar – Eine Oper für Kinder. Doppel-CD. CD2: Brundibar und die Kinder von Theresienstadt. O-Ton-Hörfunkfeature 1998 von Hannelore Brenner-Wonschick, abgerufen am 11. Dezember 2014.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hannelore Brenner-Wonschick: Die Mädchen von Zimmer 28. Die authentische Geschichte der Kinderoper „Brundibar“. Room 28 Projects, Berlin 2010, ISBN 978-3-00-032090-3 (im Zusammenhang mit der gleichnamigen Wanderausstellung).
  • Hannelore Brenner-Wonschick: Die Mädchen von Zimmer 28, L 410, Theresienstadt. Text- und Bildband zur Ausstellung; Element einer Unterrichtseinheit. Room 28 Projects, Berlin 2011. Nicht mehr erhältlich. Eine Room 28 Unterrichtseinheit ist 2014/2015 in Entwicklung.
  • Tony Kushner, Maurice Sendak, Mirjam Pressler: Brundibar: Nach einer Oper von Hans Krása und Adolf Hoffmeister. Gerstenberg, Hildesheim 2005, ISBN 3-8067-5073-4.
  • Kathy Kacer, Yvonne Hergane: Die Kinder aus Theresienstadt. Mit Zeichnungen von Helga Weissová. Ravensburger, Ravensburg 2008, ISBN 3-473-58188-7.
  • Thomas Freitag: Brundibár – Der Weg durchs Feuer. Regia, Cottbus 2009, ISBN 978-3-86929-013-3.
  • Ernst Heimes: Mirjam Ghettokind. Schauspiel über das Ghetto Theresienstadt und die Kinderoper „Brundibár“. Brandes und Apsel, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-86099-712-3.

Weblinks[Bearbeiten]

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