Bruno Bauer

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Porträt Bruno Bauers
Ehrengrab von Bruno Bauer

Bruno Bauer (* 6. September 1809 in Eisenberg im Herzogtum Sachsen-Altenburg, heute Thüringen; † 13. April 1882 in Rixdorf bei Berlin, heute Berlin-Neukölln) war ein deutscher Theologe, Bibelkritiker, Philosoph und Historiker.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben und Werk

[Bearbeiten] Studium und erste Wirksamkeit

Bauer war Sohn eines Porzellanmalers und Bruder von Edgar Bauer. Er studierte an der Berliner Universität Evangelische Theologie bei dem Hegelianer Marheineke und habilitierte sich 1834.

Bauer begann seine publizistische Laufbahn 1835, als er die spekulative Theologie gegen die Evangelienkritik von David Friedrich Strauß verteidigte. Als Vertreter des Rechtshegelianismus wurde ihm die Herausgabe der zweiten, gegenüber der ersten Ausgabe Marheinekes völlig veränderten Auflage von Hegels Religionsphilosophie übertragen.

[Bearbeiten] Evangelienkritik

Wenige Jahre später wandelte er selbst sich zum Evangelienkritiker und vertrat die Auffassung, dass sich im Sinne des Jesusmythos keine historische Person Jesus von Nazareth nachweisen lasse. In der Kritik der evangelischen Geschichte des Johannes und der Kritik der evangelischen Geschichte der Synoptiker, entwickelte er seine Thesen zum literarischen Ursprung der Evangelien. Diese seien freie Produktionen eines religiösen Selbstbewusstseins mit keiner oder nur geringer historischer Basis.

Nicht nur dies, sondern vor allem seine Teilnahme an der oppositionellen Welker-Serenade hatte zur Folge, dass ihm die venia legendi für Theologie auf Lebenszeit entzogen wurde. Auf diese Maßnahme bezieht sich seine Schrift Die gute Sache der Freiheit und meine eigne Angelegenheit (1842). Die von ihm zuvor an der Universität Bonn geförderte Habilitation seines Freunds und Schülers Karl Marx scheiterte zusammen mit Bauers akademischer Laufbahn.

[Bearbeiten] Bauer als Religionskritiker

Anfang der 1840er Jahre wurde Bruno Bauer, neben Ludwig Feuerbach, zum führenden Kopf des Linkshegelianismus. Diese beiden von der Universität relegierten Ex-Theologen konkurrierten darin, in Deutschland erstmals eine atheistische Philosophie zu begründen. Während der anthropologisch-sensualistisch orientierte Feuerbach sich dabei mehr auf die deutsche Tradition stützte, zog Bauer den französischen Materialismus, namentlich die Arbeiten Holbachs heran. Bauers diesbezügliches Buch Das entdeckte Christentum (1843) kam jedoch nur den engeren Freunden zur Kenntnis, weil es von den Zensurbehörden sofort konfisziert wurde (und bis 1927 als verschollen galt). Zu den wenigen, die es damals kannten, gehörte Max Stirner, der es in Der Einzige und sein Eigentum kritisierte.

Im Dezember 1843 gründete Bauer die Allgemeine Literaturzeitung, eine Monatsschrift, deren letzte Ausgabe im Oktober 1844 erschien. Hier entwickelte er in mehreren Artikeln seine Theorie der Reinen Kritik, die Karl Marx in seiner Polemik Die heilige Familie (März 1845), an der sein Mitautor Friedrich Engels nur in geringem Maß beteiligt gewesen war, als „Kritische Kritik“ verspottete. Bereits 1843/44 kam es, nicht zuletzt wegen der Marxschen Kritik an seiner Selbstbewusstseinsphilosophie, zum Bruch mit den linkshegelianischen Weggenossen. Bauer wandte sich der Geschichtsschreibung und der Politik zu.

[Bearbeiten] Hinwendung zu konservativen und antisemitischen Positionen

Nach der Märzrevolution 1848 und der auf sie folgenden Restauration passte sich Bruno Bauer, wie viele radikale Denker und Literaten des Vormärz, den neuen politischen Verhältnissen an. Zwar konnte er nicht in den Staatsdienst eintreten; aber er wurde ein wichtiger Mitarbeiter der konservativen preußischen Kreuzzeitung Herrmann Wageners und schrieb anonym zahlreiche Artikel für dessen 23-bändiges Staats- und Gesellschaftslexicon. In diesen Artikeln, insbesondere im Aufsatz Das Judentum in der Fremde, verband Bauer die – avant la lettreantisemitischen Polemiken der verschiedensten judenfeindlichen Strömungen seiner Zeit zu einem wahren „Kompendium der Judenfeindschaft“ (Hans Engelmann). [1] Bauer hatte bereits 1843 – wie im gleichen Jahr auch Marx – eine Schrift über Die Judenfrage veröffentlicht. [2] Gegenüber dieser waren seine Lexikonartikel umfassender und radikaler.

[Bearbeiten] Bauers Verhältnis zur Tübinger Schule und seine Überzeugung über die Anfänge des Christentums

Der Tübinger Schule, deren Resultate Bauer namentlich durch die Preisgabe sämtlicher Paulusbriefe überbot, stand er von jeher fremd gegenüber. Im Gegensatz zu David Friedrich Strauß, dem Verfasser des Leben Jesu, aber verlegte er die Genesis des Christentums allein in das mit stoischer und alexandrinischer Philosophie gesättigte Bewusstsein der römischen Kaiserzeit und machte namentlich Seneca und Philo von Alexandria dafür verantwortlich. Unter Ignorierung von schriftlichen Erwähnungen auch römisch-heidnischer Historiker schrieb Bauer die Entstehung des Christentums primär den Schriften Philos zu.Römischen Historiker, etwa Sueton, seien zwar nicht Zeitzeugen der Ereignisse um Jesus gewesen, lebten aber nur etwas später. Gleichwohl spreche alle Logik dafür, dass sie mündliche Ueberlieferungen römischer (und nicht etwa christlicher) Zeitzeugen verwendeten, was ein objektiveres Bild ergebe.

[Bearbeiten] Schriften (Auswahl)

  • Kritik der evangelischen Geschichte des Johannes (Bremen 1840)
  • Kritik der evangelischen Geschichte der Synoptiker (Leipzig 1841–1842, 3 Bde.)
  • Die Posaune des Jüngsten Gerichts über Hegel den Atheisten und Antichristen. Ein Ultimatum (Leipzig 1841) – Digitalisat
  • Die gute Sache der Freiheit und meine eigne Angelegenheit (Zürich 1842)
  • Das entdeckte Christentum. Eine Erinnerung an das 18. Jh. und ein Beitrag zur Krisis des 19. (Zürich und Winterthur 1843)
  • Die Judenfrage (Braunschweig 1843) Facsimile-Ausgabe online
  • Allgemeine Litteraturzeitung (Charlottenburg Dez. 1843 – Okt. 1844)
  • Die bürgerliche Revolution in Deutschland seit dem Anfang der deutsch-katholischen Bewegung bis zur Gegenwart (Berlin 1849) – Digitalisat
  • Kritik der Evangelien und Geschichte ihres Ursprungs (Berlin 1850–1852, 4 Bde.) − Digitalisat, Band 2, Digitalisat, Band 3
  • Philo, Strauß, Renan und das Urchristentum (Berlin 1874)
  • Christus und die Cäsaren. Der Ursprung des Christentums aus dem römischen Griechentum (Berlin 1877) – E-Text
  • Einfluß des englischen Quäkertums auf die deutsche Kultur und auf das englisch-russische Projekt einer Weltkirche (Berlin 1878)
  • Zur Orientierung über die Bismarcksche Ära (Chemnitz 1880)
  • Disraelis romantischer und Bismarcks sozialistischer Imperialismus (Chemnitz 1882)

Neuere Ausgaben:

  • Feldzüge der reinen Kritik, Hg. u. Nachw. v. Hans-Martin Sass. (Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968) – enthält 9 Artikel Bruno Bauers aus seiner Periode der „Reinen Kritik“ sowie Kommentar und Literaturhinweise

[Bearbeiten] Literatur

  • Joachim Mehlhausen: Art. Bauer, Bruno. In: Theologische Realenzyklopädie 5 (1980), S. 314–317
  • Lothar Koch: Humanistischer Atheismus und gesellschaftliches Engagement. Stuttgart: Kohlhammer 1971
  • Godwin Lämmermann: Kritische Theologie und Theologiekritik. Die Genese der Religions- und Selbstbewusstseinstheorie Bruno Bauers. München: Chr. Kaiser 1979
  • Massimiliano Tomba, Krise und Kritik bei Bruno Bauer. Kategorien des Politischen im nachhegelschen Denken. Frankfurt am Main: Peter Lang 2005

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Fußnoten

  1. Hans Engelmann: Die Entwicklung des Antisemitismus im 19. Jahrhundert und Adolf Stoeckers „Antijüdische Bewegung“. Theol. Dissertation, Erlangen 1953, S. 133.
  2. Bruno Bauer: Die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen, frei zu werden, nach Bruno Bauer, Feldzüge der reinen Kritik, Nachwort von Hans-Martin Sass, Frankfurt/M, Suhrkamp Verlag, 1968, S. 175-195.
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