Bruno Frey

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Zum gleichnamigen deutschen Unternehmer und Mäzen siehe Bruno Frey (Mäzen).
Bruno Frey 2010

Bruno S. Frey (* 4. Mai 1941 in Basel) ist ein Schweizer Wirtschaftswissenschaftler und Gastprofessor für Politische Ökonomie an der Zeppelin Universität. Er gilt als einer der Pioniere der Ökonomischen Theorie der Politik und der ökonomischen Glücksforschung sowie als führender Forscher im Bereich der Kulturökonomik.

Ausbildung, Tätigkeiten[Bearbeiten]

Frey beendete 1964 sein Studium der Nationalökonomie an der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel und am All Souls College der Universität Cambridge (England) mit dem Licentiatus rerum politicarum (Lizenziat). Er wurde 1965 promoviert und 1969 an der Universität Basel habilitiert. 1970–2010 war er ausserordentlicher Professor an der Universität Basel. 1970–1977 lehrte Frey als ordentlicher Professor an der Universität Konstanz. Von 1977 an war er ordentlicher Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich. 2010-2013 arbeitete er als Distinguished Professor of Behavioural Science an der Warwick Business School.[1][2] Ende Juli 2012 liess die Universität Zürich das Arbeitsverhältnis des mittlerweile emeritierten Professors auslaufen. Laut Medienberichten war Kritik an Freys wissenschaftlicher Arbeitsweise Anlass der Entscheidung.

Frey ist seit 1969 tätig als Mit-Herausgeber der internationalen sozialwissenschaftlichen Zeitschrift Kyklos. [3] Seit 2004 leitet er als einer der vier Forschungsdirektoren das CREMA (Center for Research in Economics, and Statistics Center for Research in Economics, Management and the Arts), gemeinsam mit seinen Mitgründern Reiner Eichenberger (Universität Fribourg) und René L. Frey und der später dazugekommenen Margit Osterloh (Universität Zürich).[4]

2004 war er neben vier Nobelpreisträgern in das achtköpfige Expertenkomitee des Copenhagen Consensus berufen worden. Hier wurden, auf der Basis von ökonomischen Kosten-Nutzen-Analysen, Empfehlungen dazu erarbeitet, welchen Herausforderungen der Menschheit (Hunger, AIDS, Wasserversorgung, Zugang zu sanitären Einrichtungen, Handelsbeschränkungen, Korruption und Globale Erwärmung) Priorität beigemessen werden sollten.

2012 wurde Frey von der Regierung Bhutans in ein internationales Expertenkomitee zum Thema "Wellbeing and Happiness" berufen. Die Arbeiten und Empfehlungen der Gruppe sollen 2013 und 2014 in den Sitzungen der Generalversammlung der Vereinten Nationen vorgestellt und diskutiert werden.[5] Seit dem Herbstsemester 2012 ist Frey zudem Gastprofessor für Politische Ökonomie an der Zeppelin Universität Friedrichshafen. [6]

Forschung[Bearbeiten]

Freys Forschungsschwerpunkt ist die Anwendung der Ökonomie auf neue Bereiche (Politik, Kunst, Geschichte, Terrorismus und Krieg, Familie) und die Erweiterung des Modells menschlichen Verhaltens durch Einbezug psychologischer und soziologischer Elemente (Verhaltensökonomie). Er hat sich jeweils als einer der ersten Ökonomen befasst mit den Gebieten:

Politische Ökonomie[Bearbeiten]

Demokratie und Föderalismus[Bearbeiten]

Auf diesem Gebiet befasste sich Frey hauptsächlich mit der Rolle der direkten Demokratie. Er entwickelte (zusammen mit Reiner Eichenberger) eine funktional orientierte Form des Föderalismus namens Functional Overlapping Competing Jurisdiction (FOCJ). Er betrachtet sowohl die direkte Demokratie als auch den Föderalismus als richtungsweisende Institutionen der Zukunft.[7]

Ökonomie des Terrorismus[Bearbeiten]

Frey argumentiert, dass Terroristen möglichst in die zivile Gesellschaft zurückgebracht werden sollten, indem man mit ihnen diskutiert und ihre Anliegen ernst nimmt. Ein wirksames Mittel gegen Terrorismus sei auch eine Dezentralisierung von Wirtschaft und Politik. Abschreckungen seien selten sinnvoll für den Umgang mit Terroristen. Hierbei beruft sich Frey auch auf geschichtliche Erfahrungen.[8]

Verhaltensökonomik[Bearbeiten]

Motivation und Verdrängungseffekte[Bearbeiten]

In der Wirtschaftswissenschaft wird seit jeher davon ausgegangen, dass Menschen intensiver und mehr arbeiten, wenn sie ein höheres monetäres Entgelt erhalten. Gemäss Frey können monetäre Anreize auch einen kontraproduktiven Effekt ausüben, wenn dadurch die intrinsische Motivation zur Arbeit verdrängt wird.

Ökonomie der Auszeichnungen (Orden, Medaillen, Ehrungen)[Bearbeiten]

Während in der Ökonomie Anreize in Form von monetärem Entgelt angesehen werden, schlägt Frey einen vermehrten Einsatz von immateriellen Anreizen, insbesondere Auszeichnungen, vor. Er verweist darauf, dass Auszeichnungen heute vor allem in profitorientierten Unternehmen eingesetzt werden.

Glückforschung[Bearbeiten]

Frey war einer der ersten, der die ökonomische Analyse auf das Phänomen des Glücks anwandte. Insbesondere hat er gezeigt, dass nicht nur demographische und ökonomische Faktoren (wie Einkommen oder Arbeitslosigkeit) das Glück bestimmen, sondern auch institutionelle Faktoren wie Demokratie und politische Dezentralisierung.[9]

Corporate Governance[Bearbeiten]

Frey wendet sich energisch gegen eine Leistungsentlohnung (Pay for performance) und sieht Vorteile in einer fixen Besoldung. Für den Aufsichtsrat von Unternehmen schlägt er eine Zufallsauswahl aus den Stakeholdern vor, die ihre Investitionen nicht mittels Verträgen absichern können. Zu Letzteren zählen Kunden, Arbeitnehmer und die Allgemeinheit.[10]

Kunst- und Kulturökonomie[Bearbeiten]

Frey befasst sich mit der Organisation von Theatern, Opern und Museen, sowie der Rendite von Investitionen in Kunstwerke. Er findet, dass sich Letztere im Vergleich zu anderen Investitionen finanziell weniger lohnen. Solche Investitionen werden dennoch getätigt, weil dabei auch eine psychische Rendite stattfindet.[11] Gemäss der wirtschaftswissenschaftlichen Publikationsdatenbank IDEAS ist Frey weltweit führend in der Forschung auf dem Gebiet der Kulturökonomik.[12]

Vorwurf von Eigenplagiaten[Bearbeiten]

Ab Ende April 2011 wurde Frey in Blogs vorgeworfen bei einigen Artikeln „Eigenplagiate“ erstellt und Studien anderer Forscher zum gleichen Thema nicht erwähnt zu haben.[13] Der Begriff des „Eigenplagiats" ist allerdings umstritten, da argumentiert werden kann, dass man nicht von sich selbst abschreiben kann.[14] Anfang Juli nahm die Universität Zürich eine offizielle Untersuchung der Vorwürfe auf.[15] Der Herausgeber des Journal of Economic Perspectives und MIT-Professor David H. Autor bezeichnete Freys Publikationsverhalten als «ethisch zweifelhaft und respektlos» und als ein Verstoss gegen die Publikationsrichtlinien der American Economic Association.[16] Er selbst entgegnete auf die Kritik, er habe schlicht "die Übersicht verloren".[17] Research Papers in Economics, eine Online-Plattform zur Förderung der Verbreitung wissenschaftlicher Publikationen in den Wirtschaftswissenschaften und verwandten Disziplinen, setzte ihn sowie seine Koautoren Benno Torgler und David Savage auf ihre Liste von Autoren, die Eigenplagiate veröffentlicht haben.[18] In einem Interview mit Harald Freiberger in der Süddeutschen Zeitung berichtet Frey, dass ein Komitee von drei Wissenschaftlern, unter ihnen ein Nobelpreisträger, den Fall untersuchte und Freys Verhalten als fehlerhaft, aber gleichzeitig als eine lässliche Sünde ansieht.[19] Laut Medienberichten liess die Universität Zürich Freys befristetes privatrechtliches Arbeitsverhältnis Ende Juli 2012 auslaufen. In mehreren voneinander unabhängigen Berichten wurde angenommen, dass die andauernde Kritik an Freys wissenschaftlicher Arbeitsweise Grund der Entscheidung war.[20]

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten]

Frey publizierte mehr als 350 Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften. Er gehört zu der Gruppe der Most Highly Cited Researchers (ISI Web of Knowledge, Institute, Thomson, seit 2009). Von Anfang an steht Frey an erster Stelle auf der Liste des Handelsblattes hinsichtlich des wissenschaftlichen Lebenswerkes.[21]

  • Methodische und empirische Grundlagen der Bildungsprognose in Baden-Württemberg. Dissertation, Basel 1966
  • Umweltökonomie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1972, ISBN 3-525-33329-3
  • Moderne Politische Ökonomie. Piper, München 1977, ISBN 3-492-02312-6
  • Theorie demokratischer Wirtschaftspolitik. Vahlen, München 1981, ISBN 3-8006-0846-4
  • mit Hannelore Weck und Werner W. Pommerehne: Schattenwirtschaft. Vahlen, München 1984, ISBN 3-8006-1029-9
  • Internationale Politische Ökonomie. Vahlen, München 1985, ISBN 3-8006-1137-6
  • mit Hannelore Weck-Hannemann und Werner W. Pommerehne: Die heimliche Wirtschaft. Res publica helvetica 18. Haupt, Bern 1986, ISBN 3-258-03541-5
  • Ökonomie ist Sozialwissenschaft. Die Anwendung der Ökonomie auf neue Gebiete. Vahlen, München 1990, ISBN 3-8006-1439-1
  • mit Werner W. Pommerehne: Musen und Märkte. Ansätze einer Ökonomik Kunst. Vahlen, München 1993, ISBN 3-8006-1700-5
  • Not just for the money. An economic theory of personal motivation. E. Elgar, Cheltenham [u.a.] 1997, ISBN 1858985099
  • Markt und Motivation. Wie ökonomische Anreize die (Arbeits-) Moral verdrängen. Vahlen, München 1997, ISBN 3-8006-2168-1
  • Ein neuer Föderalismus für Europa: Die Idee der FOCJ. Mohr Siebeck, Tübingen 1997, ISBN 3-16-146790-6
  • mit Reiner Eichenberger: The New Democratic Federalism for Europe. Functional, Overlapping and Competing Jurisdictions. Edward Elgar Publishing Limited, Cheltenham, 1999, ISBN 1-8406-4004-9, ISBN 1-8437-6901-8
  • Arts & Economics. Analysis & Cultural Policy. Springer Verlag, Berlin, Heidelberg, New York, 2000, ISBN 3-540-67342-3
  • mit Margit Osterloh: Managing Motivation. Wie Sie die neue Motivationsforschung für Ihr Unternehmen nutzen können. Gabler, Wiesbaden 2000, ISBN 3-409-11631-1
  • Inspiring Economics: Human Motivation in Political Economy. Edward Elgar Publishing Ltd., Cheltenham, UK and Northampton, Mass., 2001, ISBN 1-8406-4205-X
  • mit Alois Stutzer: Happiness and economics. How the economy and institutions affect well-being. Princeton University Press, Princeton (N.J.) 2002, ISBN 0-691-06998-0, ISBN 0-691-06997-2
  • Dealing with Terrorism: Stick or Carrot. Edward Elgar Publishing Ltd., Cheltenham, UK and Nothhampton, Mass., 2004, ISBN 1-8437-6828-3, ISBN 1-8454-2258-9
  • Happiness: A Revolution in Economics. The MIT Press, Cambridge, MA und London, England 2008, ISBN 978-0262062770
  • mit Claudia Frey Marti: Glück - Die Sicht der Ökonomie. Rüegger Verlag, Zürich und Chur 2010, ISBN 978-3-7253-0936-8

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Mitgliedschaften[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tabellarische Biografie (PDF; 78 kB) ab seiner Website
  2. http://www2.warwick.ac.uk/knowledge/business/maximise_happiness/
  3. www.kyklos-review.ch
  4. www.crema-research.ch
  5. http://www.sustainable.unimelb.edu.au/files/mssi/Bhutan_Proposal-International-Expert-Working-Group_2012-14.pdf
  6. http://www.zu.de/veranstaltungen/index.php?id=1267
  7. Beat Kappeler (Hrsg.). Was vermag Ökonomie?: Silvio Borner, Bruno S. Frey, Kurt Schiltknecht zu wirtschaftlichem Wert, Wachstum, Wandel und Wettbewerb; Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2007, ISBN 978-3-03823-331-2, S. 29
  8. Dealing with Terrorism: Stick or Carrot. Cheltenham, UK and Nothhampton, Mass.: Edward Elgar Publishing Ltd.(2004)
  9. Bruno Frey; Stutzer, Alois: Happiness and economics. How the economy and institutions affect well-being. Princeton Univ. Press: Princeton (2002)
  10. Ökonomenstimme: Irrweg variable Leistungsentlohnung
  11. Bruno S. Frey. Arts & Economics: Analysis & Cultural Policy; Springer, Heidelberg 2003, ISBN 3-540-67342-3
  12. Ranking im Bereich "Cultural economics" von IDEAS (Englisch)
  13. Olaf Storbeck: In: Economics Intelligence 7. Juli 2011 A summary of the Bruno Frey affair.; Olaf Storbeck: In: Handelsblatt 7. Juli 2011Starökonom schreibt bei sich selbst ab.
  14. J. Barkley Rosser, Jr.: Tales from the Editor's Crypt: Dealing with True, Uncertain, and False Accusations of Plagiarism. Verfügbar unter: http://cob.jmu.edu/rosserjb. Abgerufen am 13. März 2012
  15. Olaf Storbeck: University of Zurich looks at Frey’s conduct. 12. September 2011
  16. Correspondence. In: Journal of Economic Perspectives. Band 25, Nr. 3, Sommer 2011, S. 239–240
  17. http://www.20min.ch/finance/news/story/23158193
  18. RePEc plagiarism offenders. Abgerufen am 6. Februar 2012
  19. Ein neuer Mercedes macht nur ein paar Wochen glücklich, Süddeutsche Zeitung vom 24. Februar 2012, S. 26
  20. Olaf Storbeck: Züricher Ökonom nach Plagiat-Vorwurf in Zwangsrente, Handelsblatt vom 23. April 2012, abgerufen am 25. April 2012; Rita Flubacher: Starökonom muss wegen Titanic in Rente, Tagesanzeiger am 24. April 2012, abgerufen am 25. April 2012.
  21. http://tool.handelsblatt.com/tabelle/index.php?id=79&pc=250, Abgerufen am 30. März 2012

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bruno Frey – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien