Bruno Latour

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Bruno Latour (2006)

Bruno Latour (* 22. Juni 1947 in Beaune) ist ein französischer Soziologe und Philosoph. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Wissenschafts- und Techniksoziologie, er ist einer der Begründer der Akteur-Netzwerk-Theorie. Er leitet heute die wissenschaftliche Recherche am Sciences Po Paris.

Leben[Bearbeiten]

Bruno Latour, der in eine Winzerfamilie geboren wurde, studierte Philosophie, Anthropologie und Bibelexegese. Er promovierte 1975 an der Universität Tours. Während seines Militärdienstes in Afrika entwickelte er Interesse an den Sozialwissenschaften und verfasste eine ethnographische Studie der französischen Methoden der Industrieerziehung in Abidjan. 1979 veröffentlichte Latour zusammen mit dem britischen Soziologen Steve Woolgar Laboratory Life, das Ergebnis seiner Feldstudien im Labor des späteren Nobelpreisträgers Roger Guillemin. Dabei konnte Latour aufzeigen, welche Rollen rhetorische Strategien und technische Artefakte bei der „Konstruktion wissenschaftlicher Tatsachen“ spielen. Mit dem 1987 erschienenen Science in Action weitete Bruno Latour diese zunächst sozialkonstruktivistische Argumentation auf das Gebiet der Technik aus. Er entwickelte zusammen mit anderen Soziologen, vor allem Michel Callon und John Law, die Akteur-Netzwerk-Theorie, die über den Sozialkonstruktivismus hinausgeht. Anders als dieser geht die Akteur-Netzwerk-Theorie nicht davon aus, dass Technik und Wirklichkeit sozial konstruiert sind. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass Technik/Natur und das Soziale sich in einem Netzwerk wechselseitig Eigenschaften und Handlungspotentiale zuschreiben.[1] Latour entwickelte später auf Basis dieser Überlegungen mit Wir sind nie modern gewesen und Das Parlament der Dinge eine Kritik der „modernen“ Gesellschaft. 1982 wurde er Professor für Soziologie an der École Nationale Supérieure des Mines in Paris. 1987 erfolgte seine Habilitation an der École des Hautes Études en Sciences Sociales. In den Science Wars der 1990er Jahre wurde Latour unter anderem von Alan Sokal heftig kritisiert.[2][3] In Die Hoffnung der Pandora setzte sich Latour mit dieser Kritik auseinander.

Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit im engeren Sinne war er zusammen mit Peter Weibel Kurator der Ausstellungen Iconoclash (2002) und Making Things Public (2005) am Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie.

Bruno Latour wurde am 28. September 2008 in Frankfurt am Main mit dem Siegfried-Unseld-Preis ausgezeichnet, als „großer Erneuerer der Sozialwissenschaften“, der als „Grenzgänger zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, Theorie und Empirie, Moral und Politik die Mechanismen der modernen Wahrheitsproduktion und ihre Folgen untersucht“, wie die Jury begründete.

Am 8. Februar 2010 nahm Bruno Latour in der Ludwig-Maximilians-Universität den Kulturpreis der Münchener Universitätsgesellschaft entgegen. Die Jury begründete ihre Entscheidung damit, dass „Bruno Latour zu den einflussreichsten, intelligentesten und gleichzeitig populärsten Vertretern der Wissenschaftsforschung (Science Studies) gehört“.[4]

Für 2013 wurde Latour der mit 4,5 Millionen norwegischen Kronen (zum Verleihungszeitpunkt etwa 610.000 Euro) dotierte Holberg-Preis zugesprochen. Das Preiskomitee lobte seine „ambitionierte Analyse und Neuinterpretation der Moderne, betreffend fundamentale Kategorien wie die Unterscheidung zwischen modern und vor-modern, Natur und Gesellschaft, Mensch und Nicht-Mensch“.[5]

Forschung und Thesen[Bearbeiten]

Erste Bekanntheit erlangte Bruno Latour durch die wissenschaftssoziologische Studie Laboratory Life: The Social Construction of Scientific Facts, die er 1979 zusammen mit Steve Woolgar herausbrachte. Auf Grundlage einer 1975 begonnenen, teilnehmenden Beobachtung im kalifornischen Salk Institute entwickelte er eine sozialkonstruktivistische Sichtweise von Forschungskulturen. Sein Ziel war es, die „Produktion“ wissenschaftlicher Ergebnisse am Ort ihrer Entstehung, nämlich bei der Laborarbeit der Wissenschaftler, zu erforschen. Latour und Woolgar gelangten zu dem Schluss, die Tätigkeit der Wissenschaftler als besonderen „Kapitalzyklus“ ("Cycle of Credibility") zu begreifen, durch den die Wissenschaftler die Glaubwürdigkeit ihrer Arbeit aktiv herstellen, um Anerkennung zu „akkumulieren“. Innerhalb eines Kreislaufes werden Gelder, Daten, Prestige, Problemfelder, Argumente und Publikationen miteinander verbunden und als „Kredite“ ineinander übersetzt. (Hat ein Wissenschaftler beispielsweise ein Problemfeld entdeckt, liefert es ihm möglicherweise Argumente, die er in Veröffentlichungen umwandeln kann. Diese können ihm wiederum Prestige einbringen, was etwa für das Einwerben von finanziellen Drittmitteln relevant sein kann, so dass weitere Daten erhoben werden können usw.) Mit ihrer Studie wurden Latour und Woolgar zu modernen Klassikern der sozialwissenschaftlichen Wissenschaftsforschung, obgleich sich Latour später vom sozialkonstruktivistischen Ausgangspunkt wegbewegte.[6]

In dem Aufsatz Why has Critique run out of Steam?[7] aus dem Jahr 2004 äußerte Latour auch Bedenken hinsichtlich der Wirkung und Angemessenheit von sozialkonstruktivistischer Kritik. In diesem Zusammenhang warf er die Frage auf, ob die Gefahr heute womöglich nicht mehr von ideologischen Argumenten drohe, die als Tatsachen verkleidet seien, sondern umgekehrt: von einem „exzessiven Misstrauen“ gegenüber Tatsachen, die zu Unrecht für ideologische Argumente gehalten würden. Unter anderem beklagt Latour am Beispiel der „künstlich am Laufen gehaltenen“ Kontroverse um die globale Erwärmung den Missbrauch des Sozialkonstruktivismus durch Klimaskeptiker: „Gefährliche Extremisten benutzen ebendasselbe Argument von sozialer Konstruktion, um mühsam gewonnene Beweise zu zerstören, die unsere Leben retten könnten.“ ("dangerous extremists are using the very same argument of social construction to destroy hard-won evidence that could save our lives.")[7]

Eine der bedeutendsten Studien Latours ist sein 1993 erschienenes Werk Aramis oder die Liebe zur Technik (das bislang auf Französisch, seit 1996 auch auf Englisch,[8] aber nur als Kurzfassung auf Deutsch vorliegt).[9] In Abfolgen aus Interviewpassagen und Forschungsnotizen zeichnet Latour die Entwicklung des innovativen, aber letztlich gescheiterten Verkehrsprojektes „Aramis“[10] nach, das die Vorteile von privatem und öffentlichem Verkehr durch ein computergesteuertes PRT-System kombinieren sollte. Anhand der widersprüchlichen Interessen und Hoffnungen der unterschiedlichen Projektbeteiligten zeigt Latour, wie soziale und selbst sentimentale Aspekte – eben die „Liebe zur Technik“ – am Aufstieg und Fall von Innovationen mitwirken.

Monografien[Bearbeiten]

  • mit Steve Woolgar: Laboratory Life. The Social Construction of Scientific Facts. Beverly Hills 1979, ISBN 0-691-02832-X.
  • Science in Action. How to Follow Scientists and Engineers through Society. Milton Keynes 1987, ISBN 0-674-79291-2.
  • The Pasteurization of France. Cambridge (Mass.) 1988, ISBN 0-674-65761-6.
  • On Actor Network Theory. A Few Clarifications. In: Soziale Welt. 47 (1996), S. 369–381.
  • Aramis or the Love of Technology. Cambridge (Mass.) 1996, ISBN 0-674-04323-5.
  • Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-596-13777-2.
  • Das Parlament der Dinge: für eine politische Ökologie. Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-518-41282-5.
  • Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft. Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-518-29195-5.
  • Reassembling the Social: An Introduction to Actor-Network-Theory. Oxford 2005, ISBN 0-19-925604-7.
    • deutsch: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie. Frankfurt a. M. 2007, ISBN 978-3-518-58488-0.
  • Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-518-29461-1. (Neuauflage)
  • Jubilieren. Über religiöse Rede. aus dem Französischen von Achim Russer. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-518-58563-4. (Übersetzung von Jubiler - ou les tournements de la parole religieuse)
  • Enquête sur les modes d’existence. Une anthropologie des Modernes. La découverte, Paris 2012, ISBN 978-2-7071-7347-8.
    • englisch: An Inquiry Into Modes of Existence. Harvard University Press, Cambridge, ISBN 0-674-72499-2.

Literatur[Bearbeiten]

  • Arno Bammé: Wissenschaft im Wandel. Bruno Latour als Symptom. Metropolis, Marburg 2008, ISBN 978-3-89518-711-7.
  • Andrea Belliger, David Krieger (Hrsg.): ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie. transcript, Bielefeld 2006, ISBN 3-89942-479-4.
  • Nina Degele, Timothy Simms: Bruno Latour: Post-Konstruktivismus pur. In: M. Hofmann, T. Korta, S. Niekisch (Hrsg.): Culture Club. Klassiker der Kulturtheorie. Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-518-29268-4, S. 259–275.
  • Markus Holzinger: Natur als sozialer Akteur. Realismus und Konstruktivismus in der Wissenschafts- und Gesellschaftstheorie. Opladen 2004.
  • Markus Holzinger: Welcher Realismus? Welcher Sozialkonstruktivismus? Ein Kommentar zu Georg Kneers Verteidigung des Sozialkonstruktivismus und zu Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie. In: Zeitschrift für Soziologie. Heft 6, S. 521–535.
  • Markus Holzinger: Where are the missing practices? Bruno Latours experimentale Metaphysik. In: Zeitschrift für Theoretische Soziologie. (ZTS), Heft 1/2013, S. 31–55.
  • Werner Krauss: Bruno Latour. In: Stephan Moebius, Dirk Quadflieg (Hrsg.): Kultur. Theorien der Gegenwart. VS-Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, ISBN 3-531-14519-3.
  • Georg Kneer, Markus Schroer, Erhard Schüttpelz (Hrsg.): Bruno Latours Kollektive. Kontroversen zur Entgrenzung des Sozialen. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2008, ISBN 978-3-518-29462-8.
  • Stephan Moebius: Postmoderne Theoretiker der französischen Soziologie. Das Collège de Sociologie, Edgar Morin, Michel Maffesoli, Bruno Latour. In: Dirk Kaesler (Hrsg.): Aktuelle Theorien der Soziologie. Von Shmuel N. Eisenstadt bis zur Postmoderne. München 2005, ISBN 3-406-52822-8, S. 332–350.
  • Reiner Ruffing: Bruno Latour. W. Fink, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-8252-3044-9.
  • Henning Schmidgen: Bruno Latour zur Einführung. Junius, Hamburg 2010, ISBN 978-3-88506-680-4.[11]
  • Timothy Simms: Bruno Latour: Soziologie der Hybridisierung. In: S. Moebius, L. Peter (Hrsg.): Französische Soziologie der Gegenwart. Konstanz 2004, ISBN 3-8252-2571-2, S. 379–393.
  • Uwe Schimank: Die unmögliche Trennung von Natur und Gesellschaft – Bruno Latours Diagnose der Selbsttäuschung der Moderne. In: U. Schimank, U. Volkmann (Hrsg.): Soziologische Gegenwartsdiagnosen I. Opladen 2002, ISBN 3-8252-2158-X, S. 157–169.
  • Matthias Wieser: Das Netzwerk von Bruno Latour. Bielefeld 2012, ISBN 978-3-8376-2054-2.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bruno Latour: Ein Versuch, das „Kompositionistische Manifest“ zu schreiben. In: Telepolis. 11. Februar 2010.
  2. Massimo Pigliucci: Nonsense on Stilts: How to Tell Science from Bunk. University of Chicago Press, 2010, ISBN 978-0-226-66786-7, S. 255f.
  3. etliche Kritiker warfen ihm vor, über Einsteins Relativitätstheorien zu schreiben, ohne sie verstanden zu haben, siehe dazu John Huth: Latour's Relativity. In: Noretta Koertge (Hrsg.): A House Built on Sand: Exposing Postmodernist Myths about Science. Oxford University Press, 1998, Kapitel 11.
  4. Der Soziologe Bruno Latour erhält den Kulturpreis der Münchener Universitätsgesellschaft. In: Informationsdienst Wissenschaft Online. 1. Dezember 2009.
  5. Holberg International Memorial Prize 2013 is awarded to Bruno Latour. auf: holbergprisen.no, abgerufen am 13. März 2013.
  6. Stephan Moebius: Postmoderne Theoretiker der französischen Soziologie. Das Collège de Sociologie, Edgar Morin, Michel Maffesoli, Bruno Latour. In: Dirk Kaesler (Hrsg.): Aktuelle Theorien der Soziologie - Von Shmuel N. Eisenstadt bis zur Postmoderne. C. H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-52822-8, S. 332–350.
  7. a b Bruno Latour: Why Has Critique Run out of Steam? From Matters of Fact to Matters of Concern, PDF. In: Critical Inquiry. Vol. 30, No. 2 (2004), S. 225–248.
  8. 1993 erschien eine Kurzfassung. Bruno Latour: Ethnography of a 'High-Tech' Case: About Aramis. In: P. Lemonnier (Hrsg.): Technological Choices: Transformation in Material Cultures since the Neolithic. Routledge, London 1993, ISBN 0-415-07331-6, S. 372–398.
  9. Bruno Latour: Aramis – oder die Liebe zur Technik. In: Werner Fricke (Hrsg.): Innovationen in Technik, Wissenschaft und Gesellschaft. (Forum humane Technikgestaltung Band 19). Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 1998, S. 147–164.
  10. Aramis ist im Französischen die Abkürzung für Agencement en Rames Automatisées de Modules Indépendants dans les Stations (Bruno Latour: Aramis or the love of technology. Cambridge 1996, S. 304).
  11. Laborsitten. In: FAZ. 19. Dezember 2011, S. 26.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bruno Latour – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien