Bruno Nettl

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Bruno Nettl (* 14. März 1930 in Prag, Tschechoslowakei) ist ein amerikanischer Musikwissenschaftler und Musikethnologe.

Leben[Bearbeiten]

Bruno Nettl ist der Sohn des Musikwissenschaftlers Paul Nettl und der Pianistin Gertrude Hutter (1905–1952). Nettl besuchte zunächst die deutsche Schule im Prager Stadtteil Vinohrady und erhielt eine musikalische Grundausbildung bei seiner Mutter. Seine Eltern mussten 1939 aus der besetzten Tschechoslowakei fliehen und emigrierten mit ihm über die Niederlande in die USA.

Nettl studierte ab 1947 Musikwissenschaft, Musikethnologie und Anthropologie an der Indiana University. Zu seinen Lehrern zählten George Herzog (1901–1983), Willi Apel, Charles F. Voegelin[1] und Stith Thompson. 1950 wurde er in die Phi Beta Kappa aufgenommen. 1953 wurde er mit der Dissertationsschrift „American Indian Music North of Mexico, Its Styles and Areas“ promoviert. Er erlangte anschließend noch einen M.A. in Bibliothekswissenschaft an der University of Michigan. Nettl und Wanda Maria White heirateten 1952, sie haben zwei Kinder, Rebecca Nettl-Fiol (* 1953), Professorin für Modern Dance an der University of Illinois, und Gloria Roubal (* 1963), Therapeutin und Künstlerin.

Nettl begann 1953 mit einer Bibliothekars- und Unterrichtstätigkeit an der Wayne State University in Detroit. Mit einem Fulbright-Stipendium ging er 1956 als Gastdozent an das Musikwissenschaftliche Institut der Universität Kiel. Ab 1958 arbeitete er als Assistenzprofessor und Musikbibliothekar wieder an der Wayne State University. 1964 erhielt er eine Stelle als Associate Professor an der University of Illinois at Urbana-Champaign und wurde 1967 zum Professor ernannt. Seit 1968 gehörte er dort auch zur Abteilung für Anthropologie. 1992 wurde Nettl emeritiert, arbeitete aber weiterhin als Gastprofessor, auch an anderen US-amerikanischen Hochschulen.

Nettl hat musikethnologische Feldforschungen bei den Blackfoot people in Montana unternommen, sowie in Chennai und in Israel. Er untersuchte in mehreren Forschungsaufenthalten die klassische persische Musik und war dort Schüler von Nur-Ali Borumand. Mit einer Untersuchung der Musik bei ethnischen Minderheiten in Detroit erweiterte er das Forschungsfeld auf die Wechselbeziehung von musikalischem und kulturellem Wandel. Er etablierte das Fach Musikethnologie, wirkte von 1960 bis 1965 als Herausgeber der Zeitschrift „Ethnomusicology“, war 1955 Gründungsmitglied und von 1969 bis 1971 Präsident der Society for Ethnomusicology[2]. Unter seinen Schüler war der auch in Deutschland forschende Philip Bohlman.

Nettl ist Ehrendoktor der University of Chicago, der University of Illinois, des Carleton College und des Kenyon College. Er erhielt den „Fumio Koizumi Preis für Musikethnologie“ der Koizumi Foundation, Tokyo.

Nettl ist Autor von einer Vielzahl von Aufsätzen und Büchern.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Music in primitive culture. Harvard University Press, Cambridge 1956
  • An introduction to folk music in the United States. Wayne State University Press, Detroit 1960
  • The Study of Ethnomusicology: Thirty-One Issues and Concepts. University of Illinois Press, Champaign 2003

Literatur[Bearbeiten]

  •  Bruno Nettl: Nettl, Bruno. In: Friedrich Blume (Hrsg.): MGG. Bd. 12, Bärenreiter Verlag, 2004, Sp. 1005–1006.
  • Paula Morgan: Bruno Nettl. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Macmillan, London 1980. Bd. 13, S. 118f
  • Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933 / International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933–1945. Vol II, 2, Saur, München 1983, ISBN 3-598-10089-2, S. 852

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Charles F. Voegelin (1906–1986) siehe englische Wikipedia en:Charles F. Voegelin
  2. Society for Ethnomusicology, website