Buchmendel

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Buchmendel ist eine Novelle von Stefan Zweig aus dem Jahr 1929.[1]

Handlung[Bearbeiten]

Der Erzähler flüchtet vor einem Regenguss in das Café Gluck in der Wiener „obern Alserstraße“. Zwanzig Jahre zuvor war er als junger, neugieriger Mensch schon einmal dagewesen. Auf der Suche nach Literatur über MesmersMagnetismus“ hatte ihn ein Freund mit Jakob Mendel, alias Buchmendel, bekannt gemacht. Dieser „Magier und Makler der Bücher“ hatte seit Jahren schon seinen festen Arbeitsplatz an einem „mit Notizen überschmierten Marmortisch“[2] des Cafés. Der „galizische Büchertrödler... las, wie andere beten.“[3] In „vollkommener Besessenheit... wiegte [er] sich lesend wie ein dunkler Busch im Wind.“[4] Als Mendel im Jahr 1882 nach Wien gekommen war, wollte er Rabbiner werden. Ein Weiser war er zwar nicht geworden, wohl aber das „Miraculum mundi“ aller Bücher. Zu seiner Kundschaft zählten Buchhändler aus Paris, London und „fanatische Sammler heraldischer Werke“ wie der Graf Schönberg, ehemals Statthalter der Steiermark, der Theologe Siegenfeld und der Flottenadmiral a.D. Edler von Pisek. Dabei besaß Mendel überhaupt keine Konzession als Buchhändler, sondern nur einen Hausierschein. Die Anfrage nach Mesmer-Literatur hatte Buchmendel damals vor zwanzig Jahren schließlich mit ein paar Dutzend Titeln wie aus der Pistole geschossen beantwortet und noch auf Gaßner sowie die Blavatsky verwiesen. Dabei hatte Mendel keines der Bücher gelesen, sondern lediglich deren antiquarische Eckdaten in seinem famosen Gedächtnis aufbewahrt.

Nun, älter geworden, fragt der Erzähler, wo Mendel denn geblieben sei. Es erweist sich, ein einziger Augenzeuge ist im Café Gluck noch die Toilettenfrau im Dienst. Frau Sporschil erzählt die Geschichte. Den Kriegsbeginn hatte Buchmendel, der nie eine Zeitung las, über seinen Studien gar nicht mitbekommen. Ende 1915 dann nimmt das Unheil seiner Lauf. Das militärische Zensuramt in Wien fängt zwei Postkarten, adressiert ins Feindesland, ab. Absender ist beide Male Buchmendel. Beim Verhör gibt der ahnungslose Mendel zu Protokoll, er sei russischer Herkunft. Der in Petrikau Geborene wird als Feind in einem „Konzentrationslager russischer Zivilgefangener bei Komorn[5] gefangengehalten. Nach zwei Jahren Haft darf Mendel nach Wien zurückkehren. Oben genannte vornehme hoch angesehene Sammler antiquarischer Kostbarkeiten - Klienten Buchmendels - hatten sich gemeinsam ins Zeug gelegt. Mendel kehrt als gebrochener Mann ins Café Gluck zurück und kann seine alte Profession nicht mehr ausüben. Florian Gurtner aus Retz, ein 1919 reich gewordener Schieber, neuer Besitzer des Cafés, verjagt Mendel unter einem Vorwand. Buchmendel stirbt in seiner elenden Mansarde an hochgradiger Lungenentzündung.

Als Mendel von Gurtner - des Mundraubs überführt - aus dem Café geworfen wurde, hatte er ein Buch auf seinem Marmortisch aufgeschlagen liegenlassen - Hugo Hayns „Bibliotheca Germanorum, erotica & curiosa“[6]. Frau Sporschil, die nie im Leben ein Buch gelesen hatte, weist es dem verblüfften Erzähler vor. Beschämt gibt er es der braven alten Frau zurück und geht.

Rezeption[Bearbeiten]

Bauer[7] nennt die „leise, tiefgründige“ Geschichte treffend „die Tragödie eines »Unpolitischen«“ und Rovagnati[8] spricht gar von einer „biblischen Legende“.

Ausgaben[Bearbeiten]

Verwendete Ausgabe[Bearbeiten]

  • Stefan Zweig: Buchmendel. In: Novellen. Bd. 1, S. 87-119. Aufbau-Verlag, Berlin 1986 (3. Aufl.), ohne ISBN, Lizenzgeber: S. Fischer, Frankfurt am Main, (Copyright 1946, Bermann-Fischer Verlag AB, Stockholm)

Andere Ausgaben[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Arnold Bauer: Stefan Zweig. Morgenbuch Verlag Volker Spiess, Berlin 1996 (Bd. 21 der Reihe „Köpfe des 20. Jahrhunderts“), ISBN 3-371-00401-5
  • Gabriella Rovagnati: „Umwege auf dem Wege zu mir selbst“. Zu Leben und Werk Stefan Zweigs. Bouvier Verlag, Bonn 1998 (Bd. 400 der Reihe „Abhandlungen zu Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft“), ISBN 3-416-02780-9

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Buchmendel – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Verwendete Ausgabe, S. 287
  2. Verwendete Ausgabe, S. 95, 11. Z.v.o.
  3. Verwendete Ausgabe, S. 93, 7. Z.v.u. und 10. Z.v.u.
  4. Verwendete Ausgabe, S. 93, 2. Z.v.u. und S. 94, 16. Z.v.o.
  5. Verwendete Ausgabe, S. 111, 1. Z.v.o. und S. 94, 16. Z.v.o.
  6. Bibliotheca Germanorum, erotica & curiosa (anno 1885)
  7. Bauer, S. 61
  8. Rovagnati, S. 40, 11. Z.v.o.