Bundeskanzleramt (Bonn)

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Kanzleramtsgebäude (2007)
Ehemaliges Bundeskanzleramt, Luftaufnahme

Das Bundeskanzleramtsgebäude in Bonn war von 1976 bis 1999 Sitz des Bundeskanzleramtes der Bundesrepublik Deutschland und beherbergt seit 2006 das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Es liegt im Ortsteil Gronau östlich der Bundesstraße 9 (Bundeskanzlerplatz) und westlich des Bundeshauses im Zentrum des Bundesviertels und ist Teil des Weges der Demokratie.

1999 wurde der Hauptsitz des Bundeskanzleramtes aufgrund des Berlin/Bonn-Gesetzes nach Berlin verlegt, zunächst in das Staatsratsgebäude dann in den Neubau am Spreebogen; Zweitsitz des Bundeskanzleramtes ist seit 2001 das Palais Schaumburg. Das Areal des ehemaligen Bundeskanzleramts steht als Baudenkmal unter Denkmalschutz.[1]

Geschichte[Bearbeiten]

Schreibtisch des Bundeskanzlers Helmut Schmidt, 1976
Adenauer-Plastik von Hubertus von Pilgrim

Als erstes Gebäude für das Kanzleramt der Bundesrepublik diente ab 1949 das Palais Schaumburg in Bonn. In den 1950er-Jahren entstanden als Häuser 2 und 3 nahegelegene Ergänzungsbauten. 1969 wurde das Aufgabenspektrum der des Amtes durch die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt und dessen Kanzleramtschef Horst Ehmke um verschiedene Aspekte der Bildungs-, Sozial- und Technologiepolitik erweitert. Um den gewachsenen Anforderungen gerecht werden zu können, für die auch das erweiterte Gelände des Palais zu klein geworden war, beschloss das Bundeskabinett noch im Dezember 1969, unmittelbar südlich des alten auf der sogenannten Görreswiese in direkter Nachbarschaft zum Presse- und Informationsamt der Bundesregierung ein neues Kanzleramtsgebäude zu errichten. Mit der Planung wurde die Planungsgruppe Stieldorf beauftragt, die aus einem bundesweit offen ausgeschriebenen Wettbewerb als Sieger hervorging. Für die künstlerische Ausgestaltung der Gebäude und des Außenbereichs fand 1974 ein eigener Wettbewerb statt. 1973 begannen die Bauarbeiten, im Juli 1976 wurde der architektonisch schlichte Neubau eingeweiht. Das Palais Schaumburg wurde weiterhin, aber vorwiegend zu Repräsentationszwecken genutzt. Das Parkgelände mit einer zentralen Einfahrt von der Görresstraße her umschließt als drittes Gebäude den Kanzlerbungalow, der als offizieller Bonner Wohnsitz des Bundeskanzlers diente.

Das Bundeskanzleramtsgebäude besteht aus einem dreigeschossigen Komplex mit zwei Untergeschossen, der sich in zwei Bauteile gliedert: den sogenannten „Abteilungsbau“ und den „Kanzler- und Kabinettsbau“. Der Abteilungsbau fußt auf einem Grundrissraster, das jeweils knapp 100 m² stützenfreie Flächen im Innern erzeugt, und wird durch den auf der Rheinseite (im Osten) gelegenen Haupteingang betreten. Nördlich des Abteilungsbaus liegt versetzt der wesentlich kleinere Kanzler- und Kabinettsbau mit separatem Eingang. Die Erdgeschossfassaden sind hier weitgehend zurückgesetzt und vollverglast, um einen größtmöglichen Durchblick in die dahinter liegende alte Parklandschaft zu ermöglichen (zur Planungszeit hatte es noch Überlegungen gegeben, das Gelände der Öffentlichkeit zugänglich zu machen).

Die freie Stahlskelettkonstruktion (mit nur sechs Betonkernen als Festpunkte) erlaubt durch veränderbare Wände die Anpassung an alle organisatorischen Anforderungen. Die geringe Höhenentwicklung (unterhalb der Baumkronen des Parks und dem First des Palais Schaumburgs) – und das bei einem Neubauvolumen von über 200.000 m³ Kubatur, 30.000 m² Nutzflächen und 13.000 m² Fassade – begründete die Entscheidung der Jury für Preis und Ausführung.

Die architektonische Qualität des Bauwerkes war umstritten. Kritiker bemängelten seine unentschlossene und zurückhaltende städtebauliche Stellung. Bundeskanzler Helmut Schmidt wird das Zitat zugeschrieben, der Bau habe den „Charme einer rheinischen Sparkasse“. Die in der Wettbewerbsausschreibung geforderte städtebauliche Zurückhaltung, gewisse puristische ästhetische Qualitäten und auch die für funktional befundene Binnengliederung (vollflexibel-gestaltbare Grundrisse) werden jedoch positiv hervorgehoben.

Skulptur von Henry Moore

Der erste Hausherr Helmut Schmidt ließ 1979 den Vorplatz des neuen Gebäudes umgestalten, wobei eine große Grünfläche angelegt und dort die Skulptur Large Two Forms von Henry Moore (heute denkmalgeschützt) aufgestellt wurde. Im Mai 1982 wurde auf dem außerhalb gelegenen Bundeskanzlerplatz eine Kopfplastik von Konrad Adenauer aufgestellt, die zum Symbol der Bonner Republik wurde.

Im Zuge der Verlegung des Regierungssitzes zog das Bundeskanzleramt 1999 mit seinem Hauptsitz nach Berlin um. Im Bonner Bundeskanzleramtsgebäude wurde zunächst ein zweiter Dienstsitz belassen, der im Mai 2001 in das Palais Schaumburg verlegt wurde. Zugleich wurde das Gebäude mit dem Haus 2 (Liegenschaft Adenauerallee Süd) dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) übergeben. Damit das Ministerium in die Liegenschaft einziehen konnte, wurde im Zeitraum von 1999 bis 2005 eine umfangreiche Generalinstandsetzung durchgeführt, in deren Gesamtumfang eine der in Deutschland größten Spritzasbest-Sanierungsmaßnahmen erfolgreich umgesetzt wurde.[2] Das BMZ zog anschließend aus dem „Bonn-Karree“ südlich der Museumsmeile in das ehemalige Kanzleramt um.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Claudia Euskirchen, Olaf Gisbertz, Ulrich Schäfer u. a. (Bearb.): Nordrhein-Westfalen I. Rheinland. (=Georg Dehio (†): Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler). Deutscher Kunstverlag, München 2005, ISBN 978-3422030930, S. 169.
  • Andreas Denk, Ingeborg Flagge: Architekturführer Bonn. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-496-01150-5, S. 114.
  • Ingeborg Flagge: Architektur in Bonn nach 1945. Verlag Ludwig Röhrscheid, Bonn 1984, ISBN 3-7928-0479-4, S. 53.
  • Wilfried Täubner: Planungsgruppe Stieldorf. Bauten und Projekte, Köln 1974, S. 15–19.
  • Harald Biermann: Die Bundeskanzler und ihre Ämter (Hrsg. Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland), Bonn 2006.
  • Gabriele Zabel-Zottmann: Skulpturen und Objekte im öffentlichen Raum der Bundeshauptstadt Bonn. Aufgestellt von 1970 bis 1991. Dissertation, Bonn 2012. S. 48–67 (online (PDF-Datei; 6,01 MB))

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bundeskanzleramt (Bonn) – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Denkmalliste der Stadt Bonn, S. 3, Nummer A 3972
  2. Anfang der 1970er Jahre war es gängige Praxis – und von der BAM empfohlen – Stahlträgerkonstruktionen als Feuerschutz mit Spritzasbest zu ummanteln. Das hatte sich auch beim Bau des New Yorker World Trade Centers bewährt

50.7193447.119173Koordinaten: 50° 43′ 9,6″ N, 7° 7′ 9″ O