Bunzl

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Dieser Artikel behandelt eine Firma mit Sitz in London. Zur Person des in London geborenen österreichischen Politikwissenschaftlers gleichen Nachnamens siehe John Bunzl
Bunzl plc
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Rechtsform Public Limited Company
ISIN GB00B0744B38
Gründung 1940
Sitz London, England, Vereinigtes Königreich
Leitung Anthony Habgood
Michael Roney
Mitarbeiter 12.830 (2007)
Umsatz ca. 4.172 Mio. EUR
Website www.bunzl.com

Bunzl plc ist ein börsennotierter Großhandels- und Logistikkonzern mit Sitz in London.

Profil der Gruppe[Bearbeiten]

Der Konzern, der weltweit operiert, ist in vier verschiedene geographische Einheiten gegliedert. Der US-amerikanische Markt macht fast die Hälfte des Umsatzes aus, gefolgt von den britischen Inseln. Des Weiteren hat in Amsterdam die kontinentaleuropäische Zentrale ihren Sitz. Außerdem bestehen in São Paulo und Melbourne Filialen für den restlichen Markt.

2008 bestehen Invesco (15 %), Aviva (7,65 %), Baillie Gifford & Co. (6,88 %), Legal & General (4,01 %) und Newton Investment Management (3,02 %) als größte Anteilseigner.

Umsatz von 2007 nach Bereich und Region
Bunzl plc Geschäftszahlen
Year ended Umsatz (in Millionen £) Gewinn vor Steuern (£m) Gewinn (£m) Gewinn je Aktie (p)
2007 3.582 191,1 130,1 39,8
2006 3.333 189,7 129,4 37,8
2005 2.924 176,7 124,2 35,4
2004 2.438 158,2 141,4 30,7
2004 2.438 200,9 127,4 28,7
2003 2.276 194,6 124,6 27,4

Geschichte[Bearbeiten]

Die Bunzl-Gruppe entstand 1940 in London aus dem Papierkonzern Bunzl & Biach AG mit Sitz in Wien. Seit 1957 wird sie an der Londoner Börse notiert. Aus Österreich hat sich die Gruppe jedoch 1979 zurückgezogen[1] und die dortigen Geschäfte der „Bunzl & Biach GmbH“ überlassen.

Bunzl & Biach AG[Bearbeiten]

Der Bunzl & Biach-Konzern geht auf die Gründung der Firma Emanuel Biach’s Eidam zurück, die 1854 von Moritz Bunzl in Preßburg gegründet wurde. Die Firma betrieb den „Hadernhandel“, das heißt, sie sammelte Textilabfälle und bereitete sie für die Verwertung durch die Textil- und Papierindustrie auf. 1881 eröffnete man in Wien eine Zweigniederlassung, die 1883 unter Leitung von Max Bunzl, einem Sohn des Gründers, zur Zentrale wurde[2]. Das Unternehmen organisierte ein sich über Mittel-, Ost- und Südosteuropa erstreckendes Netz zum Zwecke des „Hadernhandels“, erwarb jedoch selbst Fabriken zur Weiterverarbeitung (1886 eine Deckenfabrik im Piestingtal, 1888 eine Spinnerei in Ortmann bei Pernitz, 1918 die Papierfabrik Wattens, 1937 die Papierfabrik der Lenzing AG im gleichnamigen Ort) beziehungsweise errichtete neue Fabriken (1917 eine Papierfabrik in Ortmann). Neben dem Firmensitz in Wien war der Standort in Ortmann bei Pernitz in Niederösterreich für den Konzern von großer Bedeutung. Hier ließen die Eigentümer in den 1920er Jahren von dem berühmten Architekten Josef Frank konzipierte Arbeiterwohnsiedlungen (1919) und eine Villa (1914) für sich selbst errichten[3]. Nach dem Zerfall von Österreich-Ungarn im Jahr 1918 wurden in den Nachfolgestaaten eigene Tochtergesellschaften gegründet, zudem wurden zahlreiche weitere Beteiligungen erworben (u. a. Bossi Hutfabriks AG in Wien, Papiergroßhandlung Carl Mang GmbH in Wien, Wolf Blumberg & Söhne AG in Teplitz-Schönau).

Um dieses Firmengeflecht unter einem Dach zu vereinen und künftige Erbteilungen unter den Eigentümern zu erleichtern, wurde 1936 eine Bunzl-Holding AG mit Sitz in Zug in der Schweiz gegründet[4].

Die Eigentümer der Bunzl-Holding AG waren sechs Brüder, die mitsamt ihrer Familien nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 als Juden verfolgt und vertrieben, teilweise auch ermordet wurden (der Sohn Emil Bunzls, Hans Bunzl, ein Komponist, wurde im KZ Dachau ermordet).

Der Konzern der Bunzl & Biach AG wurde 1938 durch die Oesterreichische Kontrollbank für Industrie und Handel „arisiert“ und 1940 in „Kontropa – Kontinentale Rohstoffe und Papierindustrie AG“ umbenannt. Mitglieder des Direktoriums der Kontrollbank saßen nun im Aufsichtsrat der Kontropa und kontrollierten die Geschäfte, darunter vor allem der Jurist Walther Kastner, der sich vor allem zu verhindern bemühte, dass die Gesellschaft von „reichsdeutschen“ (d.h. nicht-österreichischen) Interessenten erworben wurde. Die Kontrollbank war lediglich als Auffanggesellschaft eingerichtet worden, die im Rahmen der „Arisierungen“ Firmen erwarb und – meist mit Gewinn – wieder weiterveräußte, jedoch nicht selbst dauerhaft betreiben sollte. Da in Österreich jedoch kein entsprechend finanzstarker Interessent zu finden war, übernahm schließlich ein Bankenkonsortium (bestehend aus den größten Geschäftsbanken Creditanstalt, Länderbank und den Privatbanken Schoeller & Co. und E. v. Nicolai) die Aktien mit der Absicht, sie im Publikum zu streuen.

Bunzl plc[Bearbeiten]

1940 gründeten Martin, Hugo und Georg Bunzl unter dem Namen „Tissue Papers Limited“ einen Konzern für Zigarettenfilter in Großbritannien. Unter den Kriegseinflüssen entwickelte sich die Firma jedoch nicht sonderlich gut. Nach Kriegsende wurde der Konzern 1947 im Zuge eines Rückstellungsverfahrens wieder von den vormaligen Eigentümern übernommen, aber nicht mit der britischen Firma vereinigt. Das während der NS-Herrschaft stark vergrößerte Werk in Lenzing – von der Thüringischen Zellwolle AG „arisiert“ – wurde im Rahmen eines Rückstellungsvergleiches geteilt, ein Teil der Bunzl & Biach AG zurückgestellt (Lenzinger Zellulose- und Papierfabrik AG), der andere existierte als Chemiefaser Lenzing AG selbständig weiter fort. 1969 wurden die beiden Lenzinger Betriebe wieder vereinigt.

Der Jurist Walther Kastner (Ordinarius für Handels- und Wertpapierrecht an der Universität Wien ab 1964), der als stellvertretender Direktor der Kontrollbank ab Herbst 1938 die „Arisierung“ des Bunzl & Biach-Konzerns maßgebend mitorganisiert hatte, war auch an den Rückstellungsverhandlungen beteiligt und saß von 1957 bis 1975 im Aufsichtsrat des Konzerns. Er war auch an den Verkaufsverhandlungen 1979 als Berater der Familie Bunzl beteiligt, als man das Werk in Österreich aus dem Familienvermögen abstieß[5].

1952 folgte die Umbenennung in „Bunzl Pulp & Paper Limited“. Man expandierte nach Südafrika und gründete 1954 die US-amerikanische Firma „American Filtrona“. Mit der Sensibilisierung der Bevölkerung hinsichtlich der Krebsgefahr beim Rauchen stieg die weltweite Filterproduktion erheblich an. So konnte sich Bunzl als Zulieferer für Imperial Tobacco und die Gallaher Group etablieren und damit die Filterproduktion auf das Zwölffache steigern.

Im Jahr 1974 erhielt das Unternehmen die Staatliche Auszeichnung und darf seither das Bundeswappen im Geschäftsverkehr verwenden.

Literatur[Bearbeiten]

  • Franz Mathis: "Big Business in Österreich. Österreichische Großunternehmen in Kurzdarstellungen." Wien 1987, S. 76-77.
  • Peter Melichar: "Arisierungen und Liquidierungen im Papier- und Holzsektor." In: Ulrike Felber u. a.: "Ökonomie der Arisierung. Teil 2: Wirtschaftssektoren, Branchen, Falldarstellungen." (= Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission 10/2) Wien 2004, S. 279-741, hier S. 311-335 („Bunzl & Biach“).
  • Walther Kastner: "Mein Leben – kein Traum. Aus dem Leben eines österreichischen Juristen." Wien o. J. (1980).
  • "Finanz-Compass. Österreich." Wien 1957-1975.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. History - Bunzl plc (englisch), abgerufen am 12. März 2014
  2. Franz Mathis, Big Business in Österreich. Österreichische Großunternehmen in Kurzdarstellungen, Wien 1987, S. 76-77
  3. Josef Frank. In: Architektenlexikon Wien 1770–1945. Herausgegeben vom Architekturzentrum Wien. Wien 2007.
  4. Peter Melichar, „Arisierungen“ und Liquidierungen im Papier- und Holzsektor, in: Ulrike Felber u. a., Ökonomie der „Arisierung“. Teil 2: Wirtschaftssektoren, Branchen, Falldarstellungen (= Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission 10/2), Wien 2004, S. 279-741, hier S. 311-335
  5. vgl. Walther Kastner, Mein Leben – kein Traum. Aus dem Leben eines österreichischen Juristen, Wien o. J. (1980); Finanz-Compass. Österreich, Wien 1957-1975

Weblinks[Bearbeiten]