Burg Rieneck

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Burg Rieneck
Außenansicht

Außenansicht

Entstehungszeit: um 1150
Burgentyp: Höhenburg
Erhaltungszustand: Wesentliche Teile erhalten
Ort: Rieneck
Geographische Lage 50° 5′ 40″ N, 9° 38′ 46″ O50.0944444444449.6461111111111Koordinaten: 50° 5′ 40″ N, 9° 38′ 46″ O
Burg Rieneck (Bayern)
Burg Rieneck
Innenhof
Bergfried (Dicker Turm) Burg Rieneck, Rückseite
Aufgang zur Burg; Wehrmauer

Die Burg Rieneck ist eine um 1150 entstandene Burg über der Stadt Rieneck im unterfränkischen Sinntal in Bayern. Sie ist heute die Jugendburg des Verbandes Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP). Bekannt ist die Burg für ihre auf dem europäischen Festland einmalige Turmkapelle, die sich komplett in der Wandung des Bergfrieds befindet.

Geschichte[Bearbeiten]

Ludwig I., Graf von Loon und Rieneck ließ das so genannte 'castrum Rinecke' um das Jahr 1150 an der nordöstlichen Grenze der Grafschaft Rieneck erbauen. Damit sollte der Machtbereich dieses Adelsgeschlechtes gegenüber den Interessen der umliegenden Territorien von Kurmainz, dem Hochstift Würzburg und Hochstift Fulda gesichert werden. Der kleine Hügel im Sinntal bot dafür aufgrund natürlicher Hindernisse ausgezeichnete Voraussetzungen: Nur in eine Richtung musste die Burg zusätzlich durch die Anlage eines Stichgrabens und eine möglichst geringe Angriffsfläche zu dieser Seite hin gesichert werden. Dies zeigt sich deutlich im Grundriss des Bergfrieds, des 19 m hohen „Dicken Turmes“, der außen ein unregelmäßiges Siebeneck darstellt, dessen eine Spitze in Richtung der nahen Hügel zeigt. Die Burganlage bestand zunächst nur aus dem von Befestigungsmauern umgebenen Burghof und Bergfried mit seinen vier bis acht Meter starken Mauern. Innerhalb der Burgmauern wurden daneben Fachwerkbauten errichtet, neben Wohngebäuden auch Lagerhäuser und Ställe, von denen im Wesentlichen nur noch der heutige Gewölbekeller der Burg erhalten geblieben ist.

Da das Wohnen im Turm der Burg verhältnismäßig unbequem war, lebte man hier nur in Kriegszeiten. Es gab keinen Eingang im Erdgeschoss (der heutige Eingang stammt aus dem 19. Jahrhundert), dafür aber zwei Zugänge in höheren Etagen, zu denen man mit Hilfe von schnell zu beseitigenden hölzernen Treppen an der Außenmauer gelangte. Der Zugang auf Höhe des zweiten Obergeschosses führte zum Hauptraum des Turms, dem Saal des Grafen. Ausgestattet mit Kochstelle, Waschbecken und einem „heimlichen Ort“ (Toilette) war er für damalige Verhältnisse sehr bequem eingerichtet. Die mit einem eigenen Zugang ausgestattete dritte Etage beherbergte die Kemenate, in der die Gräfin und ihr Gefolge während einer Belagerung sicher und wegen des Kamins aus dem Grafensaal warm untergebracht waren. In diesem Stockwerk befindet sich auch die auf dem europäischen Festland einzigartige Turmkapelle. Sie ist vollständig in die Außenmauer des Turms eingelassen, was den Baumeister seinerzeit vor eine große Herausforderung gestellt haben dürfte. Die wenigen erhaltenen Steinmetzarbeiten an den Wänden vermitteln noch heute einen Eindruck von der prunkvollen früheren Ausstattung der Kapelle.

Um das Jahr 1200 wurde die Burganlage stärker befestigt und der heute 29 m hohe achteckige „Dünne Turm“ zur Sicherung einer größeren Burgbesatzung erbaut. Auch er hatte ursprünglich keine Fenster und wie der Dicke Turm keinen ebenerdigen Zugang. In Inneren des Turms sind heute alle Spuren der einstigen Einrichtung verwischt und auch sein äußeres wurde wesentlich verändert. Der „Adlerhorst“ als sechstes Stockwerk und das heutige Dach des Turms wurden erst im 20. Jahrhundert eingebaut.

Im Zuge des Ausbaus der Befestigungsanlagen wurde auch die romanische Hofkapelle errichtet. Von deren Giebelwand sind nur noch Teile des Portals erhalten. Die Herkunft und Bedeutung der beiden aus der Zeit um 1300 stammenden Figurenplatten an der Außenfassade sind bis heute nicht endgültig geklärt. So ist ungewiss, ob sie ursprünglich zur Burg gehörten oder erst im 19. Jahrhundert herbeigeschafft wurden.

Die Burg bildete einen Anziehungspunkt für die Bevölkerung der Umgebung. Dies trug zum Wachstum des unterhalb des Burgbergs liegenden Ortes Rieneck bei, der seit Anfang des 13. Jahrhunderts als Stadt bezeichnet wird. Bald schon erschien den Grafen von Rieneck die Burg jedoch nicht mehr als standesgemäß und sie zogen Lohr als Wohnsitz vor.

Die Burg behielt ihre strategische Bedeutung, da sie die rieneckischen Gebietsansprüche sicherte und die Birkenhainer Straße, den wichtigsten mittelalterlichen Verkehrsweg der Region, kontrollierte. Spätestens seit dem Aussterben des Rienecker Grafengeschlechts im Jahre 1559 war die Burg nicht mehr ständig bewohnt und verfiel zusehends.

Die seit 1366 bestehenden Lehen fielen zurück an das Kurfürstentum Mainz und das Hochstift Würzburg. 1673 wurde die Grafschaft Rieneck an Johann Hartwig Graf von Nostitz verkauft, der sich damit die Standesrechte eines Reichsgrafen mit Sitz und Stimme im Reichstag sicherte. 1815 fällt die Grafschaft Rieneck an Bayern.

Um 1860 kaufte Professor Dr. Franz Rienecker die Burg, da er seine enge Verwandtschaft zum Rienecker Grafenhaus nachgewiesen glaubte. Er setzte sein Vermögen für so umfassende Restaurierungs- und Umbaumaßnahmen im Stil der Neugotik ein, dass heute eine Unterscheidung der mittelalterlichen Bausubstanz von den baulichen Veränderungen des 19. Jahrhunderts zuweilen schwerfällt.

In den 1920er Jahren stand die Burg im Besitz des Dichters und Schriftstellers Walter Bloem. 1929 wurde ein massiver Umbau vorgenommen: In den Dünnen Turm wurden Fenster gebrochen, der Verbindungstrakt zwischen beiden Türmen entstand und das Dach erhielt die ersten größeren Gauben. Danach wurde Burg Rieneck zunächst als Kinderferienheim dann als SA-Sportschule, als Lazarett, als Kriegsgefängnis und schließlich auch als Krankenhaus genutzt.

Die Burg heute als Pfadfinderburg[Bearbeiten]

1959 wurde die Burg von einem am 1. Mai 1959 eigens errichteten rechtsfähigen Verein "Erholungs- und Bildungswerk der Christlichen Pfadfinderschaft Deutschlands e.V." Christlichen Pfadfinderschaft Deutschlands (CPD) zunächst gepachtet und 1967 erworben. Der Verein sollte die wirtschaftliche Unabhängigkeit sichern, vor allem aber zum Schutz des Pfadfinderverbandes vor sich aus dem Unterhalt und Betrieb ergebenden Risiken dienen. Seit der Fusion der evangelischen Pfadfinderverbände (CPD, EMP und BCP) zum Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP) führt der Verein den Namen "Bildungs- und Erholungswerk Burg Rieneck e.V. des Verbandes Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder" – kurz BEW (Änderung am 5. Mai 1973).

Im Jahr 1976 wurde mit der Errichtung des Saalgebäudes der heutige bauliche Umfang der Burg erreicht. Nach einer Generalsanierung des Saaltraktes bis Mai 2003 entstand darin ein weiteres Dachgeschoss und somit der heutige bauliche Zustand. Die Pfadfinderburg Rieneck ist heute eines der Bundeszentren des Verbandes Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP) als Rechtsnachfolger des CPD und ist dessen internationales Schulungs- und Begegnungszentrum. Neben Tagungen und Fortbildungen finden hier auch musische Angebote des VCP statt.

Die Burg verfügt über 134 Betten sowie etliche Tagungsräume mit moderner Tagungstechnik. Daneben besteht seit 1998 ein Pfadfinder-Zeltplatz für etwa 100 Personen am Fuße der Burg, auf dem sich seit 2003 auch ein feststehendes Sanitärgebäude befindet. Seit 2006 besteht dort ein fest installierter Hochseilgarten.

Die Mitgliederversammlung des Bildungs- und Erholungswerk Burg Rieneck e.V. (BEW) setzt sich aus jeweils vier Delegierten aus den sogenannten drei "Säulen" zusammen: dem VCP, dem VCP e.V. (Rechtsträger des Pfadfinderverbandes) und dem Freundes- und Fördererkreis Burg Rieneck e.V. Darüber hinaus kann die Mitgliederversammlung bis zu sechs Sachkundige berufen. Aus der Mitgliederversammlung wird der fünfköpfige Vorstand für die Dauer von jeweils zwei Jahren gewählt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Walter Schilling: Die Burgen, Schlösser und Herrensitze Unterfrankens. 1. Auflage. Echter Verlag, Würzburg 2012, ISBN 978-3-429-03516-7, S. 354–355.

Weblinks[Bearbeiten]