Caliga

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Caliga (Begriffsklärung) aufgeführt.
Rekonstruierte Caliga

Die Caligae (Einzahl: Caliga) waren die Marschstiefel des römischen Militärs, die von der Römischen Republik bis in die hohe Römischen Kaiserzeit von den Legionären getragen wurden. Ihr Name leitet sich nach Isidor von Sevilla von dem harten Leder (callus) oder von der Tatsache, dass sie gebunden wurden (ligare) ab.[Q 1] Caligae werden häufig als eine Art Sandale beschrieben, bestanden allerdings im Gegensatz zur klassischen Sandale nicht aus einer mit Riemen am Fuß gehaltenen Sohle, sondern aus einem den Fuß fest umschließenden, vielfach durchbrochenden Oberschuh, der zusammen mit der obersten Lage der Sohle aus einem Stück gefertigt wurde.

Konstruktion[Bearbeiten]

Ferse einer Caliga aus Qasr Ibrim im British Museum

Das Oberleder der Caligae wurde aus einem Stück Leder gefertigt, dessen zentraler Bereich die oberste Schicht der Sohle bildet, welche von einem komplizierten System aus Laschen umgeben war. Dieses Muster wurde an der Ferse vernäht und über dem Fußrücken mit einem Riemen geschlossen, der durch die perforierten Enden der Laschen gezogen wurde. Die hohe Einheitlichkeit der gefundenen Caligae und die Tatsache, dass das Schnittmuster für das Oberleder eine effiziente Verwertung des Leders für mehrere Exemplare bei geringen Materialverlusten ermöglichte, lassen vermuten, dass die Schuhe für die Massenproduktion entworfen und möglicherweise nach ausgegebenen Vorlagen gefertigt wurden.[Lit 1][Lit 2]

Die Sohle wurde durch zwei weitere Lagen Leder auf eine Gesamtdicke von etwa acht Millimetern verstärkt. Die Unterseite der Sohle wies kein Profil oder einen Absatz auf, war aber dafür mit 80 bis 90 Eisennägeln mit halbkugeligen Köpfen (clavi, Einzahl clavus) besetzt, die auch die Schichten der Sohle zusammenhielten. Dazu wurde die eingeweichte Sohle auf einem Amboss fixiert und die Nägel von der Unterseite her eingeschlagen, so dass sie sich beim Auftreffen auf den Amboss verbogen und die Sohle hakenartig zusammenhielten.[Lit 1] Insgesamt wog ein Paar Caligae etwa 1.300 Gramm.[Lit 3]

Überlieferungsgeschichte[Bearbeiten]

An Fundplätzen aus dem 1. Jahrhundert, insbesondere am Limes, wurden zahlreiche Caligae geborgen, bei denen bei guten Bodenbedingungen sowohl die Leder- als auch die Metallbestandteile erhalten sind. Neben den Funden gibt es zahlreiche bildliche Darstellungen von Caligae, so zum Beispiel auf der Trajanssäule. Abdrücke der genagelten Sohlen sind auf Tonziegeln erhalten.[Lit 4]

Einsatz[Bearbeiten]

Caligae waren die Standard-Fußbekleidung der Mannschaftsränge der Legionen, sowie der höheren Ränge bis zum Centurio. Die Tribunen und Legaten trugen dagegen traditionelle, geschlossene Stiefel (Calceus). Neben den Legionen wurden Caligae auch von den Fußtruppen und der Reiterei der Auxiliartruppen getragen.[Lit 3] In der römischen Kavallerie konnten die Caligae mit zusätzlichen Sporen ausgestattet sein.[Lit 5] Gegen Ende des ersten Viertels des 2. Jahrhunderts scheinen die klassischen Caligae zumindest in den nördlichen Provinzen außer Mode geraten und durch geschlossene Schuhe ersetzt worden zu sein. Dies könnte eine Folge ihrer geringeren Eignung für kühlere Klimate oder mit dem aufwändigen Anlegen der Schuhe gewesen sein.[Lit 4][Lit 6] So benötigte das korrekte Anlegen eines Claigae-Paars im Experiment drei bis vier Minuten.[Lit 3]

Bei experimentalarchäologischen Versuchen erwiesen sich Caligae als robust und dem Fuß gut Halt gebend. Durch die Schnürung an der Vorderseite konnte die Caliga in gewissem Umfang an die aktuellen Bedürfnisse des Trägers angepasst werden. Die offene Konstruktion erlaubt das Eindringen von Schmutz und Wasser, die den Schuh aber genauso leicht wieder verlassen können, während die gute Belüftung der Ansammlung von Schweiß und damit der Bildung von Blasen vorbeugte. Die Sohlennägel schützten zum Einen die Ledersohle vor Abnutzung und wirkten nebenbei ähnlich wie die Stollen moderner Schuhe und gaben so auf weichem oder unebenen Boden festen Halt. Auf sehr hartem Boden schützten Caligae den Fuß allerdings nicht vor Erschütterungen, was teilweise durch eine angepasste Gehweise mit Aufsetzen der Zehenballen vor der Ferse kompensiert werden konnte.[Lit 3] Auf hartem glatten Boden bot die genagelte Sohle keinen Halt und barg die Gefahr des Ausrutschens.[Lit 3] Als antikes Beispiel dafür beschreibt Flavius Josephus, wie der römische Zenturio Julianus während der Belagerung des Jerusalemer Tempels auf dem Boden ausgleitet und anschließend von den jüdischen Aufständischen getötet werden konnte.[Q 2]

Während die Caligae den Fuss beim Marschieren ausreichend warm halten, war beim Rasten oder Wache stehen, besonders in kaltem Klima, ein weiterer Schutz des Fusses durch Gamaschen oder Strümpfe notwendig. Während solche Hilfmittel auf Skulpturen nicht dargestellt sind, ist ihr Gebrauch aus der antiken Literatur und aus Soldatenbriefen nachgewiesen. Für Kavalleristen war ein zusätzlicher Schutz besonders wünschenswert, da zum einen ihr weniger bewegter Fuss schneller fror, zum anderen das ungeschützte Schienenbeim beim Reiten empfindlicher für Verletzungen war.[Lit 6]

Kulturelle Rezeption[Bearbeiten]

Büste des römischen Kaisers Gaius Caesar, bekannt als „Caligula“

Schon in der Antike wurden die Caligae als charakteristische Ausrüstungsstücke der römischen Soldaten wahrgenommen und verschiedene Begriffe, die sich auf den Militärdienst beziehen, greifen Caligae als Kennzeichne der Soldaten auf. So wurden die Mannschaftsränge als milites caligatae bezeichnet und die aus ihnen hervorgehenden, höheren Ränge als milites ex caliga. Juvenal charakterisiert in seiner dritten Satire unter den verschiedenen Menschen, denen er in Rom begegnet, Soldaten durch ihre genagelten Sohlen und beschreibt hier und später, wenn er vom Militärdienst spricht, den schmerzhaften Kontakt mit den genagelten Sohlen von Soldaten.[Q 3] In dem Roman Satyricon von Titus Petronius Arbiter findet sich eine Szene, bei der der Erzähler versucht, sich als Soldat auszugeben, verrät sich allerdings durch seine weißen Schuhe.[Q 4] Caligae sind auch der Ursprung des Spitznamens „Caligula“ (kleine Caliga) des römischen Kaisers Gaius Caesar, der auf seine Kindheit im Feldlager seines Vaters Germanicus anspielt, wo der Junge eine für ihn angefertigte Miniaturausführung der regulären Soldatenkleidung getragen haben soll. [Lit 7]

Bis zum 4. Jahrhundert scheint man unter caligae nicht mehr ausschließlich die klassischen Militärstiefel verstanden zu haben, denn im Höchstpreisedikt des Kaisers Diokletian sind unter dieser Bezeichnung ungenagelte Schuh für Bauern und Maultiertreiber mit einem Höchtspreis von 120 Denarii und ebenfalls ungenagelte Schuhe für Soldenten für 100 Denarii aufgeführt. Ob diese Schuhe sonst wie die klassischen caligae konstruiert waren, ist unbekannt.[Lit 4] Als Begriff tauchen caligae auch in mittelalterlichen Texten wie den Bekleidungsregeln für Mönche auf, allerdings scheint sich hier eine Bedeutungsänderung ergeben zu haben, so dass nicht zu allen Zeiten klar ist, ob damit eine Fußbekleidung oder Formen von Unterbekleidung gemeint sind.[Lit 8]

Im 20. Jahrhundert wurden die Caligae im Rahmen von in der Antike spielender Historienfilme als charakteristisches, antikes Merkmal wahrgenommen, was sich in der Bezeichnung als „Sandalenfilm“ (auch englisch: sword-and-sandal und italienisch: sandaloni) niederschlägt. Dabei treten Caligae auch anachronistisch in Epochen und Regionen auf, in denen sie nicht getragen wurden, so zum Beispiel bei den historisch barfuß kämpfenden spartanischen Hopliten in „Der Löwe von Sparta“ (The 300 Spartans) von 1960.[Lit 9]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Marcus Junkelmann: Die Legionen des Augustus. Der römische Soldat im archäologischen Experiment (= Kulturgeschichte der antiken Welt. 33). 5. Auflage. Philipp von Zabern, Mainz 1991, ISBN 3-8053-0886-8, S. 158–161.
  •  Florian Himmler: „These boots are made for walking“ - Rekonstruktionen römischer Stiefel im Langstreckentest. In: Christian Koepfer, Florian Wolfgang Himmler, Josef Löffl (Hrsg.): Die römische Armee im Experiment (= Region im Umbruch. 6). Frank & Timme, Berlin 2011, ISBN 9783865963659, S. 193–220.
  • Walter Hatto Gross: Caliga. In: Der Kleine Pauly (KlP). Band 1, Stuttgart 1964, Sp. 1015.

Antike Quellen[Bearbeiten]

  1. Isidor von Sevilla, Etymologiae 19,34.
  2. Flavius Josephus, Jüdischer Krieg 6, 85.
  3. Juvenal, Saturae 3, 248 und 16, 24 f.
  4. Titus Petronius Arbiter, Satyricon 82.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b  Florian Himmler: „These boots are made for walking“ - Rekonstruktionen römischer Stiefel im Langstreckentest. In: Die römische Armee im Experiment (= Region im Umbruch. 6). Frank & Timme, Berlin 2011, ISBN 9783865963659, S. 197.
  2.  Ross Cowan: Römische Legionäre. Siegler, Königswinter 2007, ISBN 978-3-87748-658-0, S. 26.
  3. a b c d e  Marcus Junkelmann: Die Legionen des Augustus. Der römische Soldat im archäologischen Experiment (= Kulturgeschichte der antiken Welt. 33). 5. Auflage. Philipp von Zabern, Mainz 1991, ISBN 3-8053-0886-8, S. 158-161.
  4. a b c  Norma Goldman: Roman Footwear. In: Judith Lynn Sebesta, Larissa Bonfante (Hrsg.): The World of Roman Costume. Univ of Wisconsin Press, Madison 2001, ISBN 9780299138547, S. 122-123.
  5.  Michael Simkins: Die Römische Armee. Siegler, Sankt Augustin 2005, ISBN 978-3-87748-646-7, S. 33.
  6. a b  Marcus Junkelmann: Die Reiter Roms. Teil III:Zubehör, Reitweise, Bewaffnung (= Kulturgeschichte der antiken Welt. 53). 4. Auflage. Philipp von Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-1288-2, S. 128-129.
  7.  Pat Southern: The Roman Army: A Social and Institutional History. 1 Auflage. Oxford University Press, New York 2006, ISBN 9780195328783, S. 155.
  8.  Simon Tugwell: Caligae and Other Items of Medieval Religious Dress: A Lexical Study. In: Romance Philology. 61, Nr. 1, 2007, S. 1-23.
  9.  Konstantinos P. Nikoloutsos: Reviving the Past: Cinematic History and Popular Memory in The 300 Spartans (1962). In: Classical World. 106, Nr. 2, 2013, S. 261-283.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Caliga – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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