Canal Saint-Martin

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Nordufer Quai de Jemmapes, 2011

Der Canal Saint-Martin ist ein Schifffahrtskanal im Osten von Paris. 1825 eröffnet, verbindet er in nord-südlicher Richtung das Bassin de la Villette mit der Seine beim Port de l'Arsenal und verläuft auf fast der Hälfte seiner gut 4,5 Kilometer Länge in einem Tunnel.

Geschichte[Bearbeiten]

Unter der Place de la Bastille, 1860

Napoléon Bonaparte erließ am 19. Mai 1802 ein Dekret, dass ein Schifffahrtskanal (canal de navigation) zwischen der Bastion de l'Arsenal und dem Bassin de la Villette gebaut werden soll.

„Il sera ouvert un canal de navigation qui partira de la Seine au-dessous du bastion de l'Arsenal, se rendra dans les bassins de partage de la Villette [...]“

Loi du 29 Floréal An X[1]

Gleichzeitig vorgesehen war der Bau eines anschließenden Schifffahrtskanals, dem Canal Saint-Denis sowie dem Canal de l'Ourcq, der das Wasser aus dem knapp einhundert Kilometer nordöstlich von Paris gelegenen Fluss Ourcq heranführen sollte. Das Großprojekt war nötig, um erstens die Trinkwasserversorgung sicherzustellen und sauberes Wasser für Brunnen sowie die Straßen- und Kanalreinigung zu bekommen, sowie zweitens als Ausbau der Verkehrs- und Handelswege.[2]

Napoleon betraute den Architekten Pierre-Simon Girard am 15. September 1802 mit der Bauplanung. Da der geplante Canal Saint-Martin durch bereits urbanisiertes Gebiet führte, mussten zunächst zahlreiche Grundstücke den Eigentümern abgekauft[3] und Gebäude abgerissen werden, was die Bauarbeiten stark verzögerte. Auch die Kriege während des Ersten Kaiserreichs verhinderten einen schnellen Baustart. Erst 1813 konnte Girard mit ersten Arbeiten beginnen, und zwar am Kanaltunnel unter der Place de la Bastille, musste diese aber bald abbrechen.[4] Um den Kanalbau privat finanzieren zu lassen, gründete die Stadt Paris im April 1818 die Compagnie des canaux de Paris als Lizenzgeber.[5] Für eine Pacht von 5,47 Millionen Francs erhielten die Bankiers Vassal und Hainguerlot im November 1821 den Zuschlag und wurden Lizenznehmer für 99 Jahre.[6] Im Sommer 1822 konnten die Arbeiten wieder aufgenommen werden und nach drei Jahren Bauzeit wurde 1825 als letztes Teilstück die Place de la Bastille in einer 180 Meter langen Galerie unterquert.[7] Am 4. November 1825 wurde der Canal Saint-Martin von Karl X. eröffnet.[8] Zusammen mit dem Canal Saint-Denis wurde er anfangs Canal de la Seine à la Seine („Kanal von der Seine zur Seine“) genannt und kostete 24 Millionen Francs.

Die Schleuse Écluse du Temple am nördlichen Tunneleingang, 2005

Für den Bau eines querenden Boulevards (heute Boulevard Voltaire) im Zweiten Kaiserreich ließ der Präfekt von Paris Georges-Eugène Haussmann den Kanal zwischen der Place de la Bastille und der Avenue de la République auf einer Länge von anderthalb Kilometern unterirdisch legen (voûte souterraine), was durch Dekret vom 30. April 1859 geregelt wurde. Der Ingenieur Eugène Belgrand versetzte die Schleuse bei der Bastille nach Norden an die rue Faubourg du Temple. Über den rund fünf Meter abgesenkten Kanal konnten nun größere und stabilere Brücken gebaut werden. Auf dem Tunneldeckel entstand außerdem Platz für den sechzig Meter breiten Boulevard Richard-Lenoir.

1906 wurde der Tunnel um weitere 245 Meter nach Norden verlängert und per Dekret auch der Abriss der dortigen Docks genehmigt. Seitdem verläuft hier der Boulevard Jules-Ferry. 1963 war geplant, über dem Kanal eine Autobahn zu bauen, die die Flughäfen Le Bourget und Orly verbinden sollte. Das zu erwartende Verkehrsaufkommen von sechstausend Fahrzeugen pro Stunde in beiden Richtungen führte jedoch zu Protesten der Anwohner. Das Projekt wurde am 15. Dezember 1971 eingestellt. Seit dem Jahr 1983 sind auf dem Kanal Ausflugsschiffe zugelassen, die von einer privaten Reederei betrieben werden.[9] 1990 bekam der Kanal den Status eines Monument historique.[10]

Lage und Bedeutung[Bearbeiten]

Der Canal Saint-Martin verläuft in Nord-Süd Richtung durch den 10. und 11. Arrondissement sowie am Anfangs- und Endpunkt je ein kurzes Stück durch den 19. und 12. Arrondissement. Während er früher überwiegend von Lastkähnen (péniches) benutzt wurde, wird er seit den Sanierungen 1999 und 2002 hauptsächlich von Ausflugsschiffen und Privatbooten befahren. Er bildet einen Teil des 130 km langen Pariser Kanal-Netzwerks Réseau des Canaux Parisienne. Seine Uferpromenaden sind zu einem beliebten Erholungsort geworden. Sonn- und feiertags sind im 10. Arrondissement die Uferstraßen für den Auto-Durchgangsverkehr gesperrt.[11]

Technische Daten[Bearbeiten]

Der mautpflichtige Kanal ist 4.554 m lang, 27 m breit (in den unterirdischen Teilen 16-24 m) und enthält fünf Schleusen (écluses) – vier davon sind Doppelschleusen – und zwei Drehbrücken (ponts tournants) mit den Namen Dieu und Grange-aux-Belles. Sie wurden 1885 errichtet und ersetzten vorherige Holzkonstruktionen. Der Kanal überwindet einen Höhenunterschied von 24,5 Metern bei einer durchschnittlichen Wassertiefe von 2,32 m. Der unterirdische Teil des Kanals liegt in einem 8 m breiten halbkreisförmigen Tunnel; die Höhe des Tunnelbogens oberhalb des Wasserspiegels beträgt 5,25 Meter. Insgesamt ist der Tunnel heute 2.190 m lang.

Koordinaten[Bearbeiten]

Weitere Informationen[Bearbeiten]

  • Am nördlichen Kanaleingang steht die klassizistische Rotonde de la Villette von 1788 des Architekten Claude-Nicolas Ledoux.
  • Am Canal Saint-Martin befinden sich einige Industriegebäude aus dem 19. Jahrhundert, darunter eine Niederlassung der Gruppe Exacompta/Clairefontaine am quai de Jemmapes. Der Betrieb befindet sich in einem Monument historique und ist eine der letzten Fabriken von Paris.[12]
  • Das im Jahre 1885 erbaute Hôtel du Nord am quai de Jemmapes 102 war Drehort des von Marcel Carné gedrehten Films Hôtel du Nord (Premiere in Frankreich: 17. Dezember 1938), der die Atmosphäre dieser Kanallandschaft inmitten der Stadt verehrt. Durch ihn begann die Karriere der Pariser Schauspielerin Arletty. Heute fungiert das Hotel nur noch als Bar und Restaurant. Auch der Film Die fabelhafte Welt der Amélie (deutsche Premiere: 16. August 2001) spielt in der Gegend des Kanals.
  • Der Canal Saint-Martin ist Schauplatz einiger Romanhandlungen, u.a. bei Léo Malet und Georges Simenon. Jacques Tardi hat ihn gezeichnet.

Literatur[Bearbeiten]

  • Marie Babey: Je me souviens du Canal Saint-Martin. Editions Parigramme, Paris, 2006. 122 Seiten.
  • Chris Boicos u.a., Paris, RV Reise- und Verkehrsverlag, Berlin 1994, ISBN 3-89480-901-9, S. 260 - 261.
  • Pierre Pinon: Patrimoine fluvial. Canaux et rivières navigables. Nouvelles Editions Scala, Paris, 2009. 256 Seiten.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. N°1551. Bulletin des lois, n°193 et 194. Lois relatives aux Canaux et à la Navigation. Du 29 Floréal an X de la république Française. Paris, De l'Imprimerie du Dépôt des Lois, place du Carrousel. 1802, S.4.(online abgerufen am 15. November 2013).
  2. Pierre Simon Girard: Description générale des différens ouvrages à exécuter pour la distribution des eaux du Canal de l'Ourcq dans l'intérieur de Paris (...). Paris, l'Imprimerie Impérial, 1812. (online abgerufen am 15. November 2013).
  3. N°1551. Bulletin des lois, n°193 et 194. Lois relatives aux Canaux et à la Navigation. Du 29 Floréal an X de la république Française. Paris, De l'Imprimerie du Dépôt des Lois, place du Carrousel. 1802, S.4.(online abgerufen am 15. November 2013).
  4. Gotthilf Hagen, Beschreibung neuerer Wasserbauwerke in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz, Königsberg, 1826. S. 165.
  5. Bulletin des lois de la République Française, Band 7, 1825, S. 113
  6. Simon Lacordaire, Histoire secret du Paris soutterain
  7. Gotthilf Hagen, Beschreibung neuerer Wasserbauwerke in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz, Königsberg, 1826. S. 164 ff.
  8. Jean Baptiste J. Champagnac, Manuel des dates en forme de dictionnaire, 1839, S. 238
  9. Canauxrama
  10. http://www.culture.gouv.fr/public/mistral/merimee_fr?ACTION=CHERCHER&FIELD_1=REF&VALUE_1=PA00125440
  11. Stadt Paris über die Sperrung der Uferstraßen (pdf)
  12. Mairie de Paris, Direction de la protection de l’environnement: Rallye de l’eau. Paris, 2007. S.13.