Capitulación

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Eine Capitulación ist ein öffentlicher Vertrag, in der die Krone Kastiliens einem Adelantado die

  • zukünftige Entdeckung,
  • militärische Inbesitznahme im Namen der Krone und die
  • zivile Besiedlung

in der Regel auf dessen eigene Kosten gegen die Zusicherung des königlichen Anteils von zwanzig Prozent (Quinto real) der gefundenen Edelmetalle und -steine übertrug.[1] Der Vertrag hatte den Charakter einer Konzession an einen Privatunternehmer und legte die Rahmenbedingungen für eine genehmigte Expedition fest. Der Konzessionsnehmer verpflichtete sich zur Erschließung einer Provincia, eines begrenzten Gebietes, dessen Ausdehnung aufgrund der unklaren geographischen Verhältnisse oft falsch eingeschätzt wurde. In einer solchen Capitulación wurde der private Unternehmer innerhalb einer festgelegten Frist zur Errichtung von Siedlungen, Marktflecken und Städten nach exakt festgelegtem Schema, Häfen und Befestigungen verpflichtet, während ihm im Gegenzug neben dem königlichen Gnadenerweis (spanisch = "la merced"), der sich in Steuervergünstigungen und Bodenzuteilungen niederschlug meist ein Titel, wie Virrey (spanisch = Vizekönig), Gobernador (spanisch = Gouverneur), Teniente gobernador (spanisch = Stellvertretender Gouverneur) oder Capitán general (spanisch = Generalhauptmann), versprochen wurde. Eine Capitulación hat nichts mit einer Kapitulation zu tun, sondern es steht für Rekapitulation im Sinne einer Zusammenfassung der Übereinkunft (vgl. Kapitulation)! Sie ist auch keine Bestallungsurkunde (spanisch = "título") für ein Amt, denn die erfolgte separat.

In der Regel wurde der Adelantado in der Capitulación verpflichtet, das "Requerimiento" (spanisch = Aufforderung), die rituelle Annexion durch die Verlesung eines Ultimatums durchzuführen. Sie diente später der Legitimation der Versklavung: Der Darstellung der Prinzipien der christlichen Dogmatik und der vermeintlichen Rechte Spaniens zur Unterwerfung unter die Hoheit der kastilischen Krone folgte die Drohung mit Krieg und Versklavung für den Fall des Widerstands. Die Capitulación verpflichtete den Konzessionsinhaber ferner zum Gehorsam gegenüber der Krone, zur Rechenschaft über den königlichen Anteil, zu Siedlungsgründungen und zur Missionierung im Sinne des katholischen Glaubens. Um die königliche Rechts- und Steueraufsicht und das königliche Fünftel zu gewährleisten, legten die Capitulaciónes in der Regel die Teilnahme königlicher Aufseher, "Veedor", sowie Schreiber und Notare, "Escribanos", fest.[2]

Der Unternehmer erhielt durch die Capitulación den militärischen Oberbefehl über die von ihm selbst zu anzuwerbende und auszustattende Truppe, was im Erfolgsfall mit den höchsten militärischen, zivilen und richterlichen Befugnissen verbunden war, die eingeschränkt oder uneingeschränkt vererbbar waren. Nach Unterzeichnung der Capitulación oblag dem Unternehmer die Aufgabe, seine Expedition (z.B. sein Schiff) auszurüsten sowie Seeleute, Priester und Soldaten anzuwerben. Da die Conquistadores in der Regel keine königliche Soldaten oder Söldner waren, die vom Adelantado einen festen Sold[3] oder eine feste Heuer erhielten, sondern Freiwillige, die sich für den Kauf ihrer Ausrüstung selbst verschuldeten, war ihr Interesse darauf gerichtet, maximalen Gewinn aus der Expedition zu schlagen, denn nur so waren die enormen Schulden abzutragen.[4] Misserfolge, die bei einer Expedition nicht selten waren, konnte sich eigentlich niemand leisten, denn das Risiko trug in der Regel nicht die Krone, sondern ausschließlich die privaten Investoren.[5] Dies erklärt zumindest zum Teil die ungeheure Goldgier der Expeditionsteilnehmer.

Folge dieses Finanzierungsmodells der Expeditionen war eine weitere Kolonialinstitution, die das große Interesse an der Versklavung der Ureinwohner der Kolonie weckte: Der Adelantado erhielt das Recht zur "Encomienda" (spanisch = Anvertrauung, Zuweisung), Grundbesitz und Indios den Conquistadores auf Lebenszeit zuzuteilen: Sie berechtigte die Kolonialherren, die "Encomenderos", zur Bildung von Latifundien und verpflichtete die Indígenas zur Zwangsarbeit. Die Encomienda war während der mittelalterlichen Reconquista aus der freiwilligen Unterstellung freier Vasallen der Krone unter den Schutz eines Aristokraten im Gegenzug für dessen militärischen Schutz gegen maurische Angriffe entstanden und umfasste Abgaben und Arbeitsleistungen an den Grundherren.[6] Im kolonialen Zusammenhang durften die Conquistadores die Indígenas zu Tributleistungen in Form von Naturalabgaben und Arbeitsleistungen verpflichten, waren aber im Gegenzug zur christlichen Missionierung verpflichtet. Während aus den Privatarmeen der Conquistadores keine dauerhaften Militärverbände entstanden, verpflichtete die Encomienda die Encomenderos gegenüber der Krone, jederzeit Waffen und Pferd aufzubieten.[7] Sie unterhielten damit eine relativ schwache Kolonialarmee in Form einer städtischen Miliz.[8] Mit den Leyes Nuevas 1542 – 1545 sollte die Encomienda auf die erste Generation der Conquistadores beschränkt bleiben und Ausbeutung und Versklavung verhindern. Die spanische Krone war daran interessiert, die Wirkung der Capitulaciónes zu mildern und keinesfalls die Entstehung selbstherrlicher, gegenüber der Krone nach Autonomie strebender Grundherren zuzulassen. Zu diesem Zweck wurde auch eine eigene Behörde, die Casa de Contratación in Sevilla, geschaffen, deren Aufgabe es war, den Personen- und Warenverkehr zwischen dem kastilischen Mutterland und den Kolonien in der Neuen Welt zu kontrollieren, für die Abführung des Quinto real und die Einhaltung der kastilischen Gesetze zu sorgen.

Bereits zur Eroberung der Kanarischen Inseln stellte die kastilische Krone Capitulaciónes aus. Während die portugiesische Kolonisation Amerikas anfangs stärker nach lehnsrechtlichem Modell erfolgte, setzte die kastilische Krone recht früh auf individuelle unternehmerische Entfaltung.[9] Die bekannteste Capitulación ist die "Capitulación von Santa Fe" vom 17. April 1492, in der Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragón Christoph Kolumbus das Recht zur "Indienfahrt" nach Westen gewährten, des Weiteren wurde er zum "Admiral des Ozeans", sowie zum Vizekönig und Generalgouverneur aller von ihm entdeckten Inseln und Länder ernannt, außerdem war er nun berechtigt, den erblichen Titel eines "Dons" zu führen, darüber hinaus billigten sie ihm eine 10 %ige Provision auf den Warenverkehr zwischen dem Mutterland und den Kolonien zu.[10] [11] Kolumbus nahm nicht nur Goldproben aus der Karibik mit, er verschleppte auch Menschen zum Beweis für seine Anwesenheit in "Indien". Auch Francisco Pizarro ließ sich vor seiner Eroberung des Inkareichs eine Capitulación vom spanischen König Karl I. einräumen.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Amerika 1492 - 1992 - Neue Welten - Neue Wirklichkeiten, Ibero-Amerikanisches Institut Preußischer Kulturbesitz und Museum für Völkerkunde, Staatliche Museen zu Berlin, Braunschweig, 1992, ISBN 3-07-509509-5, S. 40
  2. Zeuske, Max: „Die Conquista“, Leipzig, 1992, ISBN 3-361-00369-5, S. 19
  3. Gründer, Horst: Eine Geschichte der europäischen Expansion, Leipzig, 1998, ISBN 3-8062-1757-2, S. 47
  4. Amerika 1492 - 1992 - Neue Welten - Neue Wirklichkeiten, Ibero-Amerikanisches Institut Preußischer Kulturbesitz und Museum für Völkerkunde, Staatliche Museen zu Berlin, Braunschweig, 1992, ISBN 3-07-509509-5, S. 40f
  5. Pérez, Joseph: Ferdinand und Isabella - Spanien zur Zeit der Katholischen Könige, München, 1995, ISBN 3-424-01238-6,S. 239
  6. Amerika 1492 - 1992 - Neue Welten - Neue Wirklichkeiten, Ibero-Amerikanisches Institut Preußischer Kulturbesitz und Museum für Völkerkunde, Staatliche Museen zu Berlin, Braunschweig, 1992, ISBN 3-07-509509-5, S. 41f
  7. Fischer Weltgeschichte: Süd- und Mittelamerika I - Die Indianerkulturen Altamerikas und die spanisch-portugiesische Kolonialherrschaft, Frankfurt, 1965, ISBN 3-436-01213-0, S. 158
  8. Gründer, Horst: Eine Geschichte der europäischen Expansion, Leipzig, 1998, ISBN 3-8062-1757-2, S. 51f
  9. Amerika 1492 - 1992 - Neue Welten - Neue Wirklichkeiten, Ibero-Amerikanisches Institut Preußischer Kulturbesitz und Museum für Völkerkunde, Staatliche Museen zu Berlin, Braunschweig, 1992, ISBN 3-07-509509-5, S. 40
  10. Dor-Ner, Zvi: Kolumbus und das Zeitalter der Entdeckungen, Köln, 1991, ISBN 3-8025-2214-1, S. 103f
  11. Niess, Frank: Am Anfang war Kolumbus. Geschichte einer Unterentwicklung. Lateinamerika 1492 bis heute. Piper, München [u.a.], 1991, ISBN 3-492-03480-2, S. 16.