Captatio benevolentiae

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Der lateinische Begriff Captatio benevolentiae (deutsch: „Erheischen des Wohlwollens“) bezeichnet eine seit der Antike gebräuchliche rhetorische Figur.

Zu Beginn eines Textes wendet sich der Autor mit schmeichelhaften Worten direkt an seinen Leser und bittet diesen darum, das Folgende freundlich anzunehmen. In der antiken Praxis erschien die captatio benevolentiae besonders häufig im Zusammenhang mit dem gesprochenen Wort, etwa zu Beginn einer Rede oder eines Theaterstücks. Sie kann daher auch als eine elaborierte Form des „Um-Ruhe-Bittens“ gegenüber dem zuhörenden Publikum aufgefasst werden.

In weniger ausgefeilter Form gehören captatio-benevolentiae-artige Floskeln bis heute zum Standardrepertoire jeder Rede. Im Theater hielt sich noch lange die Tradition, dem Beginn der eigentlichen Bühnenhandlung einen Prolog voranzustellen, ebenso wendet sich der Autor von längeren Prosatexten gelegentlich zunächst an den „geneigten Leser“.

Im weiteren Sinne wird unter Captatio benevolentiae jegliche Formel zur Erlangung des Wohlwollens beim Publikum verstanden, insbesondere Anbiederung und Schmeichelei.

Beispiele[Bearbeiten]

„Den Staat, Quiriten, und euer aller Leben, Vermögen, Wohlstand, eure Gattinnen und Kinder, und diesen Sitz des ruhmvollsten Reiches, diese hochbeglückte und herrliche Stadt seht ihr am heutigen Tag, durch die hohe Liebe der unsterblichen Götter für euch, durch meine Anstrengungen, Ratschläge und die von mir bestandenen Gefahren aus Mord und Brand, beinahe aus dem Rachen des Schicksals gerissen, gerettet und euch wieder geschenkt.“

Marcus Tullius Cicero: Dritte Rede gegen Catilina[1]

“A pair of star-cross'd lovers take their life
Whole misadventured piteous overthrows
Do with their death bury their parents' strife.
The fearful passage of their death-mark'd love,
And the continuance of their parents' rage,
Which, but their children's end, nought could remove,
Is now the two hours' traffic of our stage;
The which if you with patient ears attend,
What here shall miss, our toil shall strive to mend.”

„Im Vertrauen auf die gute Aufnahme und Achtung, die Ew. Exzellenz allen Produkten der Literatur erweist, als ein Fürst, der geneigt ist, die schönen Künste zu begünstigen, vorzüglich diejenigen, die durch ihren Adel sich nicht zum Dienste und zur Gewinnsucht des Pöbels herablassen, bin ich entschlossen, den sinnreichen Edlen Don Quixote von la Mancha an das Licht treten zu lassen, unter dem Schirme von Ew. Exzellenz ruhmvollen Namen, der ich mit der Ehrfurcht, die ich Ihrer Größe schuldig bin, bitte, ihn wohlwollend in Ihren Schutz aufzunehmen, damit er unter dieser Bedeckung, wenn ihm gleich die schöne Zier der Eleganz und Gelehrsamkeit mangelt, die gewöhnlich die Werke zu bekleiden pflegt, die in den Häusern gelehrter Männer geschrieben werden, dennoch dreist vor den Richtstuhl einiger zu erscheinen wage, die, nicht in den Schranken ihrer Unwissenheit zurückgehalten, mit vieler Strenge und weniger Gerechtigkeit fremde Arbeiten zu verdammen pflegen; denn wenn Ew. Exzellenz Ihre helle Einsicht auf meine gute Absicht richten, so werden Sie, wie ich hoffe, die Geringfügigkeit eines so unbedeutenden Dienstes nicht verschmähen.“

Miguel de Cervantes: Don Quijote[3]

„An Euer Hochwohlgeboren Herrn N.N., den wirklichen Leser dieses Buches.
Kopenhagen, im August 1843
Mein lieber Leser! Verzeih, dass ich so vertraulich zu Dir spreche, aber wir sind ja unter uns. Obgleich Du nämlich eine poetische Person bist, bist Du für mich jedoch keineswegs eine Mehrzahl, sondern nur einer, so sind wir doch bloß Du und ich.
Wenn man annehmen wollte, jeder, der ein Buch aus dem einen oder anderen zufälligen, das Buch selbst nicht betreffenden Grund liest, sei nur ein uneigentlicher Leser, so bleiben selbst für diejenigen Autoren vielleicht nicht viele eigentliche Leser übrig, deren Leserwelt sehr zahlreich ist; denn wem fällt es in unserer Zeit ein, einen Augenblick an den schnurrigen Gedanken zu vergeuden, es sei eine Kunst, ein guter Leser zu sein, geschweige denn, Zeit darauf zu verwenden, es zu werden? (...)“

Sören Kierkegaard: Die Wiederholung.[4]

„Zunächst danke ich meinem Gott durch Jesus Christus für euch alle, weil euer Glaube in der ganzen Welt verkündet wird..“

Paulus von Tarsus: Brief des Paulus an die Römer (Röm 1,8 EU)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Beginn der Dritten Rede gegen Catilina des Marcus Tullius Cicero
  2. Prolog von William Shakespeares Romeo und Julia
  3. Die Widmung zu Beginn von Miguel de Cervantes' Roman Don Quijote
  4. München (DTV), 2005, S. 432 f., übersetzt von Günther Jungbluth. Kierkegaard stellt diese Captatio benevolentiae in Form eines achtseitigen Briefs an den Leser an den Schluss seiner Schrift, um die Ungewöhnlichkeit ihres Plots gleichsam zu entschuldigen.