Carl von Rokitansky

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Karl Freiherr von Rokitansky, Lithographie von Joseph Kriehuber, 1839
Karl Freiherr von Rokitansky, Foto um 1870
Titelblatt der Erstausgabe

Carl Freiherr von Rokitansky (tschechisch: Karel Rokytanský) (* 19. Februar 1804 in Königgrätz, Böhmen; † 23. Juli 1878 in Wien) war Pathologe, Politiker und Philosoph.

Leben[Bearbeiten]

Karl Joseph Wenzel Prokop Rokitansky wurde als Sohn des Kreiskanzlisten von Leitmeritz, Prokop Rokitansky, im böhmischen Königgrätz geboren. Seine Mutter Theresia war Tochter des Königgrätzer Kreiskommisärs Lodgman Ritter von Auen. Karl war das erste von vier Kindern (Prokop, Marie, Theresie) der Familie. Durch den frühen Tod des Vaters († 1812) wuchs Carl mit seinen drei Geschwistern in kärglichen Verhältnissen auf. Trotz dieser Lage ermöglichte es ihm seine Mutter, dass er das Gymnasium in Königgrätz und danach den Prager Universität besuchen konnte. Hier musste er zuerst drei Semester Philosophie studieren, bevor er 1821 mit dem Studium der Medizin an der deutschen Karl-Ferdinands-Universität beginnen konnte. Die Vorlesungen wurden damals in den Sprachen Deutsch und Latein gehalten. Den Lebensunterhalt verdiente er sich durch Privatstunden. 1824 übersiedelte er nach Wien zu seinem Onkel Lodgman von Auen, um sein Medizinstudium an der Universität Wien fortzusetzen. Hier promovierte er am 6. März 1828 im Fach Medizin.

1834 heiratete er Maria Anna Weiss, eine von Antonio Salieri ausgebildete Sängerin, die ihre Karriere zugunsten der Familie aufgab. Aus der Ehe stammten vier Kinder: Hans war ein bekannter Sänger an der Wiener Hofoper, Viktor wurde ebenfalls Sänger und Gesangspädagoge; die beiden anderen Söhne waren Mediziner, Karl wurde Universitätsprofessor für Frauenheilkunde an der Universität Graz und Prokop (1842–1928) Ordinarius für Innere Medizin an der Universität Innsbruck.

In Wien arbeitete er zuerst als „unbesoldeter Practicant“ in der Pathologisch-Anatomischen Lehranstalt der Wiener Allgemeinen Krankenhauses. Sein erstes Obduktionsprotokoll stammt vom 23. Oktober 1827. Rokitansky promovierte am 6. März 1828 an der Universität Wien im Fach Medizin. Ab 1830 war er Assistent an der Pathologisch-Anatomischen Anstalt. 1832 wurde er supplierender ao. Professor und 1834 wurde er zum außerordentlichen Professor und Kustos des Pathologisch-Anatomischen Museums ernannt. 1844 erhielt er den ersten Lehrstuhl für Pathologische Anatomie an der Universität Wien. Rokitansky verbrachte sein ganzes wissenschaftliches Leben (1830 bis 1875) an dieser Institution.

Pathologe[Bearbeiten]

Rokitansky erkannte, dass die noch wenig beachtete Disziplin der Pathologischen Anatomie als Wissenschaft im Dienste der Klinik stehen müsse. Nur dann könne sie dem Arzt am Krankenbett neue Diagnose- und Therapiemöglichkeiten anbieten. Nach Gerard van Swieten, dem Begründer der Älteren oder Ersten Wiener Medizinischen Schule, löste Rokitansky damit eine wissenschaftliche „Revolution“ aus. Mit der Gründung der Jüngeren oder Zweiten Wiener Medizinischen Schule leitete der Pathologe gemeinsam mit dem Internisten Josef von Škoda und dem Dermatologen Ferdinand von Hebra einen Paradigmenwechsel ein, der die naturphilosophisch orientierte Medizin hin zur modernen, naturwissenschaftlich orientierten Medizin führte. Mit der Spezialisierung der Medizin, verbunden mit der Entwicklung neuer Disziplinen, erreichten „Wiener Mediziner“ Weltruf. Am Wiener Lehrstuhl folgte ihm Eduard von Hofmann.

Eine von Rokitansky 1846 formulierte spekulative Krasen- oder Blutmischungslehre wurde scharf unter anderem von Rudolf Virchow kritisiert, der Rokitansky andererseits wegen seiner Verdienste in der Pathologie hoch achtete. Rokitansky hatte dem Blut als Ort des pathologischen Geschehens bei allen nicht genau lokalisierbaren Erkrankungen eine besondere Bedeutung zugewiesen und damit einen wohl letzten wissenschaftlichen Versuch einer Wiederbelebung humoralpathologischer Vorstellungen unternommen.[1]

Politiker[Bearbeiten]

Durch die Führungspositionen in verschiedensten akademischen und politischen Institutionen prägte Rokitansky auch die Ära des österreichischen Hochliberalismus. Er repräsentierte den Liberalismus des Bildungsbürgertums. Im Streben nach „Freiheit und Fortschritt“ trug er sowohl zur Universitätsreform bei, als auch zur wesentlichen Verbesserung des Gesundheitswesens. Er war mehrmals Dekan der medizinischen Fakultät, 1852 der erste frei gewählte Rektor aus dem medizinischen Professorenkollegium der Universität Wien und Präsident des Obersten Sanitätsrates. Schon 1850 leitete er die Gesellschaft der Ärzte in Wien, Rokitansky blieb ihr Präsident auf Lebenszeit. 1863 ernannte Staatsminister Anton von Schmerling den Liberalen zum medizinischen Studienreferenten im Innenministerium, am 25. November 1867 wurde er von Kaiser Franz Joseph I. „unerwartet und unvorbereitet“ ins Herrenhaus des Reichsrats berufen. 1870 wählte ihn schließlich die neu gegründete Anthropologische Gesellschaft zum ersten Präsidenten. 1874 erfolgte die Erhebung Rokitanskys in den Freiherrenstand durch Kaiser Franz Joseph I.

Philosoph[Bearbeiten]

Obwohl Rokitansky in der naturwissenschaftlichen Forschung für die „materialistische Methode“ eintrat, lehnte er den Materialismus als Weltanschauung ab. In der Festrede anlässlich der Eröffnung des Pathologisch-Anatomischen Instituts im Allgemeinen Krankenhaus in Wien warnte er eindringlich davor, „die Freiheit der Naturforschung“ zu missbrauchen. Der Naturforscher müsse sich zuerst des Menschen als „erkennendem Subjekt“ bewusst werden und dürfe erst dann „dem Drange nach Erkenntnis“ folgen. Wenn der Mensch in der Medizin nur mehr als Objekt der Forschung gelte, ginge die Würde des Menschen verloren. Damit thematisierte der Humanist zukunftsweisend die Frage der Ethik in der Medizin. Tierversuchen stand Rokitansky aus ethischen, aber auch aus wissenschaftlichen Überlegungen kritisch gegenüber, da „die Entwicklungsgeschichte, die pathologische Anatomie und die klinische Beobachtung eine Anzahl von Tatsachen liefern, welche mehr wert sind als tausend Experimente“.[2] In der Rede über die „Solidarität alles Tierlebens“ an der „Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften“ zeigte er seine Nähe zu Arthur Schopenhauers Mitleidslehre. „Wenn wir […] Mitleid hegen und üben“, erklärte er, würden wir „einen Theil der Last des Leidens von den Leidenden nehmen“. Menschliche Größe zeige sich in der Befähigung, durch Aggressionsverzicht „freiwillig die größten Leiden“ zu übernehmen. Jene, denen dies gelänge, sollten unsere „großen ethischen Vorbilder“ sein.

Am 17. Juli 1848 wurde Rokitansky zum wirklichen Mitglied der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften gewählt, 1866 zum Vizepräsidenten und von 1869 bis zu seinem Tode am 23. Juli 1878 war der Gelehrte ihr Präsident. Er empfand diese Auszeichnung „als die größte Ehre, die ich genieße“.

Er ruht in einem ehrenhalber gewidmeten Grab auf dem Hernalser Friedhof (Gruppe AR, Nummer 24) in Wien.

Ehrungen und Würdigungen[Bearbeiten]

1874 wurde er als Freiherr von Rokitansky von Kaiser Franz Josef in den Adelsstand erhoben. Er war Inhaber des Kommandeurkreuz des österreichischen Leopoldordens und Ehrenbürger der Stadt Wien. Rokitansky war Ehrendoktor der Universitäten Prag, Jena und Krakau. Im Jahr 1864 wurde in Wien Hernals (17. Bezirk) die Rokitanskygasse nach ihm benannt. Im Jahr 1954 brachte anlässlich seines 150. Geburtstages die österreichische Post eine Sonderbriefmarke heraus.[3]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Rokitansky Carl, „Zur Orientierung über Medizin und deren Praxis“. Vortrag gehalten bei der feierlichen Sitzung der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften am 31. Mai 1858. In: Almanach der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 9 (Wien 1859) 119–152.
  • Carl von, Festrede: Freiheit der Naturforschung. Feierliche Eröffnung des pathologisch-anatomischen Instituts im k. k. allg. Krankenhaus am 24. Mai 1862 (Wien 1862).
  • Rokitansky Carl von, Die Conformität der Universitäten mit Rücksicht auf gegenwärtige österreichische Zustände (Wien 1863).
  • Rokitansky Carl von, Zeitfragen betreffend die Universität mit besonderer Beziehung auf Medizin (Wien 1863).
  • Rokitansky Carl, Der selbstständige Werth des Wissens. Vortrag gehalten in der Sitzung der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften am 31. Mai 1867, 2., von der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften genehmigte Auflage (Wien 1869).
  • Rokitansky Carl, Die Solidarität alles Thierlebens. Vortrag gehalten bei der feierlichen Sitzung der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften am 31. Mai 1869. In: Almanach der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 19 (Wien 1869) 185–220.
  • Rokitansky Carl, Die Defecte der Scheidewände des Herzens. Pathologische anatomische Abhandlung (Wien 1875).
  • Rokitansky Carl von, Selbstbiographie und Antrittsrede. Eingeleitet, ed. und mit Erläuterungen versehen von Lesky Erna (Wien 1960).

Literatur[Bearbeiten]

  • Wilde William Robert, „Its literary, scientific and medical institutions“. Mit Bemerkungen zum derzeitigen Stand der Wissenschaft (Dublin-London-Edinburgh 1843).
  • Constantin von Wurzbach: Rokitansky, Karl. In: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. Band 26, Verlag L. C. Zamarski, Wien 1874, S. 288–295.
  • Julius Leopold Pagel.: Rokitansky, Karl Freiherr von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 29, Duncker & Humblot, Leipzig 1889, S. 69–72.
  • Die Wiener Medizinische Schule im Vormärz, ed. Neuburger Max (Wien-Berlin-Leipzig 1921).
  • Rössle Robert, Karl von Rokitansky und Rudolf Virchow. In: Sonderabdruck. Wiener Medizinische Wochenschrift 84,15 (1934) 1–9.
  • Schönbauer Leopold, Das medizinische Wien. Geschichte, Werden, Würdigung. 2. umgearbeitete und erweiterte Auflage (Wien 1947).
  • Schönbauer Leopold, Carl von Rokitansky. In: Wiener klinische Wochenschrift 66, 8 (1954) 131–134.
  • Chiari Hermann, Carl von Rokitanskys Bedeutung für die pathologische Anatomie. Vortrag, gehalten am 19. Februar 1954 in der Sitzung der Gesellschaft der Aerzte in Wien anlässlich der 150. Wiederkehr des Geburtstages Carl Frh. V. Rokitanskys. In: Wiener klinische Wochenschrift 66, 8 (1954) 134–137.
  • Rokitansky Karl, Gedenkworte seines Enkels Dr. Karl Freiherr v. Rokitansky. In: Sonderabdruck aus „Österreichische Furche“ Nr. 8 vom 20. Februar 1954.
  • Klemperer Paul, Notes on Carl von Rokitansky’s Autobiography and Inaugural Address. In: Bulletin of the History of Medicine, Vol. 35 (1961) 374–380.
  • Lesky Erna, Die Wiener medizinische Schule im 19. Jahrhundert (= Studien zur Geschichte der Universität Wien 6, Graz-Köln 1965).
  • Rokitansky Ottokar, Carl Freiherr von Rokitansky. In: Tausend Jahre Österreich. Eine biographische Chronik 2: Vom Biedermeier bis zur Gründung der modernen Parteien, ed. Pollack Walter (Wien-München 1973).
  • Miciotto Robert J., Carl Rokitansky: Nineteenth-century pathologist and leader of the New Vienna School (Dissertation Johns Hopkins University, Baltimore 1979).
  • Meilensteine der Wiener Medizin: Große Ärzte Österreichs in drei Jahrhunderten, ed. Lesky Erna (Wien 1981).
  • H. Wyklicky: Rokitansky Karl Frh. von. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 9. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1988, ISBN 3-7001-1483-4, S. 221 f. (Direktlinks auf S. 221, S. 222).
  • Wyklicky Helmut, Karl Freiherr von Rokitansky. In: Sonderdruck Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (Wien 1986).
  • Oscar Wildes Vater über Metternichs Österreich. William Wilde – ein irischer Augenarzt über Biedermeier und Vormärz in Wien, ed. Montjoye Irene (= Studien zur Geschichte Südosteuropas 5, ed. Hering Gunnar, Frankfurt am Main-Bern-New York 1989).
  • Luprecht Mark, „What people call pessimism”: Sigmund Freud, Arthur Schnitzler and Nineteenth-Century Controversy at the University of Vienna Medical School (Riverside, California 1991).
  • Sablik Karl, Der Beginn der Zweiten Wiener Medizinischen Schule: Ein philosophisch – medizinischer Paradigmenwechsel. In: Verdrängter Humanismus. Verzögerte Aufklärung 3: Bildung und Einbildung vom verfehlten Bürgerlichen zum Liberalismus. Philosophie in Österreich (1820–1880), edd. Benedikt Michael/Knoll Reinhold/Rupitz Joseph (Wien 1995).
  • Seebacher Felicitas, „Primum humanitas, alterum scientia“. Die Wiener Medizinische Schule im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik (Dissertation Universität Klagenfurt 2000).
  • Sedivy Roland, Carl Freiherr von Rokitansky, Wegbereiter der Pathologischen Anatomie (Wien 2001).
  • Andree Christian, Rokitansky und Virchow – die Giganten der Pathologie in disputatio. In: Wiener Medizinische Wochenschrift 154, 19/20 (2004) 458–466.
  • Rokitansky Alexander M., Ein Leben an der Schwelle. In. Wiener Medizinische Wochenschrift 154, 19–20 (2004) 454–457.
  • Schaller Anton, Reflexionen des Frauenarztes der Gegenwart auf das pathologisch-anatomische Lebenswerk Carl Freiherr v. Rokitanskys. In: Wiener Medizinische Wochenschrift 154, 19/20 (2004) 477–481.
  • Sedivy Roland, Carl Rokitansky und die Ambivalenz zwischen Naturphilosophie und Naturwissenschaft. Naturwissenschaftliche Rundschau 57(12)(2004) 661–669.
  • Rokitansky Ottokar, Carl Freiherr von Rokitansky – zum 200. Geburtstag. Eine Jubiläumsgedenkschrift. In: Wiener klinische Wochenschrift 116,23 (2004) 772–778.
  • Wiener klinische Wochenschrift. The middle european journal of medicine, ed. Druml W./Sinzinger H. Special issue: Carolus Rokitansky – conditor pathologicae anatomiae: on the occasion of his 200th anniversary, guest editor Sedivy Roland 116,23 (2004).
  • Wiener Medizinische Wochenschrift. Themenschwerpunkt: 200 Jahre Carl Freiherr von Rokitansky, ed. Sedivy Roland 154,19/20 (2004).
  • Gabriela Schmidt: Rokitansky, Carl Freiherr von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 22, Duncker & Humblot, Berlin 2005, ISBN 3-428-11203-2, S. 8 f. (Digitalisat).
  • Helmut Rumpler; Helmut Denk (Hrsg.); Christine Ottner (Redaktion): Carl Freiherr von Rokitansky 1804 – 1878. Pathologe, Politiker, Philosoph, Gründer der Wiener Medizinischen Schule des 19. Jahrhunderts. Böhlau: Wien, 2005, ISBN 3-205-77205-9.
  • Seebacher Felicitas, „Freiheit der Naturforschung!“ Carl Freiherr von Rokitansky und die Wiener Medizinische Schule: Wissenschaft und Politik im Konflikt. Mit einem Vorwort von Helmut Denk und einer Einführung von Günther Hödl. Bildteil: Karl Sablik (=Österreichische Akademie der Wissenschaften, Mathematisch-Naturwissenschaftliche Klasse. Veröffentlichungen der Kommission für Geschichte der Naturwissenschaften, Mathematik und Medizin Nr. 56, Wien 2006).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wolfgang Eckart, Geschichte der Medizin, Springer Verlag 1990, S. 210
  2. Kritische Beiträge zur Physiologie und Pathologie, 1875
  3. Eintrag zu Carl von Rokitansky in: Austria-Forum, dem österreichischen Wissensnetz – online  (als Briefmarkendarstellung) abgerufen am 16. Dezember 2011