Caroline Unger

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Caroline Unger, nach einer Lithographie von Joseph Kriehuber, 1839 (Ausschnitt)

Caroline Maria Unger (* 28. Oktober 1803 in Wien; † 23. März 1877 in Florenz) war eine österreichische Sängerin.

Leben[Bearbeiten]

Caroline Unger war das einzige Kind aus der Ehe des Literaten Johann Karl Unger mit einer aus Polen stammenden Baronesse Anna von Karwinska. Die Familie wohnte damals in der Herrengasse Nr. 36. Sie wurde in der Pfarre Alservorstadt auf die Namen Carolina Maria getauft.[1] Als Taufpatin ist die Schriftstellerin Caroline Pichler vermerkt, die auf dem Alsergrund wohnte und in ihren Erinnerungen schreibt: „Auch ein Herr Unger, ein zierlicher Dichter und recht gebildeter Mann, der in unserer Nachbarschaft lebte, schloß sich unserm Kreis an. Seine Frau, eine geborne Baronesse Karvinsky, war ihrer Entbindung nahe – sie baten mich, ihr Kind zur Taufe zu halten, ich tat es gern; es war ein Mädchen, sie erhielt meinen Namen, und wurde die berühmte Sängerin Carolina Ungher.“[2]

Sie wurde zunächst im k. k. Mädchenpensionat erzogen und studierte in Wien bei den Pädagogen Joseph Mozzati sowie bei Mozarts Schwägerin Aloisia Lange, bei Johann Michael Vogl und bei Domenico Ronconi. Einer ihrer Klavierlehrer war Mozarts Sohn Franz Xaver Wolfgang Mozart.

Wiener Anfänge, Beethoven[Bearbeiten]

Im Februar 1821 debütierte sie im Kärntnertor-Theater als Dorabella in Mozarts Oper Così fan tutte.[3] Daneben trat sie als Konzertsängerin auf und sang bei der Uraufführung von Beethovens 9. Sinfonie am 7. Mai 1824 im Theater am Kärntnertor die Altpartie. Nach Aussagen von Sigismund Thalberg, der unter den Zuhörern war, drehte sie den völlig ertaubten Beethoven nach dem Ende des Scherzo zum jubelnden Publikum,[4] ebenso nach dem Ende des Chorfinales.[5]

Große Erfolge in Italien[Bearbeiten]

Im März 1825 ging sie mit dem Impresario Domenico Barbaja nach Italien, wo sie in den folgenden Jahren überwiegend auftrat und auf beispiellose Weise gefeiert wurde. Am 14. Februar 1829 sang sie in der Uraufführung von Bellinis La straniera an der Mailänder Scala die Partie der Isoletta, am 17. März 1833 erstmals die ebenfalls speziell für sie konzipierte Titelrolle in Donizettis Parisina am Teatro della Pergola in Florenz. Großen Erfolg hatte Unger in der Saison 1833/1834 am Théâtre des Italiens in Paris.

Zwei weitere Rollen, die für sie entstanden, waren die der Antonina in Donizettis Belisario, uraufgeführt am 4. Februar 1836 im Teatro La Fenice in Venedig, sowie die Titelrolle in Donizettis Maria de Rudenz, die erstmals am 30. Januar 1838 im selben Theater zur Aufführung gelangte.

Alexandre Dumas und Nikolaus Lenau[Bearbeiten]

1835 begann sie eine heimliche Affäre mit Alexandre Dumas, als dieser mit seiner späteren Frau, der Schauspielerin Ida Ferrier (1811–1859), Italien bereiste. Sie hoffte danach, Dumas würde zu ihr nach Italien kommen. Doch der letzte Liebesbrief, den sie ihm am 4. Februar 1836 aus Venedig schrieb – unmittelbar nach der Uraufführung von Donizettis Belisario –, blieb offenbar unbeantwortet. Es kam zu keinem Wiedersehen.

Als sie im Frühjahr 1839 in Wien gastierte, lernte sie dort am 24. Juni 1839 den Dichter Nikolaus Lenau kennen.[6] Auch dieses Verhältnis war nur von kurzer Dauer und scheiterte bald an unüberbrückbaren Differenzen. Lenau, der nur wenig Einnahmen hatte, lehnte es ab, sich von Caroline Unger aushalten zu lassen. Auf ihr Angebot, ihm zuliebe ihre Bühnenkarriere zu beenden, wollte er sich ebenso wenig einlassen.

Ehe mit François Sabatier[Bearbeiten]

Caroline Unger und François Sabatier, Ausschnitt aus dem Gemälde Das Atelier des Künstlers von Gustave Courbet (1855)

1840 begegnete sie in Rom dem 15 Jahre jüngeren französischen Gelehrten, Kunstkritiker und Mäzen François Sabatier (1818–1891), der auch als Übersetzer von Goethes Faust bekannt wurde. Ihn heiratete sie am 18. März 1841 in Florenz. Danach nahm sie an der Dresdner Oper letztmals ein Engagement an. Am 5. September 1841 nahm sie dort in der Rolle der Antonina in Donizettis Belisario Abschied vom Theater.[7] Im Publikum saß der Komponist Giacomo Meyerbeer, der in seinem Tagebuch vermerkte, dass Wilhelmine Schröder-Devrient und Karoline Bauer ihr zu Ehren jeweils eine Rede hielten, und dass es „Kränze“ und „allerhand andre Triumphe“ gab.[8]

Das Ehepaar Sabatier-Unger nahm anschließend seinen Wohnsitz in Florenz, wo beide in einem Renaiassance-Palast aus dem 14. Jahrhundert lebten, der bald zu einem intellektuellen Mittelpunkt der Stadt wurde. Zu den bekanntesten Gästen zählten der Historiker Otto Hartwig und die Schriftstellerin Fanny Lewald. Diese schwärmte: „Das schöne Haus mit seinen weiten, kühlen, durch Vorhänge beschatteten Gemächern, aus denen man auf die breiten Terrassen des blumenreichen, in Wohlgeruch schwimmenden Gartens hinaustrat; die Aussicht, die man von dieser milden Höhe auf das schöne Thal genoß, die inhaltreichen Gespräche, die Sabatier beständig anzuregen wußte, weil der Sinn beider Gatten immer auf das Große und Ernsthafte gerichtet war, hatten etwas Bezauberndes und zugleich etwas Erhebendes. Es war immer eine gewählte Gesellschaft in dem Hause; und es gehörte mit zu dem Schönsten, was den Gästen geboten wurde, wenn Caroline sich herbeiließ, eins oder das andere der von ihr komponirten und gelegentlich auch von ihr gedichteten Lieder am Klavier zu singen“.[9]

Zu ihren Schülerinnen zählten um 1845 die Pianistin Wilhelmine Clauss-Szarvady,[10] bis 1864 auch die Sängerin Anna Schimon-Regan.[11]

Caroline Unger starb am 23. März 1877 in Florenz und wurde auf dem Friedhof der Kirche San Miniato al Monte beigesetzt, auf dem später auch ihr Mann seine letzte Ruhestätte fand.[12]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hermann von Friesen: Ludwig Tieck. Erinnerungen eines alten Freundes aus den Jahren 1825–1842. Band 1, Wien 1871, S. 249–252.
  • Constant von Wurzbach: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. Band 49, Wien 1884, S. 66–70.
  • Heinrich Welti: Unger, Karoline. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 39, Duncker & Humblot, Leipzig 1895, S. 296–298.
  • Fanny Lewald: Caroline Ungher-Sabtier. In: Fanny Lewald: Zwölf Bilder nach dem Leben. Erinnerungen. Berlin 1888, S. 75–93.
  • Otto Hartwig: François Sabatier und Caroline Sabatier-Unger. In: Deutsche Rundschau. Band 91 (1897), S. 227–243.
  • Margit Faragó: Unger-Sabatier Karolina. Budapest 1941 (nur auf Ungarisch erschienen)
  • Jean Claparède: Le séjour de Courbet à la Tour de Farges. Paris 1950. (PDF; 1 MB)
  • Alexandre Dumas: Une aventure d’amour; un voyage en Italie; suivi de lettres inédites de Caroline Ungher à Alexandre Dumas. hrsg von Claude Schopp. Paris 1985.
  • Rudolph Angermüller: Ein ungedruckter Brief Franz Xaver Wolfgang Mozarts an Caroline Ungher-Sabatier, Wien, 26. Dezember 1842. In: Mitteilungen der Internationalen Stiftung Mozarteum. Jg. 43 (1995), Heft 3–4, S. 86–92.
  • Aldo Reggioli: Carolina Ungher: virtuosa di camera e cappella di S.A.R. il granduca di Toscana. Florenz 1996 (mit zahlreichen Abbildungen)
  • Peter Branscombe: Schubert and the Ungers: A Preliminary Study. In: Brian Newbould (Hrsg.): Schubert Studies. Aldershot 1998, S. 209–219.
  • Karl Josef Kutsch, Leo Riemens: Großes Sängerlexikon. 3. Auflage. Bern/ München 1999, Band 5, S. 3546.
  • Rotraut Fischer und Christina Ujma, Deutsch-Florentiner, Der Salon als italienisch-deutsche Austauschbühne im Florenz der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts, in: Europa–ein Salon?, Zur Internationalität des Salons, hrsg v. Roberto Simanowski, Horst Turck, Thomas Schmidt, Göttingen 1999, S. 127–146.
  • Rotraut Fischer und Christina Ujma, Fluchtpunkt Florenz – Deutsch-Florentiner in der Zeit des Risorgimento zwischen Epigonalität und Utopie, in: Marburger Forum. Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart, Jg. 7 (2006), Heft 3 – Online: http://www.philosophia-online.de/mafo/inhalt_index.htm
  • Michèle Pallier: De Vienne à Florence: L’itinéraire très romantique d’une cantatrice d’exception: Caroline Ungher-Sabatier (1803–1877). (PDF; 185 kB) In: Bulletin de l’Académie des Sciences et Lettres de Montpellier (2009). S. 341–354.
  • Michel Hilaire: L’autre Rencontre: François Sabatier et l’art «phalanstérien». In: Courbet/Proudon, l’art et le peuple. Ausstellungskatalog, Besançon 2010, S. 49–62 (mit mehreren Abbildungen, darunter ein Ölporträt von Caroline Unger)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wien, Pfarre Alservorstadt, Taufbuch 1800–1803, fol. 262.
  2. Caroline Pichler: Denkwürdigkeiten aus meinem Leben. München 1914, Band 1, S. 249.
  3. Allgemeine musikalische Zeitung, Jg. 23, Nr. 13 vom 28. März 1821, Sp. 201.
  4. Klaus Martin Kopitz, Rainer Cadenbach (Hrsg.): Beethoven aus der Sicht seiner Zeitgenossen. München 2009, Band 2, S. 983.
  5. Anton Schindler: Biographie von Ludwig van Beethoven. 3. Auflage. Münster 1860, Band 2, S. 71.
  6. Nikolaus Lenau: Werke und Briefe. Band 6.1, hrsg. von Norbert Oellers und Hartmut Steinecke, Wien 1990, S. 70.
  7. Anonym, Zur Feier des Abschieds der k. k. Kammersängerin Mme. Unger. In: Abendzeitung. Dresden, 21. September 1841.
  8. Giacomo Meyerbeer: Briefwechsel und Tagebücher. hrsg. von Heinz und Gudrun Becker, Band 3, Berlin 1975, S. 362.
  9. Fanny Lewald: Römisches Tagebuch 1845/46. hrsg. von Heinrich Spiero, Leipzig 1927, S. 27.
  10. Hartwig (1897), S. 237
  11. Lewald (1888), S. 90
  12. Hartwig (1897), S. 234

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Caroline Unger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien