Carpe diem

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Carpe diem auf einer Sonnenuhr

Carpe diem (dt. „Genieße den Tag“ oder wörtlich: „Pflücke den Tag“) ist eine Sentenz aus der um 23 v. Chr. entstandenen Ode „An Leukonoë“ des römischen Dichters Horaz (* 65 v. Chr.; † 8 v. Chr.). Sie fordert in der Schlusszeile als Fazit des Gedichtes dazu auf, die knappe Lebenszeit heute zu genießen und das nicht auf den nächsten Tag zu verschieben. Der Appell ist nicht, wie oft fälschlich angenommen, hedonistisch, sondern epikureisch gemeint. Im Deutschen wurde die Übersetzung „Nutze den Tag“ zum geflügelten Wort[1], die Horaz' Intention allerdings nicht vollständig wiedergibt.

Autor, Quelle und Parodie[Bearbeiten]

Horaz schrieb vier Lyrikbücher („Liber I–IV“) mit insgesamt 104 Gedichten („Carmina“). Das erste Buch enthält die Ode „An Leukonoë“ und wurde, wie das zweite und dritte, um 23 v. Chr. verfasst, das vierte entstand zehn Jahre später. Im Unterschied zu seinen griechischen Vorgängern war Horaz nur Dichter und nicht Musiker; deshalb waren seine „Lieder“ nicht vertont. Horaz verknüpft in ihnen gern die verschiedensten Themen, von Liebe, Freundschaft und Problemen des Alltags bis hin zu politischen und philosophischen Fragen. Mit treffenden Bildern, Aussparungen und leisen Untertönen gelingen ihm verhaltene, hintergründige Aussagen. Viele seiner Gedichte beginnen wuchtig und klingen dann leicht und heiter aus.

Carmen I,11[Bearbeiten]

Original:[2]

Tu ne quaesieris (scire nefas) quem mihi, quem tibi
finem di dederint, Leuconoe, nec Babylonios
temptaris numeros. Ut melius quicquid erit pati!
Seu pluris hiemes seu tribuit Iuppiter ultimam,
quae nunc oppositis debilitat pumicibus mare
Tyrrhenum, sapias, vina liques et spatio brevi
spem longam reseces. Dum loquimur, fugerit invida
aetas: carpe diem, quam minimum credula postero.

Übersetzung[3]

Frage nicht (denn eine Antwort ist unmöglich), welches Ende die Götter mir, welches sie dir,
Leukonoe, zugedacht haben, und versuche dich nicht an babylonischen Berechnungen!
Wie viel besser ist es doch, was immer kommen wird, zu ertragen!
Ganz gleich, ob Jupiter dir noch weitere Winter zugeteilt hat oder ob dieser jetzt,
der gerade das Tyrrhenische Meer an widrige Klippen branden lässt, dein letzter ist,
sei nicht dumm, filtere den Wein und verzichte auf jede weiter reichende Hoffnung!
Noch während wir hier reden, ist uns bereits die missgünstige Zeit entflohen:
Genieße den Tag, und vertraue möglichst wenig auf den folgenden!

Das Metrum (Versmaß) der Ode ist der in der lateinischen Lyrik relativ seltene asclepiadeus maior:

— — | — v v — | — v v — | — v v — | v x

Beispiel:

spēm lōngām rĕsĕcēs. Dūm lŏquĭmūr, fūgĕrĭt īnvĭda
aētās: cārpĕ dĭēm, quām mĭnĭmūm crēdŭlă pōstĕrō.

Christian Morgenstern parodierte das berühmte Lied des Horaz 1896 als „Studentenscherz“. Er griff dabei nicht nur den Inhalt des Vorbildes auf, sondern ahmte auch das Metrum nach.[4]

Horatius travestitus I, 11[Bearbeiten]

Laß das Fragen doch sein! Sorg dich doch nicht über den Tag hinaus!
Martha! Geh nicht mehr hin, bitte, zu der dummen Zigeunerin!
Nimm dein Los, wie es fällt! Lieber Gott, ob dies Jahr das letzte ist,
das beisammen uns sieht, oder ob wir alt wie Methusalem
werden: sieh’s doch nur ein: das, lieber Schatz, steht nicht in unsrer Macht.
Amüsier dich, und laß Wein und Konfekt schmecken dir wie bisher!
Seufzen macht mich nervös. Nun aber Schluß! All das ist Zeitverlust!
Küssen Sie mich, mon amie! Heute ist heut! Après nous le déluge!

Barock[Bearbeiten]

Kirchturm in Saara mit dem Text „Nütze die Zeit“ auf dem Zifferblatt

Carpe diem wurde zu einem zentralen Motiv der Dichtung des Barock. Die Erfahrungen des Dreißigjährigen Krieges führten im 17. Jahrhundert zu einem starken Gefühl der Vergänglichkeit: Vanitas Es ist alles eitel und Memento mori Bedenke, dass du sterben musst. Daraus entstand zugleich das Bedürfnis, das „Hier und Jetzt“ zu nutzen: „Denke nicht an die Ewigkeit, sondern nutze die Zeit, die dir bleibt, für dein Vergnügen!“ Die Sinnlichkeit des Barock und die Verspieltheit des Rokoko werden zentral auf diesen Appell zurückgeführt. Exemplarisch ist Martin Opitz’ Ode „Ich empfinde fast ein Grawen” von 1624.[5]

Variationen[Bearbeiten]

  • Die von Horaz’ Gedicht vermittelte Haltung, den Augenblick zu genießen und das Leben von der positiven Seite zu nehmen, ist auch zu anderen Zeiten zu finden, so im antiken Ägypten. In der Geschichte des Lebensmüden steht in der 68. Zeile: Schemes heru nefer s:mech mech (keine ägyptologische Umschrift, sondern ägyptologische Aussprache), dt. Folge den schönen Tagen und vergiss die Sorgen!
  • Hierher gehören auch die zahlreichen Variationen, die sich um die verwandten Motti des Memento mori und des dem griechischen Arzt Hippokrates zugeschriebenen und von Seneca überlieferten Vita brevis, ars longa ranken.
  • Das populäre, auf mittelalterliche Ursprünge zurückgehende Studentenlied Gaudeamus igitur variiert ebenfalls dasselbe Thema.
  • Mehrere Sonette von William Shakespeare thematisieren das Carpe diem, darunter auch einige seiner bekannten Procreation Sonnets.
  • Berühmt wurde das Gedicht des englischen Barockdichters To His Coy Mistress von Andrew Marvell (1621–1678), mit dem der Liebhaber seine spröde Schöne angesichts der Kurzlebigkeit ihrer Jugend zum (sexuellen) Genuss verführen will.
  • Dasselbe Ziel verfolgt Robert Herricks Gedicht To the Virgins, to Make Much of Time, das die jungen Damen daran erinnert, wie vergänglich ihre Schönheit ist: "Pflückt Rosenknospen solange es geht, die Zeit sehr schnell euch enteilt"
  • Chesterton widersprach: "Viele der brillantesten Intellektuellen unserer Zeit drängen uns zur verkrampften Jagd nach seltenen Lustbarkeiten. [...] Es ist die Religion des carpe diem; aber das ist nicht die Religion glücklicher, sondern höchst unglücklicher Menschen. Große Fröhlichkeit sammelt nicht die Rosenknospen, deren sie habhaft werden kann; ihre Augen hängen fest an der unsterblichen Rose, die Dante sah."[6]
  • Auch in vielen heutigen Redensarten und Sprichwörtern findet sich diese Lebenseinstellung, wie beispielsweise das Akronym YOLO verrät.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel, im 16. Kapitel: „Hören Sie, Sänger und Bruder, carpe diem. Wir Lateiner legen den Akzent auf die letzte Silbe. Nutze den Tag. […] Also noch einmal, was du tun willst, tue bald. Der Augenblick ist da;“
  2. Quintus Horatius Flaccus: Carmina: Carmen 1,11
  3. Vgl. „wortwörtliche Übersetzung“ von Hans Zimmermann, Görlitz, bei 12koerbe.de;
    siehe auch die Übersetzungen
    von Jakob Friedrich Schmidt 1776 books.google.de S. 61,
    anonym 1782 books.google.de,
    von Karl Wilhelm Ramler († 1798) books.google.de S. 12,
    von Johann Heinrich Voß 1806 books.google.de S. 28,
    von Johann Heinrich Martin Ernesti (1755–1836) books.google.de S. 28,
    von Karl Georg Neumann 1845 books.google.de S. 12
    und von Wilhelm Binder 1855 books.google.de S. 12
  4. Gegenüberstellung bei 12koerbe.de
  5. siehe Wikisource: Martin Opitz: Ode „Ich empfinde fast ein Grawen”. Achim von Arnim nahm das Gedicht sprachlich modernisiert unter dem Titel Ueberdruß der Gelahrtheit in Des Knaben Wunderhorn auf
  6. Gilbert Keith Chesterton: Ketzer. Eine Verteidigung der Orthodoxie gegen ihre Verächter. Deutsch von Monika Noll und Ulrich Enderwitz. 1995. Heretics (1905). 7. Omar and the Sacred Vine. http://www.cse.dmu.ac.uk/~mward/gkc/books/heretics/ch7.html

Weblinks[Bearbeiten]