Visitenkartenporträt

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Visitenkarte der Sojourner Truth (unbekannter Fotograf, um 1864), Teil der Alfred Whital Stern Collection of Lincolniana im Besitz der Library of Congress

Als Visitenkartenporträt (auch Visitenkartenfoto) bezeichnet man Fotos und Porträtfotografien, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts im standardisierten Format von 5,5 × 9 cm auf Karton aufgezogen wurden – sie hatten demnach etwa die Größe einer heutigen Visitenkarte. Diese wurden häufig zwischen Freunden und Familienangehörigen ausgetauscht und in speziellen Alben gesammelt.

Das Verfahren wurde 1854 von André Adolphe-Eugène Disdéri patentiert und hielt sich danach noch knapp bis ins 20. Jahrhundert. Bei den deutschen Studentenverbindungen wurden die Bilder noch bis in die beginnenden 1920er Jahre als Erinnerungsstücke verschenkt.

Geschichte und Entwicklung[Bearbeiten]

Die erste Notiz über die Einführung des Visitporträts (Carte de visite) findet man in der französischen Zeitschrift La Lumiere vom 28. Oktober 1854, wo es heißt: „Eine originelle Idee hatten E. Dellesert und Graf Aguado bezüglich der Verwendung kleiner Portraits. Bis jetzt trugen die Visitkarten Namen, Adresse und zuweilen den Titel der Personen, welche sie vorstellten. Weshalb sollte man nicht den Namen durch das Bildnis ersetzen können?“

Nach einer anderen Version soll der Herzog von Parma als Erfinder der Carte de Visite gelten. Er hatte 1857 den Einfall, sich auf seine Visitenkarte ein Photo zu kleben.

Aufschwung bekam die Visitkartenphotographie durch den Pariser Photographen und „Erfinder“ des Visitenkartenporträts André Adolphe-Eugène Disdéri, der 1854 auf diese Anwendung des Kollodiumverfahrens in Frankreich ein Patent angemeldet hatte:

Verfahren[Bearbeiten]

Bei den Visitenkartenporträts handelte es sich um auf Karton aufgezogene Papierkopien von Kollodium-Nassplatten-Negativen oder seit 1864 um mit Uran-Kollodium überzogenem Papier. Dieses Wothlytypie-Verfahren ermöglichte es direkte Abzüge zu erhalten und auf Papier zu ziehen. Die Kollodium-Nassplatten oder Wothyltypiepapiere wurden mit Spezialkameras belichtet. Dabei wurden nicht kleine Negative vergrößert, die Problematik bestand vielmehr darin, überhaupt ein entsprechend kleines Aufnahmeformat zu erreichen; um 1850 lagen die Plattengrößen zwischen 16,5 × 21,6 cm (6 1/2 × 8 1/2 Zoll, Ganzplatte) und 5,1 × 6,4 cm (2 × 2 1/2 Zoll, Neuntelplatte).

Aufteilung einer Kollodium-Nassplatte für Visitenkartenporträts um 1860

André Adolphe-Eugène Disdéris Spezialkamera verfügte daher über vier Objektive und eine verschiebbare Plattenkassette. Mit Hilfe der Mehrfachoptik konnten auf jeder Hälfte der Glasplatte jeweils vier Belichtungen aufgenommen werden; dann wurde die Platte mit Hilfe der Kassette verschoben, und die nächsten vier Belichtungen konnten auf der zweiten Hälfte festgehalten werden.

Anschließend wurden auf Albuminpapier Abzüge im Negativformat von etwa 8 × 10 Zoll angefertigt, die in das Vistenkartenformat zerschnitten wurden. Der Schneidevorgang konnte bei den Wothlytypien direkt erfolgen. Die einzelnen Mini-Porträts waren dann etwa 5,5 × 9 cm groß und wurden auf Kartons mit Abmessungen von etwa 6,3 × 10 cm montiert.

Popularität[Bearbeiten]

Durch das kleinere Format und die rationelle Herstellung mehrerer Abzüge konnten die Kosten für die Porträtfotografie deutlich reduziert werden. Um 1880 entsprach der Preis von 2,50 Mark für sechs Abzüge nur noch dem Tageslohn eines Arbeiters.[1] In der Folge entwickelte sich die (Porträt-)Fotografie sehr schnell zu einem enormen Erfolg; allein in England wurden im Zeitraum von 1861 bis 1867 zwischen 300 und 400 Millionen Cartes de visite jährlich hergestellt.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es üblich, Visitenkartenporträts zu verschenken und in Fotoalben zu sammeln. Auch von Prominenten wurden Visitenkartenporträts angefertigt und verkauft; so sollen nach dem Tod des britischen Prinzgemahls 70.000 Porträts verkauft worden sein.

Der künstlerische Wert war jedoch häufig vergleichsweise gering:

„Als Porträtaufnahmen hatten die meisten Cartes de visite nur geringen ästhetischen Wert. Man machte keinerlei Versuch, den Charakter des Porträtierten durch eine differenzierte Beleuchtung oder durch Wahl einer bestimmten Körperhaltung oder eines Gesichtsausdrucks zu verdeutlichen“

Beaumont Newhall, Geschichte der Fotografie, 1998, S. 68.

Heute dagegen sind Visitenkartenporträts wichtige Zeitzeugnisse für Historiker und Soziologen.

Um 1866 wurde neben dem Visitenkartenformat auch die größere Kabinettkarte (auch Cabinet) angeboten, doch bleibt das kleine Standardformat das bis zum Ersten Weltkrieg meist verwendete.

Die Rückseiten[Bearbeiten]

Die Kartons, auf denen die Abzüge aufgeklebt waren, wurden von spezialisierten Herstellern angeboten.[2] Die Fotografen nutzten sie zur werbenden Herausstellung ihres Ateliers. Anhand der graphisch anspruchsvollen und häufig wechselnden Gestaltung lassen sich undatierte Aufnahmen oft zeitlich annähernd bestimmen: Um 1860 beschränkt man sich noch auf rein typographische Zeilen, um 1870 werden sie von Ornamenten umgeben und mit Vignetten bereichert, um 1880 wird die ganze Rückseite oft bis zum Rand dekoriert, um 1890 sind große, diagonal angeordnete Ateliernamen beliebt, um 1900 herrschen florale und um 1910 geometrisierende Jugendstilmotive vor.[3]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Das Photoalbum 1858-1918. Ausstellungskatalog Stadtmuseum München 1975, S. 90-94
  2. Christa Pieske: Das ABC des Luxuspapiers, Berlin 1983, S. 221
  3. Harald Goergens und Alfred Löhr: Bilder für alle. Bremer Photographie im 19. Jahrhundert. (Focke-Museum: Bremen) 1985,S. 38-43

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ludwig Hoerner: Das photographische Gewerbe in Deutschland. 1839 – 1914, Düsseldorf: GFW-Verlag, 1989, ISBN 3-87258-000-0
  • Helmut Gernsheim: Die Portraitphotographie – eine neue Industrie. Anspruch und Kritik. Wegbereiter der Kunstphotographie. Das Cliché verre und Das Visitenkartenporträt. Disdéri und die Folgen. Höhepunkte der „Kartomanie“. In: ders.: Geschichte der Photographie. Die ersten hundert Jahre. Propyläen: Frankfurt a. M., Berlin und Wien 1983, S. 285–292 und 355–368.
  • Josef Maria Eder: Geschichte der Photographie, Erster Band, erster Teil, erste Hälfte. Vlg. Wilhelm Knapp Halle (Saale) 1932. S. 487
  • Jochen Voigt: Faszination Sammeln. Cartes de visite. Eine Kulturgeschichte der photographischen Visitenkarte. Edition Mobilis, Chemnitz 2006, ISBN 3-9808878-3-9

Weblinks[Bearbeiten]