Castra Regina

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Die porta praetoria von Regensburg, das Nordtor des ehemaligen Legionslagers aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., das sich in großen Teilen bis heute in der weiß gekalkten Mauer des „Bischofshofs“ erhalten hat
Plan des römischen Regensburgs

Castra Regina ist als römisches Legionslager gegründet, entwickelte sich zu einer Stadt an der oberen Donau und wurde zur Keimzelle der mittelalterlichen Stadt Regensburg. Hier wurde das Hauptquartier der 3. italischen Legion errichtet. Castra Regina bestand aus dem Legionslager selbst, der Zivilstadt, einem großen Friedhof sowie einigen Heiligtümern und Tempelanlagen.

Name[Bearbeiten]

Für das Lager sind zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Namen überliefert. Zunächst hieß es vermutlich einfach legio (nach einem römischen Meilenstein, vgl. Leuge).[1] Im Itinerarium Antonini (3. Jahrhundert) sowie in der Tabula Peutingeriana (Mitte des 4. Jahrhunderts) wird es als Regino bzw. Reginum bezeichnet.[1] Castra Regina findet sich zuerst um 400 in der Notitia Dignitatum.[1] Der Name ist abgeleitet vom Fluss Regen, der in der Nähe des Römerlagers in die Donau mündet. Regana ist eine keltische Benennung für Gewässer, Flusslauf.[2] Die Römer hatten die keltische Bezeichnung leicht abgewandelt übernommen und nannten den Fluss Reganum und Reganus.

Der Name Radaspona findet sich erstmals bei Arbeo von Freising um 770.[1]

Vorläufer[Bearbeiten]

Im Bereich der späteren römischen Zivilstadt gab es schon seit dem Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. ein ziviles Lagerdorf (vicus). Dieses scheint beachtliche Ausmaße gehabt zu haben. Es konnten auch einige Holzbauten nachgewiesen werden. Weiter südlich gab es zuerst nur ein kleineres Militärlager, das Kastell Kumpfmühl. Bei Regensburg-Kumpfmühl konnten die Reste dieses Kastells und eine umfangreiche zivile Siedlung angegraben werden. Das Lager datiert in die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts und wurde wie die Zivilsiedlung beim Einfall der Markomannen um 170 zerstört. Nachdem Kaiser Marc Aurel die militärische Lage an der Donau wieder stabilisiert hatte, entschloss man sich angesichts der veränderten Bedrohungslage, die bislang nur durch Hilfstruppen kontrollierte Nordgrenze der Provinz Raetia fortan durch die Stationierung einer vollständigen Legion zu sichern.

Legionslager[Bearbeiten]

Südostecke der römischen Befestigungsmauer des Legionslagers mit vorgelagertem mittelalterlichem Zwinger

Das neue Legionslager wurde seit etwa 175 n. Chr. in Steinbauweise direkt an der Donau errichtet. Durch einen im Museum der Stadt Regensburg ausgestellten Stein mit Bauinschrift ist bekannt, dass es im Jahr 179 n. Chr. fertiggestellt wurde. Das Lagerareal umfasste ca. 540 × 450 Meter, was 360 zu 300 römischen passus (Doppelschritten) entspricht. Das Lager bedeckte damit insgesamt eine Fläche von ca. 24,5 Hektar. Vor der Mauer wurde ein Spitzgraben angelegt, der sechs bis sieben Meter breit und ca. zweieinhalb bis drei Meter tief war. Das Lager hatte, wie üblich, vier Tore und in regelmäßigen Abständen an der Innenseite der Mauer errichtete Zwischentürme. Die Porta Praetoria (das Nordtor) ist noch heute gut erhalten.[3] Gut erhalten sind auch Reste der Umfassungsmauern, vor allem an der Nordost- bzw. Südostecke sowie dazwischen im Bereich der Porta Pricipalis Dextra (unweit der heutigen Minoritenkirche). Vom dortigen Tor bis zur gegenüberliegenden Porta Principalis Sinistra führte der Via Principalis, der etwa auf der Höhe des heutigen Neupfarrplatzes der Stadt von West nach Ost verlief, während eine Nord-Süd-Verbindung durch das Lager über die Via Praetoria (etwa auf der Höhe des heutigen Domplatzes) und die Via Decumana (etwa auf Höhe der heutigen „Fröhlichen Türkenstraße“) verlief.[4]

Auch innerhalb des Lagers konnten bei Ausgrabungen im Stadtgebiet des heutigen Regensburg verschiedene Bauten nachgewiesen werden, wobei besonders ein großräumiger Abriss (2012/13) im Bereich des mittelalterlichen Karmelitenkloster St. Oswald bzw. der römischen Porta Principalis Dextra interessante Funde erbrachte (z. B. eine gut erhaltene Reiterfigur), weil in diesem Bereich anscheinend die wohlhabenderen Offiziere des römischen Militärs ihre Unterkünfte hatten.

Der Großteil des Lagerareals wurde zweifellos für die Mannschaftsbaracken benötigt, die Platz für jeweils 100 Mann boten. Eine Legion umfasste im 2. Jahrhundert ungefähr 6000 Soldaten, von dieser Gesamtzahl ist auch für Castra Regina auszugehen. Am Kopfende der Baracken befanden sich die Unterkünfte der Zenturionen. Im Zentrum des Lagers konnten die Reste verschiedener für die Infrastruktur wichtige Gebäude beobachtet werden. Es gab mindestens zwei Badeanlagen, ein Praetorium und Werkhallen (fabrica), die in diesem Fall auch mit einfachen Wandmalereien dekoriert waren.

Bei den archäologischen Untersuchungen konnten mehrere Zerstörungshorizonte beobachtet werden. Das erste Mal wurde es wohl bei einem Germaneneinfall um 278 niedergebrannt, ein zweiter Zerstörungshorizont kann anhand von Münzfunden auf ca. 288 datiert werden. Aber schon kurz danach scheint das Lager wieder aufgebaut worden zu sein, wobei die Zivilstadt außerhalb des Lagers größtenteils aufgegeben werden musste und deren Bewohner nun innerhalb der Lagermauern untergebracht wurden.

Um 357 wurde das Lager ein drittes Mal, diesmal wohl von plündernden Juthungen, niedergebrannt. Das neue Kastell war nun deutlich kleiner als die Vorgänger, was vor allem dem Umstand geschuldet sein dürfte, dass Legionen in dieser Zeit nur noch etwa 1000 Mann umfassten. Die Aktivitäten konzentrierten sich von nun an fast vollkommen auf die Nordostecke des bisherigen Lagerareals. Es ist nicht bekannt, in welcher Stärke fortan Truppen vor Ort verblieben, denn die Legion selbst wurde immer weiter aufgesplittert und verkleinert. Die Notitia Dignitatum, die für Westrom zuletzt um 420 aktualisiert wurde, listet für die legio III Italica insgesamt fünf verschiedene Standorte auf (Not. Dig. Occ. 35), darunter auch eine Einheit in Castra Regina, allerdings mit dem Zusatz nunc Vallato, also "derzeit in Vallato" (Manching oder Weltenburg). Die letzten regulären Soldaten wurden vermutlich im späteren fünften Jahrhundert abgezogen.

Zivilstadt[Bearbeiten]

Westlich des Lagers wurde eine Zivilsiedlung (canabae bzw. vicus) errichtet, die fast so groß wie das Lager war und schon alleine deshalb sicherlich einen städtischen Charakter hatte. Verschiedene Grabungen erbrachten Wohnbauten, doch ist das allgemeine Aussehen der Stadt unklar. Beim heutigen Arnulfsplatz konnte ein großes römisches Wohnviertel angegraben werden. Es fanden sich Räume mit Hypokausten, ein Garten in einem Innenhof und ein Bad. Die beim Bau verwendeten Ziegel stammen von der in Regensburg stationierten Legion, so dass vermutet wurde, dass das Gebäude die Stadtvilla eines Offiziers darstellt. Am heutigen Bismarckplatz konnten weitere Wohnbauten identifiziert werden. Es fanden sich Reste von Werkstätten, und die dortige Straße scheint mit einer Porticus versehen gewesen zu sein. Die Stadt blühte offenbar vor allem in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts. Bei den Germaneneinfällen ab ca. 250 n. Chr. scheint der Ort stark gelitten zu haben, es gibt jedoch Anzeichen, dass hier auch noch im 4. Jahrhundert gebaut wurde.

Der einstige Rechtsstatus der Zivilstadt ist unbekannt. Auf einem Weihestein wird allerdings der Aedil Aurelius Artissius genannt. Ein Aedil ist ein Beamter einer Stadtverwaltung. Dies mag darauf hindeuten, dass der Ort eine rechtliche Verfassung hatte und vielleicht ein municipium war. Doch ist bislang nur ein einziger Aedil bekannt, so dass die Interpretation der Inschrift unsicher ist.

Friedhöfe[Bearbeiten]

Die Toten wurden von der Römern grundsätzlich außerhalb der Siedlungen begraben, so auch in Castra Regina. Vor allem südlich der Zivilstadt konnte ein großer Friedhof freigelegt werden. Es fanden sich vor allem Urnenbestattungen. Daneben fand man aber auch einige beschriftete Sarkophage (meist nicht am ursprünglichen Aufstellungsort gefunden). Reste von reliefverzierten Blöcken zeigen, dass es zudem auch monumentale Grabanlagen gab. Weitere Friedhöfe gab es östlich und südlich des Legionslagers, jeweils an den Ausfallstraßen.

Heiligtümer[Bearbeiten]

Innerhalb der eigentlichen Stadt konnte bisher kein römischer Tempel nachgewiesen werden. Südlich, außerhalb der Stadt, stand jedoch ein Merkurtempel, von dem sich bei Ausgrabungen sogar noch eine 92 Zentimeter hohe Kultstatue des Gottes fand. Durch Inschriften ist auch ein Heiligtum des Liber Pater (Bacchus) westlich der Zivilsiedlung belegt. Beide Heiligtümer standen an Straßen, die in die Stadt führten. Weitere, vor allem auf Weihesteine bzw. Altären genannte Gottheiten sind Jupiter, Juno, Larunda und Vulcanus.

Großprüfening[Bearbeiten]

Bei Großprüfening an der Donau, genau gegenüber der Naabmündung existierte etwa zeitgleich mit dem Legionslager ein weiteres kleineres Lager mit einer umfangreichen Zivilsiedlung. Dieser Ort wurde im 3. Jahrhundert, wohl bei einem Einfall plündernder Alamannen, zerstört. Einzelne Münzfunde belegen zwar ein Weiterleben, jedoch sicherlich in kleinem Umfang.

Christentum und Weiterleben[Bearbeiten]

Es gibt nur wenige Zeugnisse für das Christentum in der antiken Stadt. Immerhin gibt es aber einen christlichen Grabstein, der in das 4. Jahrhundert datiert wird.

Über die Geschichte der Stadt in der folgenden Zeit ist wenig bekannt. Die Münzfunde brechen, wie fast überall in der Provinz Raetia um 408 weitgehend ab. Dies muss jedoch nicht heißen, dass der Ort von den Römern aufgegeben wurde, sondern es zeigt nur an, dass der Münzumlauf an der bedrohten Grenze zusammenbrach. Grabungen unter dem Niedermünster erbrachten das Ergebnis, dass der Ort weiter besiedelt wurde, allerdings mit einer nun immer stärker germanisch geprägten materiellen Kultur. Raetien gehörte zu dieser Zeit noch zum Römischen Reich. Die Germanen dürften daher Söldner (foederati) gewesen sein. Wann die Kontrolle der römischen Zentrale faktisch erlosch, ist unbekannt, doch wird dies im späteren 5. Jahrhundert gewesen sein. Für den Übergang vom 5. zum 6. Jahrhundert gibt es Belege für Bauarbeiten unbekannter Art. Um 600 wurde unter dem Niedermünster eine Holzpalisade errichtet. Um 700 lassen sich dann die ersten mittelalterlichen Bauten belegen. Auch wenn die Belege mager sind, so scheint Castra Regina doch durchgehend besiedelt gewesen zu sein.

Arbeo von Freising beschreibt die Stadt um 770 als stark befestigte metropolis. Bei diesen Befestigungen dürfte es sich um die noch intakt gebliebenen römischen Mauern gehandelt haben.[5]

Befunde, Terra Sigillata[Bearbeiten]

In Regensburg wurde unter anderem Terra Sigillata eines Dagodu(b)nus gefunden. Dessen Produktionsstätte ist noch unbekannt und könnte entweder im gallischen Lezoux bei Clermont-Ferrand oder in Rheinzabern (Tabernae) liegen.[6] Beides waren Manufakturzentren der Sigillata-Herstellung. Ware von Dagodubnus taucht auch im Kastell Pfünz, Kastell Kösching und Großbritannien auf.

Siehe auch[Bearbeiten]

Liste der Kastelle des Donau-Iller-Rhein-Limes

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Castra Regina – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d Adolf Lippold: Regensburg 179 n. Chr. – Die Gründung des Lagers der Legio III Italica. In: Dieter Albrecht (Hrsg.): Zwei Jahrtausende Regensburg. Schriftenreihe der Universität Regensburg, Band 1. Mittelbayerische Druckerei- und Verlagsgesellschaft, Regensburg 1979, ISBN 3-921114-50-0, S. 21–35.
  2. Josef Hohl: Lokalhistorische Texte: Regensburg. Lindauer, München 1982, ISBN 3-87488-904-1.
  3. Zur Rekonstruktion des Tores
  4. Siehe auch den Artikel von Claudia Böken: Castra Regina ist um eine Facette reicher, Seite 30 der Mittelbayerischen Zeitung, Ausgabe vom 22. Februar 2013.
  5. W. Störmer: Die Bajuwaren. C. H. Beck, München 2002, S. 47., ISBN 3-406-47981-2.
  6. Andrea Faber: Das römische Auxiliarkastell und der Vicus von Regensburg-Kumpfmühl, C. H. Beck Verlag, München 1994, ISBN 3406356427. S. 372, Marginalie.

49.02014112.098614Koordinaten: 49° 1′ N, 12° 6′ O