Cesare Lombroso

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Cesare Lombroso

Cesare Lombroso (* 6. November 1835 in Verona; † 19. Oktober 1909 in Turin) war ein italienischer Arzt, Professor der gerichtlichen Medizin und Psychiatrie. Er gilt als Begründer der kriminalanthropologisch ausgerichteten sogenannten Positiven Schule der Kriminologie (Scuola positiva di diritto penale), der neben ihm auch die italienischen Juristen Enrico Ferri und Raffaele Garofalo zugerechnet werden. Die Positive Schule verstand sich selbst als Reaktion auf die Klassische Schule der Kriminologie (Cesare Beccaria, auch Jeremy Bentham) und sorgte dafür, dass im 19. Jahrhundert zunehmend naturwissenschaftlich ausgebildete Fachleute, vor allem Mediziner, aber auch Biologen und Anthropologen sich der Thematik der Kriminalität annäherten. Lombrosos Typisierung von Verbrechern anhand äußerer Körpermerkmale diente den Nationalsozialisten als Vorlage für ihre rassenbiologischen Theorien.

Leben[Bearbeiten]

Cesare Lombroso, zeitgenössisches Ölbild

Lombroso wurde 1835 in Verona in eine jüdische Familie hineingeboren. Er studierte Medizin in Padua, Wien und Paris. Zwischen 1863 und 1872 war er Verantwortlicher für die Irrenanstalten in Pavia, Pesaro und Reggio Emilia. 1874/75 wurde er außerordentlicher Professor für Gerichtsmedizin, Hygiene und Toxikologie in Pavia. Ab 1876 war er Professor für Gerichtsmedizin und Hygiene in Turin. Wie Auguste Comte, in dessen Tradition er steht, überbetonte er biologische Ursachen für Geisteskrankheiten. Die theoretischen Ergebnisse seiner Studien besagten zudem, dass diejenigen Bevölkerungsteile, die sich kriminell betätigen, eine höhere Prozentzahl von physischen, nervösen und mentalen Anomalien zeigen, als die nicht-kriminellen. Diese Anomalien seien teilweise durch Degeneration, teilweise durch Atavismus zu erklären.

1872 erscheint Genio e follia (dt. Genie und Irrsinn, 1887), ein psychiatrisch-anthropologisches Werk, mit dem Lombroso auch einem größeren Publikum bekannt wird. In der zeitgenössischen Diskussion um das Genie vertritt er die Position, dass es sich hierbei um einen permanenten psychischen Ausnahmezustand handle, der in seinen verschiedenen Ausformungen Analogien zur "Verrücktheit" im Sinne der Ekstase zeige und letztlich biologisch nicht grundsätzlich verschieden von der kriminellen Disposition sei. In Genio e follia beschreibt Lombroso Schriftsteller wie Tasso, Rousseau, Hölderlin oder Kleist als "Genies mit Geistesstörung" und vergleicht sie mit klinischen Fällen von Wahnsinn. Gemeinsam ist beiden Gruppen eine angeborene Abweichung von der zivilisierten, vernunftgeleiteten Norm: Sowohl Genies als auch Wahnsinnige fallen regelmäßig in einen chaotischen, regellosen Naturzustand zurück.

Mit seinem 1876 erstmals veröffentlichten Werk L’Uomo delinquente (dt. Der Verbrecher in anthropologischer, ärztlicher und juristischer Beziehung, 1887) begründete er eine neue Theorie in der Kriminologie, den Übergang vom Tat- zum Täterstrafrecht. Seine Lehre vom delinquente nato – dem geborenen Verbrecher – war von Anfang an umstritten. Der Kriminelle wird hier als besonderer Typus der Menschheit beschrieben, der in der Mitte des Geisteskranken und des Primitiven stehe. In deutschsprachigen Ländern wurden seine kriminalbiologischen Theorien unter der Bezeichnung Tätertypenlehre verbreitet.

Die direkte Verwandtschaft zu den aggressiveren, nicht kulturell domestizierten Vorfahren des heutigen Menschen trete bei manchen Personen in ihren körperlichen Merkmalen offen zutage, so Lombrosos These. Eine bestimmte Schädelform oder zusammengewachsene Augenbrauen sind damit der Verweis auf eine atavistische – damit niedrigere und gewalttätigere – Entwicklungsstufe. Damit deuten äußere Merkmale auf die tief verwurzelten Anlagen zum Verbrecher hin, die auch durch die Aneignung sozialer Verhaltensweisen nicht überdeckt werden können. Zum "Beweis" seiner Theorie führte Lombroso in seinem Institut Messungen an zahlreichen Schädeln (u. a. von Hingerichteten) durch. Praktische Anwendung seiner Theorie vom "geborenen Verbrecher" versprach er sich durch die "Früherkennung" verbrecherischer Neigungen bei Kindern und Jugendlichen, die entsprechende "kriminelle" Schädelformen aufwiesen.

Nicht mehr die verbrecherische Tat, sondern der Kriminelle als anthropologisch determinierter Typus wird damit zum Gegenstand einer neuen wissenschaftlichen Disziplin, der forensischen Phrenologie. Die praktischen Reformen, die Lombroso anregte, wollten den Delinquenten, der seiner Theorie zufolge kriminell geboren wurde, eine andere Art der Bestrafung erhalten lassen, als demjenigen, der durch die Umstände zu seinen Taten getrieben wurde.

1880 gründet Lombroso das Archivio di psichiatria, antropologia criminale e scienze penali.

1892 wird in Turin das "Museo di psichiatria e antropolgia criminale" gegründet, in dem Lombroso eine Vielzahl von Gegenständen versammelte: Schriften und künstlerische Erzeugnisse von Geisteskranken und Kriminellen, Fotografien und Schädel von anormalen Persönlichkeiten.

Kritik und Rezeption[Bearbeiten]

Lombroso vereinigte in seiner Person verschiedene heterogene Persönlichkeitszüge. So erklärte er sich offen als Sozialist, Positivist, Philosemit, Rassist und Eugeniker. Ob seine polarisierenden Theorien als verdienstvoll zu werten sind, ist in der gegenwärtigen Forschung allerdings umstritten, einflussreich waren sie in jedem Fall. Mit seiner Fixierung auf anatomische Körpermerkmale steht Lombroso in einer fragwürdigen kriminologischen Tradition, die Verdächtigungen und Vorverurteilungen aufgrund von biologischen Merkmalen begünstigte. Deshalb neigen heutige Wissenschaftler, die eine biologisch-genetische Prädeterminierung des Menschen zum "Bösen" oder zum Verbrechen ablehnen, in der Regel zu einer negativen Einschätzung Lombrosos. [1] [2] [3] [4]

Mit seiner Theorie vom geborenen Verbrecher wollte Lombroso die aufklärerische Doktrin des freien Willens reformieren. In strafrechtlichen Angelegenheiten sollte die Zuständigkeit zwischen Juristen und Medizinern zugunsten der Mediziner verschoben werden. Lombroso ging es dabei keineswegs um eine "mildere" Beurteilung oder geringere Bestrafung des geborenen Verbrechers, sondern um die Deutungshoheit des Psychiaters im strafrechtlichen Prozess.

Unter Berufung auf Lombrosos kriminalbiologische Thesen führten die Nationalsozialisten während des Dritten Reichs in Deutschland im Rahmen ihrer medizinisch-eugenischen Programme umfangreiche Zwangssterilisationen bei Kriminellen und "Geisteskranken" durch.

In Italien fordern heute (2010) Nachkommen von Personen, deren Schädel in Lombrosos umfangreicher Schädel-Sammlung in Turin ausgestellt sind, deren Rückgabe und würdige Bestattung.[5]

Die zeitgenössische Wirkung Lombrosos zeigt ein Schreiben des Autors Luigi Capuana vom Juni 1905 an ihn, das eine tiefe Verbundenheit ausdrückt.[6]

Werke[Bearbeiten]

  • L’uomo bianco e l’uomo di colore (dt: Der weiße und der farbige Mann), 1871. Der junge Lombroso versucht eine Lanze für die Rezeption der Theorien Darwins in Italien zu brechen.
  • L’uomo delinquente. In rapporto all’antropologia, alla giurisprudenza ed alle discipline carcerarie, Turin, Bocca, 1876. (dt: Der Verbrecher in anthropologischer, ärztlicher und juristischer Beziehung, Hamburg 1887)
  • Genio e follia, in rapporto alla medicina legale, alla critica ed alla storia (dt: Genie und Irrsinn in ihren Beziehungen zum Gesetz, zur Kritik und zur Geschichte Leipzig: Reclam 1887)
  • La donna delinquente … (dt: Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte. Anthropologische Studien, gegründet auf e. Darstellung d. Biologie u. Psychol. d. normalen Weibes mit G. Ferrero. Hamburg: Verlagsanst. u. Dr. A.-G. 1894)
  • Neue Fortschritte in den Verbrecherstudien. Griesbach, Gera 1899 (Digitalisat)

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Cesare Lombroso – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Cesare Lombroso – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Stephen Jay Gould: Der falsch vermessene Mensch. Frankfurt M. 1999, S. 129f.
  2. Peter Becker: Physiognomie des „Bösen“. Cesare Lombrosos Bemühungen um eine präventive Entzifferung des Kriminellen. In: Claudia Schmölders (Hrsg.): Der exzentrische Blick. Gespräch über Physiognomik. Berlin 1996, S. 163–186.
  3. Pier Luigi Baima Bollone: Cesare Lombroso ovvero il principio dell’irresponsabilità. Torino 1992.
  4. Daniel Pick: Faces of Degeneration. A European Disorder, c.1848–c.1918. Cambridge u.a. 1989. S. 128f. ISBN 0-521-36021-8
  5. Weblink
  6. Illustre amico, Quando, nello scorso aprile, veniva celebrato il suo giubileo scientifico, rivedendo le bozze di questo volumetto io pensavo di fargliene riverente omaggio per unire la mia fioca voce di novelliere alle unanimi acclamazioni degli Scienziati del mondo intero. -- E m’induceva a questo non solamente l’antica affettuosa venerazione, ma anche l’idea che il soggetto delle due novelle qui riunite, avendo qualche relazione coi suoi ultimi spassionatissimi studi intorno ai fenomeni psichici, dei quali abbiamo ragionato in Roma ogni volta che ho avuto il piacere di rivederla, evitava all’omaggio il difetto di una troppo grave stonatura. --Lo accetti, Illustre Amico, con la sua solita bontà, e mi creda sempre. suo aff.mo. Luigi Capuana. Catania, 28 giugno 1906