Charles-Jean de La Vallée Poussin

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Baron Charles-Jean de La Vallée Poussin um 1900

Charles-Jean Gustave Nicolas Baron de La Vallée Poussin [pu'sɛ̃] (* 14. August 1866 in Löwen; † 2. März 1962 in Brüssel) war ein belgischer Mathematiker, der vor allem für seinen Beweis des Primzahlsatzes bekannt ist.

Leben[Bearbeiten]

Sein Vater Charles Louis Joseph de La Vallée Poussin (1827-1903) war Geologie- und Mineralogie-Professor in Löwen, bekannt auch heute noch für einige klassische Monographien und die vorbereitenden Arbeiten für die geologische Karte Belgiens. Sein Urgroßvater, Maler im 18.Jahrhundert (sein Sohn Etienne (1735-1802) war ein bekannter französischer Historienmaler), hängte dem Familiennamen Lavallée den Zusatz Poussin an, als er eine Nachkommin des Malers Nicolas Poussin heiratete. Vallée-Poussin studierte zunächst am Jesuiten-Kolleg (College Saint-Stanislas) in Mons mit dem Ziel, selbst in den Orden einzutreten, wechselte danach aber zum Studium des Bergbaus, das er mit dem Ingenieurs-Diplom 1890 abschloss. Er studierte aber auch Mathematik in Löwen bei Louis-Philippe Gilbert, bei dem er 1890 promovierte. 1891 wurde er Assistent in Löwen (schon in diesem Jahr hielt er seine erste Analysis-Vorlesung), wo er ein Jahr darauf nach dem Tod von Gilbert Professor wurde. 1892/3 besuchte er die Vorlesungen von Camille Jordan, Henri Poincaré und Charles Émile Picard in Paris und 1893-1894 die Vorlesungen von Hermann Amandus Schwarz, Ferdinand Georg Frobenius und Lazarus Immanuel Fuchs in Berlin.

Er begann mit Arbeiten über Differentialgleichungen, wurde aber 1896 sehr schnell berühmt mit dem Beweis des Primzahlsatzes der analytischen Zahlentheorie, gleichzeitig mit Jacques Hadamard. 1899 zeigte er dann, dass der Integrallogarithmus eine noch viel bessere Näherung an die Primzahlverteilung ist und leitete einen asymptotischen Fehlerterm für diese Näherung ab. Vallée-Poussin heiratete 1900. Im Ersten Weltkrieg, der in Löwen schwere Verwüstungen anrichtete (Brand der Bibliothek, Erschießungen von Zivilisten durch die deutsche Besatzung) und dem dort auch der Entwurf des 2. Bandes der 3. Auflage seines Analysislehrbuchs zum Opfer fiel, war er teilweise an der Harvard University (1915), Paris (College de France und Sorbonne, 1916, 1917 und 1918) und Genf (1917-1918). Nach dem Primzahlsatz lieferte er noch 1916 eine Verschärfung des Beweises von Godfrey Harold Hardy (1914), dass unendliche viele Nullstellen der Riemannschen Zetafunktion auf der kritischen Geraden (Realteil 1/2) liegen. Er widmete sich dann aber u. a. Fragen der Approximation von Funktionen durch trigonometrische Funktionen und Polynome und ab den 1920er Jahren Problemen der Funktionentheorie (konforme Darstellungen) und Potentialtheorie. Vallée Poussin war auch einer der ersten, der die Bedeutung der Arbeiten von Rene Baire, Henri Lebesgue und Émile Borel in der reellen Analysis und Maßtheorie erkannte und in seinen Vorlesungen und Büchern aufgriff. Er erreichte wie Hadamard ein hohes Alter und starb an den Folgen eines Schulterbruchs.

Mit einer Arbeit aus dem Jahr 1911 (Sur la methode de l´approximation minimum, Annales de la societe scientifique de Bruxelles, Bd.35 B., S.1-16) wird Vallee-Poussin auch zu den Pionieren der linearen Optimierung gezählt [1]

Er zeigte, dass eine Fourier-Reihe, die bis auf Stellen einer abzählbaren Menge gegen eine endliche Lebesgue-integrable Funktion f(x) konvergiert, die Fourier-Reihe dieser Funktion f(x) ist.

Er ist auch durch seinen Cours d´Analyse, sein zweibändiges Analysis Lehrbuch, bekannt, das zuerst 1903 beziehungsweise 1906 erschien.

De La Vallée-Poussin war seit 1909 Mitglied der belgischen Akademie der Wissenschaften. Er war auch Mitglied einer Reihe von ausländischen Akademien (Paris, Madrid, Neapel, des Institut de France, der päpstlichen Akademie, Accademia dei Lincei in Rom, American National Academy of Sciences, American Academy of Arts and Sciences). Er war Kommandeur der Ehrenlegion in Frankreich. 1930 wurde er vom belgischen König mit dem Titel eines Barons geadelt. 1920 war er der erste Präsident (Ehrenpräsident) der Internationalen Mathematischen Union und 1922 (in Zeiten gegenseitiger Animositäten der ehemaligen Kriegsgegner) Präsident des Internationalen Mathematikerkongresses in Straßburg, wo er auch einen der Plenarvorträge hielt (Sur les fonctions à variation bornée et les questions qui s'y rattachent).

Zu seinen Schülern zählt auch der Kosmologe Georges Lemaitre (Lizenz-Arbeit in Mathematik 1920). An der Katholischen Universität Löwen wurde mit dem Chaire de La Vallée Poussin eine Gastprofessorenstelle eingerichtet.

Schriften[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Burkill in Dictionary of Scientific Biography und Journal London Mathematical Society Bd.39, 1964, S.165
  • Paul Montel, Nachruf in Compte Rendue Acad. Sciences Paris Bd.254, 1962, S.2473

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. z.B. George Dantzig Linear Programming, Operations Research, Bd.50, 2002, Tikhomirov The Evolution of convex Optimization in American Mathematical Monthly Januar 1996.