Charles Murray (Politikwissenschaftler)

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Charles Murray (* 1943 in Newton (Iowa), USA) ist ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler und Publizist. Er wurde vor allem durch sein Buch The Bell Curve bekannt, das er mit Richard Herrnstein schrieb. Er ist seit 1990 beim American Enterprise Institute tätig.

Leben[Bearbeiten]

Murray wurde 1943 in den USA in Newton, Iowa, geboren, wo er auch aufwuchs. Er schloss sich dem Peace Corps an und beschäftigte sich in Thailand von 1965 bis 1970 vor allem mit dem Village Health Program. Nach dieser Zeit blieb er noch etwa drei Jahre für Feldforschungen in Thailand, wohin er auch in den Folgejahren immer wieder zurückkehrte. Charles Murray erwarb 1965 den Bachelor in Geschichte an der Harvard University, und am Massachusetts Institute of Technology 1974 den Ph.D. in Politischen Wissenschaften. Zwischen 1974 und 1981 arbeitete Murray für die American Institutes for Research (AIR), eine private sozialwissenschaftliche Forschungsorganisation, in deren Auftrag er für Feldforschungen Äthiopien, Nigeria, den Senegal und Thailand besuchte. Von 1982 bis 1990 arbeitete Murray am Manhattan Institute und schrieb in dieser Zeit seine ersten beiden Werke Losing Ground und In Pursuit.

Seit 1990 setzt er seine Arbeit am American Enterprise Institute fort, für welches er für Feldversuche, aber auch für Vorträge viel Zeit in Großbritannien verbrachte. Er war auch als Berater der bulgarischen Regierung sowie der OECD im Jahre 1991 tätig. Für seine Arbeit an The Bell Curve erhielt er finanzielle Unterstützung von der neokonservativen Bradley Foundation.

2009 erhielt er vom neokonservativen American Enterprise Institute den Irving Kristol Award.

Werk[Bearbeiten]

Charles Murray befasst sich in seinen Werken mit verschiedenen soziologischen wie auch politischen Themen. Zum ersten Mal das öffentliche Interesse in den USA erregte er mit seinem Buch Losing Ground: American Social Policy 1950-1980, das 1984 veröffentlicht wurde. In ihm setzte er sich kontrovers mit der amerikanischen Sozialpolitik auseinander, mit Hauptaugenmerk auf jene Präsident Johnsons in den 1960er Jahren. Er vertrat die Ansicht, dass die für Hilfsbedürftige angelaufenen nationalen Wohlfahrts- und Sozialprogramme ihr Ziel verfehlten und nicht zur Besserung der Lage der Menschen, sondern eher zu deren Verschlechterung beitrugen. Murray fasste diese Entwicklung in die Formel „Mehr Geld vermehrt Armut“ und plädierte vehement für die Abschaffung der Sozialhilfe.

In seinem Buch Human Accomplishment: The Pursuit of Excellence in the Arts and Sciences, 800 B.C. to 1950, das er 2003 veröffentlichte, stellt Murray eine Rangordnung der seiner Meinung nach wichtigsten Wissenschaftler und Künstler in der Zeit zwischen 800 v.Chr. bis 1950 auf. Murray sieht Europa zwischen 800 v.Chr. und 1950 als die treibende Kraft für sozialen, wissenschaftlichen und kulturellen Fortschritt, was sich auch in seiner Auflistung widerspiegelt. Als Kriterium für die Wichtigkeit der Personen zieht Murray hier die Anzahl von Nennungen in geschichtlichen und biographischen Nachschlagewerken und bedeutenden Enzyklopädien heran. In diesem Kontext stand auch ein Essay Murrays in der Zeit.[1] Beachtenswert ist die geringe Anzahl von nur 42 Frauen die genannt werden. Murray begründet dies einerseits mit der untergeordneten Position, die Frauen in allen Gesellschaften hatten, andererseits mit der typischen Rolle als Mutter, die das ganze Augenmerk der Frau auf die Erziehung der Kinder lenkt.

Zusätzlich zu seinen Büchern und Aufsätzen in Fachzeitschriften schrieb Murray unter anderem Artikel in der New York Times, dem Wall Street Journal, der Washington Post und vor allem The Public Interest. Auch er selbst erschien auf den Titelseiten von Zeitungen und Magazine und wurde in politische Fernsehsendungen eingeladen. Des Weiteren taucht sein Name oft bei Aufzählungen der bedeutendsten Politologen auf, die die Politik der Vereinigten Staaten beeinflussen. Er wurde mehrfach zu Expertenbefragungen in verschiedenen Ausschüssen des Senats, des Kongresses und von der OECD eingeladen.

Im Jahr 2009 wandte sich Murray gegen die Politik des damals neu gewählten Präsidenten Barack Obama und warnte allgemein vor einer von ihm angenommenen Entwicklung der "Europäisierung" der USA. Dieses „Europa-Syndrom“, wie es Murray nennt, beinhaltet laut Murray unter anderem eine mangelhafte Lebenseinstellung, die sich nur schwer mit Religion verbinden lasse.[2]

In seiner 2012 erschienen Studie Coming Apart beschäftigt sich Murray mit dem Auseinanderdriften der weißen Mehrheitsbevölkerung der USA in eine „new upper class“ und eine „new lower class“, die kaum noch gemeinsame Lebensformen und Wertvorstellungen aufweisen.

Kritiker[Bearbeiten]

Prominente Kritiker von Murray sind zum Beispiel Leon Kamin, Richard Lewontin, Stephen Jay Gould und Steven P. Rose.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • A Behavioral Study of Rural Modernization: Social and Economic Change in Thai Villages (Praeger Publishers, 1977)
  • Beyond Probation: Juvenile Corrections and the Chronic Delinquent - co-authored with Louis A. Cox, Jr. (Sage Publications, 1979)
  • Losing Ground: American Social Policy, 1950-1980, Basic Books (1984)
  • In Pursuit: Of Happiness and Good Government, Simon & Schuster (1989)
  • Apollo: The Behind-the-Scenes Story of One of Humankind’s Greatest Achievements - co-authored by Catherine Bly Cox, Simon & Schuster, 1989.
  • The Bell Curve: Intelligence and Class Structure in American Life, with Richard J. Herrnstein, (1994)
  • What it Means to be a Libertarian, Broadway Books (1997)
  • Income Inequality and IQ, AEI Press (1998)
  • The Underclass Revisited, AEI Press (1999)
  • Human Accomplishment: The Pursuit of Excellence in the Arts and Sciences, 800 B.C. to 1950, HarperCollins (2003)
  • In Our Hands: A Plan To Replace The Welfare State, AEI Press (2006) ISBN 0-8447-4223-6
  • Coming Apart: The State of White America, 1960-2010, Crown Forum (2012), ISBN 978-0307453426.

Literatur[Bearbeiten]

  • U. Heider: Zum Teufel mit der Bibel. Das neue Buch von Charles Murray, dem Erfinder der "Bell Curve". In: Die Zeit, 10. Oktober 1997.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Charles Murray: Europa, du warst besser, Die Zeit, 22. April 2004
  2. Charles Murray: Thank God America Isn't Like Europe -- Yet, Washington Post, 22. März 2009

Weblinks[Bearbeiten]