Charles Pierre François Augereau

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Charles Pierre François Augereau

Charles Pierre François Augereau (* 21. Oktober 1757 in St. Marceau (Paris); † 12. Juni 1816 in La Houssaye-en-Brie, Dépt. Seine-et-Marne), Herzog von Castiglione, war ein Revolutionsgeneral und Marschall von Frankreich.

Biografie[Bearbeiten]

Als Sohn eines Obsthändlers in der Pariser Vorstadt St. Marceau geboren, wurde Augereau 1774 französischer Karabinier, desertierte jedoch und diente in mehreren ausländischen Heeren, zuletzt in Neapel, wo er sich seit 1787 als Fechtmeister seinen Unterhalt verdiente. Als 1792 alle Franzosen Neapel verlassen mussten, trat Augereau als einer der ersten Freiwilligen in die französische Revolutionsarmee und wurde schon 1793 Général de division des Heeres in den Ostpyrenäen, wo er über die Spanier 1794 und 1795 mehrere leichte Siege erfocht.

Trotz mangelnder Erziehung besaß er das rastlose Streben vorwärtszukommen und gleichzeitig große Kühnheit. Diese zeigte er insbesondere 1796 als Korpsbefehlshaber der italienischen Armee in der Schlacht bei Millesimo und in der Schlacht von Lodi. Von Napoleon Bonaparte in den Kirchenstaat geschickt, nahm er Bologna, unterdrückte einen Aufstand in der Romagna und nötigte den Papst zum Frieden. Darauf zur Hauptarmee zurückgerufen, schlug er am 5. August Dagobert Sigmund von Wurmser bei der Schlacht von Castiglione, dann mit André Masséna am 6. November Alvinczy bei Carmignano. Auch trug er wesentlich zum Sieg bei Arcole bei und besiegte Giovanni Provera vor den Toren Mantuas.

Augereau bei Arcole 1796, Gemälde von Charles Thévenin

Im August 1797 kehrte er, nachdem er sich durch Erpressung bereichert hatte, nach Paris zurück, wo er zum Befehlshaber der Pariser Militärdivision ernannt wurde und den Staatsstreich des 18. Fructidor V (4. September 1797) mit brutaler Gewalt durchführte. Doch wurde er gegen seine Erwartung nicht in das Direktorium gewählt. Als Nachfolger des kurz zuvor verstorbenen Generals Hoche wurde er im Oktober 1797 Oberkommandierender General der Rhein-Mosel-Armee und der Sambre-Maas Armee (später Armée d’Allemagne) und Chef der Zivilverwaltung für die besetzten, linksrheinischen Länder. Das Direktorium beauftragte ihn, die Eingliederung dieses Gebietes in das französische Staatsgebiet voranzutreiben. Augereau, « un de plus brillants parvenus de la Rèvolution, bon tacticien, batailleur intrépide, mais tête creuse […] avec un panache de tambour-major… »[1] war mit dieser Aufgabe überfordert. Napoleon Bonaparte, der ihn als draufgängerischen Soldaten schätzte, hatte bereits vorher seine Beförderung zum Chef einer großen Armee und Zivilverwaltung als grobe Fehlentscheidung der politischen Führung in Paris kritisiert.[2] Eifersüchtig auf Napoleons Erfolge, soll er den Frieden von Campo Formio hintertrieben und zusammen mit deutschen Jakobinern geplant haben, den Rastatter Kongress zu sprengen und eine Revolte zur Bildung einer südwestdeutschen, eigenständigen Republik - für die er als Gründer anzusehen sei - anzuzetteln. Augereau wurde daraufhin am 29. Januar 1798 abberufen und nach Perpignan versetzt, was einer Degradierung gleichkam.[3]

In eitler Überheblichkeit strebte er selbst nach der höchsten Gewalt in Frankreich und ließ sich deshalb 1799 zum Mitglied der Fünfhundert in Paris wählen.

Doch hatte er weder das Geschick noch den Mut, um seine Pläne ins Werk zu setzen, und unterwarf sich seinem Nebenbuhler Bonaparte nach dem 18. Brumaire. Zum Oberbefehlshaber in Holland ernannt, führte er das französisch-batavische (holländische) Korps am Mittelrhein, um Jean-Victor Moreaus Operationen in Süddeutschland zu unterstützen, rückte über Frankfurt nach Würzburg und lieferte dem Feind mehrere Gefechte, die aber keinen Ausschlag gaben. Nach dem Lunéviller Frieden (1801) lebte er auf einem Landgut bei Melun, bis er 1803 den Oberbefehl über die gegen Portugal bestimmte Armee erhielt. Da diese Armee aber nicht ausrückte, blieb er in Paris, wurde 1804 zum Maréchal d’Empire ernannt und 1805 mit dem Ehrentitel Herzog von Castiglione ausgezeichnet. Im Krieg mit Österreich 1805 drang er an der Spitze eines Armeekorps in Vorarlberg ein, wo er Franz Jellachich bei Dornbirn zur Kapitulation zwang. Am 14. Oktober 1806 wirkte er als Befehlshaber des linken Flügels zum Sieg bei Jena mit. Ihm unterstand dort das 17.100 Mann starke 7. Korps.

Am 7. Februar 1807 drang er bei Eylau mit großer Tapferkeit vor, irrte aber vom rechten Weg ab, so dass bei einem Angriff der Russen sein Korps fast ganz aufgerieben und er selbst verwundet wurde. Der Kaiser schickte ihn darauf auf einen längeren Genesungsurlaub nach Frankreich. Im Jahre 1809 erteilte er ihm den Oberbefehl in Katalonien, wo er jedoch keine Erfolge errang; Napoleon berief ihn daher ab und ersetzte ihn durch Jacques MacDonald. 1812 erhielt er das Kommando des 11. Armeekorps, welches in Berlin gebildet wurde; 1813 sammelte er als Generalgouverneur von Frankfurt und Würzburg die Reservearmee, welche Anfang Oktober nach Leipzig marschierte. In der Völkerschlacht bei Leipzig kämpfte er mit großer Tapferkeit und Ausdauer.

Nach dem Einmarsch der Alliierten in Frankreich bildete Augereau zu Lyon eine Armee, knüpfte aber schon im März, als er Napoleons Sturz voraussah, mit dem österreichischen General Bubna und Littitz Unterhandlungen an, die 21. März zur Kapitulation von Lyon führten; er entließ seine Truppen mit folgendem Tagesbefehl: „Soldaten! Ihr seid von Eurem Eide entbunden … sei es durch die Abdankung eines Mannes, welcher, nachdem er seinem grausamen Ehrgeiz Tausende und aber Tausende zum Opfer gebracht, nicht einmal als Soldat zu sterben gewusst hat. Lasst uns Ludwig XVIII. Treue schwören, laßt uns die echte Nationalfarbe aufstecken!“ Augereau wirkte dadurch mit zur ersten Abdankung des Kaisers, den er mit den schroffsten Ausdrücken belegte. Er wurde dafür vom König zum Mitglied des Kriegsrats, zum Ritter des heiligen Ludwig und zum Pair von Frankreich ernannt. Im März 1815 erhielt er den Oberbefehl über die 14e Division d’infanterie in Caen.

Obgleich von Napoleon nach seiner Rückkehr von Elba als Verräter bezeichnet, huldigte Augereau dem Kaiser in einem Aufruf an die 14. Division, gewann jedoch Napoleons Vertrauen nicht wieder, das er allerdings nie in hohem Grad besessen hatte. Nach der zweiten Restauration trat Augereau wieder in die Pairskammer ein, aus der Napoleon ihn ausgeschlossen hatte, und wurde Mitglied des Kriegsgerichts, das den Marschall Michel Ney aburteilen sollte, sich jedoch für nicht zuständig erklärte.

Darauf zog sich Charles Pierre François Augereau auf sein Landgut La Houssaye zurück, wo er am 12. Juni 1816 starb.

Augereau erhält in der Militärliteratur und Biografien des 19. Jahrhunderts wenig positive Beurteilungen: „Ein eitler, ehrgieriger, aber plumper und völlig ungebildeter Condottiere“. Berüchtigt war seine Raffgier, die er in den eroberten Ländern anstands- und würdelos ausübte. Napoléon I. soll ihn vermutlich oft nur aus sentimentalem Andenken an bravouröse Kampfeinsätze während der Italienfeldzügen 1796/97 eingesetzt haben. Nach der Winterschlacht bei Eylau 1807 (siehe auch oben), erhielt er von Napoléon keine wichtigen Verantwortungen mehr.[4]

Ehrungen[Bearbeiten]

Sein Name ist am Triumphbogen in Paris in der 23. Spalte eingetragen.

Sonstiges[Bearbeiten]

Drei Wegweiser von Straßen und Wanderwegen in der Nähe von Jena, die nach Napoleon und seinen Marschällen Augereau und Jean Lannes benannt sind

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Albert Sorel: Napoleon et Hoche en 1797. Paris 1896.
  2. Joseph Hansen: Quellen zur Geschichte des Rheinlandes im Zeitalter der französischen Revolution. Band IV, Bonn 1938, S. 242.
  3. A. Kuhn: Die Französische Revolution. S. 199.
  4. Bleibtreu: Marschälle ... 1. Ausgabe. S. 179.

Literatur[Bearbeiten]

  • Désiré Lacroix: Die Marschälle Napoleons I. („Les maréchaux de Napoléon“). Verlag Schmidt & Günther, Leipzig 1898
  • Karl Bleibtreu: Marschälle, Generale, Soldaten Napoleons I., Erstausgb. Berlin 1899, VRZ-Verlag, Hamburg 1999, ISBN 3-931482-63-4 (Nachdr. d. Ausg. Berlin 1908)
  • Hermann Cardanus, Koblenz 1916, Bearbeiter/Herausgeber der von Gymnasialprofessor Minolas (Bonn) um 1815 verfassten Tagebücher Die Franzosen in Koblenz 1794 bis 1797, darin auch eine detaillierte Beschreibung u. a. der Regierungszeit des Generals Augereau im Rheinland
  • Axel Kuhn, Die Französische Revolution, Reclam Nr. 17017, Stuttgart 2009
  • Jürgen Sternberger "Die Marschälle Napoleons" Pro Business Berlin 2008 ISBN 978-3-86805-172-8

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Pierre Augereau – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Meyers Dieser Artikel basiert auf einem gemeinfreien Text aus Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage von 1888–1890.
Bitte entferne diesen Hinweis nur, wenn du den Artikel so weit überarbeitet hast, dass der Text den aktuellen Wissensstand zu diesem Thema widerspiegelt, dies belegt ist und er den heutigen sprachlichen Anforderungen genügt.

Um danach auf den Meyers-Artikel zu verweisen, kannst du {{Meyers Online|Band|Seite}} benutzen.