Charles Stewart Parnell

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Charles Stewart Parnell

Charles Stewart Parnell (* 27. Juni 1846 in Avondale, County Wicklow; † 6. Oktober 1891 in Brighton) war ein politischer Führer in Irland und eine der wichtigsten irischen Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. William Ewart Gladstone (lange Zeit britischer Premierminister) hielt Parnell für die bemerkenswerteste Person, die er in seinem Leben getroffen hat. Der Premierminister Herbert Henry Asquith beschrieb ihn als einen der drei oder vier größten Männer des 19. Jahrhunderts, während Richard Burdon Haldane, 1. Viscount Haldane, ihn als die stärkste Persönlichkeit ansah, die das britische Unterhaus in 150 Jahren gesehen habe.

Familiärer Hintergrund[Bearbeiten]

Charles Stewart Parnell1 wurde am 27. Juni 1846 in der Grafschaft Wicklow mit adliger Abstammung geboren. Er war der 3. Sohn und das 7. Kind von John Henry Parnell, einem wohlhabenden anglo-irischen Grundbesitzer und seiner amerikanischen Frau Delia Stewart, Tochter des berühmten amerikanischen Seehelden Kommodore Charles Stewart (seinerseits Stiefsohn eines Leibwächters von George Washington). Kommodore Stewarts Mutter, Parnells Urgroßmutter, gehörte zur Tudor-Familie und war deswegen entfernt verwandt mit der britisch-königlichen Familie. John Henry Parnell war der Cousin eines der führenden irischen Aristokraten, Lord Powerscourt (siehe auch: Powerscourt Gardens). Charles Stewart Parnell hatte also von Geburt an weitreichende Beziehungen zu den besten Kreisen der Gesellschaft.

Der junge Parnell studierte am Magdalene College in Cambridge und wurde 1874 Vogt seiner heimatlichen Grafschaft Wicklow. Im folgenden Jahr trat er dem Parlament als Vertreter der Grafschaft Meath bei und unterstützte die Durchsetzung der Home Rule.

Der Politiker Parnell[Bearbeiten]

Statue von Parnell auf der O'Connell Street in Dublin

Während der bis dahin dominierende Vertreter irischer Interessen im britischen Unterhaus Isaac Butt eher gemäßigte Positionen vertrat und auf die Durchsetzung der Home Rule im Konsens mit den etablierten Parteien abzielte, vertrat Parnell eine sehr viel härtere Linie. Obwohl kein guter Redner, erwies er sich als hervorragender Organisator. Im Jahr 1880 ersetzte er den im Vorjahr verstorbenen Isaac Butt sowie William Shaw als Vorsitzender der Nationalist Party (Nationalistische Partei) in Irland.

Unter seiner Leitung strukturierte er 1882 die Partei als Irish Parliamentary Party. Die möglichen Kandidaten für die Partei wurden nach strengen Regeln ausgewählt, so dass die Mitglieder des Parlaments (ehemals berüchtigt für ihre Uneinigkeit) nach Ansage ihres Führers einheitlich abstimmten. Parnells vereinter irischer Block opponierte gegen die liberalen und konservativen Regierungen in den 1880er Jahren, da er für die irische Home Rule kämpfte. In der Mitte der 1880er Jahre stimmte der liberale Führer William Ewart Gladstone mit seiner Partei zu, die Home-Rule-Bestrebungen Parnells zu unterstützen, und brachte die erste Home Rule 1886 als Gesetzesvorschlag ein. Der Vorschlag scheiterte allerdings bereits im Unterhaus und sorgte für eine Teilung in pro- und anti-Home-Rule innerhalb der liberalen Partei.

Neben der zentralen Forderung der Home Rule kämpfte die Irish Parliamentary Party auch für eine Landreform in Irland, wo der Boden damals in den Händen englischer Großgrundbesitzer war. Bei diesem Vorhaben arbeiteten einige Mitglieder der Partei eng mit der Organisation Irish Land League zusammen, die Parnell zusammen mit Michael Davitt gegründet hatte. Diese Verbindung brachte verschiedene Mitglieder, unter ihnen John Dillon, Timothy Michael Healy, William O’Brien und Parnell selbst, für einige Zeit ins Gefängnis, führte aber letztendlich auch dazu, dass eine Reihe von Gesetzen in Kraft traten, die über drei Jahrzehnte hinweg die Besitzverhältnisse in Irland veränderten, indem große anglo-irische Anwesen in den Besitz ihrer Pächter übergingen.

Im März 1887 wurde Parnell von der britischen Zeitung The Times aufgrund von veröffentlichten Briefen beschuldigt, an den sogenannten Phoenix-Park-Morden an Lord Frederick Cavendish sowie Thomas Henry Burke beteiligt zu sein. Er wurde jedoch von allen Beschuldigungen freigesprochen, als offenkundig wurde, dass der Journalist Richard Piggott diese Briefe gefälscht hatte. Dies wurde als die Piggott-Fälschungen bekannt.

Katharine O’Shea[Bearbeiten]

Parnell wird als irischer Nationalheld angesehen und oft als „ungekrönter König von Irland“ bezeichnet – eine Phrase, die ursprünglich für Daniel O'Connell verwandt wurde. Trotzdem war Parnells Höhenflug nur von kurzer Dauer, als herauskam (obwohl es unter Politikern in Westminster weitestgehend bekannt war), dass Parnell seit langer Zeit der Geliebte und Vater einiger Kinder von Katharine O’Shea war. Sie war die Frau von Parnells Parteifreund, dem Parlamentarier Willie O'Shea. Parnell und Katherine heirateten kurz nach ihrer Scheidung von O’Shea.

Unter dem Druck des religiösen Flügels der liberalen Partei teilte der britische Premierminister William Ewart Gladstone widerwillig mit, dass er die Irish Parliamentary Party nicht weiter unterstützen könne, solange Parnell deren Führer bleibe.

Parnell weigerte sich zurückzutreten. Dies führte zu einer Spaltung innerhalb der Partei. Bei einer Parteiversammlung begegnete er Gladstones Äußerung mit der Frage „Wer ist der Führer dieser Partei?“ (Who is the master of the party?). Einer seiner Parteifreunde, Timothy Michael Healy, antwortete mit den legendären Worten „Wer ist die Maitresse dieser Partei?“ (Who is the mistress of the party?).

Parnells Tod[Bearbeiten]

Parnells Grabstein auf dem Glasnevin Friedhof in Dublin

Parnell wurde als Führer schließlich abgesetzt und kämpfte lange und erbittert für seine Wiedereinsetzung. Er unternahm eine politische Tour durch Irland, um für neue Unterstützung zu werben. Am Tag seiner Heirat mit Katherine am 25. Juni 1891 in Steying (West Sussex) verurteilten die katholischen Oberen schriftlich sein Verhalten; nur Edward O’Dwyer aus Limerick verweigerte seine Unterschrift. Bei seiner Reise durch Irland wurde ihm in Castlecomer (Grafschaft Kilkenny) von einer feindlich gesinnten Menschenmenge Branntkalk in die Augen geworfen. Daraufhin wurde er medizinisch von einem Dr. Valentine Ryan aus der Stadt Carlow behandelt, einem Befürworter der Home Rule.

Im September hielt er im strömenden Regen in Creggs (Grenzgebiet der Grafschaften Galway und Roscommon) eine öffentliche Versammlung ab und erkrankte am 27. September an einer Lungenentzündung. Er kehrte nach Dublin zurück und fuhr dort am 30. September mit dem Postboot nach Brighton. Er starb an der Lungenentzündung kurz vor Mitternacht am 6. Oktober 1891 in seinem und Katherines gemeinsamen Haus in Brighton. Obwohl anglikanisch, wurde er auf Dublins größtem römisch-katholischen Friedhof in Glasnevin begraben. Trotz seines Ehebruchs war sein Ansehen insgesamt sehr groß – so wie die Inschrift auf seinem Grabstein in Großbuchstaben einfach lautet: „PARNELL“.

Sein Todestag wurde von seinen Anhängern alljährlich als "Ivy Day" (Efeutag) begangen.[1]

Nach Charles Stewart Parnell ist in Dublin der Parnell Square benannt, und eine Statue von ihm befindet sich an der O'Connell Street.

Fußnote[Bearbeiten]

  1. Meist wird sein Name Par-nell ausgesprochen – mit der Betonung auf der zweiten Silbe. Parnell selbst missbilligte diese Betonung, da er seinen Namen Par-nell aussprach – mit der Betonung auf der ersten Silbe. Diese Betonung wird auch von William Butler Yeats verwendet in seinen Zeilen And Parnell loved his country/And Parnell loved his lass, während viele Gedichte seiner Zeit die Betonung auf der zweiten Silbe verwenden.

Literatur[Bearbeiten]

  • Winston S. Churchill: Lord Randolph Churchill.Odhams Press, London 1905
  • Robert Kee: The Green Flag. A history of Irish nationalism. Penguin, London 2000, ISBN 0-14-029165-2.
  • Robert Kee: The Laurel and the Ivy. The story of Charles Stewart Parnell and the Irish nationalism. Penguin, London 1994, ISBN 0-14-023962-6.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Charles Stewart Parnell – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. The Modern World