Charles Taylor (Philosoph)

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Taylor bei einer Vorlesung 2007

Charles Taylor, CC, FRSC (* 5. November 1931 in Montreal) ist ein kanadischer Politikwissenschaftler und Philosoph. Er wird dem Kommunitarismus zugerechnet.

Themen von Taylors Forschung sind Moralphilosophie, Liberalismus, das Konzept der multikulturellen Gesellschaft und zuletzt auch Religionsphilosophie. In seinem Hauptwerk Quellen des Selbst versucht Taylor die für das Selbst- und Weltverständnis konstitutiven moralischen Quellen der Neuzeit zu rekonstruieren, deren Leugnung er für die Fehlentwicklungen der Moderne verantwortlich macht und die deshalb zurückgewonnen werden müssten.

Leben[Bearbeiten]

Charles Taylor

Taylor wurde als jüngstes von drei Kindern von Walter Margrave Taylor und Simone Beaubien geboren. Er genoss eine katholische Erziehung und wuchs zweisprachig auf.

Taylor besuchte die private Selwyn House School in Montreal und die Trinity College School in Port Hope (Ontario). Anschließend studierte er Geschichte an der McGill University in Montreal sowie Philosophie, Politik- und Wirtschaftswissenschaften an der University of Oxford. Mit seiner im Jahre 1964 veröffentlichten Doktorarbeit (The Explanation of Behaviour) legte er eine scharfe Kritik des psychologischen Behaviorismus vor.

Taylors akademischer Werdegang bewegte sich abwechselnd zwischen Montréal und Oxford. Nach seinem Studium war er zunächst als Assistenzprofessor, ab 1962 als Professor für Politikwissenschaft und Philosophie an der McGill University und der Université de Montréal tätig. 1976-1981 lehrte er Soziale und Politische Theorie an der Universität Oxford, bevor er 1982 wieder nach Montreal zurückkehrte. An der dortigen McGill Universität war er bis zu seiner Emeritierung tätig. 2002 wurde Taylor zum Professor für Recht und Philosophie an der Northwestern University in Evanston (Illinois) ernannt. Daneben nahm er immer wieder Gastprofessuren an, unter anderem an den Universitäten von Kingston, Princeton, Berkeley, Delhi, Tübingen, an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main und der Hebrew University in Jerusalem. Im Herbst 2005 forschte er am Berliner Wissenschaftskolleg über die Wiederkehr der Religion im säkularen Zeitalter. 2012 hat er die Schiller-Professur an der Friedrich-Schiller-Universität Jena inne.[1]

1997 erhielt Taylor den Hegel-Preis, 2004 erhielt er den Josef Pieper-Preis. 2007 wurde er mit dem Templeton-Preis ausgezeichnet und im Jahre 2008 erhielt er den Kyoto-Preis. 2010 wurde Charles Taylor für sein Buch Ein säkulares Zeitalter der Bruno-Kreisky-Preis zugesprochen.

Taylor trat mehrere Male als Kandidat der sozialdemokratischen New Democratic Party in Mount Royal bei Wahlen zum kanadischen Unterhaus an. 1965 unterlag er dabei dem späteren Premierminister Pierre Trudeau. 2007 wurde er vom Premier von Québec, Jean Charest, mit der Co-Leitung einer „Commission de consultation sur les pratiques d’accomodements reliées aux différences culturelles“[2] betraut, die das soziale Umfeld religiöser und kultureller Minderheiten in der Provinz Québec erforschen sollte.

Werk[Bearbeiten]

Taylor lieferte im Laufe von fast fünf Jahrzehnten durch seine Lehrtätigkeit wie durch zahlreiche Bücher und Essays bedeutende Beiträge zur politischen Philosophie, zur Philosophie der Sozialwissenschaften wie zur Geschichte der Philosophie. Themen seiner Forschung sind dabei vor allem die Moralphilosophie, die Frage nach der Identität von Individuen und Gemeinschaften und das Konzept der multikulturellen Gesellschaft.

In seiner Dissertation The Explanation of Behavior kritisiert er die neopositivistische Erklärungsweise des Behaviorismus, in der das Handeln des Menschen auf das beobachtbare Verhalten reduziert werde. Dem stellt er ein intentionales Modell menschlichen Handelns gegenüber, das er der Phänomenologie von Husserl und Merleau-Ponty entnimmt.

Taylors als Philosophical Papers veröffentlichte Studien aus den Jahren 1971 bis 1981 decken ein breites Spektrum von Sozialphilosophie, Politischer Philosophie, Philosophischer Anthropologie und Ethik ab.

Seine umfassende, 1975 erschienene Hegel-Monografie stieß vor allem in den angelsächsischen Ländern auf große Resonanz und löste dort eine neue Rezeption der Philosophie Hegels aus. Taylor hält zwar den Systemgedanken Hegels für gescheitert, glaubt jedoch, dass in Hegels Werk der Grundkonflikt der Moderne, der Gegensatz zwischen Naturwissenschaft und Subjekt, ausgedrückt werde.

In seinem 1989 erschienenen Werk Sources of the self (dt. Quellen des Selbst, 1994) kritisiert Taylor die Idee des autonomen Individuums als ein Missverständnis der Moderne über ihre eigenen Grundlagen. Nicht eine neutrale Vernunft, vielmehr eine ethische Idee stehe am Anfang der Moderne. Taylor wendet sich kritisch gegen die Idee eines neutralen Individuums, das erst mittels seiner „desengagierten Vernunft“ die Welt zu erschließen vermöge. Das Leben des Individuums spiele sich dagegen im Sinne Hegels und Wittgensteins immer vor dem Hintergrund einer bestimmten Lebensform ab.

Von diesem Ausgangspunkt gelangte Taylor in Negative Freiheit (1988) zu einer Konzeption von Ethik, die ihn in Opposition zu kantisch geprägten Modellen brachte. Grundlage des Handelns des Einzelnen seien Wertungen, die in der Idee des menschlichen Selbst fundiert sind. Diese Werte gelten nur für eine konkrete historische Gemeinschaft, in der sich der Einzelne immer schon bewegt. Menschliche Identität, menschliches Handeln und Erkennen sind nicht möglich ohne die intersubjektiv verbindliche Akzeptanz letzter und höchster Güter.

In The Malaise of Modernity (1991, dt. Unbehagen an der Moderne, 1995) kritisiert Taylor die zentrale neuzeitliche Idee von der menschlichen Freiheit und dem Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen als ein verkürztes Menschenbild mit fatalen Konsequenzen. Es führe zu einem „Individualismus der Selbstverwirklichung“ und damit zu einem Wertrelativismus und Subjektivismus, der Belange jenseits des eigenen Ich ignoriert und es unmöglich macht, moralische Streitfragen zu beantworten. Das Gegenmodell dazu entwirft Taylor in Wieviel Gemeinschaft braucht die Demokratie? (2001). Taylor fordert darin die Besinnung auf Werte wie Gemeinsinn und Solidarität. Den durch die Gemeinschaft garantierten Rechten müssen auf der Seite des Individuums eine Verpflichtung für die Gemeinschaft entsprechen.

Christentum und Moderne[Bearbeiten]

Als praktizierender Katholik erhielt Taylor 1996 die Marianisten-Auszeichnung der University of Dayton. In seiner Vorlesung zur Annahme des Preises[3] vertritt er die Auffassung, dass in säkularisierten westlichen Gesellschaften bestimmte christliche Werte stärker verwirklicht seien als sie es in christlich dominierten Gesellschaften vor dem Zeitalter der Aufklärung jemals waren. Als Beispiele nennt Taylor die Anerkennung universell gültiger Menschenrechte und weitreichende Werke der Nächstenliebe im Rahmen des Sozialstaates sowie durch internationale Hilfeleistung bei Naturkatastrophen und humanitäres Einschreiten in Bürgerkriegen.

Taylor betrachtet es als Voraussetzung einer solchen Humanität, dass eine Gesellschaft weder von einer einzigen Religion noch von einer weltlichen Ideologie dominiert wird. Für eine Gefahr hält er hingegen einen exklusiven Humanismus, der menschliches Glück und Wohlergehen als ausschließlichen und höchsten Wert begreift. Taylor sieht ein menschliches Bedürfnis nach einem Sinn, der das diesseitige menschliche Leben transzendiert. Moderne philosophische Positionen, die sowohl christliche als auch humanistische Werte in Frage stellen – etwa jene Friedrich Nietzsches – deutet er als Ausdruck einer Unzufriedenheit mit der Bejahung menschlichen Lebens als alleiniger Grundlage eines Wertesystems.[3]

Taylor sieht den Humanismus zudem als unzureichende Motivation für moralisches Handeln: Wenn eine Hilfeleistung allein aus einem positiven humanistischen Menschenbild heraus begründet wird, bestehe ständig die Gefahr, dass der Empfänger den idealistischen Erwartungen des Gebers nicht gerecht werde. In diesem Fall könne die Philanthropie des Helfers mit der Zeit in Verachtung und Hass umschlagen. Ein zynischeres Menschenbild erspare derartige Enttäuschungen, bringe aber die Gefahr mit sich, keine hinreichende Motivation für moralisches Handeln mehr aufbringen zu können. Aus dieser Perspektive verweist Taylor auf die Bedeutung des christlichen Menschenbilds, das den Menschen als Sünder begreift, ihm gleichzeitig als Bild Gottes aber dennoch unbedingten Wert und Würde zuschreibt. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass christlicher Glaube allein kein Garant für dauerhaftes moralisches Handeln sei.[3]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  •  Hegel (= Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. 416). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983 (Originaltitel: Hegel, 1975, übersetzt von Gerhard Fehn), ISBN 978-3-518-28016-4 (Inhaltsverzeichnis).
  •  Quellen des Selbst. Die Entstehung der neuzeitlichen Identität (= Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. 1233). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996 (Originaltitel: Sources of the Self. The Making of the Modern Identity, 1992, übersetzt von Joachim Schulte), ISBN 978-3-518-28833-7 (Inhaltsverzeichnis des englischen Originals).
  •  Ein säkulares Zeitalter. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009 (Original: 2007) (Originaltitel: A Secular Age, übersetzt von Joachim Schulte), ISBN 978-3-518-58534-4 (Inhaltsverzeichnis).
  •  (zus. mit Jocelyn Maclure) Laizität und Gewissensfreiheit. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2011.
  •  Die Formen des Religiösen in der Gegenwart. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002, ISBN 9783518291689.
Artikel
Interview

Literatur[Bearbeiten]

  • Ingeborg Breuer: Charles Taylor zur Einführung. 2. Auflage. Junius, Hamburg 2010, ISBN 978-3-88506-327-8.
  • Michael Kühnlein: Religion als Quelle des Selbst. Zur Vernunft- und Freiheitskritik von Charles Taylor, Mohr Siebeck, Tübingen 2008, ISBN 978-3-16-149689-9.
  • Michael Kühnlein, Matthias Lutz-Bachmann (Hrsg.): Unerfüllte Moderne? Neue Perspektiven auf das Werk von Charles Taylor. Suhrkamp, Berlin 2011, ISBN 978-3-518-29618-9.
  • Perreau-Saussine, Emile, Une spiritualité démocratique ? Alasdair MacIntyre et Charles Taylor en conversation, Revue française de science politique, Bd. 55 (2), April 2005, S. 299 bis 315.
  • Hartmut Rosa: Identität und kulturelle Praxis. Politische Philosophie nach Charles Taylor, Frankfurt/M: Campus, 1998, ISBN 3-593-35996-0.
  • Hartmut Rosa: Die politische Theorie des Kommunitarismus: Charles Taylor, in: André Brodocz/Gary S. Schaal (Hrsg.): Politische Theorie der Gegenwart II. Eine Einführung, Opladen 2001, S. 55 bis 88.
  • Markus Schütz: Der Begriff des Guten bei Charles Taylor. Kann es unter der Autonomiebedingung der Moderne noch eine normative Theorie des guten Lebens geben?. Herbert Utz Verlag, München 2005, ISBN 3-8316-0525-4.
  • James Tully, M. Weinstock (Hrsg.): Philosophy in an Age of Pluralism: The Philosophy of Charles Taylor in Question. Cambridge: Cambridge University Press 1995

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.fzla.uni-jena.de/Forschungskolleg/Schiller_Professur.html
  2. weblink
  3. a b c Veröffentlicht in James Heft (Hrsg.): A Catholic Modernity? Charles Taylor's Marianist Award Lecture. Oxford University Press, 1999