Charleys Tante

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W. S. Penley als originale Charleys Tante, gezeichnet von Alfred Bryan

Charleys Tante (englischer Originaltitel Charley’s Aunt) ist eine Farce in drei Akten von Brandon Thomas aus dem Jahr 1892.

Handlung[Bearbeiten]

Die beiden Studenten Charley und Jack benötigen für eine geplante Verabredung mit ihren Freundinnen Amy und Kitty dringend eine Anstandsdame. Da die dafür vorgesehene Donna Lucia d’Alvadorez, Charleys Tante aus Brasilien, nicht rechtzeitig eintrifft, überreden die beiden ihren Freund Lord Fancourt Babberly („Babbs“), als Frau verkleidet die Rolle zu spielen. Die aus dieser Travestie resultierende Situationskomik macht den Reiz des Stückes aus.

Rezeption[Bearbeiten]

Uraufführung war am 29. Februar 1892 im Theatre Royal, Bury St Edmunds. Bereits die Uraufführungsinszenierung erreichte über 1.500 Vorstellungen. Am 21. Dezember 1892 wurde das Stück erstmals in London aufgeführt und am 2. Oktober 1893 am New Yorker Broadway, wo es vier Jahre lang lief.

Die Deutschsprachige Erstaufführung fand am 18. September 1893[1] im Berliner Adolf-Ernst Theater (später Thalia-Theater) statt, mit Guido Thielscher in der Hauptrolle.[2] Im November 1893 wurde das Ensemble in das Neue Palais in Potsdam befohlen, um auch dem Kaiser ihr Stück vorzutragen, über das ganz Berlin schrecklich lachte. Maximilian Harden schäumte und schrieb einen längeren Artikel über dieses Gastspiel.[3] Am 15. August 1896 feierte das Stück die 450. Aufführung.[4] In Wien wurde das Stück erstmals 1894 gespielt.[5] Im Jahre 1911 zählte Leo Melitz das Stück in seinem „Führer durch das Schauspiel der Gegenwart“ zu den meistgespielten Bühnenstücken in Deutschland. In den 1920er Jahren wurde es sogar am Deutschen Theater Berlin unter der Regie von Max Reinhardt und mit Werner Krauß in der Titelrolle aufgeführt.

Das Stück löste eine recht dauerhafte Rockrollen-Welle aus. Zur gleichen Zeit, um die Jahrhundertwende, wurde Homosexualität, Transvestitismus und Magnus Hirschfelds Zwischenstufen-Theorie große Aufmerksamkeit zuteil (Sexualwissenschaft - Geschichte), was gewiss zu gegenseitigen Assoziierungen führte und von den Anwohnern auf eigenartige Weise aufgenommen und ausgenutzt wurde. Im Jahre 1901 diskutierte ein nur mit Initialen bekannter Arzt im Artikel „Vom Weibmann auf der Bühne“ im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen unter anderem über Männer, die sich nach jahrelanger Arbeitslosigkeit und Diffamierung auf einmal in Frauenkleidern ein gutes Einkommen sichern konnten. Hirschfeld schildert in den 1910er Jahren mehrere Fälle von Männern, die ihre eigene Sexualität erst in Frage stellten, nachdem sie eine Rockrolle gesehen hatten. Und er schildert mehrere Anekdoten, wo Männer in Frauenkleidern auf offener Straße von der Polizei angehalten wurden, und nach der Behauptung in einer Rockrollen-Inszenierung mitzuspielen, unbehelligt weitergehen durften. Vom Stoff des Stückes wurden dutzende Variationen geschrieben, die von großen bis kleinen Bühnen gespielt wurden und allein in den Jahren 1910-14 wurden (mindestens) 36 (noch identifizierbare) Rockrollen-Filme auf den deutschen Markt gebracht.[6]

Von 1948 bis 1950 lief am Broadway zudem eine von Frank Loesser und George Abbott geschriebene Musical-Version unter dem Titel Where’s Charley?, die 1952 verfilmt wurde. Deutschsprachige Erstaufführung des Musical war am 25. November 1960 unter dem Titel Wo ist Charley? am Ulmer Theater.[7]

Charleys Tante ist eine der bekanntesten Komödien der Welt und wurde in über hundert Sprachen übersetzt.

Verfilmungen[Bearbeiten]

Das Stück wurde mehrfach verfilmt, zuerst 1915 als Stummfilm mit Oliver Hardy und 1925 mit Sydney Chaplin, dem Bruder von Charlie Chaplin. Ein Tonfilm mit Charles Ruggles in der Hauptrolle wurde 1930 veröffentlicht.

Eine britische Parodie des Stückes erschien 1940 unter dem Titel Charley’s Big-Hearted Aunt. Die bekannteste Verfilmung im englischsprachigen Raum wurde ein Jahr später veröffentlicht, mit dem Komiker Jack Benny in der Titelrolle.

Im deutschsprachigen Raum sind die Verfilmungen von 1955 mit Heinz Rühmann (Charleys Tante (1956)) sowie 1963 mit Peter Alexander (Charleys Tante (1963)) in der Titelrolle sehr bekannt. Im Dezember 1954 übertrug der NWDR Charleys Tante aus dem Kölner Millowitsch-Theater mit den Geschwistern Willy und Lucy Millowitsch in den Hauptrollen. In einer weiteren fürs Fernsehen produzierten Theateraufführung zeigte Jörg Pleva eine beeindruckende schauspielerische Leistung. Der Regisseur Sönke Wortmann verfilmte das Stück zudem 1996 für das Fernsehen mit Thomas Heinze in der Hauptrolle (Charleys Tante (1996)). Bereits 1934 war unter der Regie von Robert A. Stemmle eine frühe Verfilmung mit Paul Kemp in der Titelrolle entstanden.

Eine sowjetische Adaption für das Fernsehen wurde 1975 hergestellt und erwies sich als großer Erfolg.

Historisches Hörspiel[Bearbeiten]

Am 20. Oktober 1925 Wurde das Stück als Hörspiel von der NORAG (Hamburg) live, ohne die Möglichkeit einer Aufzeichnung ausgestrahlt. Die Regie führte Ernst Pündter.

Die Sprecher waren:

Darsteller der Titelrolle auf der Bühne (Auswahl)[Bearbeiten]

Axel von Ambesser, Leon Askin, Albert Bassermann, Curt Bois, Hans Clarin, Noel Coward, Will Dohm, Jose Ferrer, Sir John Gielgud, Gustaf Gründgens, Sir Alec Guinness, Rex Harrison, Leslie Howard, Emil Jannings, Paul Kemp, Victor de Kowa, Werner Krauß, Theo Lingen, Herbert Mensching, John Mills, W. S. Penley (Uraufführung), Jörg Pleva, Heinz Rühmann, Carl-Heinz Schroth, Heinrich Schweiger, Guido Thielscher (deutschsprachige Erstaufführung), Brandon Thomas, Erkki Hopf (Ohnsorg-Theater 2010)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Anthony Slide: Great pretenders: a history of female and male impersonation in the performing arts. Wallace-Homestead Book Co., 1986, ISBN 0-87069-474-X, S. 71.
  2.  William Grange: Thielscher, Guido (1859-1941). In: Historical Dictionary of German Theater (= Historical Dictionaries of Literature and the Arts). Scarecrow Press, 2006, ISBN 0-8108-6489-4, S. 317.
  3.  Manfred Nöbel: Bis früh um fünfe in der Luisenstadt. In: Probleme/Projekte/Prozesse. Nr. 2/1998, Berlin 1998, S. 17-23 (luise-berlin.de, abgerufen am 8. Januar 2015).
  4.  Karl Friedrich Flögel, Max Bauer: Geschichte des Grotesk-Komischen. erweiterte Auflage. Georg Müller, München 1914, S. 175.
  5.  Reinhard E. Petermann: Wien im Zeitalter Kaiser Franz Josephs I.. R. Lechner (W. Müller), Wien 1908, S. 98 („Von den Novitäten des Jahrzehnts machten am meisten die englische Posse "Charleys Tante" (1894) und Hall Jones englische Operette "Die Geisha" (1897) von sich reden.“).
  6.  Jan Distelmeyer (Hrsg.): Spaß beiseite, Film ab: jüdischer Humor und verdrängendes Lachen in der Filmkomödie bis 1945 (= CineGraph). Edition Text + Kritik, 2006, ISBN 3-88377-803-6, S. 137.
  7.  Klaus Dermutz, Karin Messlinger, Klaus Dermutz (Hrsg.): Die Außenseiter-Welten des Peter Zadek (= Edition Burgtheater. 1). Residenz, 2001, ISBN 3-7017-1243-3, S. 230.