Chemtrail

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Himmel über Frankfurt am Main, Januar 2012: Solche Kondensstreifen werden von Vertretern dieser Verschwörungstheorie als „Chemtrails“ gedeutet
Mit Wasser gefüllte Ballasttanks in einem 747-8I Prototyp während eines Versuchsflugs. Die entsprechenden Bilder werden gelegentlich als Beweis der Chemikalienzugabe angesehen.

Der Begriff Chemtrails ([ˈkɛmtɹɛɪ̯ɫz], Kofferwort aus „Chemikalien“ und englisch Contrails, „Kondensstreifen“[1], eingedeutscht etwa „Chemikalienstreifen“, gelegentlich auch Giftwolken) bezeichnet eine seit den 1990er Jahren verbreitete Verschwörungstheorie.

Entsprechend dieser Darstellung sind Kondensstreifen nicht nur auf kondensierte Flugzeugabgase in großer Höhe zurückzuführen, sondern basieren auf der willentlichen Ausbringung von Chemikalien und Zusatzstoffen. Chemtrails seien gegenüber normalen Kondensstreifen langlebiger und flächiger in der Ausbreitung.[2][3] Als Hintergrund wird unter anderem Geoengineering, Bevölkerungsreduktion oder militärische Zwecke behauptet.[4] Die Verschwörungstheorie ist spätestens seit 1996 und im Internet verbreitet.[5][2][1]

Laut deutschem Umweltbundesamt gibt es weder für das Ausbringen von Chemikalien noch für auffällig geänderte Kondensstreifen wissenschaftliche Belege.[3] Ähnliche Stellungnahmen sind auch von Nichtregierungsorganisationen, Meteorologen und staatlichen Institutionen bekannt, was die Beliebtheit und Verbreitung der „reinen Fiktion“[6] bislang nicht verringert hat.

Hintergrund

Als Grundlage der Verschwörungstheorie gelten Mutmaßungen Mitte der 1990er Jahre, die US-Luftwaffe plane Wetterbeeinflussung und Kondensstreifen militärisch zu nutzen.[7][8] Die USAF sieht die Chemtrailthesen als Hoax, mit dem unter anderem auf ein damaliges Strategiepapier Weather as a Force Multiplier: Owning the Weather in 2025[9][10] reagiert worden sein soll, ohne aber damals wie heute tatsächlichen militärischen Planungen oder Fähigkeiten zu entsprechen.[7]

Begriff und Absichten

Mit dem Begriff Chemtrail werden bestimmte, langlebige und teils in Gittern auftretende Kondensstreifen bezeichnet,[11] bei denen es sich nicht um normale, aus Eiskristallen bestehende Kondensstreifen handeln soll, sondern um Sprühspuren von diversen chemischen Substanzen. Über die vermutete Zusammensetzung dieser angeblich vorhandenen Stoffe besteht keine Einigkeit, oft nennen die Anhänger jedoch Barium- und Aluminium-Verbindungen als Bestandteil.[2]

Im Normalfall hängt die Ausbreitungsform und -geschwindigkeit sowie die Beständigkeit der Kondensstreifen von Faktoren wie Temperatur, lokaler Windgeschwindigkeit und Luftfeuchtigkeit ab. Bei geringer Luftfeuchtigkeit lösen sich Kondensstreifen rascher auf. Bei hoher Luftfeuchtigkeit hingegen können Abgaspartikel als Kristallisationskeime wirken, weiteren Wasserdampf binden und sich bei entsprechenden Strömungen weit ausbreiten. Erhöhte Neigung zu langlebigen Kondensstreifen - häufig in Verbindung mit Cirruswolkenbildung - findet sich im Bereich von herannahenden Wetterfronten, die durch Hebungsvorgänge Feuchtigkeit in die hohen Luftschichten befördern (Aufgleiten bei Frontpassage); dadurch wird irgendwann das Kondensationsniveau erreicht.

In der Meteorologie werden Kondensstreifen als eine Art „künstliche Cirruswolken“ angesehen und sind schon länger bekannt als die nach der Verschwörungstheorie „organisierte Klimaänderung“ stattfindet.[3][12]

Die beobachtete Zunahme in Häufigkeit und Ausbreitung von Kondensstreifen am Himmel hängt vor allem mit dem starken Wachstum des Flugverkehrs zusammen. Allein in Deutschland hat sich die Zahl der Beförderungsleistung durch Flüge seit den 1980er Jahren verfünffacht. Bei über zwei Millionen Starts und Landungen pro Jahr[13] kommt es dementsprechend zur Entwicklung einer deutlich größeren Zahl an Kondensstreifen als vor diesem Zeitpunkt. Diese künstliche Bildung von Wolken und deren Effekte werden wissenschaftlich untersucht, sie verändern die Sichtverhältnisse in der Atmosphäre. Andererseits stellen zunehmende Streifenstrukturen eine ästhetische Veränderung des sichtbaren Himmels dar.[14]

Technische Umsetzungen

Zu den technischen Voraussetzungen der Chemtrails gibt es verschiedene, zum Teil widersprüchliche und technisch nicht schlüssige Erklärungsversuche. Gemäß einer Variante werden den Flugzeugtreibstoffen Chemikalien zugesetzt. Das würde eine Verbreitung von Polymeren, Mikroben oder pharmazeutisch wirksamen Substanzen, wie sie von einigen Verschwörungstheoretikern angenommen wird, ausschließen, da diese in den Brennkammern der Triebwerke zerstört würden.[15] Die Verbreitung reiner metallischer oder mineralischer Substanzen über diesen Weg würde hingegen zu hohem Verschleiß an den Turbinenschaufeln der Triebwerke führen.[15]

Andere Vermutungen gehen von einer Verbreitung der Substanzen mittels eingebauter Sprühvorrichtungen aus. Solche sollen etwa an der Flugzeugunterseite hinter verschlossenen Klappen verborgen sein können.[15] Somit könnten spezielle Sprühmaschinen mit eingewiesenem Personal Chemtrails ausbringen, oder die Substanzen würden automatisch, unbemerkt von den Piloten, während des Fluges von normalen Linienmaschinen durch hohle Drähte an den Tragflächenkanten versprüht. Tatsächlich kommt es an scharfen Kanten und Sensoren auch in niedrigeren Höhen gelegentlich zur Bildung von Kondensstreifen - angeblich geheimgehaltene Klappen oder Sprühsysteme wären spätestens bei der Vorflugkontrolle durch Servicepersonal und Crew zu entdecken.[15] Diese Vorgänge werden gelegentlich auch für Fuel Dumping gehalten, was aber nur in Notfällen gestattet ist.

US-Bomber über Österreich, 1944. Kondensstreifen waren schon damals in großer Zahl am Himmel zu sehen.

Motive und Ziele

Von Vertretern der Chemtrailtheorie werden verschiedene Zielsetzungen angenommen. So sollen Substanzen versprüht werden, um Geoengineering zu betreiben. Damit solle der Treibhauseffekt durch Reflexion von Sonnenlicht abgeschwächt und so die globale Erwärmung reduziert werden.[4] Hierbei wird oft das Welsbach-Patent angeführt, in dem die Möglichkeit der Verminderung des Treibhauseffekts mittels großflächiger Verteilung von Partikeln in der Atmosphäre beschrieben wird.[2][16][4] Auch wird spekuliert, dass Chemtrails der Bevölkerungsreduktion dienen könnten. Die zugesetzten Chemikalien sollen dieser Theorie zufolge die Zeugungsfähigkeit der Bevölkerung senken oder sie schlicht vergiften.[4] Der Film „Why in the world are they spraying?“ („Warum in aller Welt sind sie am Sprühen?“)[17] vermutet unter anderem eine gezielte Vergiftung und Veränderung des pH-Wertes des Bodens mit Aluminiumverbindungen, um herkömmliches Saatgut unbrauchbar zu machen. Saatgutgroßkonzerne hätten längst schon präventiv genmanipulierte aluminiumresistente Sorten entwickelt.

Stellungnahmen von Politik und Nichtregierungsorganisationen

2004 berichtete die Zeitschrift Raum & Zeit in dem Artikel „Die Zerstörung des Himmels” über angebliche Chemtrails. In der Folgezeit fragten Bürger beim Umweltbundesamt (UBA) an, was es damit auf sich habe. Das Amt veröffentlichte im März 2011 eine Stellungnahme, wonach die in besagtem Artikel aufgestellten Behauptungen nicht glaubwürdig seien.[3] Auch wenn theoretische Vorstellungen des Klimaschutzes durch Ausbringen verschiedener Stoffe vorlägen, so gibt es demnach keine Hinweise darauf, dass diese bisher konkret umgesetzt würden. Das UBA beruft sich auf den Deutschen Wetterdienst, in dessen Beobachtungsdaten keine auffälligen Veränderungen des Verhaltens von Kondensstreifen verzeichnet sind. Auch dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sind keine entsprechenden Phänomene bekannt, obwohl es seit vielen Jahren die Wirkung von Luftfahrtemissionen auf die Atmosphäre untersucht. Anfragen bei der Deutschen Flugsicherung und beim Deutschen Wetterdienst ergaben keine Hinweise auf auffällige Flugbewegungen und Kondensstreifen. Auch der WHO liegen keine Kenntnisse zur Existenz von besonderen Chemtrails vor. Das Verteidigungsministerium und das europäische Hauptquartier der US Air Force teilten mit, keine entsprechenden Projekte zu betreiben.[3] Die Air Force beantwortete zudem Theorien, dass sie das Wetter manipuliere, mit einem Informationspapier zu Kondensstreifen. Wettermanipulationen würden durch die Air Force nicht vorgenommen, und man plane auch nicht, damit zu beginnen.[5]

Das Greenpeace Magazin bewertete die Spekulationen über Chemtrails in einem eigenen Artikel als Verschwörungstheorie und schloss sich den Ergebnissen des Umweltbundesamtes an.[18]

Erwähnt werden Chemtrails in den USA 2001 in einer Gesetzesvorlage, dem Space Preservation Act, die dem Kongress durch den Politiker Dennis Kucinich erstmals vorgelegt wurde. Die Vorlage wurde abgelehnt, und Kucinich, der an der Ausarbeitung der Vorlage nicht direkt beteiligt war, äußerte später, dass er sich über die Erwähnung der Chemtrails nicht im Klaren war und er an diesem Thema nicht interessiert sei.[19]

Im März 2007 stellten österreichische Nationalratsabgeordnete der FPÖ eine parlamentarische Anfrage an den damaligen Landwirtschaftsminister Josef Pröll (ÖVP).[20] Darauf stellte das Landwirtschaftsministerium fest, dass ihm das Thema Chemtrails seit längerem bekannt sei und es derartige Vorgänge als überaus problematisch einstufen würde, dass es aber auch nach ausführlicher Recherche keinerlei Hinweise auf die Ausbringung derartiger Stoffe über Österreich gebe.[21]

In Mecklenburg-Vorpommern startete die NPD eine kleine Anfrage im Landtag bezüglich Chemtrails, um der Regierung „Wettermanipulation“ zu unterstellen.[22] Alfred Steinleitner von der NPD referierte am 16. März 2011 in Deggendorf zum Thema „’Chemtrails’ – Globales Chemieverbrechen in der Atmosphäre!!!“.[23]

Hagelflieger

Hagelflieger-Ausrüstung an einer Cessna 210

Nicht mit den angeblichen Chemtrails verwechselt werden darf das Hagelfliegen als Maßnahme zur Wetterbeeinflussung. Dabei wird von Kleinflugzeugen mit Spezialgeneratoren ein Gemisch aus Silberjodid und Aceton im Aufwindbereich von Gewitterwolken ausgebracht. Das führt in der Theorie zur Bildung winziger Eiskeime. An diesen sollen sich kleine Eiskugeln bilden, um die Bildung von großen Hagelschloßen zu behindern. Kleine Eiskörner können sogar wieder schmelzen, bevor sie am Boden ankommen. Dieser Vorgang ist unter dem Begriff „Wolkenimpfung“ bekannt. Eine wissenschaftliche Bestätigung der Wirksamkeit in der Praxis gibt es bislang jedoch nicht.[24]

Literatur

  • Holm Hümmler: Chemtrails – Zwischen Meteorologie und Verschwörungstheorie. In: Skeptiker. Nr. 2, 2006, S. 48–55.
  • Jörg Lorenz: Das Chemtrailhandbuch. Was sich wirklich über unseren Köpfen abspielt. Mit einem Vorwort von Jörg Kachelmann, jmb, Hannover 2013, ISBN 978-3-944342-12-2.
  • Nigel James: Contrails. In: Peter Knight: Conspiracy Theories in American History. Santa Barbara/Denver/Oxford 2003, S. 197 ff.

Weblinks

 Commons: Chemtrails – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b Nigel James: 'Contrails', In: Peter Knight: Conspiracy Theories in American History, Santa Barbara/Denver/Oxford 2003, 197-199.
  2. a b c d Odenwald, Michael: 'Wetterkapriolen' Focus 17. Juni 2011.
  3. a b c d e Umweltbundesamt: 'Chemtrails – Gefährliche Experimente mit der Atmosphäre oder bloße Fiktion?' (PDF; 81 kB), Stand: März 2011.
  4. a b c d Michael Kneissler: 'Verschwörung am Himmel?', P.M. Magazin 01/2012.
  5. a b US Air Force: Contrails Facts, AFD-051013-001 (PDF; 547 kB; Archiv.org-Version), 13. Oktober 2005.
  6. Umweltbundesamt: Chemtrails sind reine Fiktion In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung , 27. März 2012.
  7. a b Contrails Facts. US Air Force. 13. Oktober 2005. Archiviert vom Original am 6. März 2013.
  8. Paul Simons: Weather Eye: contrail conspiracy. In: The Times, 27. September 2013.  „This conspiracy idea took hold in 1996 when the US Government was accused of trying to modify the weather for military means“ Vorlage:Subscription required
  9. The "Chemtrail" Hoax. Air Force. Archiviert vom Original am 2. Dezember 2002. Abgerufen am 7. Mai 2010.
  10. Weather as a Force Multiplier: Owning the Weather in 2025. Fas.org. Abgerufen am 24. Juli 2009.
  11. Schlatter, Thomas: 'Weather Queries: Chemtrail Controversy' (Memento vom 9. März 2001 im Internet Archive), weatherwise.org 9. März 2001.
  12. United States Environmental Protection Agency: Aircraft Contrail Factsheet (PDF; 1,6 MB), September 2000.
  13. Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen: Pressemitteilung Nr. 06/2010 (Verkehrsentwicklung 2009) (PDF; 38 kB), 10. Februar 2010.
  14. Umwelt- und Prognose-Institut e.V.: Zunehmender Flugverkehr beeinträchtigt klare und kontrastreiche Sicht in der Atmosphäre, Stand: 30. März 2011.
  15. a b c d Kristina Peter: Chemtrails oder Kondensstreifen? In: Magazin 2000 Plus. 6, 2007, S. 24 ff.
  16. David B. Chang, I-fu Shih: United States Patent US5003186 veröffentlicht 26. März 1991.
  17. Film '"Why in the world are they spraying"
  18. Marcel Keiffenheim: Ein Himmel voller Verschwörer. In: Greenpeace Magazin 5, 2004.
  19. Naymik, Mark: 'Many Kucinich backers are out there – way out', in Cleveland Plain Dealer 12. März 2003. Wörtlich “When I found out that was in there, I said, ‘Look, I’m not interested in going there.‘”
  20. FPÖ: Parlamentarische Anfrage Nr. 551/J betreffend Freisetzung von Chemikalien in der Atmosphäre zur Beeinflussung des Klimas (PDF; 17 kB), 22. März 2007.
  21. Landwirtschaftsministerium Österreich: Beantwortung der parlament. Anfrage Nr. 551/J (PDF; 27 kB), 22. Mai 2007.
  22. Abteilung NPD deckt auf: Wettermanipulation in Westmecklenburg?, abgerufen 19. Februar 2012.
  23. NPD-Aschermittwoch mit Apfel, abgerufen 19. Februar 2012.
  24. J. Wieringa, I. Holleman: If cannons cannot fight hail, what else ?. Meteorologische Zeitschrift 15, Ausgabe 3, Juni 2006