China Miéville

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
China Miéville (2010)

China Tom Miéville (* 6. September 1972 in Norwich) ist ein englischer Fantasy-Autor, Comic-Texter und Wissenschaftler. In seinen Werken finden sich jedoch ebenso Merkmale der Science Fiction, der Horrorliteratur und des Steampunk. Er selbst beschreibt sein Werk gern als „Weird Fiction“ (ähnlich einigen Schriftstellern des frühen zwanzigsten Jahrhunderts wie etwa H. P. Lovecraft und Clark Ashton Smith, die für das Pulp-Magazin Weird Tales schrieben). Er gehört einer losen Gruppe von Autoren an, den sogenannten New Weird. Sie versuchen, die Fantasy-Literatur weiter zu entwickeln und distanzieren sich von den eher konservativen Inhalten, die ihrer Meinung nach z. B. die für das Genre stilbildenden Romane Tolkiens charakterisieren.

Miéville ist ein aktiver linksorientierter Politiker und Mitglied der Internationalen Sozialistischen Allianz (US). 2001 kandidierte er, mit dieser Partei, ohne Erfolg, für das englische Unterhaus. Bis März 2013 ist er [1] Mitglied der englischen Socialist Workers Party. Nachdem Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe die Parteiführung belasteten, verließ er die SWP, bleibt aber Mitglied der US-amerikanischen International Socialist Organisation. Er gehört zu den Herausgebern der Zeitschrift Historical Materialism – Research in Critical Marxist Theory.

Biografisches[Bearbeiten]

Miéville wurde in Norwich geboren und wuchs in Willesden, einem Stadtteil im Nordwesten Londons auf. Dort lebte er, bis zu seiner Volljährigkeit, zusammen mit seiner Schwester Jemima und seiner Mutter Claudia, eine Übersetzerin und Lehrerin. Da sich seine Eltern bereits kurz nach seiner Geburt getrennt hatten meint er selbst, „daß er seinen Vater nie wirklich kennen gelernt hatte.“ 1990, im Alter von 18 Jahren ging Miéville für ein Jahr nach Ägypten wo er als Englischlehrer arbeitete. Während dieses Aufenthalts wurde sein Interesse an arabischer Kultur und der Nahost-Politik geweckt.

Ausbildung[Bearbeiten]

Miéville besuchte für zwei Jahre die freie Schule in Oakham, Rutland. Bis 1994 studierte er am Clare College der Universität Cambridge und schloss mit einem Bachelor in Sozialanthropologie ab. 2001 erwarb er zudem einen Master mit Auszeichnung sowie einen PhD der London School of Economics and Political Science. Außerdem studierte Miéville, als Stipendiat, mit einem Frank Knox Memorial Fellowship, an der Harvard Universität.

Literarische Vorbilder[Bearbeiten]

Miéville zählt M. John Harrison, Michael de Larrabeiti, Michael Moorcock, Thomas M. Disch, Charles Williams, Tim Powers, und J. G. Ballard zu seinen literarischen Helden; daneben zählte er auch H. P. Lovecraft, Mervyn Peake, Ursula K. Le Guin, und Gene Wolfe zu seinen literarischen Einflüssen.

Dungeons & Dragons und ähnliche Rollenspiele (RPG), mit denen er sich in seiner Jugend viel beschäftigt hat, macht er für seine Tendenz zur Systematisierung von Magie und Technologie, verantwortlich. Seit 2010 mit seinem Beitrag zum: „Pathfinder Roleplaying Game supplement Guide to the River Kingdoms“ ist Miéville selbst als Rollenspielautor aktiv.

Sein Verhältnis als linker Politiker zum Schreiben und zur Literatur definierte Miéville einmal wie folgt:

„Ich bin kein Linker, der versucht seine böse Message mit Hilfe verachteter phantastischer Romane zu transportieren. Ich bin ein Fantasy und Science-Fiktion Freak. Ich liebe dieses Zeug und wenn ich meine Romane schreibe, schreibe ich sie nicht mit der Intention politisch zu punkten. Ich schreibe sie, weil ich Monster leidenschaftlich liebe, genauso wie bizarre und schreckliche Geschichten und gefährliche Situationen und Surrealismus, und was ich damit will, ist, genau das zu kommunizieren. Aber, weil ich das alles aus einer politischen Perspektive betrachte, sind die Welten, die ich kreiere immer auch eingebettet in die Befürchtungen, die ich hege. … Was ich zu sagen versuche – ich habe diese wirklich coole Welt erfunden und ich habe wirklich große Geschichten in ihr zu erzählen und einer der Wege, das interessanter zu machen ist, darüber politisch zu denken. Wenn sie das auch wollen, ist das phantastisch, wenn nicht; - ist das nicht ein cooles Monster?“ [2]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Miévilles erster Roman, King Rat, wurde für den Preis der International Horror Guild und für den Bram Stoker Award nominiert. Perdido Street Station gewann 2001 den Arthur C. Clarke Award und wurde für den Hugo, den Nebula Award und den World Fantasy Award nominiert. In Deutschland erschien Perdido in zwei Teilen als Die Falter und Der Weber; die Bücher erhielten 2003 den Kurd-Laßwitz-Preis in der Kategorie „Bester ausländischer Roman“, und die Übersetzerin Eva Bauche-Eppers erhielt zugleich den Kurd-Laßwitz-Preis für die beste Übersetzung. Sein drittes Buch, The Scar, gewann ebenfalls den Arthur-C.-Clarke-Preis, den Locus Award, und wurde für den World Fantasy Award nominiert. 2005 erhielt Miéville in Deutschland wiederum den Kurd-Laßwitz-Preis für The Scar als besten ausländischen Roman. 2005 gewann er erneut den Locus Award für den besten Fantasy-Roman mit Iron Council, und 2010 gewann sein The City & the City wiederum den Locus- und den Arthur-C.-Clarke-Preis. 2011 gewann Miéville mit Kraken erneut den Locus-Award für den besten Fantasy-Roman. Der SF-Roman Embassytown ist 2012 ebenfalls auf der Shortlist des ACCP.[3]

Die Welt von Bas-Lag[Bearbeiten]

Die drei Bücher Perdido Street Station, The Scar und Iron Council spielen in der Fantasiewelt Bas-Lag, deren einflussreichste Stadt „New Crobuzon“ ist. Diese Welt bevölkert Miéville mit einer verblüffend farbigen Fülle von (oft intelligenten) Lebewesen wie z. B. Kaktusmenschen, aus der Wüste stammende Vogelwesen mit einer Nomadenkultur, Wesen mit Frauenkörpern und Insektenköpfen, aber auch „Konstrukten“ (Robotern) und genetisch oder chirurgisch veränderten Wesen, den „Remade“. In dieser Welt wird Magie als eine Art mystische Wissenschaft betrieben, der mess- und reproduzierbare Naturkräfte zugrunde liegen. Miéville vermeidet hierbei die Begriffe „Zauberei“ und „Magie“, spricht lieber von „Thaumaturgie“ und versteht es damit, diesen Aspekt seines Weltentwurfs ein wenig aus den gängigen mittelalterlich-märchenhaften Klischees zu befreien.

Wie in The Scar geschildert wird, erlitt die Welt von Bas-Lag durch die Kollision mit einem andersdimensionalen Himmelskörper einen kosmischen Unfall. Dessen Überbleibsel ist die „Narbe“, eine „massive Wunde in der Welt, in deren Einflussbereich die sonst üblichen Naturgesetze nicht gelten und seltsame, oft bösartige Wesen entstehen.

Die Stadt New Crobuzon wird zwar von einem Parlament regiert und hat damit oberflächlich gesehen eine demokratische Verfassung, aber es gibt auch eine Miliz, die Arbeiteraufstände blutig niederschlägt. Miéville schildert Regierung und Bürgermeister als korrupt, macht- und geldgierig, obwohl er diesem Punkt wenig Beachtung schenkt. Seine Aufmerksamkeit gilt eher den unterschiedlichen Subkulturen und Widerstandsgruppen und ihren Interaktionen sowie den Konflikten seiner Hauptpersonen zwischen persönlichen, Gruppen-, nationalen oder rassischen Interessen. Egal ob Männer, Frauen oder andere Wesen, die Liebesbeziehungen seiner Protagonisten sprengen oft die heterosexuellen Normen, sei es in Form homosexueller oder auch rassenübergreifender Partnerschaften.

Perdido Street Station hat die größte Nähe zum Horror-Genre, hier geht es um die Ausnutzung von hypnotisch begabten Wesen, sogenannten Gierfaltern, durch unterschiedliche Fraktionen der Einwohner New Crobuzons. Schließlich geraten die zwischen mythischen Wesen und Raubtieren oszillierenden Kreaturen, die die Träume der New Crobuzonians als Nahrung trinken, außer Kontrolle und bedrohen die Existenz der gesamten Stadt. Im Rahmen dieser Handlung entfaltet sich die ganze pittoreske Fülle der Stadt mit ihren verschiedenen Milieus und Rassen; man hat den Eindruck, als hätten sich ein an Cultural studies interessierter Soziologe, Neal Stephenson und Charles Dickens an einen Tisch gesetzt, um gemeinsam ein stinkendes, dampfendes London in einer Parallelwelt der Zukunft (oder Vergangenheit) zu entwerfen. In The Scar kämpft eine schwimmende Stadt mit Piraterie gegen die Übermacht New Crobuzons. Einige einflussreiche Figuren spielen jedoch ihr ganz eigenes Spiel und beschwören ein sagenhaftes Ungeheuer herauf, um die schwimmende Stadt für ihre Interessen zu nutzen. In Iron Council geht es um den Bau einer transkontinentalen Eisenbahn: Eine Gruppe von Gewerkschaftern, Anarchisten, befreiten Sklaven und Huren entführt einen Zug und bricht mit ihm in die Wildnis auf – in Gebiete außerhalb des Einflusses von New Crobuzon – und wird dadurch zum legendären Vorbild für alle Gegner des Regimes in der Stadt.

Werke[Bearbeiten]

Bas-Lag[Bearbeiten]

  • Perdido Street Station, 2006, Perdido Street Station, 2000 Arthur C. Clarke Award (2001), Kurd-Lasswitz-Preis (2003)
  • The Scar, 2002
  • Der Eiserne Rat, 2005, ISBN 3-404-24344-7, Iron Council, 2004
  • Kurzgeschichte: Jack, Originalbeitrag der Kurzgeschichtensammlung Andere Himmel (Looking for Jake).

Comics[Bearbeiten]

  • On the Way to the Front (Zeichnungen Liam Sharp), Originalbeitrag für Looking For Jake, 2005 (dt. Andere Himmel).
  • Snow Had Fallen (Zeichnungen Giuseppe Camuncoli, Stefano Landini) in Hellblazer Nr. 250 (DC Vertigo 2008); auch enthalten in Sammelband Scab (2010).
  • Dial H for Hero, fortlaufende monatliche Serie für DC Comics (2012).

Einzelromane[Bearbeiten]

Kurzgeschichten[Bearbeiten]

  • Spiegel, 2004, ISBN 978-3-924959-71-5, The Tain in der Übersetzung von Joachim Körber, illustriert von Reinhard Kleist.
  • Sammlung: Andere Himmel, 2007, ISBN 3-404-24361-7, Looking for Jake, 2005. Enthält u. a. Novelle The Tain in der Übersetzung von Eva Bauche-Eppers.

Jugendbücher[Bearbeiten]

Als Autor und Illustrator

Sachbücher[Bearbeiten]

  • Between Equal Rights: A Marxist Theory of International Law, 2006
  • Herausgeber zusammen mit Mark Bould: Red Planets: Marxism and Science Fiction, 2009.

Vor- und Nachworte[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: China Miéville – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. internationalsocialismuk.blogspot.co.uk
  2. U.S.A.: The Believer – Interview with China Miéville. Believermag.com. Abgerufen am 28. Juni 2012.
  3. China Miéville heads Arthur C Clarke award shortlist – again. In: The Guardian, 26. März 2012