Chinook (Volk)

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Traditionelles Stammesgebiet der Chinook und heutige Reservationen im Nordwesten der USA (orange)

Chinook bezeichnet einerseits eine Gruppe von Indianerstämmen in den nordwestlichen USA, genauer im Bundesstaat Washington, andererseits in einem engeren Sinne den Stamm der Lower Chinook am unteren Columbia River. Ihr Wohngebiet wird zum nordwestlichen Kulturareal gerechnet, das vor allem durch die gewaltigen Schnitzarbeiten Berühmtheit erlangte, obwohl sie selbst wenig dazu beitrugen. Ihre Geschichte zeigt besonders deutlich, wie wenig europäische Vorstellungen von Stammesstrukturen zur Aufhellung beitragen. Zudem ist sie äußerst verwickelt.

Geschichte[Bearbeiten]

Frühgeschichte[Bearbeiten]

Die Chinook waren in erster Linie ein Volk der Flüsse und lebten vorrangig von Lachs und Wild, von Wurzeln und Beeren. Dem Columbia aufwärts folgend siedelten oberhalb der Lower Chinook die Clatsop, Cathlamet, Multnomah, Watlala oder Cascade, die Clowwewalla (auch Cushooks, Chahcowah oder Willamette-Tumwater genannt), Clackamas, Chilluckittequaw (Hood River) und die Wasco (Wascopam, Walla Walla).

Die Lower Chinook lebten auf der Nordseite des Mündungsgebiets des Columbia bis Grays Bay, aber auch an der Küste nordwärts bis Willapa und Shoalwater Bay. Um 1800 soll der Stamm rund 800 Mitglieder umfasst haben. Die Gesamtzahl der Chinook wird auf bis zu 16.000 geschätzt.[1]

Interview mit Edward Curtis in der New York Times mit einem Foto einer Chinook-Frau, die chinesische Münzen als Kopfschmuck trägt

Schon vor der Ankunft der Europäer handelten Chinesen und Chinook miteinander, wie Edward Curtis vermutete. Eines seiner Fotos zeigt, dass die Chinook chinesische Münzen als Kopfschmuck benutzten.[2]

Europäische Kontakte[Bearbeiten]

Die Expedition von Lewis und Clark berichtete als erste von den Chinook am unteren Columbia River. Als sie ihnen begegneten, schätzten sie ihre Zahl auf 400. Sie waren nur mit Speeren bewaffnet, ein Hinweis darauf, dass der seit etwa 1778 einsetzende Handel der Europäer – der meist Gewehre einschloss – die Region, genauer gesagt die Clatsop, noch nicht in vollem Ausmaß erreicht hatte. Nach dem Bericht von Lewis und Clark kannten sie zudem noch genau die Namen und Größen der Schiffe, die vor den beiden Amerikanern zu ihnen gekommen waren.

Vor den großen Epidemien waren die Chinook die bedeutendsten Händler am Columbia, der wichtigsten Wasserstraße zwischen der Westküste und dem Landesinneren. Von der Mündung des Columbia aufwärts bis The Dalles dominierten sie als Mittelsmänner den Handel. Es ist bezeichnend, dass der Chinook-Jargon zur Lingua franca des Handels wurde, wenn er auch mit europäischen Begriffen durchsetzt wurde. Der Handel fand überwiegend in Celilo und The Dalles statt. Die Chinook bildeten die Handelsdrehscheibe zwischen der Nordwestküste bis Alaska einerseits und den Plains, dem Inneren des Kontinent, andererseits. Die Weiterverbindung übernahmen die Nez Perce, dann die Crow und Flathead.

Nach Auseinandersetzungen mit weißen Goldgräbern wurden die Chinook bei einer Schlacht am 1. September 1858 gegen die Truppen von George Wright (1803–1865) fast komplett ausgelöscht. Diese Schlacht wurde als Battle of Four Lakes (heute Spokane) bekannt. In ihr standen 500 US-Soldaten etwas weniger als 500 Indianern gegenüber. Der Schlacht war die Niederlage Colonel Edward J. Steptoes (1816–1865) im Mai vorangegangen.

Epidemien und die Verdrängung aus dem Handel und in Reservationen führten zur Trennung und Zusammenfassung von Wohngruppen, die, wie bei allen Stämmen des Nordwestens, der eigentliche Fokus der Integration sind. Damit entsteht der Eindruck von sich auflösenden und neu formierenden Stämmen, die im Gegensatz dazu die Weißen als Integrationsfokus betrachteten.

Wasco-Wishram-Frau, Edward Curtis

In den Reservationen der Staaten Washington und Oregon, also Warm Springs, Yakima, Chehalis, Quinault und Grand Ronde, sammelten sich einige Gruppen der Lower Chinook. Die größte Gruppe bildeten um 1950 die Wasco in Warm Springs. Viele haben ihre Verwandtschaften genutzt und die Reservate gewechselt, haben dort geheiratet und gelten häufig als Angehörige des neuen Stammes. So lebten nach dem Zweiten Weltkrieg 120 „Upper Chinook“ in der Quinault Reservation, ebenso wie in der Shoalwater Bay und Chehalis Reservation. 1970 waren 609 Chinook einschließlich der Wasco gemeldet.

Die Clatsop lebten im Gebiet um Cape Adams, an der Südseite des Columbia, bis hinauf nach Tongue Point und südwärts bis Tillamook Head in Oregon.

Sie vereinigten sich mit anderen Reststämmen und zogen in die Grand Ronde Reservation in Oregon. Dessen Bevölkerung zählte 1955 etwa 700, ein Jahr später wurden die dort lebenden Menschen nicht mehr als Indianer anerkannt. Die Reservation wurde aufgelöst, doch klagen sie nach wie vor um Landrechte.

Die Cathlamet bewohnten das Südufer zwischen Tongue Point und Puget Island sowie das Nordufer von der Grays Bay bis östlich von Oak Point. Sie zählten zur Zeit von Lewis und Clark wohl rund 300 Mitglieder, doch fiel ihre Zahl bis 1849 auf nur noch 50 bis 60. Sie gelten als ausgestorben.

Am Clackamas River lebte der nach dem Fluss benannte Stamm der Clackamas, östlich des Willamette River bis nahe Oregon City und an die Kaskadenkette. Lewis und Clark schätzten sie auf 1.800 Stammesangehörige, 1851 waren es noch 88, 1910 gar 40. 1937 hatten sie sich auf 81 Menschen erholt. Bei allen Volkszählungen scheint es jedoch unmöglich gewesen zu sein, die vorgefundenen Wohngruppen präzise den „bekannten“ Stämmen zuzuordnen.

Die mit den Clackamas eng verwandten Multnomah oder Wappato lebten um Sauvies Island in der Mündung des Willamette River. An den Wasserfällen des Columbia lebten die Watlala oder Cascade Indians. Sie zählten um 1780 wohl 3.200 Menschen, Lewis und Clark schätzten sie auf 2.800. Wahrscheinlich sind sie in den benachbarten Stämmen aufgegangen. Ebenfalls am Willamette River lebten die Clowwewalla, zu denen die Cushooks, Chahcowahs, Willamette-Tumwater und andere Bands zählten.

Indianer fischen an den Celilo-Fällen, 1941

Die Chilluckittequaw schätzten Lewis und Clark auf 1.400 Stammesangehörige. Sie lebten teilweise bis 1895 in Celilo Falls und Warm Springs.

Die Wasco lebten um The Dalles im Wasco County am Columbia. Zusammen mit den Resten der Watlala und anderen Gruppen zogen sie in die Warm Springs Reservation, wo sie noch heute leben. Sie waren der mächtigste Stamm der Oberen Chinook und mit ihnen verschmolzen die Reste der kleineren Stämme.

Flathead-Schädel.

Zusammen mit anderen Stämmen erhielten die Chinook auf Grund ihrer zur Zierde verformten Schädel (Makrokephalie) den Beinamen Flathead.

Der US-Zensus 2000 zählte wieder 1.689 Chinook. 1996 sprachen noch 12 Chinook ihre traditionelle Sprache. 2001 wurde ihnen erstmals der Status eines Indianerstamms zugestanden, jedoch wurde diese Entscheidung schon 2002 widerrufen.[3] 2007 zählten weit mehr als 2.000 Menschen zu ihnen, mehrere hundert warten auf die Registrierung.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • George Gibbs (Hrsg.): Dictionary of the Chinook Jargon, or, trade language of Oregon; New York: Cramoisy Press 1863 (PDF, 184 kB)
  • Jim Holton, Chinook Jargon: The Hidden Language of the Pacific Northwest; 2004
  • Robert H. Ruby, John A. Brown: The Chinook Indians, Traders of the Columbia River; o. O. 1976
  • Wayne Suttles (Hrsg.): Handbook of North American Indians, Bd. 7: Northwest Coast. Smithsonian Institution Press, Washington D.C. 1990. ISBN 0-87474-187-4
  • John R. Swanton: The Indian Tribes of North America; Smithsonian Institution, Bureau of American Ethnology, Bulletin 145; Smithsonian Press, Washington D.C., 1969
  • Edward H. Thomas: Chinook: A History and Dictionary; 1969

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Chinookan – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Chinook Nations.
  2. Lives 22 years with Indians to get their secrets, in: New York Times, 16. April 1911, S. 5.
  3. Vgl.: Beschluss von 2001.