Die Christengemeinschaft

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Altar der Christengemeinschaft in Helsinki

Die Christengemeinschaft ist eine christliche Kirche, die sich als von der Anthroposophie inspirierte, aber selbständige Kultusgemeinschaft[1] versteht. Sie wurde im September 1922 in Dornach (Schweiz) von einer Gruppe von Theologen meist evangelischer Herkunft unter der Leitung von Friedrich Rittelmeyer und mit Hilfe von Rudolf Steiner gegründet.

Verbreitung[Bearbeiten]

Die Christengemeinschaft ist in 32 Ländern vertreten und hat weltweit etwa 35.000 Mitglieder.

In Deutschland gibt es etwa 140 Gemeinden, in der Schweiz 14, in Österreich 6. Es existieren heute Gemeinden in allen fünf Erdteilen. In Deutschland hatte die Christengemeinschaft im Jahr 2002 etwa 10.000 Mitglieder sowie 50.000 Freunde.[2] Nach anderer Quelle sind es 20.000 Mitglieder.[3] Zu bedenken ist, dass für die Christengemeinschaft die getauften Kinder nicht als Mitglieder zählen, sondern nur Erwachsene, die in jedem Fall selbständig beitreten müssen.[4]

In der Schweiz ist die Christengemeinschaft vertreten in: Aargau, Basel, Bern, Biel, Luzern, Graubünden, Genf, Kreuzlingen, Lausanne, Schaffhausen, St. Gallen, Losone, Lugano und Zürich.[5]

Seit 1933 besteht in Stuttgart ein Priesterseminar, seit 2001 eines in Hamburg, seit 2003 ein weiteres in den U.S.A., zuerst in Chicago, jetzt in Spring Valley, New York.

Lehre[Bearbeiten]

Eine offizielle, verbindliche Lehre gibt es nicht: Es gibt weder eine „Lehrgewalt“, noch haben die Träger der Lenkerämter eine „Weisungsbefugnis“ gegenüber den (mit der gleichen „Weihevollmacht“ versehenen) Pfarrern, sondern jeder Priester besitzt Lehrfreiheit und gilt als voller Repräsentant der Christengemeinschaft, „soweit er nicht dem von ihm ausgeübten Kultus widerspricht“.[6]

Die Christengemeinschaft stützt sich in ihrem Verständnis des Christentums einerseits auf die gesamte christliche Überlieferung, andererseits wesentlich auf die Anthroposophie, die in Übereinstimmung mit dem Neuen Testament in dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi das entscheidende Mittelpunktsereignis der Menschheitsgeschichte sieht. Sie ist in Deutschland die einzige christliche Kirchengemeinschaft, die offen anthroposophisches Gedankengut in ihre Auseinandersetzung mit religiösen Fragen einbezieht. Sie sieht sich selbst „in der Entwicklung des Christentums an der Stelle, wo ein drittes großes christliches Zeitalter aufgeht“.[7]

Ihre liturgischen Texte mit dem neugefassten Credo stammen im Wortlaut von Rudolf Steiner und werden als unantastbar betrachtet.

Unterschiede zur christlichen Tradition[Bearbeiten]

Christologie[Bearbeiten]

Christus wird in der Liturgie als der Sohnesgott – in der Dreifaltigkeit: Vater, Sohn und Heiliger Geist – bezeichnet. Dieser hat sich nach einigen Theologen der Christengemeinschaft für drei Jahre in Jesus von Nazareth inkarniert und hat in ihm den irdischen Tod erlebt. Nach seinem Tod am Kreuz und dessen Überwindung würde er zum „Ich“ der neu werdenden Erde, deren Aura sich veränderte und die dadurch auch einen Weg der Vergeistigung beträte. Die Wiederkunft Christi geschehe stufenweise, als ätherischer, astraler und kosmischer Christus. Der auferstandene Christus wird im Glaubensbekenntnis als „Herr der Himmelskräfte auf Erden“ bezeichnet.

Menschenbild[Bearbeiten]

Nach einigen ist der Mensch in seinem Kern, dem „Ich“, ein geistiges Wesen, in diesem Sinn ein „Ebenbild Gottes“. Dieses Ich entwickele sich aus einem gottgeschaffenen Keim in fortgesetzten Inkarnationen allmählich zu einer schöpferischen Individualität („Gleichnis Gottes“).

Schöpfungslehre und Eschatologie[Bearbeiten]

Anstelle der Schöpfung einer „fertigen“ Welt postuliert die Anthroposophie einen evolutionären, immerwährenden Weltprozess, was in der Regel auch die Theologen der Christengemeinschaft vertreten. In einem früheren Weltenzustand seien Geist und Physis noch nicht getrennt (und die Physis weniger fest als heute). Der Kosmos mache eine stufenweise Entwicklung durch, hin zu einer Welt des Geistes, so verstanden als „Auferstehung des Fleisches“ hin zu einer (Wieder-)Einswerdung mit Gott.

Sakramente[Bearbeiten]

Kirche der Christengemeinschaft in Darmstadt

Die Christengemeinschaft sieht sich als Kultusgemeinschaft. Ihre zentrale Feier ist die Menschenweihehandlung, die rein formal gesehen in ihrer Liturgie mit den Hauptteilen „Evangeliumlesung – Opferung – Wandlung – Kommunion“ Ähnlichkeiten zur katholischen Eucharistie aufweist. An der Menschenweihehandlung (mit der Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi und der Kommunion) kann jeder interessierte Erwachsene ohne weitere Voraussetzung teilnehmen.

Nach Auffassung der Christengemeinschaft werden in den Sakramenten den Gläubigen die verwandelnden Christus-Kräfte verliehen. Die Übung im Gemeindeleben miteinander erstreckt sich unter anderem darauf, dies auch bewusst nachzuvollziehen. Es werden prinzipiell keine Erkenntnis- und Erfahrungsgrenzen vorausgesetzt.

Man spricht in der Christengemeinschaft vom „Kreis der Sakramente“: Um das Zentralsakrament, die „Menschenweihehandlung“ mit/ohne Predigt, die vom Erwachsenen sonntäglich, aber auch bis zu täglich besucht werden kann, scharen sich die sechs anderen Sakramente, die bis auf eines, die „Beichte“ oder „Schicksalsberatung“, von der Idee her nur einmalig in der Biographie vollzogen werden.

Die Taufe der Christengemeinschaft mit den Substanzen Wasser, Salz und Asche ist ein Sakrament, das auf die Dreifaltigkeit Bezug nimmt und in ihrem Namen vollzogen wird. Sie benennt den Namen „des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“.[8] Die trinitarische Taufformel im traditionellen Wortlaut („… im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“) wird jedoch nur bei einer Nottaufe angewendet. Daher wird die Taufe der Christengemeinschaft von den meisten anderen christlichen Kirchen nicht anerkannt. Im Unterschied zur traditionellen christlichen Auffassung hat die Taufe nichts mit Sündenvergebung zu tun, da man die Auseinandersetzung mit Sünde und Erlösung dem Leben der Erwachsenen zuordnet. Sie orientiert den Menschen auf die Beziehung zur „Gemeinde des Christus Jesus“, die überkonfessionell verstanden wird.[9] Durch die Taufe wird man nicht Mitglied in der Christengemeinschaft, sondern durch eigenen Entschluss als Erwachsener.

Gemeinschaftsgrab auf dem Jenaer Nordfriedhof

Die weiteren Sakramente der Christengemeinschaft sind:

Darüber hinaus gibt es an kultischen Handlungen:

  • Die Sonntagshandlung für die Kinder
  • Die kultische Feier am Ende eines Tages (zum Beispiel auf Tagungen)
  • Die große Form der Predigt
  • Die Bestattung: 1. Aussegnung, 2. Erd- oder Feuerbestattung
  • Die Kinderbestattung

Die Sakramente werden vom Priester jeweils in festgeschriebener Weise und in liturgischen Gewändern mit jahreszeitlich zum Teil unterschiedlichen Wortlauten und Farben durchgeführt. Die Frauenordination besteht seit der Gründung. Der Kultus wird in der jeweiligen Landessprache vollzogen.

Organisation[Bearbeiten]

Rechtliche und wirtschaftliche Organisation[Bearbeiten]

Die Gesamtbewegung der Christengemeinschaft ist in wirtschaftlicher und rechtlicher Hinsicht als Stiftung holländischen Rechts unter dem Namen Stichting de Christengemeenschap (international) eingetragen – zumeist mit dem englischen Namen Foundation genannt –, die als Trägerin der Gesamtbewegung fungiert. Innerhalb der Foundation existieren 18 Regionen als selbständige Einheiten. Das Hauptforum der Foundation ist das Council. Dieses trifft sich alle zwei Jahre und wählt ein Executive Committee aus den Mitgliedern des Council, das zwischen den Sitzungen des Council über die wirtschaftlichen Entscheidungen berät. Die praktische Umsetzung und tägliche Entscheidung führt die hauptamtliche Geschäftsführung in Berlin aus.

In Deutschland sind die Gemeinden regional zu Körperschaften des öffentlichen Rechts zusammengeschlossen. Die Christengemeinschaft hat damit die gleichen Rechte und Pflichten wie die anderen als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkannten Religionsgemeinschaften. Auf das Recht der Einziehung von Kirchensteuern durch den Staat verzichtet die Christengemeinschaft jedoch ausdrücklich. Sie wird finanziell durch freiwillige Beiträge und Spenden ihrer Mitglieder und Freunde getragen. Das Gehalt der Priester richtet sich nach der wirtschaftlichen Situation der Gemeinde und erfolgt auf einer sozial geprägten Grundlage.

In Österreich ist die Christengemeinschaft eine staatlich eingetragene religiöse Bekenntnisgemeinschaft. Ansuchen um staatliche Anerkennung als Religionsgemeinschaft wurden bisher zurückgewiesen; einer Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wurde 2009 wegen nicht sachlich gerechtfertigter Benachteiligung gegenüber den anerkannten Religionsgemeinschaften stattgegeben.[10]

In der Schweiz ist die Christengemeinschaft als Verein organisiert; im Kanton Basel-Stadt ist sie als Religionsgemeinschaft öffentlich, obgleich weder öffentlich-rechtlich noch spezial-gesetzlich, anerkannt.[11]

Alle rechtlichen und wirtschaftlichen Fragen werden von verantwortlichen Gemeindemitgliedern und Priestern gemeinsam behandelt. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit der Gemeinden und Regionen wird von sogenannten Koordinatoren betreut. Der Kultus ist in die besondere Verantwortung der Priester gegeben.

Geistliche Organisation[Bearbeiten]

Die Christengemeinschaft ist in ihrer Priesterschaft hierarchisch aufgebaut. Die Hierarchie betrifft allerdings nicht eine durch Weihegrade gestufte „geistliche Autorität“ – es gibt nur eine Priesterweihe, alle Priester haben grundsätzlich die gleiche Weihevollmacht und Lehrfreiheit –, sondern ist eine interne Ordnung, welche die Entsendung der Gemeindepfarrer und die ordnungsgemäße Ausübung des Kultus zur Aufgabe hat. Die einzelnen Gemeinden werden in verschiedenen Regionen zusammengefasst, denen jeweils ein Lenker zugeordnet ist. An ihrer Spitze stehen zwei Oberlenker und der Erzoberlenker, die für das Ganze der Christengemeinschaft verantwortlich sind. Sie bilden zusammen mit vier Lenkern das eigentliche Leitungsgremium: den sogenannten Siebenerkreis mit Sitz in Berlin.

Die Gründungs-Leitung von 1922[Bearbeiten]

Rittelmeyer übernahm am 24. Februar 1925 das neugeschaffene Amt des Erzoberlenkers.

Die Erzoberlenker[Bearbeiten]

Gemeindemitgliedschaft[Bearbeiten]

Mitglied in der Christengemeinschaft wird man nicht durch Geburt, Taufe oder Konfirmation, sondern durch eigenen Entschluss als Erwachsener, wie bei den sogenannten Freiwilligkeitskirchen. Die Aufnahme erfolgt durch das Gespräch mit einem Priester der örtlichen Gemeinde. Es wird seitens der Christengemeinschaft nahegelegt – nicht vorausgesetzt –, die Mitgliedschaft in anderen Kirchen aufzugeben.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Stiftung des Kultus geschah mit entscheidender Hilfe Rudolf Steiners (1861–1925), welcher in Stuttgart und Dornach in den Jahren 1921 bis 1924 in mehreren Kursen und Vorträgen Anregungen für ein „erneuertes christlich-religiöses Wirken“ gab. Nach einer dreiwöchigen gemeinsamen Vorbereitung in Breitbrunn am Ammersee reisten die 45 Gründer nach Dornach, wo vom 6. bis zum 22. September 1922 die Gründungsschritte vollzogen wurden. Gründungstag im strengen Sinn ist der 16. September, als Friedrich Rittelmeyer (1872–1938) die erste Menschenweihehandlung zelebrierte und die ersten zwölf Priester weihte. Die Christengemeinschaft verbreitete sich schnell in zahlreichen deutschen Städten, bald auch in Prag, in der Schweiz, in Österreich, Norwegen, Holland, Schweden und England. 1933 wurde in Stuttgart das erste Priesterseminar gegründet, 1936 in Dresden und Den Haag die ersten eigenen Kirchen. Nach dem Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland durch die Gestapo im November 1935 drohte dasselbe auch der Christengemeinschaft, konnte aber abgewendet werden.[12] Erst am 9. Juni 1941 – einen Monat nach dem Flug von Rudolf Heß nach England – wurde die Christengemeinschaft in Deutschland endgültig verboten; viele deutsche Priester mussten untertauchen, wurden zur Wehrmacht eingezogen oder kamen in Haft, teils auch ins Konzentrationslager.

Nach dem Krieg kamen allerdings auch ehemalige Nationalsozialisten zur Christengemeinschaft: So Friedrich Benesch, der 1947 zum Priester geweiht wurde und von 1957 an über Jahrzehnte als Seminarleiter der Christengemeinschaft in Stuttgart tätig war. Er wirkte in Siebenbürgen als Mitglied der Deutschen Volkspartei Rumäniens (DVR) und Kreisleiter; seine „braune“ Vergangenheit hat er zeitlebens verschwiegen, sie wurde erst 2004 publik. So auch Werner Georg Haverbeck, einst Leiter der Reichsmittelstelle für Volkstumsarbeit der NSDAP, 1950 zum Priester geweiht, ab 1959 beurlaubt und 1983 wieder in den Priesterkreis aufgenommen, aber gleichzeitig pensioniert. Er konnte 1978 und 1983 noch zwei Bücher im Urachhaus Verlag publizieren, hat sich jedoch bis zu seinem Tod 1999 nie von seiner völkischen Vergangenheit distanziert und lieferte mit seinem 1989 erschienenen Buch Rudolf Steiner – Anwalt für Deutschland seinen Beitrag zur noch heute geführten Debatte über die politische Einschätzung Steiners.

Nach Kriegsende wurden neue Gemeinden gegründet (allmählich auch außerhalb Europas), neue Kirchen sowie (1953) ein neues Seminargebäude in Stuttgart – das erste war im Krieg zerstört worden – gebaut. 1990 wurde der Wiederbeginn in Prag möglich. Heute existieren aktive Gruppen oder Gemeinden in Nord- und Südamerika, in Asien, Europa, Afrika und Australien.

Priesterseminare[Bearbeiten]

Die Christengemeinschaft hat im deutschen Sprachraum Priesterseminare in Stuttgart und Hamburg, ferner ein Proseminar (berufsbegleitendes Priesterseminar) in Krefeld (bis 2013 in Köln). Das Studium ist auf drei Jahre angelegt und schließt verschiedene Praktika in Gemeinden, aber auch in Schulen, Krankenhäusern, Altenheimen oder in der Hospizbewegung ein. Die Vorbereitung auf die Priesterweihe kann sich danach als sechsmonatige Ausbildung gemeinsam mit den Studenten der anderen Priesterseminare der Christengemeinschaft anschließen. Außerdem befindet sich noch ein Priesterseminar in Spring Valley, New York.

Ökumene[Bearbeiten]

Die Christengemeinschaft versteht sich als ein Teil der einen Kirche Jesu Christi, der „alle angehören, die die heilbringende Macht des Christus empfinden“.[13] Andere christliche Gemeinschaften werden genauso als Teile dieser einen Kirche anerkannt.[14]

Andererseits gibt es aus Sicht anderer christlicher Kirchen theologische Vorbehalte, aufgrund derer die Christengemeinschaft bis heute weder Mitglied im Ökumenischen Rat der Kirchen noch in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) ist.[15] Sie hat sich bemüht, in die ACK aufgenommen zu werden, wurde aber nach eigenen Angaben gebeten, diesen Antrag offiziell noch nicht zu stellen, weil dafür derzeit das einstimmige „Ja“ aller Mitgliedskirchen nicht zu erwarten sei.[16]

Auch die Taufe der Christengemeinschaft wird von den Mitgliederkirchen dieser Gemeinschaften nicht anerkannt.[15] Die Christengemeinschaft erkennt hingegen die Taufen der genannten Kirchen an[17] und bejaht die verfassungsmäßige Basis des ÖRK: „Die Christengemeinschaft versteht sich als Teil der einen Kirche Jesu Christi und erkennt in diesem Sinn die Evangelische Kirche an. Sie bejaht die Basisformel des Ökumenischen Rates der Kirchen.“[14]

Die Christengemeinschaft ist Mitglied der interreligiösen Arbeitsgemeinschaft der Kirchen und Religionsgesellschaften (AKR) in Berlin.

In der Sicht anderer christlicher Vereinigungen[Bearbeiten]

Bewertung durch die Großkirchen[Bearbeiten]

Die Römisch-katholische und die Evangelische Kirche machen gegenüber der Christengemeinschaft geltend, sie gründe nicht in der biblisch-christlichen Tradition, sondern im gnostisch-esoterischen Weltbild der Anthroposophie und stehe so den antiken Mysterienreligionen näher als dem Christentum.

Es wird anerkannt, dass die Christengemeinschaft ernste Fragen an die Kirche zu richten hat, etwa in Bezug auf die Moralisierung und gesetzliche Verengung der evangelischen Frömmigkeit, die Verkümmerung des sakramentalen Gottesdienstes oder den Verlust der kosmischen Bezüge in Schriftverständnis und Verkündigung.

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland sprach 1950 mit der Christengemeinschaft und stellte fest, dass in ihr „neben christlichem Gedankengut entscheidend eine neue Offenbarungsquelle sichtbar wird, die aus der synkretistischen Weltanschauung R. Steiners stammt“, und empfahl 1951 den Landeskirchen die Aufhebung der Doppelmitgliedschaft und eine beiderseitige Abgrenzung mit geistlichen und seelsorgerlichen Mitteln. Diese Scheidung sei sachgemäß, da die Christengemeinschaft in Kategorien denke, die im Grundsatz gnostisch, nicht biblisch seien. An die Stelle des Schöpfungsglaubens setze sie den Gedanken der Emanation. Die Geschichte begreife sie als gesetzmäßigen Ablauf immanenter Entwicklungen, nicht als den dramatischen Dialog zwischen Schöpfer und Schöpfung, nicht vom Ringen zwischen Gottes Anspruch und menschlichem Ungehorsam, sondern vom Gegensatz zwischen Geist und Stoff beherrscht. Die Personalität Gottes verschwimme ins Unpersönlich-Neutrale. Darum bekämen Begriffe wie Sünde, Gnade, Buße, Gebet einen anderen Sinn. Das Christusverständnis sei von der anthroposophischen Mysterienlehre überwuchert. Das Leben und Wirken Christi werde als ein Initiationsprozess verstanden, das Geschichtlich-Konkrete ins Symbolische aufgelöst. Der Kreuzestod erscheine als Vollzug des Ursakraments; dabei werden die entscheidenden Schriftaussagen von menschlicher Schuld, Sühneleiden Christi und Gottes Erlösungstat eliminiert.

Der evangelische Theologe Jan Badewien stellt in einer Broschüre der Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen von 2007 Kernpunkte auf, wegen welchen der christliche Glaube der Protestanten mit der Anthroposophie inkompatibel sei.[18]

  • An die Stelle des in Jesus Mensch gewordenen Gottes trete eine unhistorische ewige Christus-Wesenheit.
  • An die Stelle der Gnade Gottes, die den Schuldigen annimmt und ihm die Schuld abnimmt, trete die Notwendigkeit, aus eigener Kraft das negative Karma abzuarbeiten.
  • An die Stelle der verheißenen Auferstehung trete Reinkarnation – eine Folge vieler Erdenleben.
  • Neben die Bibel trete als Quelle der Christus-Erkenntnis das „Fünfte Evangelium“ aus der „Akasha-Chronik“.

Kritik innerhalb der anthroposophischen Bewegung[Bearbeiten]

Der Christengemeinschaft begegnet innerhalb der anthroposophischen Bewegung zum Teil Widerspruch. Schon kurz nach ihrer Gründung gab es heftige Auseinandersetzungen und Missverständnisse zwischen Anthroposophen und Priestern der Christengemeinschaft. Einzelne Pfarrer rekrutierten ihre Gemeinde-Mitglieder fast ausschließlich aus Mitgliedern und Freunden der Anthroposophischen Gesellschaft. Rudolf Steiner musste ein „klärendes Wort“ sprechen bezüglich der angemessenen Unterscheidung zwischen den beiden Bewegungen.[19]

Das Forum Freier Christen [20] unterstellt der Christengemeinschaft unter Verweis auf Äußerungen Rudolf Steiners[21] einen „kultischen Alleinvertretungsanspruch für die anthroposophische Bewegung“ und bestreitet seine Berechtigung. Es sieht das Zwei-Stände-System von Klerikern und Laien als einen kultushistorisch alten Weg.

Literatur[Bearbeiten]

Seitens der Christengemeinschaft[Bearbeiten]

Aus der kaum mehr zu überblickenden Literatur – eine Bibliographie existiert nicht – werden nur neuere Titel angeführt, die sich im engeren Sinn mit der Geschichte oder der Zielsetzung der Christengemeinschaft befassen. Als „erste hinführende Orientierung“ ist die Schrift von Johannes Lenz gemeint;[22] als eigentliches Standardwerk mit ausführlichen Hinweisen zur gesamten „hauseigenen“ Literatur kann die Darstellung von Hans-Werner Schroeder betrachtet werden.

  • Johannes Lenz: Die Christengemeinschaft – Eine Einführung; o. O. und o. J. [1978] (nicht über den Buchhandel vertriebene, 32-seitige Broschüre)
  • Hans-Werner Schroeder: Die Christengemeinschaft – Entstehung, Entwicklung, Zielsetzung; Stuttgart: Urachhaus, 20012, ISBN 3-87838-649-4
  • Michael Debus: Auferstehungskräfte im Schicksal. Die Sakramente der Christengemeinschaft; Stuttgart: Urachhaus, 2006, ISBN 3-8251-7526-X
  • Rudolf F. Gädeke: Die Gründer der Christengemeinschaft. Ein Schicksalsnetz. 48 kurze Biographien mit Abbildungen und Dokumenten; Pioniere der Anthroposophie, 10; Dornach: Verlag am Goetheanum, 1992, ISBN 3-7235-0639-9
  • Wolfgang Gädeke: Man kommt auch mit wenig Sünden aus … – Anekdoten aus der Christengemeinschaft; Stuttgart: Urachhaus, 20022, ISBN 3-8251-7158-2
  • Alfred Heidenreich: Aufbruch. Die Gründungsgeschichte der Christengemeinschaft; Stuttgart: Urachhaus, 2000; Original: Growing Point; London 1965.
  • Tom Ravetz: Vom Dogma befreit. Erfahrungswege zur Theologie der Christengemeinschaft. Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8251-7693-8
  • Rudolf Steiner: Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken, 5 Bände; Dornach: Rudolf Steiner Verlag:
    • Band 1: Anthroposophische Grundlagen für ein erneuertes christlich-religiöses Wirken; Sechs Vorträge und zwei Besprechungen; Stuttgart 12. bis 16. Juni 1921; 1993, ISBN 3-7274-3420-1
    • Band 2: Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken. Spirituelles Erkennen – Religiöses Empfinden – Kultisches Handeln; Neunundzwanzig Vorträge und Diskussionsstunden, Dornach 26. September bis 10. Oktober 1921; 1993, ISBN 3-7274-3430-9
    • Band 3: Vorträge bei der Begründung der Christengemeinschaft; Neunzehn Vorträge, Gespräche und Fragenbeantwortungen in Dornach vom 6. bis 22. September 1922; 1994, ISBN 3-7274-3440-6
    • Band 4: Vom Wesen des wirkenden Wortes; vier Vorträge mit Fragenbeantwortungen, gehalten in Stuttgart vom 11. bis 14. Juli 1923, Dornach 1994, ISBN 3-7274-3450-3
    • Band 5: Apokalypse und Priesterwirken. Achtzehn Vorträge, Gespräche und Fragenbeantwortungen in Dornach vom 12. bis 22. September 1924, Dornach 1995; 2. Auflage 2001, ISBN 3-7274-3460-0
  • Wolfgang Weirauch (Hrsg.): Die Christengemeinschaft heute. Anspruch und Wirklichkeit; Flensburger Hefte, 35; Flensburg 1991, ISBN 3-926841-42-7
  • Wolfgang Weirauch (Hrsg.): Erkenntnis und Religion. Zum Verhältnis von Anthroposophischer Gesellschaft und Christengemeinschaft; Flensburger Hefte, 22; Flensburg 1988, ISBN 3-926841-13-3
  • Wolfgang Weirauch (Hrsg.): Erneuerung der Religion. Die Christengemeinschaft. Sakramente. Kirche und Kultus; Flensburger Hefte, 14; Flensburg 1986, ISBN 3-926841-07-9
  • Hat die Christengemeinschaft eine Zukunft? Gespräche mit einem Geistwesen, Flensburger Hefte, Sonderheft 32, (2012), ISBN 978-3-935679-77-0

Aus traditioneller christlicher Sicht[Bearbeiten]

  • Evangelischer Oberkirchenrat Stuttgart (Hrsg.): Zur Frage der Christlichkeit der Christengemeinschaft. Beiträge zur Diskussion. Markstein, Stuttgart 2004; 2. Auflage 2005.
  • Lothar Gassmann: Anthroposophie und Christentum:
    • Band 1: Biographisches. Leben und Werk von Rudolf Steiner, Friedrich Rittelmeyer, Emil Bock und Rudolf Frieling. Fromm, Saarbrücken 2011, ISBN 978-3-8416-0177-3.
    • Band 2: Die Lehren im Vergleich: Spiritualität, Bibelverständnis, Gottesbild, Christosophie, Erlösung. Fromm, Saarbrücken 2011, ISBN 978-3-8416-0178-0.
  • Hartmut Höfener: Die Christengemeinschaft und die Evangelische Kirche in Deutschland gegeneinander, nebeneinander oder miteinander?; Ständiger Ausschuß „Weltmission und Ökumene“ der Vereinigten Kirchenkreise Dortmund und Lünen, 1996
  • Joachim Müller (Hrsg.): Anthroposophie und Christentum. Eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung. Paulus, Freiburg 1995, ISBN 3-7228-0360-8.
  • Wilhelm Stählin (Hrsg.): Evangelium und Christengemeinschaft. Johannes Stauda, Kassel 1953.
  • Klaus von Stieglitz: Rettung des Christentums? Anthroposophie und Christengemeinschaft – Darstellung und Kritik. Kreuz, Stuttgart 1965
  • Die Christengemeinschaft. In Hans Krech, Matthias Kleiminger: Handbuch religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen. Gütersloher Verlagshaus, 2006, ISBN 3-579-02306-3, S 272-286.

Biografisches[Bearbeiten]

  • Maria Krehbiel-Darmstädter: Briefe aus Gurs und Limonest 1940 - 1943. Kompilation und Hg. Walter Schmitthenner. Lambert Schneider, Heidelberg 1970 (ohne ISBN)[23]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Die Christengemeinschaft – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen[Bearbeiten]

  1. Die Christengemeinschaft versteht sich nicht als Bekenntnis-, sondern als Kultusgemeinschaft. Hans-Werner Schroeder: Die Christengemeinschaft – Entstehung, Entwicklung, Zielsetzung; Stuttgart: Urachhaus, 2001
  2. http://www.remid.de/remid_info_zahlen.htm
  3. http://www.religio.de/anthropo.html
  4. Nach Schroeder, Die Christengemeinschaft, S. 136.190f.
  5. http://www.christengemeinschaft.ch/ (abgerufen am: 6. März 2012).
  6. Schroeder, aaO, 74
  7. Schroeder, aaO, 120
  8. Der Evangelische Oberkirchenrat Stuttgart: Zur Frage der Christlichkeit der Christengemeinschaft – Beiträge zur Diskussion. Markstein, Stuttgart 2004, 2. Auflage 2005, S. 12 und 17
  9. Maarten Udo de Haes: Baptism in The Christian Community. Church and Membership
  10. Judgement CASE OF VEREIN DER FREUNDE DER CHRISTENGEMEINSCHAFT AND OTHERS v. AUSTRIA des Europäischen Menschengerichtshofs, 2009 (englisch)
  11. Basler Zeitung vom 8. September 2010 Christengemeinschaft als Religionsgemeinschaft anerkannt
  12. Siehe Uwe Werner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945), Oldenbourg, München 1999, 142f
  13. Das Credo der Christengemeinschaft
  14. a b Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Stuttgart 1993, 267 u. a.
  15. a b Handbuch religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen, S 279.
  16. www.christengemeinschaft.org: Gehört die Christengemeinschaft zur Ökumene?
  17. www.christengemeinschaft.org: Erkennt die Christengemeinschaft die Taufen anderer Kirchen an?
  18. http://www.ekd.de/ezw/dateien/EZW_KI_Anthroposophie_04_2011.pdf
  19. Siehe dazu den Vortrag von Steiner vom 30. Dezember 1922
  20. Siehe dazu www.Forum-Kultus.de
  21. In einer Besprechung mit den Lehrern des Freien christlichen Religionsunterrichtes in der Freien Waldorfschule Stuttgart sagte Steiner am 9. Dezember 1922: „Zur Anthroposophischen Gesellschaft steht die Christengemeinde in keinem anderen Verhältnis als der Katholizismus oder die Quäker“; zitiert nach stenografischen Aufzeichnungen Karl Schuberts
  22. Johannes Lenz: Die Christengemeinschaft; S. 3
  23. Die Briefschreiberin stellt durchgehend dar, dass sie aus religiösen Gründen keine Fluchtmöglichkeit, eigentlich erforderlich als getaufte Jüdin in der Christengemeinschaft, vor der nationalsozialistischen Verfolgung ergreifen will bzw. ergriffen hat; bei dem einzigen, verpatzten Fluchtversuch in die Schweiz bleibt offen, warum er scheiterte; später erklärt sie das Scheitern für richtig. Als ihr im Sammellager Drancy 1942/1943 bewusst wird, dass ihr Leidensweg in Auschwitz enden wird, ist sie bereits schwer krank und wird umgehend dorthin deportiert, mit dem Transport Nr. 47 am 11. Februar 1943. Zu diesem Transport siehe [1], einschl. Austausch der deutschen Behörden (z. B. Helmut Knochen, Carl Oberg, Heinz Röthke) dazu. Die Briefadressaten Marias stammen überwiegend ebenfalls aus der Christengemeinschaft. Buch mit zahlr. Anm. und Personenbeschreibungen, jedoch ohne kpl. Register