Christian Heinrich Pander

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Pander im Alter. Nach einem verschollenen Ölbild von Julie Wilhelmine Hagen-Schwarz aus dem Dom-Museum Riga

Christian Heinrich von Pander (lettisch Kristiāns Heinrihs fon Panders; * 12. Julijul./ 23. Juli 1794greg.[1] in Riga; † 10. Septemberjul./ 22. September 1865greg. in St. Petersburg) war ein deutschbaltischer Embryologe, Zoologe und Paläontologe. Er entwickelte das revolutionäre Keimblattmodell als grundlegendes Modell in der Embryologie, beschäftigte sich mit „Evolution“ und interpretierte erstmals die rätselhaften Conodonten richtig.

Allgemeines, Herkunft, Studienjahre[Bearbeiten]

Der heute nur noch wenig bekannte Pander zählt zu den innovativsten Naturwissenschaftlern des frühen 19. Jahrhunderts. Er formulierte ein bis heute gültiges embryologisches Modell, hielt bereits in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts unbeschränkten Artwandel für gegeben und legte grundlegende Arbeiten zu paläozoischen Fischen und Panzerfischen vor.

Pander stammte aus einer deutschen Kaufmannsfamilie in Riga. Sein Vater war der Banquier Johann Martin Pander (1765–1842), sein Großvater ein bekannter Kaufmann. Pander besuchte das deutsche Gymnasium in Riga und studierte 1812–1814 Medizin an der deutschsprachigen Dorpater Universität, wo er den Anatomen und Physiologen Karl Friedrich Burdach hörte und sich mit Karl Ernst von Baer befreundete. Er promovierte nach Studienaufenthalten in Göttingen und Berlin 1817 an der Universität Würzburg bei Ignaz Döllinger.

Embryologie[Bearbeiten]

Durch seine Dissertation von 1817 begründete Pander das Keimblattkonzept, das bis heute in der Embryologie verwendet wird. Dieses Modell beschreibt die Embryogenese als Entwicklung dreier Keimblätter, des Ekto-, Meso- und Entoderms (von Pander noch seröses Blatt, Gefäßblatt und Schleimblatt genannt). Dazu hatte er gemeinsam mit Döllinger und dem bedeutenden Zeichner und Anatomen Joseph Eduard d’Alton 2.000 Hühnereier in einem Brutkasten angebrütet, systematisch in definierten Zeitabständen geöffnet und beschrieben. Panders Dissertation liegt in zwei ganz unterschiedlichen Fassungen vor: die lateinische beschreibt die Entwicklung des gesamten Organismus in den ersten 5 bzw. 7 Tagen (Dissertatio inauguralis), die deutsche die parallele Entwicklung der einzelnen Organe bzw. Organsysteme (Beiträge zur Entwicklungsgeschichte des Hühnchens im Eye). Die lateinische Fassung hat keine Abbildungen, die deutsche enthält die auch künstlerisch bedeutenden Kupferstiche d'Altons.

Mit dem Nachweis einer Entwicklung aus Keimblättern gelang Pander der für die embryologischen Forschung entscheidende wissenschaftliche Durchbruch: Embryonalentwicklung war weder Ausfaltung von bereits Vorhandenem (Präformation), noch Formung aus Ungeformtem (Epigenese), sondern die Entwicklung von sich ausdifferenzierenden Membranen (d. h. Metamorphose, ein bewusst von Goethe entlehnter Begriff). Panders Keimblattmodell wurde von Baer in dessen bedeutender embryologischer Monographie Ueber Entwickelungsgeschichte der Thiere (2 Bde. Königsberg 1828/1837) weiter ausgebaut und auf andere Tiergruppen inkl. den Menschen übertragen. Das Buch war dem „Jugendfreunde Pander“ gewidmet.

Vergleichende Anatomie[Bearbeiten]

Gemeinsam mit d'Alton unternahm Pander 1818 eine Studienreise nach Süd- und Westeuropa (Spanien, Portugal, Niederlande, Großbritannien, Frankreich). Hier wurden Sammlungen und Museen besucht, unter anderem in Madrid das ausgestorbene südamerikanische Riesenfaultier (Megatherium) neu rekonstruiert, und an den Meeresküsten die vergleichende Anatomie von Wirbellosen (Cephalopden) studiert. Zweck der Reise war die Erforschung der vergleichenden Anatomie (insbesondere der Säugetiere und Vögel), eine Arbeit, die in der 14bändigen Vergleichenden Osteologie mündete. Neben der minutiösen Beschreibung sind die theoretischen Passagen von interesse, in denen Pander und d'Alton über die unbeschränkte Veränderlichkeit der Arten (hervorgerufen durch veränderte Nahrungsgewohnheiten, Klimawandel usw.) reflektieren. Für die Rekonstruktion des Verhaltens ausgestorbener Tiere zogen sie ihre rezenten nächsten Verwandten heran. Zu unterscheiden, welche Textpassagen dabei von Pander, welche von d'Alton stammen, ist heute nicht mehr sicher möglich. Einzelne Bände der Vergleichenden Osteologie wurde von Goethe, der mit d'Alton persönlich befreundet war, lobend rezensiert. Auch Charles Darwin erwähnte den 1. Band des Werks als „Vorläufer“ in seiner Origin of Species.

1820 nahm Pander gemeinsam mit Georg von Meyendorff und Eduard Friedrich Eversmann an einer Expedition von Orenburg nach Mittelasien (Buchara) teil. 1825 heiratete er Amalie Wilhelmine von Scherer (1805–1861?), 1826 wurde er Mitglied der Petersburger Akademie der Wissenschaften.

Späte Jahre: Paläontologie und Geologie[Bearbeiten]

Zwischen 1827 und 1842 erforschte Pander von seinem Gut in Carnikava (Koivemunde) aus die Fossilien in den Ufersedimenten der Gauja (Livländische Aa)[2]

1856 beschrieb Pander die für die Stratigraphie als Leitfossil wichtige Gruppe der fossilen Conodonten erstmals wissenschaftlich. Die Natur dieser rätselhaften Fossilien, die auch als „Würmer“ interpretiert wurden, war lange Zeit umstritten und konnte erst in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts geklärt werden: es handelt sich dabei, wie von Pander beschrieben, um „Zähne“ (Kieferstrukturen) von „Fischen“ (Chordatieren). Die britische Pander Society, die sich systematisch mit Conodonten beschäftigt, nennt sich nach dem Erstbeschreiber, sie vergibt die Pander Medal, ihre Mitglieder bezeichnen sich ironisch als „the Panderers“.

1857 wurde Pander der Demidow-Preis (russisch Демидовская премия)[3] verliehen, eine der bedeutendsten und ältesten russischen wissenschaftlichen Auszeichnungen.

Tod, Nachleben, Bedeutung[Bearbeiten]

Pander litt bereits seit den frühen 1820er Jahren an einer schweren, „fiebrigen“, nicht weiter bekannten Krankheit, vielleicht Malaria. Er starb im September 1865 in St. Petersburg.

Durch seine Erstbeschreibung der Conodonten, vor allem aber sein Keimblattkonzept hat er eine über sein Jahrhundert herausragende Bedeutung. An ihn erinnern außerdem einige wissenschaftliche Eponyme: die oberdevonische Quastenflosser-Gattung Panderichthys (eine Übergangsform zwischen Fischen und Landwirbeltieren), die Gattung Panderia (Gänsefußgewächse, Chenopodiaceae), der Armfüßer Panderina und die Panderschen Organe bei Trilobiten.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Embryologische Arbeiten[Bearbeiten]

Zeichnung des Hühnerembryos aus Beiträge zur Entwicklungsgeschichte des Hühnchens im Eye (Tafel VIII)
  • Dissertatio inauguralis sistens historiam metamorphoseos quam ovum incubatum prioribus quinque diebus subit. Würzburg 1817. (lateinische Dissertation Panders)
  • Beiträge zur Entwickelungsgeschichte des Hühnchens im Eye, Würzburg 1817 (deutsche Dissertation Panders mit Stichen d'Altons)
  • Les textes embryologiques de Christian Heinrich Pander (1794 - 1865) (hrsg. v. Stéphane Schmitt), Turnhout: Brepols, 2003, ISBN 2-503-52180-0 (zweisprachige Neuausgabe der embryologischen Texte)

Vergleichend anatomische Arbeiten[Bearbeiten]

  • (mit Eduard Joseph d'Alton) Vergleichende Osteologie, 14 Bände, Bonn: Weber, 1821-1838
    • Band I, 1: Das Riesen-Faulthier, Bradypus giganteus, abgebildet, beschrieben und mit den verwandten Geschlechtern verglichen, Bonn 1821 (gem. mit E. J. d'Alton)
    • Band I, 2: Die Skelete der Pachydermata, Bonn 1821 (gem. mit E. J. d'Alton)
    • Band I, 3: Die Skelete der Raubthiere, Bonn 1822 (gem. mit E. J. d'Alton)
    • Band I, 4: Die Skelete der Wiederkäuer, Bonn 1823 (gem. mit E. J. d'Alton)
    • Bände I, 5 und I, 6: Die Skelete der Nagethiere (Teil 1 und 2), Bonn 1823, 1824 (gem. mit E. J. d'Alton)
    • Band I, 7: Die Skelete der Vierhänder, Bonn 1824 (gem. mit E. J. d'Alton)
    • Band I, 8: Die Skelete der zahnlosen Thiere, Bonn 1825 (gem. mit E. J. d'Alton)
    • Band I, 9: Die Skelete der Robben und Lamantine, Bonn 1826 (gem. mit E. J. d'Alton)
    • Band I, 10: Die Skelete der Cetaceen, Bonn 1827 (gem. mit E. J. d'Alton)
    • Band I, 11: Die Skelete der Beutelthiere, Bonn 1828 (gem. mit E. J. d'Alton)
    • Band I, 12: Die Skelete der Chiropteren und Insectivoren, Bonn 1831 (nur von den beiden d'Altons, Vater und Sohn)
    • Band II, 1: Die Skelete der Straußartigen Vögel, Bonn 1827 (nur von Eduard d’Alton d. J.)
    • Band II, 2: Die Skelete der Raubvögel, Bonn 1838 (nur von den beiden d'Altons)

Geologisch-paläontologische Arbeiten[Bearbeiten]

  • Beiträge zur Naturkunde aus den Ostseeprovinzen Rußlands, Dorpat 1820
  • Fossile Fische der Russisch-Baltischen Gouvernements, mehrere Bände, Sankt Petersburg: Akademie der Wissenschaften, 1856-1860
    • Band 1: Monographie der fossilen Fische des Silurischen Systems des russisch-baltischen Gouvernements, St. Petersburg 1856
    • Band 2: Ueber die Placodermen des Devonischen Systems, St. Petersburg 1857
    • Band 3: Über die Ctenodipterinen des devonischen Systems , St. Petersburg 1858
    • Band 4: Über die Saurodipterinen, Dendrodonten, Glyptolepiden und Cheirolepiden des Devonischen Systems, St. Petersburg 1860

Literatur[Bearbeiten]

  • Adolf Erman: Ueber Herrn Doctor C. H. Pander’s palaeographische und geologische Arbeiten. In: Archiv für die wissenschaftlichen Kunde von Russland Bd. 18. Berlin 1859, S. 384-445.
  • Wilhelm Lubosch: Über Pander und D’Altons vergleichende Osteologie der Säugetiere. Ein Kapitel aus der Naturphilosophie. In: Flora oder allgemeine botanische Zeitung NF 11-12 (1918), S. 668-702.
  • Ernst Loesch: Heinrich Christian Pander, sein Leben und seine Werke. Eine biographische Studie. In: Biologisches Zentralblatt Bd. 40 (1920) Nr. 11/12, S. 481-502.
  • Heinrich von Knorre: 17 Briefe von Christian Heinrich Pander (1794-1865) an Karl Ernst von Baer (1792-1876). In: Giessener Abhandlungen zur Agrar- und Wirtschaftsforschung des europäischen Ostens Bd. 59 (1973), S. 89-116.
  • Boris Jewgenjewitsch Raikow: Christian Heinrich Pander, ein bedeutender Biologe und Evolutionist. Frankfurt am Main: Kramer, 1984, ISBN 3-7829-1097-4 (russ.: Христиан Пандер - выдающийся биолог-эволюционист. Москва 1964).
  • Stéphane Schmitt: Christian Heinrich Pander (1794-1865): du développement à l’évolution. In: Bulletin d’histoire et d’épistémologie des sciences de la vie Bd. 9 (2002) Nr. 2, S. 133-146.
  • Stéphane Schmitt: From eggs to fossils: epigenesis and transformation of species in Pander’s biology. The International Journal of Developmental Biology Bd. 49 (2005), S. 1-8.
  • Thomas Schmuck: Baltische Genesis. Die Grundlegung der Embryologie im 19. Jahrhundert. Aachen 2009 (=Relationes Bd. 2) (über Pander: S. 84-114).
  • Thomas Schmuck: Metamorphosen. Christian Heinrich Pander (1794-1865) und die Evolution. In: O. Riha, M. Fischer (Hgg.): Naturwissenschaften als Kommunikationsraum. Aachen 2011 (=Relationes Bd. 6), S. 369-398.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Eintrag im Taufregister des Doms zu Riga. In: Staatliches Historisches Archiv Lettlands Raduraksti. Abgerufen am 27. September 2011.
  2. The Quarterly Journal of the Geological Society of London. Geological Society of London. The Society, 1866. p.xxxvii
  3. Demidowpreisträger. russisch Лауреаты Демидовской премии. In: Website der Uraler Niederlassung der Russischen Akademie der Wissenschaften. Abgerufen am 27. September 2011 (russisch): „1857 Пандер Х.Г. География“