Christian Reithmann

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Christian Reithmann

Christian Reithmann (* 9. Februar 1818 in St. Jakob in Haus, Österreich; † 1. Juli 1909 in München) war Uhrmacher. Er gilt als Erfinder des Viertaktmotors und entwickelte ihn drei Jahre vor Nicolaus Otto und gewann im Patentstreit gegen ihn, überließ ihm aber die Erfindung gegen eine großzügige Abfindung. Auf dem Alten Südlichen Friedhof in München befindet sich die Grabstätte von Christian Reithmann (Grabfeld 35-1-30).

Uhrenmacher[Bearbeiten]

Reithmann machte ab 1836 eine Tischlerlehre in Salzburg, drei Jahre später begann er als Kunsttischler in München. Von 1841 bis 1848 führte er den Betrieb einer Uhrmacherswitwe in Schwabing und machte sich 1848 als Uhrmacher selbständig.[1] Er glaubte, dass Maschinen exakter fertigen als Menschen und besaß seit 1852 einen Gasmotor und einen Elektromotor. Reithmann betrieb seit 1860 eine Uhrenfabrikation mit zehn Maschinen zur Fertigung von Uhren. Die Maschinen waren von ihm selbst konstruiert und der Antrieb erfolgte durch selbstgefertigte Motoren. Ab 1865 fertigte er Uhren mit einem vom Räderwerk unabhängigen Pendel.

Uhren[Bearbeiten]

  • Für das Glockenspiel am Neuen Münchner Rathaus entwickelte er die kinematische Anordnung 1899
  • Die Turmuhr für das Schloss Berg am Starnberger See
  • Wanduhr mit elektrischem Antrieb und Minuten-Freischwinger (Deutsches Museum, Zeitabteilung)
  • Hauptuhr mit pneumatischer Steuerung der Nebenuhren (Deutsches Museum, Zeitabteilung)

Motorenentwickler[Bearbeiten]

1860 besaß er für seine Uhrenfabrikation zehn Maschinen aus eigner Entwicklung. Am 26. Oktober 1860 nahm er das erste Patent auf einen Motor, als er von Étienne Lenoirs Maschine in Paris hörte. Das Patent erlosch bereits 1861. Dieser Motor hatte eine 98 mm Bohrung, 111 mm Hub und eine Drehzahl von 200/min.[2] In seiner Münchner Uhrmacherwerkstatt lief der Motor bis 1881. Unabhängig davon beschrieb im Jahr 1862 der Techniker Alphonse Beau de Rochas das Viertaktverfahren und dessen Patentanmeldung erfolgte am 16. Januar 1862.

Zusammen mit dem Glasmaler Ainmiller meldete er 1868 ein neues Patent an, mit dem er eine industrielle Maschinenproduktion begründen wollte. Er unternahm noch weitere Versuche Partner zu finden, scheiterte aber am Kapitalmangel. Zu diesem Zeitpunkt waren seine beiden Motoren Flugkolbenmotoren, der eine stehend, der andere liegend. Beide Motoren arbeiteten ähnlich wie der zur selben Zeit von der Deutz AG vertriebene „atmosphärische Motor“.

Im Januar 1872 präsentierte Reithmann den stehenden Flugkolbenmotor im Polytechnischen Verein München vor Fachpublikum. Carl von Linde schrieb über Reithmann im „Bayerischen Industrie- und Gewerbeblatt“. Reithmann arbeitete mit unveränderlicher Luftmenge zwischen zwei Kolben, die durch Explosion eines Gas-Luft-Gemisches verdichtet wurde und Spannkraft erhielt. Bei Ausdehnung entstand Arbeitsleistung. 1873 entfernte Reithmann einen Kolben, verzichtete damit auf das Luftkissen und verdichtete das Gas-Luft-Gemisch direkt. Dadurch erzielte er eine bessere Wirkung: sein Motor arbeitete in vier Takten.

Seit 1876 wurde in Köln, in der Deutz AG im Stadtteil Deutz, der von Nikolaus Otto entwickelte atmosphärische Viertakt-Flugkolbenmotor gebaut, der durch das Deutsche Reichspatent DRP 532 vom 9. Mai 1876 geschützt war.[3] Das Patent wollten andere Maschinenbauer, allen voran Ernst Körting aus Hannover, stürzen und suchten einen Vorerfinder. Sie stießen auf Reithmann und baten ihn um eine eidesstattliche Erklärung, wann er seinen Motor und in welcher Form entwickelt habe. Dazu erschien 1883 in der Zeitschrift des „Vereins Deutscher Ingenieure“ ein Artikel von Zivilingenieur Wiegand, in dem er schrieb, Reithmann habe den Motor drei Jahre vor Otto gebaut. Außerdem deutete er an, Otto habe von Reithmanns Motor damals schon erfahren, sodass nicht klar sei, was Otto erfunden habe und was nicht (siehe Hans Seper). Daraufhin verklagte die Deutz AG Reithmann wegen Patentrechtsverletzung. Im folgenden Prozess wurde Reithmann anerkannt, dass er 1873 einen Viertaktmotor gebaut hat. Eugen Langen, Ottos Partner, hatte versucht den Gutachter Schröter zu manipulieren, aber vergeblich. Die Klage der Firma Deutz in Köln wurde 1884 abgewiesen, sie verlor den Prozess und das Urteil wurde rechtskräftig.

Für Deutz war das Urteil eine doppelte Katastrophe, weil der Reithmann-Motor nun per Gerichtsbeschluss als Viertakter anerkannt war und Ottos Erfinderehre in Gefahr war. Um Reithmann zunächst daran zu hindern, vor der Revisionsverhandlung seine Rechte am Viertaktverfahren an Dritte zu verkaufen, kaufte die Deutz die Rechte kurzerhand selbst für 25.000 Goldmark und bot Reithmann eine Rente auf Lebenszeit an. Das Geld sollte er nach der 2. Instanz in jedem Fall erhalten, selbst wenn er verlöre und eigentlich nichts mehr zu verkaufen hätte. Außerdem wurde vereinbart, dass keine Seite die andere in welcher Form auch immer verunglimpft. Nun ging Langen daran, Ottos Erfinderehre zu retten. Er besuchte Reithmann 1885 mehrmals, um ihm klarzumachen, dass ihm die Erfinderehre nicht zustehe und er Otto umbringe, wenn er nicht von seinen Aussagen abginge. Reithmann litt inzwischen unter Geldproblemen durch die lange Prozessdauer, er war selbständiger Handwerker und hatte Verdiensteinbußen.

Langen legte Reithmann eine eigens verfasste, handschriftliche Notiz vor, in der von einem „Übergangsmotor“ die Rede war, den Reithmann bis Mitte der 1870er benutzt haben soll. Diesen Motor hat es nie gegeben. Reithmann konnte das, wie von Langen gefordert, nicht unterschreiben. Dann starb am 25. Oktober 1885, zwei Wochen vor Prozessbeginn, Reithmanns Frau, und am 8. November 1885 stand Langen wieder in Reithmanns Werkstatt. Wieder wollte er Reithmann davon abbringen, vor Gericht wie bisher klare Aussagen zu machen. Jetzt gab Reithmann auf.

Er sagte vor Gericht nichts aus und ließ sich auch nicht mehr vereidigen, sonst wäre alles, was er in den letzten Jahren vor Gericht ausgesagt hatte, ein Meineid gewesen. Stattdessen sagte er auf die entscheidende Frage, wann er zum Viertaktverfahren gelangt sei, er wisse es nicht und entschuldigte sich mit „technischer Unbildung“, obwohl er seit 30 Jahren Motoren gebaut hatte. Er verlor den Prozess im November 1885, der sich in anderen Punkten noch bis zum 18. Dezember 1894 hinzog, in zweiter Instanz und litt unter der Selbstverleugnung so stark, dass man um sein Leben fürchten musste.

Reithmann nahm das Geld, Deutz behielt die Rechte und die Ehre. Nikolaus Otto (1891 gestorben) ging dank seines Freundes Langen in die Geschichte ein, während Reithmann in Vergessenheit geriet und nachträglich von der Firma Deutz in einer herabwürdigenden Weise dargestellt wurde, die seiner Person nicht gerecht wird. Deutz hatte diese Geschichte bis 1949 geheim halten können, bis Arnold Langen die Reithmann-Prozesse in dem Buch: Nicolaus August Otto – der Schöpfer der Verbrennungsmotors veröffentlichte.[2][4]

Auszeichnungen und Anerkennungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Christoph Graf von Seherr-Thoß: Reithmann, Christian. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 21, Duncker & Humblot, Berlin 2003, ISBN 3-428-11202-4, S. 399 f. (Digitalisat).
  • Jutta Siorpaes: Als die Welt in Bewegung geriet - Christian Reithmann und die Erfindung des Viertaktmotors. Berenkamp Verlag, Hall-Wien 2008, 160 S., ISBN 978-3-85093-238-7
  •  Karl Reese: Motorräder aus München. Johan Kleine Vennekate Verlag, Lemgo 2005, ISBN 3-935517-17-3, S. 117.
  •  Felix R. Paturi: Chronik der Technik. Bechtermünz-Verlag, Augsburg 1997, ISBN 3-86047-134-1, S. 296 (Lizenz des Chronik Verlag).
  •  Gustav Goldbeck: Christian Reithmann, Uhrmacher und Motorenerfinder. 1818–1909. VDI-Verlag, Düsseldorf 1967 (Nicht eingesehen).
  • Arnold Langen: Nicolaus August Otto : der Schöpfer des Verbrennungsmotors. Franck'sche Verlag - Stuttgart 1949, 241 Seiten.
  • Rudolf Granichstadedten-Czerva: Christian Reithmann. Allgemeine Automobilzeitung. 1934.
  • Christian Reithmann und sein Viertaktmotor. In: Blätter für Technikgeschichte. 21. Heft. Forschungsinstitut für Technikgeschichte, Technisches Museum für Industrie und Gewerbe in Wien. Springer Verlag, 1959. S. 15-25.
  • K. Schnauffer: Die Priorität am Viertaktverfahren. Arbeitsgemeinschaft für die Geschichte des deutschen Verbrennungsmotorenbaus, 1952.
  • Hans Seper: Christian Reithmann und sein Viertaktmotor. Zu seinem 50. Todestag, Wien 1959.;
  • Gustav Goldbeck: Christian Reithmann, Uhrmacher und Motorenerfinder 1818-1909. In: Technikgeschichte in Einzeldarstellungen Nr.1, Düsseldorf 1967.;
  • Gustav Goldbeck: Gebändigte Kraft, Die Geschichte der Erfindung des Ottomotors, München 1965.;
  • Friedrich Saß: Geschichte des Deutschen Verbrennungsmotorenbaus 1860-1918. Berlin 1962.
  • Reuß, Hans-Jürgen: Nicolaus August Otto;
  • Lesebuch zur Geschichte des Münchner Alltags, München 1991.;
  • Richard Knerr: "Das vergessene Genie" in: Klassik Uhren Nr.5/1999

Quellen[Bearbeiten]

  • Deutsches Museum München, Kopien von Urkunden
  • Stadtarchiv München, Kopien von Urkunden
  • Tiroler Landesmuseum
  • Tiroler Landesarchiv
  • Reihe „Tiroler Pioniere der Technik, Christian Reithmann“
  • Innsbrucker Nachrichten, Nr. 241, 1905.;
  • Tiroler Nachrichten, Nr. 32, 1958.;

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Geschichte Tirols Kurzbiographie zu Christian Reithmann, Abgerufen am 7. Juli 2009
  2. a b Motorräder aus München, Seite 117 von Karl Reese
  3. Otto zu Ehren werden erstmals im Jahre 1946 in der DIN Nr. 1940 Verbrennungskraftmaschinen mit Fremdzündung als Ottomotoren bezeichnet; die völlig andere Konstruktion von 1876 ist damit nicht gemeint
  4. Arnold Langen: Nicolaus August Otto – der Schöpfer der Verbrennungsmotors. (Quelle + Buch-Hinweis von Karl Reese in Motorräder aus München)

Weblinks[Bearbeiten]