Christian von Boetticher

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Christian von Boetticher (2010)

Christian Ulrik von Boetticher (* 24. Dezember 1970 in Hannover) ist ein deutscher Politiker (CDU). Vom 18. September 2010 bis zu seinem Rücktritt am 14. August 2011 nach Bekanntwerden einer ein Jahr zuvor beendeten Beziehung zu einer 16-Jährigen war von Boetticher Landesvorsitzender der CDU Schleswig-Holstein.[1] Am 15. August trat von Boetticher auch als CDU-Spitzenkandidat für die schleswig-holsteinische Landtagswahl im Mai 2012 zurück.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Herkunft und Beruf

Von Boetticher wuchs bei Adoptionseltern in Appen-Unterglinde im Kreis Pinneberg auf.[2] Nach dem Abitur 1990 am dortigen Theodor-Heuss-Gymnasium[3] absolvierte er zunächst eine Ausbildung zum Reserveoffizier bei der Luftwaffe (heute Oberleutnant der Reserve) und danach ab 1992 ein Studium der Rechtswissenschaft in Kiel und Hamburg, das er 1997 mit dem Ersten und 2001 mit dem Zweiten juristischen Staatsexamen abschloss. 2001 erfolgte seine Promotion zum Dr. jur. mit der Arbeit Parlamentsverwaltung und parlamentarische Kontrolle an der Universität Hamburg.

Während seiner Studienzeit in Kiel trat er der pflichtschlagenden Studentenverbindung Landsmannschaft Slesvico-Holsatia v. m. L! Cheruscia zu Kiel im Coburger Convent (CC) bei und ist heute Alter Herr der Verbindung.[4][5]

Seit 2002 ist er als Rechtsanwalt zugelassen und arbeitet für eine Pinneberger Kanzlei.[6]

Im Jahr 2002 wurde er als Ehrenritter in den Johanniterorden aufgenommen.

[Bearbeiten] Partei

1986 trat von Boetticher in die Junge Union ein und wurde 1987 Mitglied der CDU. Von 1992 bis 1996 war er Mitglied im CDU-Ortsvorstand in Appen, zuletzt als stellvertretender Vorsitzender. Seit 1993 gehört er dem CDU-Kreisvorstand Pinneberg, von 1995 bis 1999 und seit 2001 als stellvertretender Vorsitzender, an. Von 2003 bis 2005 war er Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes Pinneberg. Seit 2006 ist er Mitglied im Vorstand der Europäischen Volkspartei (EVP). 2008 wurde er zum stellvertretenden Vorsitzenden des Bundesfachausschuss Ernährung und Landwirtschaft der CDU Deutschland gewählt und als Beisitzer in den Landesvorstand der CDU Schleswig-Holstein. Am 18. September 2010 wurde er auf dem 63. Landesparteitag der CDU Schleswig-Holstein als Nachfolger von Peter Harry Carstensen zum Landesvorsitzenden gewählt. Am 6. Mai 2011 wurde von Boetticher auf dem Parteitag in Norderstedt mit 209 von 240 Stimmen zum Spitzenkandidaten der CDU für die Landtagswahl in Schleswig-Holstein 2012 gewählt, nachdem der amtierende Ministerpräsident Carstensen seinen Verzicht auf eine weitere Kandidatur erklärt hatte.[7]

Am 14. August 2011 trat er von Parteivorsitz und Spitzenkandidatur zurück, nachdem eine Beziehung mit einer Sechzehnjährigen bekannt geworden war.

[Bearbeiten] Abgeordneter

Von 1994 bis 1999 war von Boetticher Mitglied des Kreistages des Kreises Pinneberg und dort von 1998 bis 1999 stellvertretender Vorsitzender der CDU-Fraktion. Ebenfalls 1998 bis 1999 war er Gemeindevertreter der Gemeinde Appen.

Von 1999 bis 2004 war er Mitglied des Europäischen Parlaments. Er arbeitete als Mitglied im Ausschuss für Freiheiten und Rechte der Bürger, Justiz und Inneres sowie im Petitionsausschuss. Er gehörte der Delegation zu Japan und dem gemischt-parlamentarischen Ausschuss EU/Lettland an, der den Beitritt des Landes 2004 in die EU vorbereitete. 2000/2001 fungierte er als Obmann der EVP/ED-Fraktion im Ad-hoc-Ausschuss Echelon, der amerikanische Geheimdiensttätigkeiten gegen europäische Unternehmen und Bürger untersuchte. Die Wiederwahl ins Europäische Parlament hatte er bei der Europawahl 2004 knapp verpasst.

Bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein 2009 gewann er den Wahlkreis 28 (Pinneberg, Halstenbek, Schenefeld) erstmals nach 26 Jahren wieder direkt für die CDU und zog somit in den Landtag ein. Die CDU-Fraktion wählte ihn zu ihrem Vorsitzenden als Nachfolger von Johann Wadephul, der in den Bundestag wechselte.

Am 15. August 2011, einen Tag nach seinem Rücktritt als Vorsitzender der CDU Schleswig-Holstein, trat er wegen einer beendeten Beziehung mit einer Minderjährigen auch als Fraktionsvorsitzender zurück.[8]

[Bearbeiten] Öffentliche Ämter

Vom 27. April 2005 bis zum 27. Oktober 2009 gehörte er dem von Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) geführten Kabinett der Großen Koalition als Minister für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein an.

Nach dem Bruch der Großen Koalition im Juli 2009 wurden alle SPD-Minister zum Ablauf des 21. Juli 2009 von Ministerpräsident Carstensen aus ihren Ämtern in der Landesregierung entlassen. Die Leitung der betroffenen Ministerien wurde unter den verbliebenen Kabinettsmitgliedern aufgeteilt, Christian von Boetticher wurde dabei als Nachfolger von Gitta Trauernicht die Zuständigkeit für das Ministerium für Soziales, Gesundheit, Familie und Senioren übertragen.[9] Am 23. Juli 2009 wurde er als Nachfolger von Ute Erdsiek-Rave zum stellvertretenden Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein berufen.[10]

[Bearbeiten] Rücktritt und Ende der politischen Karriere

Anfang August 2011 wurde eine frühere Beziehung von Boettichers zu einer damals 16-jährigen Schülerin bekannt. Von Boetticher hatte die mehrmonatige Beziehung nach eigenen Angaben in seiner Rücktrittserklärung im Mai 2010 in Hinblick auf seine absehbare Spitzenkandidatur im übernächsten Jahr beendet.[11]

Nach Kritik auch aus der eigenen Partei trat von Boetticher am 14. August 2011 als Spitzenkandidat der CDU für die Landtagswahl in Schleswig-Holstein 2012 und als CDU-Landesvorsitzender zurück. Am folgenden Tag gab er auch das Amt des Vorsitzenden seiner Fraktion im Landtag auf und behielt lediglich sein Mandat als Landtagsabgeordneter bei. Am 16. August 2011 wurde bekannt, dass Landesvorstand und Kreisvorsitzende der CDU sich für Jost de Jager als Nachfolger von Boettichers entschieden hätten.[12]

Die mittlerweile 17-Jährige erklärte in einem Exklusiv-Interview, das zwei Tage nach dem Rücktritt am 16. August 2011 in der Kölner Boulevard-Zeitung Express erschien, von Boetticher habe sie einige Wochen vor seinem Rücktritt kontaktiert. Damals habe sie den Eindruck gewonnen, er werde „unter Druck gesetzt“. Wie von Boetticher bezeichnete auch die junge Frau das ehemalige Verhältnis als Liebe.[13] Von Boetticher galt zu diesem Zeitpunkt als ledig. Berichtet worden war nur, dass er seit mehreren Jahren eine Beziehung mit einer anderen Frau führte, die ihn gelegentlich auch öffentlich begleitete. Am 16. August 2011 wurde bekannt, dass er diese Frau am 15. Oktober 2010 in den USA geheiratet hatte.[14]

Von Boettichers bisheriger Förderer, der scheidende Ministerpräsident Carstensen, erfuhr nach eigenen Angaben bereits am 13. Juli 2011 von Gerüchten über eine Beziehung von Boettichers mit einer Minderjährigen, die von Boetticher ihm gegenüber zwei Wochen später, am 28. Juli 2011, bestätigt habe.[15]

Am 20. August 2011 wurde über Kontakte der jungen Frau zu weiteren Mitgliedern der schleswig–holsteinischen CDU berichtet. Diese habe sich am 8. Juli 2011 mit einem Mann aus dem Umfeld des Landesgeschäftsführers Daniel Günther getroffen, der als parteiinterner Gegner von Boettichers galt. Die Kontaktaufnahme soll über einen Alias-Namen ebenfalls auf Facebook stattgefunden haben.[16]

Von Boetticher erklärte am 21. August 2011 in einem BamS-Interview zum Altersunterschied zu der 16-Jährigen, dass er vom jugendlichen Alter der Minderjährigen, das er auf Mitte 20 geschätzt habe, wegen der „sehr intelligenten Kommentare“ zu seinen Äußerungen auf Facebook „völlig überrascht“ gewesen sei. Die 16-Jährige sei „für ihr Alter wirklich geistig sehr reif“ gewesen, so dass er mit ihr „auf Augenhöhe“ habe kommunizieren können.[17]

Eine Woche nach seinem Rücktritt äußerte sich von Boetticher vom Landesverband und der Landtagsfraktion seiner Partei enttäuscht und beklagte ein „großes Maß an Illoyalität“.[18] So habe seine Partei auch seinen Rücktritt vom CDU-Fraktionsvorsitz bestätigt, ohne dies vorher mit ihm abzustimmen.[19] Insbesondere von seinem ursprünglichen Mentor Carstensen fühlte sich von Boetticher diskreditiert.[18]

Am 17. September 2011 gab von Boetticher anlässlich des Parteitages des CDU-Kreisverbandes Pinneberg bekannt, nicht erneut für den Landtag Schleswig–Holstein kandidieren und in Zukunft als Jurist in der Wirtschaft arbeiten zu wollen. Die Delegierten wählten von Boetticher anschließend zum stellvertretenden Kreisvorsitzenden.[20]

[Bearbeiten] Politische und weltanschauliche Positionen

Die Lübecker Nachrichten beschrieben von Boetticher 2010 in einem Porträt als konservativ und zitierten ihn: „Die Partei braucht ein klareres konservatives und werteorientiertes Grundprofil“. Von Boetticher bezeichne sich selbst als bodenständig; er lege Wert auf seine adelige Familiengeschichte und halte ritterliche Tugenden hoch.[21]

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Weblinks

 Commons: Christian von Boetticher – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. CDU-Chef tritt nach Affäre mit Minderjähriger zurück. Spiegel online, 14. August 2011, abgerufen am 14. August 2011.
  2. Christian von Boetticher: „Appel“ will ganz nach oben. Biografischer Artikel in den Lübecker Nachrichten vom 1. September 2010, Zugriff am 18. August 2011
  3. “SO WURDE ICH ZUM APPEL(MANN)!”. In: ths-pressident.de vom 23. April 2011
  4. Dr. von Boetticher, Christian.
  5. "Die Frage stellt sich derzeit nicht".
  6. Biografie 'Dr. Christian von Boetticher' im Lantagsinformationssystem Website LIS-SH Landtagsinformationssystem Schleswig-Holstein. Abgerufen 22. August 2011.
  7. Boetticher wird CDU-Spitzenkandidat. auf: FocusOnline. abgerufen am 7. Mai 2011
  8. ndr.de: Von Boetticher tritt auch als Fraktionschef zurück, abgerufen am 15. August 2011
  9. Ministerpräsident Peter Harry Carstensen entlässt sozialdemokratische Ministerinnen und Minister, Pressemitteilung vom 20. Juli 2009
  10. Staatssekretäre in den einstweiligen Ruhestand versetzt, Pressemitteilung vom 23. Juli 2009
  11. Sven-Michael Veit: CDU-Nordchef tritt wegen 16-jähriger zurück: Den Kopf verloren. In: taz.de vom 14. August 2011.
  12. Wolfram Hammer: CDU gibt grünes Licht: Freie Bahn für Jost de Jager. In: Ln-online.de vom 17. August 2011
  13. Oliver Meyer: Der Politiker und die Teenie-Affäre: Boettichers Ex-Freundin: „Christian wurde massiv unter Druck gesetzt“. In: express.de 16. August 2011.
  14. Bericht des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags: Von Boetticher: Hochzeit fünf Monate nach der Affäre In: shz.de vom 16. August 2011.
  15. Ulrich Exner: "Pass auf, Christian, die Geschichte geht schief". Auf: welt.de am 18. August 2011
  16. Welt-Online: Pseudonyme, geheime Treffen und der Fall Boetticher. Auf: welt-online.de 20. August 2011
  17. „Ich war nicht liebesblind, ich wusste, dass ich etwas riskiere...“. auf: bild.de 21. August 2011.
  18. a b „Ich war nicht liebesblind, ich wusste, dass ich etwas riskiere...“. Auf: bild.de am 23. August 2011
  19. kuz: Teenager-Affäre: Boetticher will Schleswig-Holstein verlassen In: Der spiegel.de vom 21. August 2011.
  20. Wolfgang Schmidt: Boetticher zum Ausstieg: "Sag' niemals nie" In: shz.de vom 17. September 2011.
  21. Curd Tönnemann: Christian von Boetticher: „Appel“ will ganz nach oben In: ln-online.de vom 1. September 2010. Abgerufen am 22. August 2011.
Meine Werkzeuge
Namensräume
Varianten
Aktionen
Navigation
Mitmachen
Drucken/exportieren
Werkzeuge
In anderen Sprachen