Deutsche Tischgesellschaft

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Die Deutsche Tischgesellschaft (in der älteren Forschung auch Christlich-deutsche Tischgesellschaft genannt; Gründungsname Deutsche christliche Tisch-Genossenschaft) wurde am 18. Januar 1811, dem Krönungstag der preußischen Monarchie, vom Dichter Achim von Arnim und dem Staatstheoretiker Adam Heinrich Müller in Berlin gegründet und bestand im Wesentlichen während des Jahres 1811, doch sind auch aus späteren Jahren Zeugnisse überliefert, die ein Weiterbestehen einer Tischgesellschaft dieses Namens belegen. Bereits in den Gründungsstatuten war bestimmt worden, dass nur "Wohlanständige" einzuladen seien, die so definiert wurden: Die Gesellschaft versteht unter dieser Wohlanständigkeit, daß es ein Mann von Ehre und guten Sitten und in christlicher Religion geboren sei ... Es ging also um einen Ausschluss getaufter Juden und ihrer Nachkommen; man zielte auf eine deutliche Diskriminierung von Juden im gesellschaftlichen Leben, denen erst ein Jahr später durch die preußischen Reformen von 1812 die Staatsbürgerrechte zugestanden wurden.

Mitglieder[Bearbeiten]

Der Verein gründete sich im Rahmen der Reformbestrebungen in Preußen, dabei waren die Mitglieder jeweils genau die Hälfte Adelige und aus dem Bürgertum.[1] Unter den 86 namentlich bekannten Mitgliedern waren höhere Berufe besonders repräsentiert, darunter 37 Beamte und 19 Soldaten. Unter den Beamten waren alleine 12 Professoren der 1809 gegründeten Friedrich-Wilhelms-Universität. Die reformerische Ausrichtung zeigt sich in der geringen Vertretung von Gutsherren und Hochadel. Bekannte Politiker unter den Mitgliedern sind der Geheime Obersteuerrat Christian Peter Wilhelm Beuth und der Finanzrat Friedrich August von Staegemann zu nennen, von den Militärs Carl von Clausewitz, von den Hochschullehrern Friedrich Schleiermacher, Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Karl von Savigny, von den Schriftstellern Achim von Arnim und Clemens Brentano, von den anderen Künstlern August Wilhelm Iffland, Johann Friedrich Reichardt und Karl Friedrich Schinkel. Die Deutsche Tischgesellschaft wird - verglichen mit anderen Vereinen im Berlin ihrer Zeit - als zugleich „exklusiver und offener“ beschrieben. Eine Besonderheit war auch der hohe Anteil an Künstlern.

Positionen und Tischreden[Bearbeiten]

Antifranzösischer Patriotismus und Antisemitismus waren gemeinsame Grundhaltungen, obwohl nicht allen Mitgliedern dauerhaft eigen. Der Patriotismus dieser Gruppe war dabei von der Auseinandersetzung mit Kaiser Napoleon gekennzeichnet und war in erster Linie preußisch, in zweiter Linie aber auch "deutsch". In den Reden bediente man sich häufig der preußischen Geschichtsmythen, insbesondere Friedrichs des Großen und der 1810 verstorbenen Königin Luise, deren Leben und Sterben zum Symbol der nationalen Wiedergeburt und der erhofften Befreiung von der napoleonischen Vorherrschaft erhoben wurde.

Die bekanntesten Texte, die in der Tischgesellschaft vorgelesen wurden, sind zwei Tischreden, der Form nach satirische Texte, Clemens Brentanos Philister-Rede und Achim von Arnims Über die Kennzeichen des Judentums. Brentano schildert den Typus des Philisters, als dessen Verwandten er die Juden darstellt. Arnims Rede ist ein eindeutig antisemitischer Text, bei denen Arnim sich zahlreicher Gemeinplätze der antisemitischen Literatur bedient.[2]

Ludolph von Beckedorff hielt am 18. Juni 1811 seine Abschiedsrede in der Tischgesellschaft, in der er strikt antisemitische Positionen vertrat und die Verbannung der Juden forderte.[3]

Forschung[Bearbeiten]

Lange Zeit war das Bild der Deutschen Tischgesellschaft geprägt von der tendenziösen Konstruktion von Reinhold Steig, der die Tischgesellschaft als Teil der reaktionären Adelsopposition gegen den Staatskanzler Karl August von Hardenberg darstellte. Ihr Organ seien, so Steig, die Berliner Abendblätter Heinrich von Kleists gewesen. Diesen Behauptungen wurde in der Kleistforschung bereits von Anfang an kritisch begegnet, doch hielt sich Steigs Bild lange Zeit in allgemeinen Darstellungen und Handbüchern. In jüngerer Zeit wurde dieses Bild durch Rückgang auf die Quellen und differenziertere Interpretation revidiert. Obwohl die Mitglieder ihrer sonstigen Haltung nach kaum einem eliminatorischen Antisemitismus zugerechnet werden können, gelangten sie doch in diesem Prozess in ihrer Wortwahl nahe an diesen heran.

Literatur[Bearbeiten]

Belege[Bearbeiten]

  1. Soweit nicht anders angegeben, beruht die Darstellung der Mitglieder auf: Stefan Nienhaus: Geschichte der deutschen Tischgesellschaft. Niemeyer Verlag 2003, ISBN 3484321156 S. 9 f.
  2. Achim von Arnim, Werke, Bd. 6: Schriften, Frankfurt 1992, S. 362-387.
  3. Text veröffentlicht 1971 von Heinz Härtl (Halle). Stefan Nienhaus bewies 2003 die Autorschaft von Beckedorffs.