Christus medicus

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Gabriel von Max, Jesus heilt die Kranken

Christus medicus („Christus der Arzt“) ist ein christlicher Titel für Jesus Christus. In dieser Bezeichnung wird die Funktion des Heilers und Arztes (latein. medicus, griechisch iatros) mit der des Retters und Erlösers (latein. salvator, griechisch soter, deutsche Lehnübersetzung Heiland) und so der leibliche mit dem seelischen, der zeitliche mit dem ewigen Aspekt seines Wirkens zusammengesehen.

Überlieferung[Bearbeiten]

Codex Aureus, Heilung des Gelähmten

Im Hintergrund steht dabei der alttestamentliche Glaube an Gott als den Herrn über Krankheit, der diese dem Einzelnen („Ich bin der Herr, dein Arzt“ Ex 15,26 EU), wie der Gemeinschaft („Ich…kann töten und lebendig machen; ich kann schlagen und kann heilen, und ist niemand, der aus Meiner Hand errette“ Dtn 32,39 EU) zuteilen und entziehen kann.

Jesu Heilungstätigkeit wurde als „ärztliches Wirken“ wahrgenommen. Heilungen zählten von Anbeginn zur Praxis der christlichen Gemeinde, wie es Origenes (185–254) oder Clemens von Alexandrien (150–215) zeigen. Im Neuen Testament taucht der Medicustitel selbst noch nicht auf, jedoch verwendeten die Apologeten und Kirchenväter schon früh den Titel des Arztes für Jesus, zuerst Ignatius von Antiochien († ca. 117): „Einen Arzt gibt es, Jesus Christus, unseren Herrn.“ Besonders im 5. Jahrhundert fasste man Jesu Wirken in ärztlichen Kategorien.

Christus und Asklepios[Bearbeiten]

Die Bedeutung des Titels „Christus Medicus“ erstarkte durch die Konkurrenz mit dem Asklepioskult der altgriechischen Medizin, der sich als Äskulap, der „Deus Clinicus“ im römischen Reich als wunderwirkender Retter und Heiler (soter) etabliert hatte. Man sah in Jesu Zuwendung zu Leidenden und Armen einen Gegensatz zu Asklepios, der Distanz zu unheilbar Kranken hielt, und Geld und Opfergabe für Heilungen erwarte.[1] Bald manifestierte sich das Christentum als „Religion der Heilung“ auch sichtbar: an der Stelle der Asklepieien errichtete man vielfach christliche Kirchen.

Mittelalter und Neuzeit[Bearbeiten]

Während im Westen körperlicher und geistlicher Bereich – Heilung und Heil - allmählich voneinander getrennt wurden, wurden beide Bereiche in der östlichen Kirche und Liturgie weiter als zusammengehörig aufgefasst. Ab dem 13. Jh. untersagte man Priestern eine Betätigung als Arzt. Martin Luther (1483–1546) griff die Vorstellung von Christus dem Arzt wieder auf und verstand Heil und Heilung als Ganzheit, das Abendmahl sah er als „Arznei für Leib und Seele“[2]. Ebenso begriff Teresa von Avila (1515–1582) die Sakramente als zu Heilung und Heil weisend. Zu den letzten Medizinern mit einem Bezug auf den Christus Medicus zählte Paracelsus (1493–1541), der die Heilkunst der Barmherzigkeit Gottes zuschrieb. Kirchliche Hospitäler richteten ihre Caritas zunehmend auf die Jenseitsvorbereitung der Patienten aus. Die Praxis der Heilung und körperlichen Rehabilitation überließ man der sich auch religiös emanzipierenden Schulmedizin.

Gegenwärtig werden in unterschiedlichen Gruppierungen die Krankensalbung und besonders im Bereich charismatischer und freier christlicher Gemeinden Heilungsgottesdienste praktiziert.

Der Christus Medicus in Ikonografie und Kunst[Bearbeiten]

Bereits in der frühchristlichen Kunst des 4./5. Jh. widmete man sich dem Motiv der Heilungswunder. Auf Grabstätten oder Sarkophagen finden sich vielfältige neutestamentliche Heilungsdarstellungen (des Gichtbrüchigen, Blinden, Aussätzigen oder der blutflüssigen Frau). Das Motiv des heilenden Christus zog sich bis ins 17. Jh., wo es etwa als Christus der Apotheker vor allem in der Volksfrömmigkeit populär war.

Ein Leitgedanke der mittelalterlichen Klostermedizin war, beim Bau von Hospitälern Krankensäle und Kapellen räumlich eng zu verbinden, so dass die Kranken unmittelbar am Gottesdienst teilnehmen konnten.

Im Kirchenlied fand das Motiv des Christus medicus seinen Niederschlag wie in Samuel Rodigasts (1649–1708): Was Gott tut, das ist wohlgetan: Er, als mein Arzt und Wundermann,/ Wird mir nicht Gift einschenken / Für Arzenei; Gott ist getreu (EG 372) oder Ludwig Helmbolds (1532–1598): Nun Lasst uns Gott dem HerrenEin Arzt ist uns gegeben, der selber ist das Leben; Christus für uns gestorben (EG 320).

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Adolf von Harnack, Medicinisches aus der Ältesten Kirchengeschichte (= Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur 8,4) Leipzig 1892, 129f. Zit. bei Jakob
  2. Der große Katechismus, 6

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Reinhard von Bendemann: Christus medicus. Neukirchener, Neukirchen-Vluyn 2009. ISBN 978-3-7887-1917-3
  • Michael Dörnemann: Krankheit und Heilung in der Theologie der frühen Kirchenväter. Mohr Siebeck ISBN 3-16-148161-5
  • Petrus C. Eijkenboom: Het christus-medicus-motief in de preken van sint Augustinus. Gorkum, Assen 1960.
  • Woty Gollwitzer-Voll: Christus Medicus - Heilung als Mysterium. Interpretationen eines alten Christusnamens und dessen Bedeutung in der Praktischen Theologie. Schöningh, Paderborn 2007. ISBN 978-3-506-76389-1
  • Jörg Hübner: Christus medicus. Ein Symbol des Erlösungsgeschehens und ein Modell ärztlichen Handelns. In: Kerygma und Dogma 31 (1985) 324-335.
  • Schott, H. Medizingeschichte(n): Religiöse Heilkunde – Christus medicus, Deutsches Ärzteblatt 2006; 103(6): A-340 / B-297 / C-282 ISBN 978-3-506-76389-1
  • Johann Anselm Steiger: Medizinische Theologie: Christus medicus und theologia medicinalis bei Martin Luther und im Luthertum der Barockzeit, 2005