Clarice Lispector

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Clarice Lispector. Statue in Recife

Clarice Lispector [kla'risi lispek'tor] (* 10. Dezember 1920 in Tschetschelnyk, Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik, als Chaja Lispector[1]; † 9. Dezember 1977 in Rio de Janeiro, Brasilien) war eine brasilianische Schriftstellerin. Sie schrieb Romane, Kurzgeschichten und Kinderbücher und Kolumnen für Zeitungen und Zeitschriften.

Leben[Bearbeiten]

Clarice Lispector war die jüngste von drei Töchtern russisch-jüdischer Eltern. Sie erhielt den hebräischen Namen Chaya (Leben). Zwei Monate nach ihrer Geburt emigrierten die Eltern Pedro und Marietta Lispector mit ihr und ihren beiden Schwestern Elisa und Tanya über Hamburg, wo ihr Vater vergeblich Arbeit suchte, nach Maceió, Brasilien. Dort nahm die Familie brasilianische Vornamen an. Sie pflegte später ihr Geburtsjahr beständig um fünf Jahre auf 1925 zu verschieben.[2]

Sie wuchs in Recife im armen Nordosten des Landes auf, zog aber mit ihrer Familie 1934 nach Rio de Janeiro, wo sie die Schule und ein Jurastudium absolvierte und als Lehrerin und bei zwei Zeitungen arbeitete. Sprachen ihre Eltern noch fast ausschließlich jiddisch, war sie die erste in der Familie, die das Portugiesische erlernte.

1943 heiratete sie gegen die Wünsche ihrer Eltern den Katholiken Maury Gurgel Valente, welcher in das diplomatische Korps Brasiliens eintrat.[2] Im selben Jahr begann sie ihren ersten Roman Perto do coração selvagem (Nahe dem wilden Herzen), der 1944 veröffentlicht wurde. Der Roman der 23-Jährigen erregte zu einer Zeit, in der die vorherrschende Strömung in der Literatur der Regionalismus war, der die soziale Realität Brasiliens, besonders des Nordostens beschreibt, sofort das öffentliche Interesse und wurde zu einer literarischen Sensation.

Als ihr Mann als Botschafter in andere Länder gesandt wurde, musste sie ihm folgen. Sie lebte mit ihm 1945 bis 1949 in Neapel, Bern und 1952 bis 1959 in Washington. 1949 wurde ihr Sohn Pedro geboren, 1953 kam Sohn Paulo zur Welt. In den USA publizierte sie in der brasilianischen Zeitschrift Senhor. Nach der Scheidung 1959 ließ sie sich mit ihren Söhnen in Rio de Janeiro nieder und arbeitete als Journalistin und Übersetzerin. Sie schrieb eigene Kolumnen, so etwa für den Correio da Manhã und das Jornal do Brasil. Es folgten weitere Romane und Bände mit Kurzgeschichten sowie Drehbücher für mehrere Filme.

Als 1967 in ihrer Wohnung im 13. Stock im Stadtteil Leme in Rio de Janeiro ein Brand ausbrach, den sie selbst ausgelöst hatte, als sie mit einer Zigarette im Bett eingeschlafen war, versuchte sie noch Manuskripte und Bücher zu retten. Dabei wurde sie von herabstürzenden Deckenbalken verletzt und zudem schwer verbrannt. Seitdem konnte sie ihre rechte Hand nur unter Schmerzen gebrauchen.

1968 interviewte sie in der Reihe „Diálogos possíveis com Clarice Lispector“ (Mögliche Dialoge mit Clarice Lispector) bekannte Persönlichkeiten für die Zeitschrift Manchete, so auch Antônio Carlos Jobim. Im gleichen Jahr am 26. Juni nahm sie an der „Passeata dos cem mil“ (Demonstration der Hunderttausend) gegen die Militärdiktatur teil.

Clarice Lispector starb am 9. Dezember 1977, einen Tag vor ihrem 57. Geburtstag, in Rio de Janeiro an Krebs.

Wirkung[Bearbeiten]

Clarice Lispector war als „post-regionalistische“ Autorin sowohl vom Existenzialismus als auch von den von ihr verehrten Künstlern Virginia Woolf und Katherine Mansfield geprägt. Der Titel ihres Romans Perto do coração selvagem, ein Zitat aus James Joyces Ein Porträt des Künstlers als junger Mann, das sie als Motto auch diesem Roman voranstellt, zeigt ebenso wie ihre Vorbilder die literarische Tradition, in der sie steht. Ihr Werk kreist immer wieder um die bestürzende Realität, die hinter der Fassade des Alltags lauert. Arm an äußerer Handlung, beschreibt es doch das Innenleben der Figuren in einer „expressive(n) Sprache bis in die kleinsten, kaum mehr erfaßbaren Verästelungen“ (Suhrkamp, alte Rechtschreibung).

Sie wird als die „brasilianische Virginia Woolf“ (Rowohlt) bezeichnet, ihr Roman A paixão segundo G. H., in seinen 33 Kapiteln an die Passionsgeschichte angelehnt, als „einer der verstörendesten der Weltliteratur“ (Im Jenseits des Sagbaren, ein Porträt der Schriftstellerin von Stefan Fuchs, DLF). Die New York Times schrieb 2005, dass sie das Äquivalent Franz Kafkas in der lateinamerikanischen Literatur sei. Lispector „war schon zu Lebzeiten eine Legende, berühmt, bewundert, kapriziös, depressiv und den meisten Menschen unverständlich.“[3]

Ihr Roman A hora da estrela, der auch in einer deutschen Hörspielfassung vorliegt, wurde 1985 von der brasilianischen Regisseurin Suzana Amaral verfilmt.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

  • 1945: Graça-Aranha-Preis der brasilianischen Akademie der Künste für Perto do coração selvagem
  • 1976: Kulturpreis des brasilianischen Bundesdistrikts für ihr Lebenswerk

Werke[Bearbeiten]

  • Perto do coração selvagem. Romance, Ficções u. a., Lissabon 2000 (1944), ISBN 972-708574-1
    • Nahe dem wilden Herzen, übersetzt von Ray-Güde Mertin, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3518018477
    • Nahe dem wilden Herzen, überarbeitete Übersetzung von Ray-Güde Mertin und Corinna Santa Cruz, Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-89561-620-4
  • O lustre, Livraria Agir Editora, Rio de Janeiro (1946)
    • Der Lüster. Roman, übersetzt von Luis Ruby, Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-89561-621-1
  • A cidade sitiada, Alves, Rio de Janeiro 1992 (1949), ISBN 85-265-0274-3
    • Von Traum zu Traum, übersetzt von Sarita Brandt, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1992
  • Laços de família (1960)
  • A maçã no escuro (1961)
    • Der Apfel im Dunkeln, übersetzt von Curt Meyer-Clason, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998
  • A paixão segundo G. H., 1963
    • Die Passion nach G. H., übersetzt von Christina Schrübbers, Lilith, Berlin 1984
    • Die Passion nach G. H., übersetzt von Christiane Schrübbers und Sarita Brandt, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990
  • A Legião Estrangeira (1964)
  • O mistério do coelho pensante e outros contos (1967–1978)
    • Das Geheimnis des denkenden Hasen und andere Geschichten, übersetzt von Marlen Eckl, Hentrich & Hentrich, Berlin 2013, ISBN 978-3-95565-010-0
  • A mulher que matou os peixes (1968)
  • Uma aprendizagem ou o livro dos prazeres (1969)
    • Eine Lehre; oder Das Buch der Lüste, übersetzt von Christiane Schrübbers, Lilith, Berlin 1982
    • Eine Lehre; oder Das Buch der Lust, übersetzt von Sarita Brandt, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1988
  • Felicidade clandestina (1971)
  • A imitação da rosa (1973)
    • Die Nachahmung der Rose, übersetzt von Curt Meyer-Clason, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-518-01781-0
  • A vida íntima de Laura (1974)
  • Via crucis do corpo (1974)
  • Onde estivestes de noite? (1974)
  • A hora da estrela (1977)
    • Die Sternstunde, übersetzt von Curt Meyer-Clason, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985
  • Água viva (postum 1978)
    • Aqua viva. Ein Zwiegespräch, übersetzt von Sarita Brandt, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994

Literatur[Bearbeiten]

  • Bernadete Grob-Lima: O percurso das personagens de Clarice Lispector. Garamond Universitária, Rio de Janeiro 2009, ISBN 978-85-7617-170-6
  • Ana Miranda: Clarice Lispector. Der Schatz meiner Stadt. Sans Soleil Edition, Bonn/Berlin 1999, ISBN 388030033X
  • Benjamin Moser: Why This World. A Biography of Clarice Lispector. Oxford University Press 2009, ISBN 978-0-19-538556-4
    • deutsch: Clarice Lispector. Eine Biographie. Übersetzt von Bernd Rullkötter, Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-89561-622-8
  • „Die südamerikanische Sphinx“, Rezension dazu von Johanna Adorján in Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 13. Dezember 2009, Seite 32

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Benjamin Moser: Clarice Lispector. Eine Biographie. Frankfurt am Main 2013
  2. a b „Ausserhalb jedweden Vergleichs: Clarice Lispector. Ums Leben schreiben“, Felix Philipp Ingold in der NZZ vom 28. Dezember 2013, zuletzt abgerufen am 31. Dezember 2013
  3. „Legende zu Lebzeiten“, Katharina Döbler in Deutschlandradio Kultur vom 14. Oktober 2013 zu Benjamin Mosers Lispector-Biografie, abgerufen am 29. Oktober 2013, zuletzt abgerufen am 31. Dezember 2013