Claude Bernard (Physiologe)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Claude Bernard Claude Bernard signature.svg

Claude Bernard (* 12. Juli 1813 in Saint-Julien im Département Rhône; † 10. Februar 1878 in Paris) war ein französischer Mediziner und Physiologe.

Er entdeckte die Rolle der Pankreassekretion bei der Verdauung von Fetten, die Rolle der Leber bei der inneren Sekretion von Glukose im Blut, womit man der Ursache der Zuckerkrankheit auf die Spur kam. Er zeigte auch auf, wie Kohlenstoffmonoxid die Atmung blockiert.

Leben[Bearbeiten]

Claude Bernard wurde in Saint Julien[1] (genauer in der Ortschaft Chatenay) im Beaujolais als Sohn von Pierre François Bernard († 1847), einem Winzer und Lehrer, und Jeanne Saulnier († 1867) geboren. Er war der älteste Sohn dieser vierköpfigen Familie. Der Dorfpfarrer vermittelte ihm die Grundkenntnisse im Schreiben und Lesen.

Bernard besuchte zunächst die Jesuitenschule in Villefranche-sur-Saône, dann wurde er Schüler am Collège de Thoissey. Im Alter von achtzehn Jahren musste er das Gymnasium aus finanziellen Gründen verlassen. Um seinen Vater zu unterstützen, nahm er eine Stelle als Apothekerlehrling an. Von 1832 bis 1833 war er als Apothekerlehrling in Vaise, einer Vorstadt von Lyon, tätig.[2] Im Jahre 1834 reiste er nach Paris. Vor seinem Medizinstudium beschäftigte sich der inzwischen Zwanzigjährige mit der Schriftstellerei. So schrieb er u. a. das Theaterstück La Rose du Rhône, welches in Lyon aufgeführt wurde. Ein anderes Werk das (Historien-) Drama Arthur de Bretagne, legte er dem Literaturkritiker Saint-Marc Girardin vor. Dieser war aber von dem Stück nicht sonderlich berührt und riet C. Bernard, die Schriftstellerei nicht zu seinem Hauptberuf machen zu wollen.

Erinnerungstafel für Claude Bernard am Collège de France

1834 zog Bernard nach Paris. Hier erwarb er das Baccalauréat und schrieb sich an der medizinischen Fakultät der Universität Paris ein. 1843 erhielt Bernard die Approbation.[3] Das Thema seiner 1844 an der Medizinfakultät Paris veröffentlichten Dissertation lautete Des matières colorantes chez l’homme.[4] Im Jahre 1848 wurde er Assistent von François Magendie am Hôtel-Dieu in Paris. Mit seiner Arbeit Recherches sur une nouvelle fonction du foie considéré comme organe producteur de matière sucrée chez l’homme et les animaux wurde er 1853 im Fach Zoologie promoviert. 1854 wurde für Bernard ein Lehrstuhl für Allgemeine Physiologie an der Sorbonne geschaffen. 1855 wurde er Nachfolger von Magendie am Collège de France.[5]

Am 7. Mai 1845 heiratete Bernard Marie-Françoise Martin. Ihre Mitgift finanzierte einen Teil seiner Forschung. Das Paar hatte zwei Töchter, Jeanne-Antoinette-Henriette (1847–1923) und Marie-Louise-Alphonsine Bernard (1850–1922)[6] sowie die zwei Söhne Louis-Henri und Claude-Henri-François Bernard, die im Alter von 2 und 15 Monaten verstarben. Im Laufe der Ehe entwickelte Marie-Françoise eine Abneigung gegen die Tierexperimente, die ihr Mann regelmäßig aus dem Collège de France in sein Privatlaboratorium verlagerte. Sie versuchte mehrfach, die Versuche zu sabotieren und forderte den Tierschutzverein auf, ihren Mann zu verklagen.[7][8] 1869 trat Bernard in eine freundschaftliche Beziehung zu Madame Marie Raffalovich (1832–1921),[9][10] die sich nach seiner Scheidung am 22. August 1870 vertiefte. Sie war die Ehefrau eines Pariser Bankiers und wurde in Bernards letzten Lebensjahren zu einer treuen Freundin.

Als Claude Bernard im Jahre 1878 starb, wurde ihm ein öffentliches Begräbnis zuteil. Er ist auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris beigesetzt.

Wissenschaftliche Arbeit[Bearbeiten]

Ziel der wissenschaftlichen Arbeit von Claude Bernard, war – wie er selbst erklärte – die Verwendung der wissenschaftlichen Methode in der Medizin zu etablieren. Er widerlegte viele traditionelle Lehrmeinungen, nahm nichts für selbstverständlich und verließ sich auf Tierversuche. Anders als die meisten seiner Zeitgenossen bestand er darauf, dass alle Lebewesen denselben Naturgesetzen wie die unbelebte Materie unterstünden. Bernard erklärte, dass Fakten das Fundament der Wissenschaften seien und damit Analogiedenken und Apriorischlüsse für eine exakte Wissenschaft unstatthaft seien. Ausgangspunkt für die Forschung seien Beobachtungen. Erklärende Hypothesen müssten im Experiment auf ihre Richtigkeit überprüft werden. Unter den gegebenen experimentellen Bedingungen hätten gleiche Ursachen auch gleiche Wirkungen, es bestünde ein kausaler Zusammenhang. Das physiologische Laboratorium war nach seiner Auffassung der Ort wissenschaftlicher Forschung und Erkenntnis. Hingegen hält er das Krankenhaus oder den Krankensaal für Beobachtungsfelder. Die Klinik wäre lediglich die Vorhalle der wissenschaftlichen Medizin, während das Laboratorium das "wahre Heiligtum" medizinischer Wissenschaft sei. Nur dort ließe sich mittels der experimentellen Analyse Pathologisches von nicht Pathologischem unterscheiden oder bestenfalls erklären.

Als erster beschrieb er die Bedeutung des Milieu intérieur für die Aufrechterhaltung des Lebens und war damit einer der ersten Protagonisten der Homöostase. Er entwickelte dieses Konzept und den Begriff Fixité du milieu intérieur,[11] wonach die internen Flüssigkeiten wesentlich für das Leben der Tiere seien und ihr Überleben davon abhängt, ob ebendiese Homöostase gewahrt werden kann.[12]

„Je crois avoir le premier insisté sur cette idée qu’il y a pour l’animal réellement deux milieux : un milieu extérieur dans lequel est placé l’organisme, et un milieu intérieur dans lequel vivent les éléments des tissus. L’existence de l’être se passe, non pas dans le milieu extérieur, air atmosphérique pour l’être aérien, eau douce ou salée pour les animaux aquatiques, mais dans le milieu liquide intérieur formé par le liquide organique circulant qui entoure et où baignent tous les éléments anatomiques des tissus ; c’est la lymphe ou le plasma, la partie liquide du sang, qui, chez les animaux supérieurs, pénètrent les tissus et constituent l’ensemble de tous les liquides interstitiels, expression de toutes les nutritions locales, source et confluent de tous les échanges élémentaires“

„Ich glaube, ich habe als erster die Idee hervorgehoben, dass es für das Tier tatsächlich zwei Umgebungen gibt: ein äußeres Milieu, in dem sich der Organismus befindet und ein internes Umfeld, in dem sich die Komponenten des lebenden Gewebes befinden. Die eigentliche Existenz des Seins geschieht nicht in der äußeren Umgebung – atmosphärische Luft, Süß- oder Salzwasser für die Wassertiere – sondern innerhalb des flüssigen Mediums durch zirkulierende organische Flüssigkeit. Sie umgibt oder umhüllt alle anatomischen Elemente der Gewebe. Es ist die Lymph- oder Plasmaflüssigkeit, die flüssigen Bestandteile des Blutes bei den höheren Tieren, sie dringen in die Gewebe ein und bilden sämtliche interstitiellen Flüssigkeiten. Sie sind Ausdruck aller lokalen Ernährung, Quelle und Mündung allen elementaren Austauschs“

Claude Bernard: Leçons sur les phénomènes de la vie communs aux animaux et aux végétaux (1878–1879)

In den Jahren 1848 bis 1849 entdeckte er die Funktion des Pankreassekrets für die Fettverdauung aus der Bauchspeicheldrüse. Im Jahre 1853 erwarb er ein Doktorat, Recherches sur une nouvelle fonction du foie considéré comme organe producteur de matière sucré chez l’homme et les animaux, in Zoologie mit einer großen Untersuchung zum Stoffwechsel der Leber und deren Bedeutung bei Verdauungsvorgängen. Er entdeckte das Glykogen.[13][14]

Bernard beschrieb 1852, das nach Durchtrennung der cervikalen sympathischen Ganglien am Säugetier eine Erwärmung und stärkere Durchblutung dessen gesamten Kopfes auftrat. Beim Säugetier gibt es drei Halsganglien: das obere (Ganglion cervicale superius), das mittlere (Ganglion cervicale medium), welches inkonstant ist, und das untere Halsganglion (Ganglion cervicale inferius).

Im Jahr 1865 erschien C. Bernard außergewöhnlichstes Buch über die Philosophie und das grundlegende Verständnis der experimentellen Medizin. Bernard ist außerdem der Wissenschaftler, der mit seinen Curare-Experimenten an Fröschen die Disziplin der experimentellen Physiologie begründete. Er konnte 1856 zeigen, dass Curare die Leitungsfunktionen der neuro-muskulären Synapsen blockiert.

1868 wurde er in die Académie française und im selben Jahr in die Königliche Schwedische Akademie der Wissenschaften aufgenommen. Der US-amerikanischer Wissenschaftshistoriker I. Bernard Cohen von der Harvard University nannte Claude Bernard „einer der größten Wissenschaftler“.[15]

Das wahrscheinlich bekannteste Zitat von Claude Bernard, mit dem er das Fazit seiner 40-jährigen Forschungsarbeit zieht, lautet:

„Le germe n’est rien, le terrain est tout!“

„Der Keim ist nichts, das Milieu ist alles!“

Claude Bernard: unbekannt
La Leçon de Claude Bernard (1889) von Léon Augustin Lhermitte(1844–1925)

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Claude Bernard – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Claude Bernard – Quellen und Volltexte (französisch)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Das Geburtshaus und heutiges Museum
  2. Nikolaus Mani: Die Entdeckung des Glykogens durch Claude Bernard. (PDF; 2,1 MB) In: Zeitschrift für Klinische Chemie. Organ der Deutschen Gesellschaft für Klinische Chemie, August 1964 Heft 4, S. 97–128
  3. Kötter, Rudolf: Claude Bernard und die Logik des Experiments in der modernen Physiologie. Paderborn (2008, PDF)
  4. Claude Bernard: Des matières colorantes chez l’homme. Laté, 1844.
  5. Umfassende Biografie von Marie-Aymée Marduel in französischer Sprache mit Bildern (2006; PDF; 7,9 MB)
  6. Bilder der Töchter
  7. Hans Ruesch: Nackte Herrscherin. Die Entkleidung der medizinischen Wissenschaft. Edition Hirthammer Tier- und Naturschutz, München 1978, ISBN 3-921288-44-4, S. 221.
  8. Robert Clarke: Claude Bernard et le medecine experimentale. Editions Seghers, Paris 1961.
  9. Genealogie der Raffalovichs
  10. Portrait von Marie Raffalovich
  11. Bernard, C.: Leçons sur les phénomènes de la vie communs aux animaux et aux végétaux.
  12. Charles E. Gross: Claude Bernard and the internal environment. (PDF; 1,2 MB) 1998 In: The Neuroscientist, 1998
  13. F. G. Young: Claude Bernard and the Discovery of Glycogen. In: Br Med J., 1957 June 22, 1(5033), S. 1431–1437, PMC 1973429
  14. Erstmaliges Erwähnen des Begriffs Glykogen; handschriftlich durch C. Bernard easd.org
  15. Vorwort zu Cohen’s Dover-Ausgabe (1957) von “Claude Bernard’s classic on scientific method”. An Introduction to the Study of Experimental Medicine (ursprünglich 1865 publiziert).