Cobalamine

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Wechseln zu: Navigation, Suche
Strukturformel
Strukturformel der Cobalamine
Coenzym B12 (=AdoCbl): R = 5'-Desoxyadenosyl
Cyanocobalamin (=Vitamin B12): R = –C≡N
Hydroxycobalamin (=Vitamin B12a): R = –OH
Methylcobalamin (=MeCbl oder MeB12): R = –CH3
Allgemeines
Trivialname 5'-Desoxyadenosylcobalamin
Andere Namen
  • Coenzym B12
  • Adenosylcobalamin
  • AdoCbl
  • Cobamamid (INN)
Summenformel C62H88CoN13O14P
CAS-Nummer 13870-90-1
ATC-Code

B03BA04

Kurzbeschreibung roter, kristalliner Feststoff (Cyanocobalamin)
Vorkommen tierische Produkte, Lupinen, Brottrunk
Physiologie
Funktion Zellteilung, Blutbildung, Funktion des Nervensystems
Täglicher Bedarf 3 µg[1]
Folgen bei Mangel Perniziöse Anämie, neurologische Erkrankungen (z. B. funikuläre Myelose), Glossitis, Diarrhöen
Überdosis nicht bekannt
Eigenschaften
Molare Masse 1579,58 g·mol−1
Aggregatzustand fest
Schmelzpunkt zersetzt sich ab 392 °C (Cyanocobalamin)
Löslichkeit wenig löslich in Wasser: 12 g·l−1, unlöslich in Ether, Aceton und Chloroform (Cyanocobalamin)
Sicherheitshinweise
Gefahrstoffkennzeichnung [2]
keine Gefahrensymbole
R- und S-Sätze R: keine R-Sätze
S: 22-24/25
LD50 5000 mg/kg (Meerschweinchen, peroral) [3]
Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.

Cobalamine bilden eine (das Spurenelement Cobalt enthaltende) biochemische Stoffgruppe, deren wichtigster Vertreter das Coenzym B12 (Adenosylcobalamin, genauer ausgedrückt 5'-Desoxyadenosylcobalamin) ist, ein wasserlösliches Vitamin der B-Gruppe und die unmittelbar aktive Form des Vitamins B12. Des weiteren gehören zur Vitamin-B12-Gruppe die Speicherformen Aquocobalamin (Aquacobalamin, B12a, die konjugierte Säure von Hydroxocobalamin) und Hydroxocobalamin (Vitamin B12b), des weiteren Nitritocobalamin (Vitamin B12c) und die eigentlichen biologisch wirksamen Formen, die Co-Enzyme Methylcobalamin (Methyl B12) und Adenosylcobalamin. Aus historischen Gründen steht letztere Bezeichnung jedoch für das synthetische, nicht unmittelbar aktive vitaminische Cobalamin, das Cyanocobalamin.

Das Coenzym B12 trägt weitere Namen wie Antiperniziosa-Faktor, Extrinsic-Faktor, AdoCbl oder nach chemischer Nomenklatur 5'-Desoxyadenosylcobalamin. Es handelt sich bei all diesen Bezeichnungen immer um dieselbe chemische Verbindung, das Coenzym B12. Vor allem in der Ernährungsliteratur wird der Begriff „Vitamin B12“ auch für Coenzym B12, andere Cobalamine oder die ganze Cobalamin-Stoffgruppe gebraucht, was im Widerspruch zu der bioanorganischen Sichtweise steht, die den Begriff nur für die biologisch nicht aktive Substanz Cyanocobalamin verwendet.[4][5][6]

Cyanocobalamin ist ein weiteres bekanntes Cobalamin, das in der Medizin anstelle von Vitamin B12 verwendet wird, da es stabiler ist und sich im humanen Organismus in dieses Vitamin umwandelt. Die physikalischen Eigenschaften von Cyanocobalamin werden in diesem Artikel beispielhaft für Vitamin B12 behandelt.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Geschichte

Vitamin B12 wurde in den 1920er-Jahren entdeckt, als man erkannte, dass Hunde (und später auch Menschen) mit perniziöser Anämie mit Extrakten aus tierischer Leber erfolgreich behandelt werden konnten. Auf der Suche nach der essenziellen Komponente im Leberextrakt stießen die Forscher nach jahrelangen Verbesserungen der analytischen Methoden auf die nicht unmittelbar aktive Form des Vitamins, Cyanocobalamin. Vitamin B12 wurde 1926 zum ersten Mal beschrieben, doch erst 1948 rein dargestellt. Die erste Reindarstellung erfolgte unabhängig voneinander durch Folkers bzw. Smith und Mitarbeiter. Da die Substanz nur von Mikroorganismen synthetisiert werden kann und das Spurenelement Kobalt dem Organismus zwingend von außen zugeführt werden muss, wurde das Molekül Vitamin B12 getauft. Die aktive Form des Vitamins, Coenzym B12, ist noch wesentlich schwieriger zu isolieren und zu charakterisieren. Sie wurde deshalb erst später entdeckt. Die Strukturaufklärung erfolgte mittels Röntgenbeugung an Einkristallen, eine damals erst in den Anfängen befindliche Methode. Die Biochemikerin Dorothy Crowfoot Hodgkin wurde u. a. für die Strukturaufklärung von Vitamin B12 1964 mit dem Nobelpreis gewürdigt. Die Totalsynthese gelang Albert Eschenmoser und Robert B. Woodward. Noch heute gilt Vitamin B12 als eines der größten Moleküle, das je totalsynthetisiert wurde.[7][8]

[Bearbeiten] Beschreibung

Cobalamine sind organometallische Verbindungen mit einem ein-, zwei- oder dreifach positiv geladenen Cobalt-Ion. Es sind die einzigen bekannten natürlich vorkommenden cobalthaltigen Naturstoffe.

Alle Cobalamine haben dieselbe Grundstruktur, einen Cobaltkomplex, in dem das Cobaltkation von fünf Stickstoffatomen und einem sechsten, austauschbaren Liganden umgeben ist. Vier der Stickstoffatome liegen in einer Ebene und gehören zu einem Corrin-Ringsystem. Das Cobalt ist darin sehr fest gebunden und kann praktisch nur durch Zerstörung des Ringsystems herausgelöst werden.

Der austauschbare Ligand wird in der chemischen Strukturformel mit R (für „Rest“) abgekürzt und ist namensgebend für das Cobalamin: Ist R beispielsweise eine Hydroxygruppe, so handelt es sich bei der Verbindung um Hydroxycobalamin. Ist R eine Cyanogruppe, so handelt es sich um Cyanocobalamin, und bei einem 5'-Desoxyadenosylliganden spricht man von 5'-Desoxyadenosylcobalamin, kurz Coenzym B12. Meist ist der sechste Ligand R nur schwach an das Cobaltkation gebunden und kann deshalb leicht ausgetauscht werden. So kann der menschliche Organismus bestimmte Cobalamine, zum Beispiel Cyanocobalamin, in Coenzym B12 umwandeln, indem die Cyanogruppe durch eine 5'-Desoxyadenosylgruppe ersetzt wird.

Cyanocobalamin ist eine geruchlose, tief dunkelrote, kristalline, hygroskopische Substanz. Sie löst sich mäßig in Wasser und niederen Alkoholen, gar nicht in organischen Lösungsmitteln wie Aceton, Chloroform oder Ether.

Vitamin B12 ist zwar relativ hitzestabil, jedoch lichtempfindlich. In den Zellen kommt Cobalamin in den Mitochondrien typischerweise als 5'-Desoxyadenosylcobalamin (Coenzym B12) vor, im Cytosol hingegen überwiegt Methylcobalamin. Therapeutisch wird jedoch zumeist Cyanocobalamin oder Hydroxycobalamin eingesetzt, die dann entsprechend umgebaut werden. Die Abbildung zeigt die allgemeine Strukturformel der Cobalamine mit R als austauschbaren Liganden.

[Bearbeiten] Funktion im Organismus

Coenzym B12 nimmt im humanen Organismus als Coenzym an nur zwei enzymatischen Reaktionen teil:

  • N5-Methyl-Tetrahydrofolat-Homocystein-S-Methyltransferase (Methionin-Synthase)[9] und
  • Methylmalonyl-CoA-Mutase[10]

Die Reaktion der Methionin-Synthase[11] dient u. a. der Regeneration des Methylgruppenüberträgers S-Adenosylmethionin (SAM) bzw. der Bildung von Methionin. Dabei wird Homocystein zum Methionin remethyliert. Gelingt dies nicht, bildet sich vermehrt Homocystein, ein Zwischenprodukt beim Abbau der Aminosäure Methionin (erhöhte Homocysteinspiegel werden mit der Bildung von Arteriosklerose in Zusammenhang gebracht). Als Methylgruppendonator fungiert dabei N5-Methyl-Tetrahydrofolat (N5-Methyl-THF). Fehlt Coenzym B12, so reichert sich N5-Methyl-THF an und es kommt zu einem sekundären Mangel an THF, welches für die Synthese der Purinbasen Adenin und Guanin und der Pyrimidinbase Thymidin erforderlich ist. Durch einen Mangel an diesen Nukleobasen ist die Synthese insbesondere von DNA aber auch RNA gestört. Dies äußert sich vorrangig in Organen mit hoher Zellteilungsaktivität wie dem Knochenmark. Es kommt zu einer mehr oder minder ausgeprägten Panzytopenie im Blut, wobei der Mangel an Erythrozyten – die Anämie – am offensichtlichsten ist. Die verbleibenden Erythrozyten werden mit Hämoglobin „vollgestopft“, so dass sie einen höheren Hämoglobingehalt als normale Erythrozyten haben. Auch sind diese Zellen etwas größer. Daher spricht man von einer hyperchromen, makrozytären Anämie. Durch die Gabe von Folsäure kann dieser Block umgangen werden, jedoch löst dieser Ansatz nicht den zugrundeliegenden Vitamin-B12-Mangel, so dass die Behandlung der perniziösen (wörtl. „gefährlich“) oder megaloblastären Anämie bei Vitamin-B12-Mangel mit Folsäure einen Kunstfehler darstellt.

Schematische Darstellung des vereinfachten Stoffwechsel der Folsäure und deren Interaktion mit der Vitamin-B12-abhängigen Methionin-Synthasereaktion
Schematische Darstellung der Einschleusung (zumindest eines Teils) der Kohlenstoffskelette einiger Aminosäuren über den Vitamin-12-abhängigen Schritt der Methylmalonyl-CoA-Mutase

Der Grund hierfür ist die zusätzliche Funktion des Vitamin B12 in der Methylmalonyl-CoA-Mutase. Diese dient der Einschleusung des terminalen Propionyl-CoAs ungeradzahliger Fettsäuren, sowie Teilen des Kohlenstoffgerüstes der Aminosäuren Valin, Isoleucin, Threonin und Methionin in den mitochondrialen Citratzyklus. Das im Rahmen des Abbaus dieser Verbindungen aus Propionyl-CoA (in einem Biotin-abhängigen Schritt) gebildete Methylmalonyl-CoA wird durch die Vitamin-B12-abhängige Methylmalonyl-CoA-Mutase zu Succinyl-CoA, einem Zwischenprodukt des Citratcyclus, umgesetzt.

Ist dieser Schritt gehemmt, kommt es zu einem Anstieg von Methylmalonsäure im Plasma und vor allem im Urin. Dieser Stoffwechselweg spielt offenbar eine besondere Rolle im ZNS, da sich ein Vitamin-B12-Mangel bisweilen sogar vor der typischen Anämie mit Symptomen wie z. B. der funikulären Myelose, einer Störung der Pyramidenbahn und der Hinterstränge, aber auch scheinbaren „Altersdemenzen“ und anderem bemerkbar macht. Daher sollte insbesondere bei älteren Patienten mit neurologischer Symptomatik ein Vitamin-B12-Mangel als mögliche (Mit-)Ursache ausgeschlossen und ggf. behandelt werden. Erste neurologische Symptome äußern sich als so genannte Polyneuropathie in Form von Kribbelparästhesien oder anderen Missempfindungen (z. B. leichtes Brennen) in verschiedenen Körperregionen, die anfangs nur vorübergehend sind.

Vereinfachend zusammengefasst ist Vitamin B12 also wichtig für die Zellteilung und Blutbildung, sowie die Funktion des Nervensystems.

[Bearbeiten] Vorkommen

Vitamin B12 wird ausschließlich von Mikroorganismen hergestellt,[12] die entweder im Verdauungstrakt oder auf der Oberfläche von (ungewaschener) Nahrung vorkommen. Tiere und Pflanzen sind dazu nicht in der Lage. Lebewesen, die Vitamin B12 benötigen, decken ihren Bedarf durch Fressen verunreinigter Nahrung, auf der solche Mikroorganismen vorkommen, oder durch Pflanzen, die durch Düngung mit tierischen Exkrementen das Vitamin aufgenommen haben.

Man nimmt an, dass Pflanzenfresser den Hauptteil ihres Bedarfes über eine Symbiose mit Mikroorganismen in ihrem Darm decken. Auch beim Menschen kommen Mikroorganismen im Darm vor, die Vitamin B12 produzieren, allerdings kann der Mensch damit seinen B12-Bedarf nur unzureichend decken. Dies liegt daran, dass beim Menschen B12 vor allem im Dickdarm produziert wird, die Absorption jedoch nur im Ileum (kurz davor) erfolgen kann. Dadurch wird das im Dickdarm gebildete B12 ausgeschieden.[13]

Durch Milchsäuregärung haltbar gemachte Gemüse, manche Algensorten sowie Leguminosen – wie etwa Erbsen, Bohnen, Lupinen und Zingiberales wie Ingwer besitzen einen – wenn auch geringen – Gehalt an B12-Coenzymen.[14] Auch einige Speisepilze, insbesondere der Champignon, sollen geringe Vitamin B12 Gehalte aufweisen.[15]

Keine pflanzliche Nahrung enthält für den menschlichen Bedarf ausreichende Mengen des Vitamins, dies gilt insbesondere auch für fermentierte Sojaprodukte und Algen (z.B. Spirulina, Chlorella und AFA).[16] Vitamin B12 ist hingegen in fast allen Nahrungsmitteln tierischer Herkunft (auch Eiern und Milchprodukten) enthalten und wird sehr gut als Depot in der Leber gespeichert.

Beim erwachsenen Menschen reicht ein gefüllter Speicher aus, um eine Mangelversorgung über mehrere Jahre hinweg auszugleichen. Eine anhaltende Unterversorgung kann schwerwiegende Folgen haben, die insbesondere bei Vegetariern durch den hohen Folsäuregehalt pflanzlicher Ernährung zeitweise kaschiert werden kann[16].

[Bearbeiten] Cobalamingehalt einiger Lebensmittel

Cobalamingehalt einiger Lebensmittel[14][17]
Lebensmittel Gehalt in µg/100 g
Kuhmilch 0,4
Käse 3,0
Hühnereigelb 2,0
Hühnereiweiß 0,1
Rindfleisch (Muskel) 5,0
Schweinefleisch (Muskel) 0,8
Kalbsleber 60
Schweineleber 40
Hühnerleber 20
Schweineniere 20
Blutwurst 50
Hering 8,5
Aal 1
Ingwer 0,16
Gemüse 0,01
Sauerkraut 7
Spirulina maxima 57
Porphyra tenera 15
Tempeh 0,3
Sojasauce 0,3
Brottrunk 0,148

Die Angaben in der Tabelle entsprechen nicht dem Gehalt des vom menschlichen Organismus verwendbarem Vitamins der Lebensmittel. Vor allem der Bestandteil in unvergorenen pflanzlichen Lebensmitteln wie Spirulina ist eher auf „Pseudovitamin B12“ zurückzuführen. Diese besitzen bei Säugetieren nahezu keine biologische Wirksamkeit.[18]

[Bearbeiten] Bedarf

Der tägliche Mindestbedarf ist im Vergleich zu den meisten anderen Vitaminen sehr viel geringer, er beträgt nur ca. 3 Mikrogramm für einen Erwachsenen. Bei Schwangeren und Stillenden wird ein erhöhter Bedarf von 3,5–4 µg angenommen.[19] Ein Mangel an Vitamin B12 entwickelt sich sehr langsam, bei völligem Stopp der Zufuhr in der Regel erst nach zwei bis drei Jahren, da die biologische Halbwertszeit des Vitamins B12 450–750 Tage beträgt.

Das Vitamin wird ständig mit Gallensäuren in den Darm abgegeben und an dessen Ende - dem Ileum - mithilfe des Intrinsic-Faktors wieder aufgenommen. Der Bedarf ergibt sich also aus den Mengen, die im Ileum nicht wieder rückresorbiert werden konnten, abzüglich der Mengen, die möglicherweise schon dort durch Mikroorganismen produziert werden.

Falls es zur Störung bei der Bildung des Intrinsic-Faktors kommt, kann das Vitamin gar nicht mehr aufgenommen oder rückresorbiert werden, wodurch die Speicher im Organismus sehr schnell zurück gehen. Die meisten Fälle von Mangel an Vitamin B12 werden durch Störungen bei der Bildung des Intrinsic-Faktors verursacht.

[Bearbeiten] Mangelerscheinungen

Bei einem Mangel an Vitamin B12 kann es zur perniziösen Anämie (Perniziosa), einer Erkrankung des Blutbildes, und zur funikulären Myelose kommen. Die Ursachen für diesen Mangel können zum einen in unzureichender Zufuhr durch Nahrung oder durch unzureichende Resorption verursacht werden. Bei mangelhafter Aufnahmefähigkeit im Magen-Darm-Trakt fehlt dem Organismus im Magensaft der intrinsic factor, ein Glykoprotein, das von den Belegzellen des Magens produziert wird und für die Vitamin B12-Aufnahme unabdingbar ist. Der intrinsic factor bindet Cobalamin in einem vor Verdauungsenzymen geschützten Komplex und ermöglicht so den Transport in die Darmzellen, von wo aus Vitamin B12 über Bindung an weitere Proteine (Transcobalamine) in die äußeren Gewebe gelangt. Auch eine Störung bei der Aufnahme im terminalen Ileum kann zu einem Mangel führen.

Die ersten Anzeichen von Vitamin B12-Unterversorgung bei erwachsenen Personen können Kribbeln und Kältegefühl in Händen und Füßen, Erschöpfung und Schwächegefühl, Konzentrationsstörungen und sogar Psychosen sein.

Typische Folgen eines Vitamin B12-Mangels sind:

  • Methylmalonat-Acidurie (fehlende Methylmalonyl-CoA-Mutase-Aktivität)
  • Homocystinurie (fehlende Methionin-Synthase-Aktivität, ggf. sekundär Methionin-Mangel)
  • Megaloblastäre Anämie (Störung des Folsäurestoffwechsels durch Block der N5-Methyl-THF-Spaltung zu THF)
  • Hypersegmentierte Leukozyten (Zeichen der Überalterung aufgrund der Syntheseprobleme)
  • sensorische Neuropathie (wohl Folge der fehlenden Methylmalonyl-CoA-Mutase-Aktivität und der Anämie)

Vitamin B12, gebunden an das aus den Belegzellen des Magens stammende Glykoprotein intrinsic factor, wird physiologisch im terminalen Ileum absorbiert. Nach einer Magenresektion oder bei einer Autoimmungastritis (A-Gastritis), bei der sich die Immunreaktion gegen die den Intrinsic factor bildenden Belegzellen (=Parietalzellen) richtet, ist daher die Aufnahme des Vitamin B12 – zumindest bei normalem Angebot – kaum möglich, so dass sich in der Folge ein Vitamin-B12-Mangel ausbilden kann. Auch bei einer schweren Entzündung des Ileums, insbesondere dem Morbus Crohn (= Ileitis terminalis), aber auch anderen intestinalen Erkrankungen mit Malabsorptionssyndrom, oder nach Resektionen des terminalen Ileum bzw. des Magens, kommt es typischerweise zu einem Vitamin-B12-Mangel.

In diesen Fällen ist eine Substitution von Vitamin B12 erforderlich, wobei diese jedoch nicht oral erfolgen darf, sondern durch intramuskuläre Injektion erfolgen sollte, da entweder der fehlende intrinsic factor oder das fehlende bzw. stark gestörte Ileum die Aufnahme des oral zugeführten Vitamin B12 weitgehend verhindern würde. Nur bei Gabe sehr hoher Dosen wird Vitamin B12 auch unspezifisch aufgenommen. Dabei ist jedoch die Resorptionsquote nicht vorhersehbar und daher ist eine orale Vitamin B12-Substitution in diesen Fällen im allgemeinen ungenügend.

[Bearbeiten] Überdosierung

Therapeutische – meist intravenöse – Überdosen werden mit lokalen allergischen Beschwerden[20] sowie einer Form der Akne (Acne medicamentosa) in Verbindung gebracht.[21]

[Bearbeiten] Weitere Verwendung

[Bearbeiten] Gegengift

Hydroxycobalamin ist ein Antidot bei Vergiftungen durch Cyanide- bzw. Blausäure. Cyanidvergiftungen kommen hauptsächlich im Rahmen von Rauchgasvergiftungen bei Bränden in geschlossenen Räumen vor. Weitere Ursachen können die versehentliche oder absichtliche Einnahme, das Einatmen oder ein Hautkontakt bei Industrieunfällen sein.

Unter dem Handelsnamen Cyanokit erhielt die Firma Merck KGaA am 29. November 2007 für Hydroxocobalamin über das zentralisierte Verfahren von der Europäischen Kommission die Marktzulassung zur Behandlung erwiesener oder vermuteter Cyanidvergiftung bei Erwachsenen und Kindern.[22] Der Wirkstoff Hydroxocobalamin ist eine Vorstufe von Vitamin B12, das Cyanid-Ionen bindet. Dabei entsteht Cyanocobalamin, eine natürliche Form von Vitamin B12, das über die Nieren ausgeschieden wird. Dadurch wird die Bindung des Cyanids an die Cytochrom c Oxidase verhindert. Die Anfangsdosis für Cyanokit bei Erwachsenen liegt bei 5 g, die als intravenöse Infusion zu verabreichen ist. In Abhängigkeit von der Schwere der Vergiftung und der klinischen Reaktion kann eine zweite Dosis von 5 g bis zu einer Gesamtdosis von 10 g verabreicht werden.

[Bearbeiten] Äußerliche Anwendung in der Dermatologie

Eine Salbe mit 0,07 % Vitamin-B12 (Cyanocobalamin) in einer Avocadoöl-Salbengrundlage, wurde in kleineren klinischen Studien zur Behandlung der oft chronisch verlaufenden Hautkrankheiten Atopisches Ekzem (Neurodermitis) und Psoriasis (Schuppenflechte) untersucht[23][24][25]. Es wird vermutet, dass die in den Studien beobachtete Wirkung darauf zurückzuführen sei, dass Cyanocobalamin die Fähigkeit besitze, Stickstoffmonoxid zu binden, welches bei den symptomatischen Hautveränderungen in erhöhter Konzentration auftrete und zellschädigend wirke[26][27]. Die Salbe wurde durch die Fernsehdokumentation Heilung unerwünscht - Wie Pharmakonzerne ein Medikament verhindern, die am 19. Oktober 2009 von der ARD gesendet wurde und das nachfolgende große Medieninteresse bekannt. Im November 2009 wurde die Salbe unter dem Markennamen Regividerm[28] auf den Markt gebracht. Die Aussagekraft der bis zur Markteinführung veröffentlichten Studien und die Begleitumstände der Markteinführung sind umstritten.[29]

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Literatur

  • Wolfgang Herrmann & Rima Obeid (2008): Ursachen und frühzeitige Diagnostik von Vitamin-B12-Mangel. In: Deutsches Ärzteblatt. Bd. 105, Nr. 40, S. 680–685. doi:10.3238/arztebl.2008.0680

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. http://www.dge.de/modules.php?name=Content&pa=showpage&pid=3&page=7
  2. Herstellerangaben der Firma Sigma-Aldrich: http://www.sigmaaldrich.com/catalog/search/ProductDetail/FLUKA/27591. 14. Oktober 2007
  3. Cobalamine bei ChemIDplus
  4. W. Kaim, B. Schwederski: Bioanorganische Chemie – Zur Funktion chemischer Elenemte in Lebensprozessen. 4. Auflage. Teubner, 2005.
  5. G. Langley: Vegane Ernährung. Echo, 2005.
  6. K. Folkers: Perspectives from research on vitamins and hormones. In: J. Chem. Educ. 61, 1984, S. 747.
  7. Manuskript ihres Festvortrages anlässlich der Verleihung des Nobelpreises
  8. W. Kaim, B. Schwederski: Bioanorganische Chemie – Zur Funktion chemischer Elemente in Lebensprozessen. 4. Auflage, Teubner, 2005.
  9. EC 2.1.1.13
  10. EC 5.4.99.2 EC 5.4.99.2
  11. Methionine Synthase (Schaubild)
  12. Habermehl, Hammann, Krebs: Naturstoffchemie. Eine Einführung. 2. Auflage, Springer, Berlin 2002, ISBN 978-3540439523
  13. BfR: Verwendung von Vitaminen in Lebensmitteln, S. 212.
  14. a b Mechthild Busch-Stockfisch: Lebensmittel-Lexikon. 4. Auflage, Behr's Verlag DE, 2005, ISBN 9783899471656
  15. Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: „Austernseitling und Zuchtchampignon“, bvl.bund.de
  16. a b American Dietetic Association, Dietitians of Canada: Position of the American Dietetic Association and Dietitians of Canada: Vegetarian diets. In: Journal of the American Dietetic Association; Volume 103, Nummer 6, S. 748–765. (2003) PMID 12778049 PDF-Volltext, Zitat: Unless fortified, no plant food contains significant amounts of active vitamin B-12. Foods such as sea vegetables and spirulina may contain vitamin B-12 analogs; neither these nor fermented soy products can be counted on as reliable sources of active vitamin B-12 (29,88).
  17. H.-D. Belitz, W. Grosch, P. Schieberle: Lehrbuch der Lebensmittelchemie. 6. Auflage, Springer, 2007, ISBN 9783540732013, S. 418
  18. Geoffrey P. Webb: Dietary supplements and functional foods.Wiley-Blackwell, 2006, ISBN 9781405119092, S. 196
  19. DGE Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr (D-A-CH Referenzwerte der DGE, ÖGE, SGE/SVE) Vitamin B12 (Cobalamine)
  20. F. v. d. Berg, L. Gifford, J. Cabri, L. Arendt-Nielsen, E. Bader: Angewandte Physiologie: Organsysteme verstehen und beeinflussen. 2. Auflage. Thieme, 2005, ISBN 9783131170828, S. 236.
  21. O. Braun-Falco, H. Lincke: The problem of vitamin B6/B12 acne. A contribution on acne medicamentosa In: Münchener medizinische Wochenschrift. Bd 118, 1976, S. 155–160. PMID 130553.
  22. http://www.prnewswire.co.uk/cgi/news/release?id=213947
  23. Stücker, M. et al. (2001): Vitamin B12 Cream Containing Avocado Oil in the Therapy of Plaque Psoriasis. In: Dermatology. Bd. 203, S. 141-147. PMID 11586013 doi:10.1159/000051729; Volltext, PDF-Datei, 2,7 Mb
  24. Stücker, M. et al. (2004): Topical vitamin B12 - a new therapeutic approach in atopic dermatitis-evaluation of efficacy and tolerability in a randomized placebo-controlled multicentre clinical trial. In: The British Journal of Dermatology. Bd. 150, Nr. 5, S. 977-983. PMID 15149512 doi:10.1111/j.1365-2133.2004.05866.x; Volltext, PDF-Datei, 3,3 Mb
  25. Ronald Januchowski: Evaluation of Topical Vitamin B12 for the Treatment of Childhood Eczema. In: The Journal of Alternative and Complementary Medicine. 15, Nr. 4, 23. April 2009, S. 387-389. doi:10.1089/acm.2008.0497
  26. Gutachten Psoriasis (dort weitere Literatur) Volltext, PDF-Datei, 0,1 Mb)
  27. Gutachten Neurodermitis (dort weitere Literatur) Volltext, PDF-Datei, 0,2 Mb)
  28. DPMA Markenregister Registernummer: 2105733, Anmeldetag 06. April 1994
  29. Jochen Niehaus: Zu dick aufgetragen In: Focus Online vom 26.10.2009 (zuletzt abgerufen am 16.11.2009)

[Bearbeiten] Weblinks

Gesundheitshinweis
Bitte den Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten!
Persönliche Werkzeuge