Cocastrauch

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Cocastrauch
Coca-Strauch (Erythroxylum coca), Illustration.

Coca-Strauch (Erythroxylum coca), Illustration.

Systematik
Rosiden
Eurosiden I
Ordnung: Malpighienartige (Malpighiales)
Familie: Rotholzgewächse (Erythroxylaceae)
Gattung: Cocasträucher (Erythroxylum)
Art: Cocastrauch
Wissenschaftlicher Name
Erythroxylum coca
Lam.
Coca-Strauch (Erythroxylum coca) mit Blättern und Früchten.
Cocastrauch in Kolumbien
(–)-Kokain ein Alkaloid in Cocablättern.[1]
(–)-Ecgonin ein Alkaloid in Cocablättern.[1]
Coca-Blätter
Mate de Coca (Teebeutel)

Der Cocastrauch (Erythroxylum coca) ist eine Pflanzenart, die zur Familie der Rotholzgewächse (Erythroxylaceae) gehört.

Aussehen[Bearbeiten]

Es ist ein immergrüner, bis 2,5 m hoher Strauch, der im Anbau als Nutzpflanze niedrig gehalten wird. Er hat eine rötliche Rinde. Die Blätter sind wechselständig, elliptisch bis spatelförmig und 5 bis 15 cm lang. Aus den Blattachseln wachsen 1 bis 5 unscheinbare, kleine gelbliche Blüten. Aus den oberständigen Fruchtknoten entwickeln sich einsamige rote Steinfrüchte.

Verbreitung[Bearbeiten]

Die Heimat des Cocastrauches liegt an den Osthängen der Anden von Peru, Bolivien bis Kolumbien. Hier wächst der Cocastrauch in Höhen zwischen 300 und 2000 m ü.d.M. Diese Länder sind auch heute noch die Hauptanbaugebiete für Coca mit einem Anteil an der weltweiten Ernte (Stand 2010) von 39,3 % in Kolumbien, 45,4 % in Peru und 15,3 % Bolivien.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Cocastrauch auch in Indien, Ceylon und Java eingeführt und bis heute in viele andere Weltgegenden, in denen ein Anbau möglich ist, verbreitet.

Er wird zur Blättergewinnung in Peru, Bolivien, Brasilien, Kolumbien, Teilen von Afrika, Indonesien, Indien und Sri Lanka in Höhen von 500 bis 1200 m über dem Meer angebaut. Die Ausfuhr seiner Samen aus diesen Ländern ist durchweg verboten, so dass diese nur schwer zu erhalten sind.

Spezies und Evolution[Bearbeiten]

Der Pflanzengenus Erythroxylum umfasst ungefähr 250 Arten. Auch Erythroxylum novogranatense, das in geringerer Höhe wächst, enthält Kokain. Es wird in Kolumbien, Venezuela und Indien angebaut.

Erythroxylum australe ist eine in Australien beheimatete Pflanze, die kein Kokain enthält. Trotzdem ist der Anbau aller Erythroxylum-Pflanzen in Queensland verboten, einschließlich der einheimischen Art.

Eine neue Variante des Cocastrauchs namens Boliviana Negra wurde vor kurzem entdeckt, welche gegen das Herbizid Roundup resistent ist. Durch die massive Anwendung von Roundup zum Zwecke der Bekämpfung des Koka-Anbaus wurde es durch selektive Züchtung verschiedener Arten gewonnen und gewinnt nun an Beliebtheit unter Koka-Bauern.[2]

Inhaltsstoffe[Bearbeiten]

Getrocknete Cocablätter enthalten ca. 0,5 bis 2,5 % Alkaloide, davon bestehen bis zu drei Viertel aus Kokain.

Außerdem enthalten sie relativ große Mengen an Kohlenhydraten, Calcium sowie Proteinen, Eisen, Vitamin A und Vitamin B2. Für die ansässige indigene Bevölkerung war die Pflanze bis zur Ankunft der spanischen Conquistadores die einzige reichhaltige Calcium-Quelle.

Verwendung[Bearbeiten]

Das Kauen von Coca-Blättern ist in den Anden sowie im Tiefland des Gran Chaco seit Jahrhunderten verbreitet. Die Blätter werden als Genussmittel, als Nahrungsergänzungsmittel, für kultische und medizinische Zwecke genutzt. Sie helfen Hunger, Müdigkeit und Kälte zu verdrängen und sind sehr wirksam gegen die Höhenkrankheit, da sie die Sauerstoffaufnahme verbessern. Auch hatten die Cocablätter eine spirituelle Bedeutung. Die gekauten Blätter bilden, zusammen mit Kalk und anderen Hilfssubstanzen (zum Beispiel Pflanzenasche, Quechua llipt’a), eine sogenannte „bola“. Zur Herstellung der Llipt’a dienen verschiedene Pflanzenarten, darunter Chenopodium quinoa (ilucta), Chenopodium pallidicaule und Baccharis-Arten.

Untersuchungen haben darüber hinaus gezeigt, dass beim Kauen von Coca-Blättern der von der Andenbevölkerung jeweils praktizierte Zusatz von Kalk das ursprünglich in den Blättern vorhandene Alkaloid Kokain durch alkalische Hydrolyse in das Alkaloid Ecgonin umwandelt, ein Alkaloid, dem jedes Suchtpotenzial fehlt. Diese Untersuchungen sind auch eine Erklärung dafür, dass das Kauen von Coca-Blättern unter Zusatz von Kalk auch über lange Zeit bei der Andenbevölkerung keinerlei Abhängigkeit entstehen lässt, während im Gegensatz dazu die in den westlichen Ländern geübte Praxis, Kokain als Reinsubstanz zu sich zu nehmen, nach einiger Zeit fast immer Sucht erzeugt.

Der Tee „Mate de Coca“ ist in Peru und anderen Andenregionen National-Getränk. In Peru und Bolivien gibt es ihn, fertig in Teebeutel abgepackt, in vielen Supermärkten. Er enthält ca. 1 g getrocknete Cocablätter pro Teebeutel. Seine Wirkung ist mit der von starkem Schwarztee oder Kaffee vergleichbar, außerdem hilft er gegen Magenbeschwerden. Sein Geschmack ist eher grasig („grün“) und leicht aminartig, aber nicht unangenehm. Körperliche bzw. psychische Beschwerden oder Abhängigkeiten – die über die von Kaffee oder Tee hinausgehen – werden im Allgemeinen nicht beobachtet. Die Verarbeitung der Cocablätter zu Tees wird in Peru sogar staatlich gefördert. Da die Teemischung Pflanzenteile der Coca-Pflanze enthält, unterliegt diese dem deutschen Betäubungsmittelgesetz, weshalb allein der Besitz oder die Einfuhr solcher Teebeutel strafbar ist.

Der Eroberer Gonzalo de Zárate, der im Auftrag von Karl III. von Spanien die koloniale Macht in Argentinien festigte, lobte den Effekt des Kokablatts: „Die Indios in den Minen können 36 Stunden unter Tag bleiben, ohne zu schlafen und zu essen“. Die Kokasteuer wurde in der Folge zu einem wichtigen Pfeiler der kolonialen Herrschaft. Bis weit hinein ins 20. Jahrhundert blieb Koka ein unabdingbarer Lohnbestandteil der Indios und Mestizen in den Anden. Zum Politikum wurde das Kokablatt erst mit dem Übergreifen des Kalten Krieges auf Südamerika. Bereits 1946 setzte die sowjetische Botschaft in Lima zu einer Kampagne gegen die „Drogensklaverei“ skrupelloser US-Multis an. Auf Anstoß der Minengesellschaft Cerro de Pasco Copper Corporation parierte eine amerikanische Delegation vor den Vereinten Nationen die Attacke mit einer Belehrung über die Vorzüge der althergebrachten Kokasitte. Mittlerweile stehen die Nordamerikaner an vorderster Front im Krieg gegen den Kokastrauch, während die politische Linke im Kokablatt ein Opfer des Kulturimperialismus entdeckt hat.

Der Anbau von Erythroxylum coca durch die Cocaleros, die Cocabauern, ist in den Andenländern nur in bestimmten Mengen legal, die Weiterverarbeitung der Blätter zu Kokain oder seinen Vorprodukten ist streng verboten. Von 1988 bis 2006 galt in Bolivien das Gesetz 1008, welches eine jährliche Anbaufläche von 12.000 Hektar in der Yungas-Region bei La Paz für den traditionellen Gebrauch der Blätter erlaubt. Am 19. Dezember 2006 gab der bolivianische Präsident Evo Morales bekannt, dass er bis zum Jahr 2010 20.000 Hektar seines Landes für den Koka-Anbau zur Verfügung stellen will. Der Anbau auf den übrigen Flächen wird von der bolivianischen Regierung mit starker Unterstützung der USA bekämpft. Seit der Wahl Evo Morales’ zum Präsidenten Boliviens im Dezember 2005 ist die Drogenpolitik der Regierung noch offen. Morales strebt eine Legalisierung des Cocablattes an, auch um die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten zum Beispiel für Zahnpasta, Shampoo etc. zuzulassen. Die Ausfuhr der Blätter ist bisher verboten. Ausnahmen bilden Exporte für pharmazeutische Firmen.

Bolivien scheiterte im Januar 2011 mit dem Antrag den Kokastrauch aus den internationalen Verträgen für die Andenregion und in einem begrenzten Rahmen auszuklammern.[3][4] Daraufhin kündigte Bolivien im Juni 2011 das Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel von 1961.[5][6]

Am 17. August 2011 stoppte Peru sein Ausrottungsprogramm, da die Strategie der Ausrottung ein Fehlschlag gewesen sei, der zu mehr Anbau geführt habe. Die Einstellung des Programms sei notwendig, um die Antidrogenstrategie neu zu prüfen.[7][8]

Entdeckung des Kokains und politische Folgen[Bearbeiten]

1859 gelang es Albert Niemann, Kokain aus den Pflanzen zu isolieren und dieses als schmerzbetäubendes Medikament zu gebrauchen. Kokain wurde im 20. Jahrhundert zu einer verbreiteten Droge. Gleichzeitig wurde der Coca-Anbau zum internationalen Politikum. Die USA machten auf viele lateinamerikanische Länder Druck, den Anbau zu verbieten und die Plantagen zu vernichten. In vielen Ländern führte dies zu einer Existenzbedrohung für die Coca-Bauern. Der Widerstand gegen diese Maßnahmen brachte unter anderem auch Politiker wie Evo Morales hervor, der vom Gewerkschaftsführer der Coca-Bauern zum Präsidenten Boliviens wurde.

Zubereitungen[Bearbeiten]

Die Blätter werden entweder sofort oder nach kurzer Fermentation getrocknet. Bei der Fermentation werden Glykoside gespalten, die Droge entwickelt dabei einen süßlichen Geschmack. Das als weißliches Pulver bekannte Cocain(-Hydrochlorid) wird aus den frischen oder getrockneten Blättern durch Säure-Base-Extraktion und weitere chemische Aufarbeitung gewonnen.

Volkskunde[Bearbeiten]

Ursprünglich war die berauschende Wirkung des Cocas Mittel zur Aufnahme von Kontakt mit übersinnlichen Mächten. Außerdem wurde es schon von den Indianern als schmerzheilendes Medikament genutzt.

Rechtsstatus[Bearbeiten]

Erythroxylum coca (Pflanzen und Pflanzenteile der zur Art Erythroxylum coca – einschließlich der Varietäten bolivianum, spruceanum und novogranatense – gehörenden Pflanzen) ist in der Bundesrepublik Deutschland aufgrund seiner Aufführung in der Anlage 2 BtMG ein verkehrsfähiges, aber nicht verschreibungsfähiges Betäubungsmittel. Der Umgang ohne Erlaubnis ist grundsätzlich strafbar. Weitere Informationen sind im Hauptartikel Betäubungsmittelrecht in Deutschland zu finden.

Der Kokastrauch fällt unter das internationale Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel und die damit verbundenen Beschränkungen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Reinhard Lieberei, Christoph Reisdorff, begründet von Wolfgang Franke: Nutzpflanzenkunde. 8. Auflage, Thieme, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-13-530408-3.
  • Robert Lessmann: Kokapolitik und Drogenkontrolle. In: Ders.: Das neue Bolivien. Evo Morales und seine demokratische Revolution. Rotpunkt, Zürich 2010, ISBN 978-3-85869-403-4, S. 182–197.
  • Robert Lessmann: Zum Beispiel Kokain. Lamuv, Göttingen 2001, ISBN 3-88977-605-1.
  • Robert Lessmann: Drogenökonomie und internationale Politik. Vervuert, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-89354-241-8 (= Schriftenreihe des Instituts für Iberoamerika-Kunde, Band 41, zugleich Dissertation an der Universität Wien 1994).
  • O. Nieschulz und P. Schmersahl: Untersuchungen über die Bedeutung des Kalkzusatzes beim Kauen von Coca-Blättern, in Planta medica 17 (2), 1969, S. 178-183.
  • C. E. Turner, M. A. Elsohly, L. Hanuš und H. N. Elsohly: Isolation of dihydrocuscohygrine from Peruvian coca leaves. In: Phytochemistry. 20 (6), 1981, S. 1403–1405.
  • Gereon Janzing: Den Indianern ihr Kaffee: Koka. Edition RauschKunde, Löhrbach, ISBN 978-3-930442-62-1.
  • Jens Niklas Schaper: Die Kokapflanze: eine Nutzpflanze unter rechtlicher, politischer und kultureller Betrachtung, Lit, Berlin, 2014, ISBN 978-3-643-12510-1 (= Bremer Forschungen zur Kriminalpolitik, Band 18, zugleich Dissertation an der Universität Bremen 2013).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Cocastrauch – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Albert Gossauer: Struktur und Reaktivität der Biomoleküle, Verlag Helvetica Chimica Acta, Zürich, 2006, S. 245, ISBN 978-3-906390-29-1.
  2. Evolutionary History: Uniting History and Biology to Understand Life on Earth, Edmund Russell. Cambridge University Press, 2011, ISBN 9780521745093 (Zugriff am 12. März 2011).
  3. Deutsche Welle: Bolivien will Koka-Kauen legalisieren
  4. Antwort der Bundesregierung auf kleine Anfrage Betreffs was die ”drogenpolitischen Erwägungen“ seien, die den Widerspruch Deutschlands gegen den Antrag Boliviens zur Änderung der Drogenkonvention von 1961 im Bereich des Kokakauen begründen (PDF; 67 kB)
  5. Guardian: Bolivia to withdraw from drugs convention over coca classification
  6. Jahresbericht 2011 des Suchtstoffkontrollrates, S. 4. (PDF; 2,0 MB)
  7. Peru stoppt Ausrottung des Kokastrauchs. In: Los Angeles Times, über encod.org
  8. Peru suspends coca eradication program. In: Los Angeles Times
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