Cogito ergo sum

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Cogito ergo sum (eigentl. lat. ego cogito, ergo sum, „Ich denke, also bin ich.“) ist der erste Grundsatz des Philosophen René Descartes, den er nach radikalen Zweifeln an der eigenen Erkenntnisfähigkeit als nicht weiter kritisierbares Fundament (lat. fundamentum inconcussum, „unerschütterliches Fundament“) in seinem Werk Meditationes de prima philosophia (1641) formuliert und methodisch begründet: „Da es ja immer noch ich bin, der zweifelt, kann ich an diesem Ich, selbst wenn es träumt oder phantasiert, selber nicht mehr zweifeln.“ Von diesem Fundament aus versucht Descartes dann, die Erkenntnisfähigkeit wieder aufzubauen.

Herkunft der Formulierung[Bearbeiten]

Descartes hatte die meisten seiner Werke in Latein verfasst, einzelne verfasste er jedoch auf Französisch, wodurch sie auch für Laien zugänglich waren. In einem davon, dem Discours de la méthode (Teil IV), schrieb Descartes 1637:

„Nun hatte ich beobachtet, daß in dem Satz: „Ich denke, also bin ich.“ (frz. „Je pense, donc je suis“) überhaupt nur dies mir die Gewißheit gibt, die Wahrheit zu sagen, daß ich klar einsehe, daß man, um zu denken, sein muß.“.[1]

Im Jahr 1641 schreibt Descartes in seinen Meditationen über die Grundlagen der Philosophie über einen möglichen bösartigen Dämon, durch den Sinne und Wahrnehmung getäuscht werden könnten: „Nun, wenn er mich auch täuscht, so ist es also unzweifelhaft, daß ich bin. Er täusche mich, so viel er kann, niemals wird er jedoch fertigbringen, daß ich nichts bin, so lange ich denke, daß ich etwas sei. Und so komme ich, nachdem ich nun alles mehr als genug hin und her erwogen habe, schließlich zu der Feststellung, daß dieser Satz: „Ich bin, ich existiere“ (lat. ego sum, ego existo), so oft ich ihn ausspreche oder in Gedanken fasse, notwendig wahr ist.“.[2]

Später (1644) fasst Descartes seine Erkenntnis in den Prinzipien der Philosophie mit der lateinischen Formulierung „ego cogito, ergo sum“ zusammen. Die Textstelle in deutscher Übersetzung:

„Indem wir so alles nur irgend Zweifelhafte zurückweisen und für falsch gelten lassen, können wir leicht annehmen, dass es keinen Gott, keinen Himmel, keinen Körper gibt; dass wir selbst weder Hände noch Füße, überhaupt keinen Körper haben; aber wir können nicht annehmen, dass wir, die wir solches denken, nichts sind; denn es ist ein Widerspruch, dass das, was denkt, in dem Zeitpunkt, wo es denkt, nicht bestehe. Deshalb ist die Erkenntnis: »Ich denke, also bin ich,« (lat.: ego cogito, ergo sum) von allen die erste und gewisseste, welche bei einem ordnungsmäßigen Philosophieren hervortritt.“[3]

Die bis heute oft zitierte Formulierung „cogito, ergo sum“ stammt aus einer Verkürzung des lat. „ego cogito, ergo sum“ aus der Principia philosophiae. Im Discours de la methode ist jedoch das berühmte französische „Je pense, donc je suis“ zu finden, welches der eben genannten lateinischen Fassung vorausging und dieselbe Bedeutung hat.

Rezeption[Bearbeiten]

Carnaps Sprachanalyse[Bearbeiten]

Rudolf Carnap unterzog diese Aussage von Descartes einer sprachlichen Analyse,[4] wonach der Satz zwei logische Fehler enthalte:

  • Der erste Fehler in Descartes Untersuchungen liegt im Schlusssatz „ich bin“. Das Verbum „sein“ ist hier zweifellos im Sinne der Existenz gemeint, denn eine Kopula kann ohne Prädikat nicht gebraucht werden. Das „ich bin“ des Descartes ist ja auch stets in diesem Sinne verstanden worden. Dann verstößt aber dieser Satz gegen Kants These, dass Existenz nur in Bezug auf ein Prädikat, nicht in Bezug auf einen Nominator (Subjekt, Eigennamen) ausgesagt werden kann; denn „Sein ist offenbar kein reales Prädikat“ (Kritik der reinen Vernunft, B 626).
  • Der zweite Fehler liegt in dem Übergang von „ich denke“ zu „ich existiere“. Soll aus dem Satz „P(a)“ („dem a kommt die Eigenschaft P zu“) ein Existenzsatz abgeleitet werden, so kann dieser die Existenz nur in Bezug auf das Prädikat P, nicht in Bezug auf das Subjekt a der Prämisse aussagen. Aus „ich bin ein Europäer“ folgt nicht „ich existiere“, sondern „es existiert ein Europäer“. Aus „ich denke“ folgt nicht „ich bin“, sondern „es gibt etwas Denkendes“.

Andere Interpretationsansätze[Bearbeiten]

Laut Jaakko Hintikka ist das „Cogito ergo sum“ kein logischer Schluss, sondern die Vermeidung eines performativen Widerspruchs. Das heißt, wenn ich versuche meine Nichtexistenz anzunehmen, muss ich unweigerlich meine Existenz anerkennen. Aber auch diese Ansicht ist bereits kritisiert worden und ist problematisch.

Eine formallogische Analyse dieses Ausspruchs von Descartes, wie sie beispielsweise Rudolf Carnap vornahm, führt insofern auf Abwege, als das Wort Existenz als „sein“ im Sinne einer relativen Substanz-Akzidenz-Beziehung verstanden wird. Existenz wird also „sein/ist/bin/sind/etc.“ gleichgesetzt, was sich im Laufe der Jahrhunderte so eingebürgert hat, und auch heute noch vorwiegend so verwendet wird. Dass dies jedoch im Falle Descartes' zu Ungereimtheiten führt, zeigt ein Beispiel: Worin besteht der Unterschied, ob jemand sagt „ich existiere“ oder er sagt „ich bin existent“?

Sonstiges[Bearbeiten]

Vor Descartes hatte bereits Augustinus in seinem Gottesstaat (XI, 26) mit der unmittelbaren Selbstgegebenheit des Denkenden argumentiert:[5]Si enim fallor, sum. Nam qui non est, utique nec falli potest. Ac per hoc sum, si fallor. Quia ergo sum, si fallor, quomodo esse me fallor, quando certum est me esse, si fallor?“ („Selbst wenn ich mich täusche, bin ich. Denn wer nicht ist, kann sich auch nicht täuschen. Und demnach bin ich, wenn ich mich täusche. Weil ich also bin, wenn ich mich täusche, wie sollte ich mich über mein Sein täuschen, da es doch gewiss ist, dass ich bin, gerade wenn ich mich täusche?“)

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. René Descartes, Philosophische Schriften in einem Band, Felix Meiner Verlag Hamburg, 1996 (franz. und dt. Text parallel) "Discours de la methode", Teil 4, Abschnitt 3, S. 55.
  2. René Descartes, Philosophische Schriften in einem Band, Felix Meiner Verlag Hamburg, 1996 (lat. und dt. Text parallel) 2. Meditation, Absatz 3, S. 45.
  3. "Die Prinzipien der Philosophie", Elzevier Verlag Amsterdam 1644, Kap. 1. Über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis, Absatz 7.
  4. Rudolf Carnap, Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache, in: Erkenntnis, 2. Band, 1931, S. 233f
  5. Vgl. Christoph Horn:Welche Bedeutung hat das Augustinische Cogito? In: Ders. (Hg.): Augustinus. De civitate dei. Berlin: Akademie-Verlag, 1997. (Klassiker Auslegen, Bd. 11.), S. 109-130.

Literatur[Bearbeiten]

  • René Descartes: Philosophische Schriften. In einem Band. Mit einer Einführung von Rainer Specht. Felix Meiner Verlag, Hamburg 1996, ISBN 3-7873-1291-9 (lat. oder franz. Originalsprache und dt. Text parallel - enthält nicht „Die Prinzipien der Philosophie“).
  • René Descartes: Die Prinzipien der Philosophie. Lateinisch–Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Christian Wohlers. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2005, ISBN 3-7873-1697-3 (Philosophische Bibliothek 566) (Nachdruck: ebenda 2007, ISBN 978-3-7873-1853-7).

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: cogito ergo sum – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikisource: Discours de la méthode – Quellen und Volltexte (französisch)
 Wikisource: Meditationes de prima philosophia – Quellen und Volltexte (Latein)
 Wikisource: Principia philosophiae – Quellen und Volltexte (Latein)